Holocaust im iranischen TV

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(Eröffnungsmusik)

Musikalisch ein wenig schwermütig eröffnet Madar-e Sefr Daraje, was sich auf Deutsch etwa mit „Breite: Null Grad“ übersetzen lässt.

In immer mehr iranischen Wohnzimmern ist diese Melodie Montagsabends zu hören, denn die 30teilige Serie hat sich zu einem Publikumshit entwickelt. Das iranische Staatsfernsehen, das einzige offizielle Fernsehen im Lande, gibt zwar keine Einschaltquoten bekannt, aber es fällt leicht zu glauben, dass die Show zu den erfolgreichsten gehört, die jemals ausgestrahlt wurde.

Die Serie hat alle Zutaten, die einen Erfolg garantieren – und einige Überraschungen dazu.

Im Kern ist Madar-e Sefr Daraje eine ebenso verwickelte wie verschachtelte Liebesgeschichte, die zeitlich zu einem großen Teil in dem von den Nationalsozialisten besetzten Frankreich stattfindet. Der junge Iraner Habib Parsa kommt Anfang der 40er Jahre nach Paris, um Philosophie zu studieren, findet eine Anstellung bei der iranischen Botschaft und verliebt sich in die Jüdin Sara Stroke. Die beiden werden getrennt und finden sich später in Teheran wieder. Sara hat inzwischen einen anderen Mann geheiratet, den sie aber unter dramatischen Umständen getötet hat. Die große Frage, die sich nach der 22. Folge, die in dieser Woche lief, stellt, werden die beiden noch einmal zusammen kommen können?

Diese Konstellation garantiert viel opulent in Szene gesetztes Herz und Schmerz, Tränen und Melodramatik – was immer nach dem Geschmack des iranischen Publikums ist.

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(Szene TV)

So weit übliche TV-Kost, aber es gibt auch einiges, was Iraner ansonsten nicht in ihren Fernsehern sehen. So treten die iranischen Schauspielerinnen in den Frankreich Szenen ohne das obligatorische Kopftuch auf. Es wird Alkohol getrunken und außereheliche Liebschaften finden statt.

Bedeutender aber noch ist, dass mit einigem Realismus die damals in Frankreich stattfindende Judenverfolgung und der Holocaust gezeigt werden. Der Held der Serie ist von dem Schicksal der Juden so berührt, dass er seine Position in der Botschaft dazu nutzt, Pässe zu fälschen, um den Verfolgten die Flucht zu ermöglichen. Auch Sara, seine Geliebte, wird als Sympathieträgerin gezeigt, durch die sich indirekt der Schrecken des Holocaust wiederspiegelt.

Derartiges war bislang im Iran nicht im Fernsehen zu sehen. Die Kenntnisse über den Holocaust sind äußerst gering und entsprechend gleichgültig steht man den Opfern gegenüber. Präsident Ahmadinejad konnte sogar ohne viel Widerspruch behaupten, es sei zweifelhaft, ob der Holocaust überhaupt stattgefunden habe.

Die Serie verfehlt aber nicht ihre Wirkung.

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Es war das erste Mal, dass mir klar geworden ist, was Holocaust überhaupt bedeutet – sagt diese Zuschauerin. Für mich war das alles mehr jüdische Propaganda, aber man konnte sehen, dass es da um Menschen ging, die nur wegen ihres Glaubens umgebracht wurden. Wie konnte so etwas überhaupt passieren?

Die Serie leistet also Aufklärungsarbeit gegen die offiziellen Äußerungen des Präsidenten, was im regierungskontrollierten iranischen TV ungewöhnlich genug ist.

Es gibt aber noch eine andere Seite. Ganz konform mit der Haltung des Regimes wird zwischen „guten“ und „bösen“ Juden unterschieden. Letztere sind die „Zionisten“, die mit allen Mitteln ihr Ziel – einen eigenen Staat in Palästina – zu verwirklichen versuchen. Dazu sind sie sogar bereit, wie die Serie zeigt, mit dem Nazi-Regime zusammen zu arbeiten.

Ein zweiter Handlungsstrang neben der Liebesgeschichte ist die Aufklärung dieses Komplottes, wobei die „Zionisten“ auch im Iran keine Gemeinheit inklusive Mord auslassen.

In seiner Propaganda hat das islamische Regime schon immer zwischen den Juden und den Zionisten unterschieden. Mit den Juden habe man keine Probleme. Im Iran leben sie sogar weitgehend unbehelligt und nahezu gleichberechtigt. Aber wer den Staat Israel unterstützt oder mit ihm kooperiert wird als Zionist und damit als Verschwörer gegen den Islam dargestellt und verfolgt.

So finden sich auch in der rechtskonservativen Presse in Teheran lobende Worte über die Serie, die vor allem Gefallen daran findet, wie die „zionistischen Machenschaften“ entlarvt werden.

Das Publikum sieht das nicht unbedingt so politisch.

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Es gibt überall gute und schlechte Menschen. Auch bei uns im Iran. Deshalb sollte man nicht alle Juden über einen Kamm scheren. Nachdem ich die Serie verfolge habe ich große Sympathien für das Schicksal, das sie durchgemacht haben.

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