In der heutigen Ausgabe der WP legt der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer in einem Kommentar seine Argumente dar, warum Verhandlungen der einzige Ausweg aus der sich zuspitzenden Krise mit dem Iran sind .
Solche Plädoyers gibt es in diesen Tagen sehr häufig, aber Fischers Gedankenkette enthält ein paar neue, frische Elemente.
Fischer sieht Irans Atomprogramm im Kontext weiterreichender Pläne einer regionalen Hegemonie.
At the heart of the issue lies the Iranian regime’s aspiration to become a hegemonic Islamic and regional power and thereby position itself at eye level with the world’s most powerful nations. It is precisely this ambition that sets Iran apart from North Korea: Whereas North Korea seeks nuclear weapons capability to entrench its own isolation, Iran is aiming for regional dominance and more.
Dadurch werde der Status Quo in der Region in Frage gestellt und genau dies mache Teherans nukleare Ambitionen so gefährlich. Sollte der Iran über die Möglichkeit verfügen, eine Atombombe zu bauen, würde Israel dies als eine existentielle Bedrohungen begreifen und Europa bliebe aus moralischen wie aus strategischen Interessen keine andere Wahl, als sich auf die Seite Israels zu stellen.
Moreover, a nuclear Iran would be perceived as a threat by its other neighbors, which would probably provoke a regional arms race and fuel regional volatility further. In short, nuclear Iran would call Europe’s fundamental security into question. To believe that Europe could keep out of this conflict is a dangerous illusion.
Um diese Gefahr abzuwenden hätten Frankreich, Großbritannien und Deutschland vor zwei Jahren Verhandlungen mit dem Iran aufgenommen, die aber aus zwei Gründen gescheitert seien.
First, the European offer to open up technology and trade, including the peaceful use of nuclear technology, was disproportionate to Iran’s fundamental fear of regime change on the one hand and its regional hegemonic aspirations and quest for global prestige on the other.
Sprich: Europa hat nicht oder konnte nicht genug bieten.
Second, the disastrous U.S.-led war in Iraq has caused Iran’s leaders to conclude that the leading Western power has been weakened to the point that it is dependent on Iran’s goodwill and that high oil prices have made the West all the more wary of a serious confrontation.
… was zumindest – soweit es die Europäer betrifft – solch eine falsche Einschätzung nicht war.
Fischer glaubt aber, dass Teheran auf gefährliche Weise die Bedeutung unterschätze, die diese Frage in Washington besitze.
Iran’s leaders underestimate the explosive nature of this issue for the United States as a global power and thus for its own future.
Sprich: die USA meinen es ernst, dass sie einen atomar bewaffneten Iran nicht dulden werden.
Was also tun?
Die „militärische Option” hält Fischer aus den bekannten Gründen für keine gute Idee. Bleiben Verhandlungen.
There remains a serious chance for a diplomatic solution if the United States, in cooperation with the Europeans and with the support of the U.N. Security Council and the non-aligned states of the Group of 77, offers Iran a “grand bargain.” In exchange for long-term suspension of uranium enrichment, Iran and other states would gain access to research and technology within an internationally defined framework and under comprehensive supervision by the International Atomic Energy Agency. Full normalization of political and economic relations would follow, including binding security guarantees upon agreement of a regional security design.
Langsam!
- Der Iran soll seine Urananreicherung auf lange Sicht aussetzen.
- Im Gegenzug soll der Iran gemeinsam mit anderen Staaten Zugang zu nuklearer Forschung und Technologie innerhalb eines „international definierten Rahmens unter umfassender Kontrolle durch die IAEA” erhalten. Wir können nur rätseln, was mit dem „international definierten Rahmen” gemeint sein kann. Der Vorschlag einer russisch-iranischen Anreicherungsanlage auf russischem Boden? Der iranische Vorschlag einer Anreicherung im Iran unter internationaler Beteiligung oder eine dritte Lösung?
- Die volle Normalisierung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen
- wozu auch „bindende Sicherheitsgarantien” nach einer Vereinbarung über einen regionalen Sicherheitsentwurf gehören sollen. Die Sicherheitsgarantien sind recht einfach als ein Verzicht der USA auf einen Regimewechsel zu entschlüsseln. Bei dem Sicherheitsentwurf wird es schon schwieriger, aber aus dem Kontext leitet sich ab, dass damit eine Anerkennung Israels durch den Iran gemeint sein dürfte.
Fischer begreift solch eine Verhandlung als Ultimatum.
Should no agreement be reached, the West would do everything in its power to isolate Iran economically, financially, technologically and diplomatically, with the full support of the international community. Iran’s alternatives should be no less than recognition and security or total isolation.
Gleichzeitig ist sich Fischer sicher, dass auch Russland und China mitziehen würden, sollte sich Teheran einem solchen Angebot verweigern.
Voraussetzung für eine ernsthafte Drohung wäre allerdings, dass der Westen auch bereit wäre, die Konsequenzen einer kompletten Isolierung des Irans zu tragen. Beispielsweise einen sprunghaften Anstieg der Rohöl- und Gaspreise.
Presenting Iran with these alternatives presupposes that the West does not fear rising oil and gas prices. Indeed, the two other options — Iran’s emergence as a nuclear power or the use of military force to prevent this — would, in addition to all the other horrible consequences, increase oil and gas prices.
Zweifel sind angebracht, ob Fischer solch eine Bereitschaft auch an den Tag legen würde, wenn er noch im Amt wäre und Wahlen vor der Tür ständen. Ganz neu wird auch für ihn der Gedanke nicht sein, aber während seiner Amtszeit hat er ihn nie öffentlich ausgesprochen. Die gegenwärtige Bundesregierung wie andere demokratisch gewählte Regierungen des Westens dürften unter einer ähnlichen Befangenheit leiden.
Um solch eine Politik umzusetzen, ist es nach Meinung des ehemaligen Außenministers notwendig, dass die USA eine Führungsrolle einnehmen.
It is not enough for the Europeans to act while the Americans continue to look on as the diplomatic initiatives unfold, partaking in discussion only behind the scenes and ultimately letting the Europeans do what they will. The Bush administration must lead the Western initiative in harmonized, direct negotiations with Iran, and, if these negotiations succeed, the United States must also be willing to agree to appropriate guarantees. In this confrontation, international credibility and legitimacy will be the deciding factors, and ensuring them will require farsighted and cool, calculated American leadership.
Im letzten Satz steckt wohl auch der Haken dieses Gedankenganges. Fischer verlangt eine völlige Umorientierung der amerikanischen Politik. Dies ist derzeit wohl mehr eine Hoffnung als eine realistische Erwartung.