Die Post brachte heute den jüngsten Bericht des Generaldirektors der Internationalen Atomenergiebehörde zu den Inspektionen im Iran (GOV/2006/15). Das Wesentliche:
+ Die Untersuchung zu der Herkunft von Partikeln niedrig war hoch angereicherten Urans an iranischen Zentrifugen ist noch nicht abgeschlossen.
Proben an dem Ort, an dem nach iranischen Angaben Mitte der 90er Jahre Teile der Zentrifugen zwischenlagerten, bevor sie an den Iran geliefert wurden [IAEA: „in a Member State” – ME: Dubai], blieben negativ. Dies könne möglicherweise dadurch erklärt werden, dass der Lagerraum den Besitzer gewechselt hat und eine Renovierung vorgenommen wurde und die Teile in ihren Originalverpackungen lagerten. Möglicherweise sind die Partikel aber auch auf nicht deklarierte Experimente im Iran zurückzuführen.
Bereits im Dezember 2005 hatte die IAEA Proben an Zentrifugen eines „Member State from the procurement network” [Pakistan; ME] mit den Partikeln an den iranischen Zentrifugen verglichen. Das Ergebnis scheine die iranische Darstellung zu bestätigen, dass die Verunreinigungen aus ausländischen Quellen stammten [heißt: die Zentrifugen waren schon einmal zur Anreicherung benutzt worden, bevor sie weiterverkauft wurden; ME], aber es blieben immer noch Fragen zur Herkunft einiger niedrig angereicherten sowie der hochangereicherten Partikel offen.
Derzeit warte die IAEA noch die Ergebnisse der Analysen von Proben eines anderen „Member States” ab, aber die offenen Fragen könnten nur zufriedenstellend beantwortet werden, wenn der Iran den gesamten Umfang und die Chronologie der UF6 Experimente offen lege.
+ Es ist immer noch unklar, in welchem Umfang der Iran von einem Angebot des Khan Network aus dem Jahr 1987 Gebrauch gemacht hat, die Einzelteile plus Zeichnungen, Spezifikationen, etc. für 2.000 P-2 Zentrifugen zu liefern. P-2 ist gegenüber den P-1 Zentrifugen, mit denen der Iran derzeit arbeitet, das fortgeschrittenere Modell.
Von diesem Angebot existiert bislang nicht mehr als ein handgeschriebenes Blatt Papier, von dem der Iran eine Kopie verweigert.
Nach iranischer Darstellung wurden nur Teile für ein, zwei dieser Zentrifugen von Khan gekauft. Es habe von 1987 bis Mitte der 90er Jahre keine weiteren Kontakte gegeben.
Die IAEA hat Zweifel. Die Angaben des Irans stimmten nicht mit Aussagen von Mitgliedern des Khan Network überein. Deshalb möchte Wien gern mehr über verschiedene Reisen von Mitarbeitern der iranischen Atomenergieorganisation wissen. Diese Informationen hat die iranische Seite bislang nicht geliefert, sie aber für die Zukunft zugesagt.
+ Zweifel bestehen bei der IAEA auch nach wie vor an Irans Darstellung, dass in den Jahren von 1995 bis 2002 keine Kontakte zum Khan Network bestanden und keine Teile für die P-1 oder P-2 Zentrifugen von dort gekauft wurden. Die IAEA möchte gern wissen, warum der Iran Mitte 2003 versucht hat, 900 P-2 Magneten von einer ausländischen Firma zu kaufen. Der Iran bestreit, jemals diese Magneten bestellt oder erhalten zu haben.
Hintergrund: die IAEA hegt den Verdacht, dass irgendwo im Iran ein geheimes Anreicherungsprogramm mit P-2 Zentrifugen existiert.
+ die IAEA hat auch noch eine Reihe von Fragen zu einer 15seitigen Anleitung, wie sich UF6 in Metall umwandeln lässt. Für ein solches Verfahren existiert keine sinnvolle Anwendung in einem zivilen Atomprogramm, spielt aber beim Bau eines atomaren Sprengkopfes eine Rolle.
Der Iran behauptet, dieses Dokument unaufgefordert vom Khan Network erhalten zu haben, gewährt den Inspektoren auch Einblick, verweigert aber eine Kopie.
