Iran: Trotzdem - die unbekannten Helden

ATMO 01

(klingelndes Mobile)

Wenn man mit Asieh Amini zusammen sitzt, kann es passieren, dass ganz unvermittelt das Handy aufleuchtet und es einmal klingelt. Beantwortet sie den Anruf, dann ist nur ein Rufzeichen zu hören.

Asieh zuckt mit den Schultern. Sie weiß, dass sich die Sicherheitsdienste des Irans für sie interessieren und die Herren dort können ein Telefon aus ihrer Abhörzentrale so aktivieren, dass es als Mikrophon funktioniert, mit dem man Gespräche in einem Raum abhören kann.

Es gehört zum Alltag einer Menschenrechtsaktivistin im Iran, überwacht und abgehört zu werden, und es macht der 35jährigen Angst.

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(Original Farsi)

“Auch jetzt, wenn ich mit Ihnen rede, habe ich Angst“, gesteht Asieh ein. Es ist im Iran nicht ohne Risiko, mit einem ausländischen Journalisten über Menschenrechte zu reden.

Sie selbst hat ebenfalls früher als Journalistin gearbeitet und ist so in die Menschenrechtsarbeit hinein gerutscht.

O-TON 2

Es war im Jahr 2003 als ich von einem 16jährigen Mädchen hörte, das erhängt werden sollte. Ich schlug in meiner Zeitung vor, etwas über dieses Mädchen zu veröffentlichen, aber meine Kollegen fanden das Thema zu riskant. Ich bin aber dann dennoch nach Neka, dem Dorf, in dem sie lebte, gefahren. Ich hatte nicht mehr als ihren Namen und habe überall herumgefragt, bis ich schließlich ihre Familie gefunden habe. Sie kam aus sehr ärmlichen Verhältnissen. Ihr Vater war drogenabhängig. Ihr wurde vorgeworfen, eine Prostituierte zu sein und der Richter behauptete, sie sei 22 Jahre alt sein. Ich hatte aber ihren Personalausweis gefunden und sie war nur 16 Jahre alt.

Asieh schrieb über den Fall einen Artikel, aber ihre Zeitung und auch keine andere wollte ihn veröffentlichen. Sie gab aber dennoch nicht auf, sondern suchte für das Mädchen einen Anwalt und versuchte sich, um die Familie zu kümmern. Die Hinrichtung konnte sie nicht verhindern.

Asieh bekam Schwierigkeiten in ihrer Zeitung, wo man Angst hatte, ihre Artikel seien zu kritisch und würden alle in Schwierigkeiten bringen. Da die praktische Menschenrechtsarbeit zudem mehr und mehr ihrer Zeit in Anspruch nahm, kündigte sie schließlich, um sich voll und ganz ihren Fällen widmen zu können.

Eine ihrer wichtigsten Arbeiten war die Aufdeckung einer Steinigung in Mashad, Irans zweitgrößter stadt an der Grenze. Die Regierung hatte offiziell erklärt, Steinigungen würden nicht mehr vollstreckt – heimlich fanden sie aber dennoch statt.


O-TON 3

Als ich nach Mashad fuhr, hatte ich richtig Angst. Ich dachte, ich stecke meine Hand in einen Bienenstock, denn die iranische Regierung hatte international das Versprechen abgegeben, nicht mehr steinigen zu lassen. Ich ging direkt zu dem Richter, der das Urteil gegen ein junges Paar verhängt hatte. Er erklärte mir, dass das Recht in einem solchen Fall, in dem ein unverheiratetes Paar sexuellen Kontakt hat, die Steinigung vorschreibt. Auch das Justizministerium, dass die Aufhebung der Steinigung angekündigt hatte, könne daran nichts ändern, denn es sei nun mal das Gesetz.

Asieh erkannte, dass es nicht ausreichte, sich nur in Einzelfällen zu engagieren, sondern dass die Gesetze geändert werden müssen. So wurde sie mehr und mehr zu einer Spezialistin in islamischem Recht, veranstaltete Seminare und Workshops und gründete mit anderen die „Kampagne gegen Steinigung“, die diese barbarische Strafe zu stoppen versucht.

Dieses Engagement blieb für Asieh nicht ohne persönliche Konsequenzen. Das Regime vermutet in jedem, der sich für Menschenrechte einsetzt, einen Agenten des Westens, der den islamischen Staat zu unterwandern versucht, und reagiert mit aller Härte.

O-TON 4

Ich war im Gefängnis, weil man mir die Gefährdung der nationalen Sicherheit vorwarf. Ich bin auf der Strasse mehrfach geschlagen worden. Wenn ich mit meiner neunjährigen Tochter zu Hause sitze, habe ich ständig Angst, verhaftet zu werden. Ich habe Angst, dass ich nicht zurück kommen werde, wenn ich das Haus verlasse. Vor drei Wochen ging ich zu einer Freundin, die gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. An der Tür wurde meine Tochter von einem Polizisten in Zivil ergriffen und mir gedroht, sie würde ins Gefängnis gebracht. Meine Wohnung wird ständig überwacht und wir können nicht einmal eine Familienfeier veranstalten.

Trotz all der Angst und all der Schikanen – aufhören will Asieh nicht.

O-TON 5

Vielleicht liegt es daran, dass ich eine Arbeit, die ich anfange, auch immer zu Ende führe. Wir Frauen im Iran befinden uns in einem Strudel, der uns immer weiter nach unten zieht. Ich kenne nun die Justiz. Ich weiß, was mir blühen kann. Wenn man mich einsperrt, dann werde ich eben gemeinsam mit den anderen untergehen.

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