Osnabrück in Teheran II

ATMO 1

Pressekonferenz; darüber:

Pressekonferenz am vergangenen Montag in Teheran aus Anlass der Ankunft des Osnabrücker Symphonieorchesters in der Stadt. Vor rund 60 iranischen und ausländischen Journalisten bemüht sich Dr. Mohammad Ahmadi, Leiter der Abteilung Musik und Poesie im Ministerium für Kultur und islamische Unterrichtung um freundliche Worte.

ATMO 1

Aufziehen; ein paar freie Worte von Ahmadi

dann weiter darüber:

Ahmadi spricht von einem „großen Tag“, der Begegnung von zwei „großen Nationen“ und der Notwendigkeit der Verständigung. Auf Farsi nennt man das Tarof - Höflichkeit, obwohl man eigentlich etwas anderes meint.

Lange Zeit sah es danach aus, als ob das Osnabrücker Orchester alles andere als im Iran willkommen wäre. Anfragen, ob denn nach der Einladung des Teheraner Symphonieorchesters im letzten Jahr nach Osnabrück ein Gegenbesuch möglich wäre, wurden entweder abschlägig beschieden oder gar nicht beantwortet. Westliche Kultur gilt als subversiv und suspekt und passt nicht in das gegenwärtige politische Konzept der Regierung Ahmadinejad, die eher die Konfrontation als den Ausgleich sucht. Erst als sich der iranische Botschafter in Berlin, das iranische Außenministerium sowie einflussreiche Personen hinter den Kulissen für das Unternehmen stark machten, gab das Ministerium widerstrebend grünes Licht.

Auch Michael Dreyer, künstlerischer Leiter des Morgenland Festivals in Osnabrück und Initiator der Reise, gab sich höflich.

ATMO 2

unter dem vorherigen Text mit vorrangehender Atmo kreuzblenden, dann bei 00:35 aufziehen zu:

Everything is working fantastic and the organisation and coordination in Tehran is really perfect and certainly better than what we managed to do last year in Osnabrück.

danach darüber weiter:

Die Organisation in Teheran sei perfekt und mit Sicherheit besser, als das was man im vergangenen Jahr in Osnabrück hätte bieten können. - Das war eine sehr freundliche Lüge, denn bis zur letzten Minute gab es Streit und Gerangel um jedes winzige Detail des Ablaufes. Die Werke, die das Osnabrücker Orchester spielen wollte, mussten zuvor genehmigt werden. Eine Komposition zu Ehren des Mystikers und Dichters Rumi wurde gestrichen, weil der iranische Komponist beim Ministerium in Ungnade gefallen war. Die iranische Seite wollte alles und jeden kontrollieren. Selbst die Pressemappen, die verteilt wurden, sollten vorher zensiert werden, was aber zurückgewiesen wurde.

Das Unternehmen bewegte sich von Anfang an auf sehr dünnem Eis. Die iranische Seite misstraute zutiefst dem ganzen Vorhaben und der kleinste Anlass hätte ausgereicht, um das Gastspiel wieder abzusagen.

Auf unserer Seite bestand die Furcht, politisch missbraucht zu werden. Das Orchester wollte nicht vor hochrangigen Funktionären des Regimes spielen, um so als Feigenblatt zu dienen.

Dreyer versuchte deshalb, den heiklen politischen Themen aus dem Wege zu gehen, um auch der iranischen Seite keinen Anlass zu geben, das Gastspiel zur politischen Propaganda zu missbrauchen.

O-TON 1

Natürlich gibt es, wie Sie wissen, viele Diskussionen über die Leugnung des Holocaust durch den iranischen Präsidenten. Ich möchte an dieser Stelle darauf nicht eingehen, sondern lieber über die Konzerte reden. Natürlich gibt es in Deutschland besonders über dieses Thema sehr viele Diskussionen. Sie müssen wissen, dass man in Deutschland wegen dieser schrecklichen Periode seiner Geschichte sehr sensibel ist, aber ich möchte nicht über die Holocaust Diskussion oder ähnliches hier reden.

Dreyers Absicht war es, den Panzer, mit dem das iranische Regime seine eigene Bevölkerung von jeglicher westlicher Kultur zu isolieren versucht, zu durchbrechen, und Kontakte zu knüpfen, mit denen vielleicht in Zukunft weitere Begegnung möglich sind.

ATMO 3

Beethoven; langsam unter dem folgenden Text einblenden.

Beim ersten der beiden Konzerte erwies sich diese Strategie erfolgreich.

ATMO 3

Kurz stehen lassen; dann weiter darunter:

Das Publikum in der Talar-e Vahdat, dem größten Konzertsaal in Teheran, begrüßte das Orchester mit warmen Applaus und klatschte und jubelte nach jedem einzelnen Satz. Wer eine der heiß begehrten Karten ergattern konnte, war dankbar für diesen Abend.

O-TON 2

Für mich war es das erste Mal, dass ich überhaupt ein Konzert eines ausländischen Orchesters besuchen konnte.

Auch die Musiker waren mehr als zufrieden.

O-TON 3

Ein ganz tolles Publikum. Sie sind mitgegangen, ließen sich begeistern. Was will man mehr?

Das zweite Konzert fiel etwas ernüchternder aus. Diesmal waren alle Zuschauer vom Ministerium für Kultur eingeladen worden. Ein Drittel war nicht erschienen und diejenigen, die gekommen waren, benötigten ein wenig Anlauf, um Gefallen an Beethoven, Elgar und Brahms zu finden.

Nicht alles, was die Musiker im Iran erlebten, war positiv. Ständig versuchten Aufpasser des Kulturministeriums sie zu drangsalieren. In Gesprächen mit Iranern, so hat der Cellist Stephan Wertin erfahren, wurde ein Stück des schwierigen Alltags der Menschen in diesem Land erkennbar.

O-TON 4

Vor allen hat mich sehr auch bedrückt, wie nicht nur reglementiert alles ist, sondern wie die Menschen vorsichtig sind, ja genau aufpassen müssen, was sie dürfen und was nicht.

Trotz allem, so zog der Dirigent Hermann Bäumer zum Schluss die Bilanz dieser Reise, habe sich das Unternehmen gelohnt. Die Befürchtung, das Gastspiel habe eher dem Regime genutzt, hat sich aus seiner Sicht nicht erfüllt.

O-TON 5

Ich glaube nicht, dass diese Reise dem Regime gedient hat, weil wir haben Musik gespielt, die aus einer anderen Kultur kommt. Wir haben jede Möglichkeit, auch wenn es nicht übermäßig viele waren, mit den Menschen hier zu finden. Ich glaube auch, dass das Konzert und die Atmosphäre in dem Konzert gezeigt, dass ein unglaubliches Interesse an dieser Kultur ist, aber vor allem an diesem Austausch.

Auch der Initiator Michael Dreyer glaubt, dass sich all die Mühen gelohnt haben. Die Tür hat sich ein Spalt breit geöffnet und dies möchte er in Zukunft nutzen.

O-TON 6

Ich hoffe, dass es der Anfang ist, dass wir darauf aufbauen können und weiter solche Projekte machen. Wir haben viele Probleme. Auf jeden Fall. Immerhin hat es stattgefunden und ich hoffe, dass wir doch weiter solche Projekte machen können.

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