Iran: Niemand mag George W.

6. July 2006 - 10:42

In den Karikaturen der Teheraner Tageszeitungen sieht er meist eigentlich recht drollig aus: körperlich etwas untersetzt mit einer Überfülle an silber-grauem Haar, das wie bei einem Schuljungen artig gescheitelt ist, ein schuljungen-ähnlicher, adretter Anzug und überproportional große Ohren, die neben den dick gezeichneten Augenbrauen sein Erkennungszeichen sind.

Aber niemand würde sich täuschen lassen: dieser Mann mag harmlos aussehen, aber er ist hochgefährlich. Der Zeichner der englischsprachige Iran Daily beispielsweise zeigt ihn heute freundlich lächelnd mit einer einladenden Handbewegung vor einer geöffneten Gefängnistür des Hochsicherheitslagers in Guantanamo. Überschrift: „Guantanamo-Gefangene werden nicht in Länder geschickt, die Folter tolerieren.“ Aus der geöffneten Tür quillt ein dicker Strom Blut heraus.

George W. Bush als Folterknecht, als ein Zyniker, der Menschenrechte ständig im Munde führt, um sie mit Füssen zu treten, ein raffgieriger Geselle, der die gesamte Welt, vor allem aber den Mittleren und Nahen Osten unter seine Knute zwingen will, um Bodenschätze wie Erdöl und Gas plündern zu können, ein Scheinheiliger, der das Gute predigt, um das Schlechte zu tun – das ist das Bild, das iranische Medien vom amtierenden amerikanischen Präsidenten zeichnen.

Es verwundert nicht, sind doch der Iran und die USA spätestens seit der Besetzung der amerikanischen Botschaft 1979 spinnefeind und die staatlich gelenkten Medien schreiben, was die Bürger denken sollen.

Überraschen mag vielleicht, dass die weit überwiegende Mehrheit der Iraner es ähnlich sieht.

O-TON 1

Bush zettelt überall auf der Welt Kriege an – ist Mohammad, ein Bauarbeiter, überzeugt. Er will nicht, dass sich die schwächeren Länder entwickeln und unabhängig werden. Er behauptet für die armen Leute zu sein, aber er lügt. Schauen Sie sich an, was er im Irak oder in Afghanistan getan hat. Was will er vom Iran? Er soll uns in Ruhe und unseren eigenen Weg gehen lassen.

Dabei ist weder Mohammad noch die Mehrheit der Iraner unbedingt anti-amerikanisch. Der technologische Fortschritt, der Reichtum, die Freiheiten und auch der „american way of life“ üben auch hier ihre Faszination aus. Das Problem ist, wie Mehdi, Besitzer eines kleinen Lebensmittelgeschäfts in Teheran, meint, der Mann an der Spitze.

O-TON 2

Bush ist sehr aggressive. Das ist das Problem. Seine Entscheidungen drehen sich immer darum, Leute zu töten oder gefangen zu nehmen und die Kontrolle zu übernehmen.

Auch das Regime selbst macht einen feinen Unterschied zwischen dem Mann im Weißen Haus und der amerikanischen Bevölkerung. Mit letzterer behauptet man sich verständigen zu können, obwohl die Mächtigen in Teheran nicht müde werden, den verderblichen westlichen Lebensstil zu geisseln. Aber Bush? Nein, erklärte jüngst Religions- und Staatsführer Ayatollah Ali Khamene-i, es mache keinen Sinn, mit diesem Mann überhaupt zu reden.

Nun müsste der amerikanische Präsident wohl erst noch geboren werden, der in Teheran Anklang findet, aber im Vergleich zu Jimmy Carter oder Bill Clinton ist Bush der Allerschlimmste. Er erklärte den Iran zum Mitglied der Achse des Bösen, stationierte seine Truppen in den Nachbarländern Afghanistan und Irak und propagiert offen den Regimewechsel in Teheran.

Wenn auch der jüngste Versuch, eine diplomatische Lösung für den Konflikt um das Atomprogramm zu finden, scheitern sollte (und danach sieht alles aus), dann dürfte ein Grund aus der Perspektive des Irans George W. Bush sein. Ihm traut man einfach nicht über den Weg.

Im Weißen Haus sollte man deshalb heute keine Geburtstagsglückwünsche aus Teheran erwarten. Vor zwei Monaten hatte Ahmadinejad Bush einen langen Brief geschrieben, in dem er ihn zur Läuterung aufforderte. Der US Präsident hat nicht einmal geantwortet. Ein hoffnungsloser Fall.

Auch in der iranischen Bevölkerung gibt es wenige, die Bush zum Sechzigsten alles Gute wünschen werden.

O-TON 3

[Original]

Bush sei kein Mensch. Für ihn habe er keine guten Wünsche, sagt Mohammad, der Bauarbeiter, und wendet sich voller Abscheu ab.