Nach dreiwöchigen Verhandlungen haben sich die fünf permanenten Mitglieder des Sicherheitsrates auf den endgültigen Text einer Präsidentenerklärung zum Iran einigen können. Die Erklärung wurde gestern vom Sicherheitsrat angenommen und vom amtierenden Präsidenten verlesen.
Der Text:
The Security Council reaffirms its commitment to the Treaty on the Non-Proliferation of Nuclear Weapons and recalls the right of states party, in conformity with Articles I and II of that treaty, to develop research, production and use of nuclear energy for peaceful purposes without discrimination.
The Security Council notes with serious concern the many IAEA (International Atomic Energy Agency) reports and resolutions related to Iran’s nuclear program, reported to it by the IAEA director-general (Mohamed ElBaradei), including the February IAEA board resolution (GOV/2006/14);
The Security Council also notes with serious concern that the director general’s report of 27 February 2006 (GOV/2006/15) lists a number of outstanding issues and concerns, including topics which could have a military nuclear dimension, and that the IAEA is unable to conclude that there are no undeclared nuclear materials or activities in Iran.
The Security Council notes with serious concern Iran’s decision to resume enrichment-related activities, including research and development, and to suspend co-operation with the IAEA under the (Non-Proliferation Treaty’s) Additional Protocol.
The Security Council calls upon Iran to take the steps required by the IAEA Board of Governors, notably in the first operative paragraph of its resolution GOV/2006/14, which are essential to build confidence in the exclusively peaceful purpose of its nuclear program and to resolve outstanding questions, and underlines, in this regard, the particular importance of reestablishing full and sustained suspension of all enrichment-related and reprocessing activities, including research and development, to be verified by the IAEA.
The Security Council expresses the conviction that such suspension and full, verified Iranian compliance with the requirements set out by the IAEA Board of Governors would contribute to a diplomatic, negotiated solution that guarantees Iran’s nuclear program is for exclusively peaceful purposes, and underlines the willingness of the international community to work positively for such a solution, which will also benefit nuclear nonproliferation elsewhere;
The Security Council strongly supports the role of the IAEA Board of Governors and commends and encourages the director-general of the IAEA and its secretariat for their ongoing professional and impartial efforts to resolve outstanding issues in Iran, and underlines the necessity of the IAEA continuing its work to clarify all outstanding issues relating to Iran’s nuclear program;
The Security Council requests in 30 days a report from the director-general of the IAEA on the process of Iranian compliance with the steps required by the IAEA Board, to the IAEA Board of Governors and in parallel to the Security Council for its consideration.
Der operative Paragraph aus der IAEA Resolution vom 4. Februar dieses Jahres, auf den die Erklärung Bezug nimmt, lautet:
[The Bord of Governors] Underlines that outstanding questions can best be resolved and confidence built in the exclusively peaceful nature of Iran’s programme by Iran responding positively to the calls for confidence building measures which the Board has made on Iran, and in this context deems it necessary for Iran to:
• re-establish full and sustained suspension of all enrichment-related and reprocessing activities, including research and development, to be verified by the Agency;
• reconsider the construction of a research reactor moderated by heavy water;
• ratify promptly and implement in full the Additional Protocol;
• pending ratification, continue to act in accordance with the provisions of the Additional Protocol which Iran signed on 18 December 2003;
• implement transparency measures, as requested by the Director General, including in GOV/2005/67, which extend beyond the formal requirements of the Safeguards agreement and Additional Protocol, and include such access to individuals, documentation relating to procurement, dual use equipment, certain military-owned workshops and research and development as the Agency may request in support of its ongoing investigations;
In Kurzfassung: der Sicherheitsrat fordert den Iran auf (Erklärungen des Sicherheitsrates sind anders als Resolutionen rechtlich nicht bindend):
+ mit der IAEA umfassend zusammenzuarbeiten, um alle noch offenstehenden Fragen zu seinem Atomprogramm zu klären
+ seine sämtlichen Anreicherungsaktivitäten, inklusive Forschung und Entwicklung, unter Kontrolle der IAEA auszusetzen
+ den Bau des Schwerwasser-Reaktors in Arak zu „überdenken”
+ umgehend das IAEA Zusatzprotokoll, das den Inspektoren erweiterte Kontrollmöglichkeiten einräumt, zu ratifizieren
+ dieses Protokoll auch schon einzuhalten, während der Ratifizierungsprozess (das iranische Parlament muss zustimmen) noch läuft
+ darüber hinaus Massenahmen zur Transparenz seines Atomprogramms zu ergreifen, insbesondere den Zugang zu bestimmten Personen zu ermöglichen und eine Reihe von der IAEA angeforderte Dokumente vorzulegen.
