Iran: Jugend in der Provinz

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[Audio Zahedan]

Von Teheran aus gesehen ist Zahedan so ziemlich das Ende der Welt. Das rund 100.000 Einwohner zählende Städt liegt nahe an den Grenzen zu Afghanistan und Pakistan im Südosten des Irans. Es ist bekannt als Durchgangsstation für afghanisches Heroin und Opium auf dem Weg nach Europa. Ansonsten ähnelt es vielen anderen Orten in der Provinz: ein kleiner Basar, eine Handvoll Moscheen, Teestuben und kleine Restaurants, die unter Neonlampen Kebab servieren. Ansonsten viel Staub, die überwiegende Mehrheit der Frauen trägt den traditionellen schwarzen Tschador, arbeitslose Männer mit Dreitagebärten hocken im Schatten am Straßenrand und stieren ins Nichts.

Außer der Wüste, die die Stadt umgibt, hat der Ort nicht viel zu bieten. Vor allem für junge Leute  wie Mahnaz, die von einer Karriere als Schauspielerin träumt, ist hier der Hund begraben.

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Wenn ich mal ein, zwei Tage frei habe, versuche ich etwas zu unternehmen, aber es gibt hier keine Unterhaltung. Es gibt nicht einmal ein Kino. Wenn jemand hier auch nur einen Tag verbringen will, wird er sich zu Tode langweilen, weil er den ganzen Tag zu Hause verbringen muss.

Die strengen Sittenvorstellungen dieser sehr traditionellen Gesellschaft machen vor allem den jungen Frauen das Leben noch zusätzlich schwer. Sie dürfen ohne Begleitung eines männlichen Familienmitgliedes das Haus selten verlassen. Jeder unbeaufsichtigte Kontakt zum anderen Geschlecht ist streng verpönt.

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Die Möglichkeiten für Frauen sind sehr, sehr begrenzt.

Die Arbeitslosigkeit in Zahedan ist schon seit Menschengedenken sehr hoch. Die alten Erwerbszweige wie Schafzucht sind unrentabel geworden, neue Arbeitsplätze gibt es nicht. Die Regierung im fernen Teheran unternimmt wenig, um die Situation zu ändern. Zur Langeweile gesellt sich so Hoffnungslosigkeit.

Viele, so weiß Shahnaz, greifen deshalb zu Drogen, um die Trübsal zu vergessen.

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Jeder junge Mensch hat Bedürfnisse, aber wenn er diese Bedürfnisse in der Enge seiner Familie nicht ausleben kann und wenn es soziale Probleme gibt, dann ist der Weg zu den Drogen nicht mehr weit.

Shahnaz zählt zu den wenigen Frauen in der Region, die sich auch ausserhalb von Küche und Moschee behaupten konnte. Sie arbeitet in einer Beratungsstelle für Drogenabhängige in Zahedan. Das Büro liegt in einer Gegend der Stadt, wohin kein Taxifahrer bereit ist zu fahren. Die kleinen Lehmhäuser sind nicht in der besten Verfassung. Bis auf kleine Gruppen von männlichen Jugendlichen ist niemand an diesem Nachmittag auf der Strasse zu sehen.

Einer von ihnen ist Mohammed, ein magerer Bursche mit einem gelben T-Shirt, ausgetretenen Turnschuhen und einer billigen Kette mit einem Playboy-Bunny um den Hals.

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Ich lebe in dieser Gegend. Ich sehe, wie meine Freunde und auch andere, die keine Arbeit haben, Drogen verkaufen. Einige von ihnen werden auch selbst abhängig. Es gibt halt nichts, was man hier sonst machen kann und Arbeit gibt es auch keine.

Die Drogen kommen über die Grenze aus Afghanistan und sind in Zahedan noch billiger als in Teheran, wo eine Tüte Heroin kaum mehr als ein Glass Cola kostet. Shahnaz erzählt später von Mohammed, er selbst sei bei ihr zur Beratung gewesen. Als er einen Job als Aushilfsfahrer bekam, hat er die Drogen eine Zeitlang an den Nagel gehängt, aber nachdem er als Fahrer nicht mehr gebraucht wurde, ist er wieder zurück auf der Strasse.

Gäbe es mehr Arbeitsplätze, liesse sich auch das Drogenproblem leichter lösen, meint Shahnaz.

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Wenn man mit diesen drogenabhängigen jungen Leuten redet, sagt eigentlich jeder, ich würde sofort aufhören, wenn es eine Arbeit geben würde, die ich tun kann.

Die Regierung in Teheran unternimmt wenig, um die Situation zu ändern. Es gibt keine Programme, um diese strukturschwache Region zu entwickeln, und das wenige Geld, das aus der Hauptstadt kommt, versickert meist irgendwo auf dem Wege.

Maryam, die gerne Schauspielerin wäre, erinnert sich, dass das einmal anders war.

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Nach dem Wahlsieg der Reformer gab es plötzlich mehr Freiheiten. Damals gab es ein Kino und Zeitungen und eine viel offenere Atmosphäre. Es gab auch eine Menge kulturelle Aktivitäten und wir alle waren eigentlich voller Hoffnungen, dass die Dinge besser werden. Aber der Wahlsieg von Ahmadinejad war wie ein Herzanfall. Alles brach zusammen und unsere Träume wurden vom Wind verweht. Ich habe alle Hoffnung verloren, dass es noch einmal besser wird.

Sie würde gern den Iran verlassen, aber sie hat keine qualifizierte Ausbildung, um ein Visum für die USA oder ein europäisches Land zu bekommen. So hat sie sich für die zweitbeste Lösung entschieden. In gut zwei Monaten zieht sie nach Teheran, dem Zentrum der iranischen Filmindustrie. Sie hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sie in der großen Stadt vielleicht doch noch ihren Traum erfüllen kann.

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