Zitat:
“Although there is no indication about the actual use of the document, its existence in Iran is a matter of concern. … Therefore, it is essential to understand the full scope of the offer made by the network in 1987.”
+ Es existieren weiter Fragen zur Plutoniumseparierung. Die vorgenommenen Proben bestätigen nicht die iranischen Angaben zum Ablauf und Umfang dieser Experimente.
Der Iran hat Aufklärung versprochen. Die Angaben aus einem Brief vom 15. Februar werden von der IAEA noch geprüft.
+ Keine weiteren Aufschlüsse zu der Uranmine in Gchine. Die IAEA ist verwundert darüber, wie eine völlig unerfahrene Firma dort in relativ kurzer Zeit eine schlüsselfertige Mine und Uranerzmühle bauen konnte und möchte mit dem damals Verantwortlichen der iranischen Atomenergieorganisation sprechen.
+ Die Fragen zu den Experimenten zur Gewinnung von Polonium aus Bismut, die in den Jahren zwischen 1989 und 1993 durchgeführt wurden, sind nach wie vor offen. Polonium kann für zivile Zwecke aber auch zur Zündung eines nuklearen Sprengkörpers genutzt werden.
+ Das Datum der Inbetriebnahme der Anlage zur Brennstoffherstellung in Natanz, das ursprünglich auf 2007 angesetzt war, wird nach iranischen Angaben wahrscheinlich verschoben.
+ Proben auf dem Militärgelände in Parchin, wo geheime Arbeiten vermutet wurden, ergaben keine Spuren von nuklearem Material.
+ Seit 2004 verlangt die IAEA Aufschluss über die Verwendung von Dual-Use-Material und Ausrüstung, die für die Urananreicherung benutzt werden könnten, durch das militärische „physikalische Forschungszentrum” in Lavisan. Der Iran erklärt, die Gegenstände seien für eine technische Universität, wo der Chef des Forschungszentrums als Professor tätig sei, bestimmt gewesen.
Am 26. Februar fand das lang geforderte Gespräch mit diesem Professor statt, dessen Ergebnisse noch ausgewertet werden müssen.
+ Nach zwei Gesprächen über Dokumente, die der US Geheimdienst auf einem Laptop Computer, der aus dem Iran geschmuggelt sein soll, gefunden haben will, sind weiterhin Fragen offen.
Die Dokumente sollen belegen, dass der Iran parallel zur Umwandlungsanlage in Natanz eine zweite Anlage gekauft und ein geheimes Projekt zur Umwandlung von Urandioxid zu UF4 betrieben sowie Versuche mit hochexplosiven Sprengstoffen und Raketentests zum Transport eines nuklearen Sprengkopfs durchgeführt hat.
Der Iran weißt die Vorwürfe als falsch zurück. Die Dokumente seien gefälscht. Es mache kein Sinn, dass der Iran so viele Anstrengungen in die eigenen Fertigung von UF4 stecke, wenn die Technologie bereits aus dem Ausland gekauft worden wäre.
Die IAEA ist noch dabei, die Informationen aus dem Gespräch am 26. Februar auszuwerten und wartet noch auf weitere Angaben zu den Sprengstoffversuchen und Raketentests.
Obwohl die Herkunft des mysteriösen Laptops alles andere als geklärt ist, nimmt die IAEA die Vorwürfe offensichtlich ernst.
+ Der Iran hat mit dem Bau einer industriellen Anreicherungsanlage begonnen. Erste Teile seien bereits in die Anlage gebracht worden und der Start der ersten 3000 P-1 Maschinen sei für der letzte Viertel dieses Jahres geplant.
+ Seit dem September 2005 sind ungefähr 85 metrische Tonnen UF6 in der Konversionsanlage in Natanz produziert worden.
+ In Absatz 53 schließlich der entscheidende Satz, der dafür sorgen wird, dass sich der Weltsicherheitsrat des Falles Iran annehmen wird:
Although the Agency has not seen any diversion of nuclear material to nuclear weapons or other nuclear explosive devices, the Agency is not at this point in time in a position to conclude that there are no undeclared nuclear materials or activities in Iran.