Selbst wenn der Iran all diese Punkte erfüllen würde, wäre es damit aber nicht getan. Die Erklärung spricht von einer „diplomatischen Verhandlungslösung, die garantiert, dass Irans Nuklearprogramm ausschließlich friedlichen Absichten dient.”
Im Vergleich zu der ursprünglichen, von Frankreich und Großbritannien entworfenen Fassung, haben die USA und die Europäer gegenüber Russland und China ein paar Zugeständnisse gemacht.
+ der IAEA wird bei der Weiterverfolgung des Falles eine Schlüsselrolle eingeräumt. IAEA-Generaldirektor ElBaradei wird in 30 Tagen einen erneuten Bericht abliefern. Von Inhalt dieses Berichtes (hat der Iran seine Anreicherung eingestellt? Kooperiert Teheran mit der Untersuchung seines Atomprogramms?) wird wesentlich die weitere Gangart des Sicherheitsrates abhängen. Zudem kann auch der Gouverneursrat der IAEA, in dem die USA nicht so einen großen Einfluss wie im Sicherheitsrat haben, noch ein Wort mitreden, in dem auch er sich mit dem Bericht befasst.
Die USA hätten gern gesehen, dass allein der Sicherheitsrat das Heft in der Hand behält.
+ Statt 14 Tage wird ElBaradei eine Frist von 30 Tagen für seinen Bericht gegeben.
+ Der Hinweis, der Sicherheitsrat sei verantwortlich für Frieden und internationale Sicherheit, wurde gestrichen, weil Russland und China befürchten, dass diese Formulierung später als rechtliche Basis für Sanktionen oder militärische Maßnahmen genutzt werden könne.
Offensicht waren die USA bereit, im Interesse der Demonstration von Einheit im Sicherheitsrat Zugeständnisse zu machen.
Der US Botschafter bei der UN, John Bolton, knirschte zwar mit den Zähnen, zeigte sich aber nach Annahme der Erklärung vor der Presse optimistisch.
“We are very close today to taking the first major step in this council to deal with Iran’s nearly 20-year old clandestine nuclear weapons program. It sends an unmistakable message to Iran that its efforts to deny the obvious fact of what it is doing are not going to be sufficient.” (Reuters)
Betonung auf “the first major step”.
Was wird jetzt passieren?
+ Der Iran wird seine Anreicherungsarbeiten nicht vollständig suspendieren. Je nach Einschätzung der Bedrohungslage wird Teheran allenfalls eine temporäre Aussetzung ankündigen. Die vom Iran definierte rote Line, Anreicherung im eigenen Land, wird nicht überschritten.
+ Teheran wird sich bei den zukünftigen Inspektionen der IAEA entgegenkommend zeigen, um nicht zusätzlichen Konfliktstoff zu liefern.
+ Teheran wird seine Bereitschaft zur Einhaltung und möglichen Ratifizierung des Zusatzprotokolls erklären, dies aber an Bedingungen knüpfen.
+ Der Iran wird seine Bereitschaft zu neuen Verhandlungen über eine diplomatische Lösung anbieten.
+ Die Außenminister der permanenten fünf Sicherheitsratsmitglieder plus Deutschland werden am heutigen Donnerstag versuchen, den weiteren Kurs in Sachen Iran abzustecken. Im Mittelpunkt wird dabei zum einen stehen, was für ein Paket an Angeboten man dem Iran in weiteren Verhandlungen machen kann und ob die USA diese Verhandlungen direkt unterstützen werden. Zum anderen wird man einen Zeitrahmen für solche neuen Verhandlungen abstecken. Und schließlich wird man sich vorsichtig die ersten Gedanken machen, was passiert, wenn Teheran die Verhandlungen ablehnt oder sie zu keinem Ergebnis führen.