Studieren in Qom

Die Religionsschule ist von dem lärmenden Straßenverkehr der Großstadt Qom durch eine hohe Mauer abgetrennt. Dahinter bietet sich ein Bild aus längst vergangen geglaubten Zeiten.

In einem kleinen Garten spazieren Männer unterschiedlichen Alters, schwatzen miteinander oder lesen im Schatten der Bäume. Fast alle tragen bodenlange Gewänder aus dichtem Tuch. Darüber den weit fallenden transparenten Umhang eines Geistlichen und einen Turban in Weiß oder Schwarz.

Vor den mit Mosaiken verzierten Gebäuden, die den Innenhof säumen, stehen neben den Türen ausgetretene Schuhe. Im Inneren sitzen die Studenten auf dem Boden, diskutieren miteinander und machen sich Notizen. In einer größeren Halle findet eine schriftliche Prüfung statt. Ein hagerer Aufseher geht von Student zu Student, die ihre Unterlagen auf dem Teppich ausgebreitet haben, und passt auf, das nicht gemogelt wird.

Amir, ein stämmiger Mann, dessen Bart für einen End-Dreissiger recht spärlich spriest, hat seine Arbeit schon abgegeben und wartet auf den Treppenstufen am Eingang auf seinen Freund, der noch mit den Prüfungsfragen kämpft.

O-TON 01

Ich möchte ein Diener Gottes sein und die göttliche Offenbarung studieren. Nur wer sein Leben Gott weiht, führt auch ein Leben voller Sinn und Erfüllung.

Eine Karriere als Beamter oder in der freien Wirtschaft hat Amir nie interessiert.

O-TON 02

Ich mache mir nicht viel aus materiellen Dingen. Gott hat die Welt nicht geschaffen, damit wir Reichtümer anhäufen. Wir sind hier, um seinen Willen zu erfüllen und das bedeutet vor allem, sich für eine friedvolle und gerechte Welt einzusetzen.

Amir, der eine Frau und drei Kinder hat, studiert schon seit 14 Jahren. Der Weg zu einem Geistlichen im Rang des Ayatollah, Amirs Ziel, ist lang. In der Regel benötigt man etwa 20 Jahre, bis man sich ein „Zeichen Gottes“ (wie „Ayatollah“ wörtlich übersetzt heißt) nennen darf. Damit gilt man dann als ein Experte des Islam, der an Religionsschulen unterrichten darf.

Andere Schüler haben nicht so große Ambitionen. Abdulrashid stammt aus einem Dorf in Pakistan.

O-TON 03

Ich habe schon zuvor in Pakistan studiert, aber ich bin hier nach Qom gekommen, weil es das bedeutenste religiöse Zentrum für uns Schiiten ist. Hier sind sehr angesehene Lehrer. In Pakistan werden wir Schiiten von der Mehrheit der Sunniten unter Druck gesetzt und haben deshalb nicht so viele Möglichkeiten. Wenn ich wieder in meine Heimat zurück gehe, will ich helfen, den rechten Glauben zu verbreiten.

Abdulrashid will vier Jahre bleiben. Sein Aufenthalt wird von einer religiösen Stiftung finanziert. Insgesamt 10.000 Ausländer studieren derzeit im Qom und die iranische Führung sieht das gern. Zum einen hilft man den Glaubensbrüdern, zum anderen glaubt man dadurch auch Freunde für die eigenen politischen Vorstellungen zu gewinnen.

In einem anderen Teil der heiligen Stadt Qom sitzt die 20jährige Afshan Hakim in einer Bibliothek vor ihren Büchern. Ihre Mutter ist Griechin, ihr Vater Iraner, aber die Familie hat in Frankfurt gelebt, wo sie auch ihr Abitur gemacht hat.

O-TON 04

Ich habe mich entschieden, Islamwissenschaften im Iran zu studieren. In Frankfurt gab es eigentlich auch Möglichkeiten, aber ich wollte halt in einer islamischen Umgebung dieses Fach ausüben.

Afshan studiert an einem religiösen Seminar nur für Frauen und lebt in einem Wohnheim - ebenfalls nur für Frauen.

Sie macht nicht den Eindruck einer weltentrückten religiösen Fanatikerin. Ihre Mitschüler in Frankfurt hätten ganz schön gestaunt, als sie ihnen von ihrem Entschluss erzählte, in Qom studieren zu wollen. Sie ist Fan der deutschen Fußballnationalmannschaft und fragt man sie, ob sie in Deutschland einen Freund gehabt habe, weicht sie der Antwort aus..

In Qom trägt sie wie ihre Mitstudentinnen einen Tschador, den weit fallenden Umhang, und kein einziges Haar schaut unter ihrem Kopftuch hervor. Es sei schon eine Umstellung, gesteht sie ein, aber der Iran sei nicht so, wie man es in Deutschland glaubt.

O-TON 05

In Deutschland wird jetzt über das Atomproblem geredet wegen der Atombombe und so weiter und so fort. Aber das sind einfach Nachrichten aus Amerika. Aber wenn man selber im Iran lebt, merkt man, dass das ganz anders ist. Man soll nicht vor Iran Angst haben. Iran will nur Frieden – auf der ganzen Welt.

Drängt man Afshan mit weiteren Fragen nach der Meinungsfreiheit im Iran, der Rolle der Frauen, den Menschenrechten, dann räumt sie ein.

O-TON 06

Ich liebe dieses Land einfach, und wenn man etwas liebt, dann sieht man das alles einfach in einer rosaroten Brille.

Amir, der gern Ayatollah werden möchte, hat sein ganzes Leben im Iran verbracht und sieht die Dinge etwas nüchterner. Fragt man ihn nach dem Ansehen der Geistlichen im Iran, dann bittet er darum, das Mikrophon auszuschalten und gesteht dann unverblühmt, dass es sowohl dem Ansehen der Religion wie der Mullahs schade, dass Kleriker die politischen Geschäfte übernommen haben.

Und seine Meinung zu Präsident Ahmadinedschad? Erneut muss das Mikrophon ausgeschaltet bleiben, aber dann: „Ich akzeptiere natürlich Gottes Wille, aber nicht immer ist sein Wille einfach zu verstehen.“

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