Warten auf Teheran XXV

30. June 2006 - 02:26

Die Außenminister der G8-Staaten erwarten vom Iran eine „klare und substantielle” Antwort auf das jüngste Verhandlungsangebot, berichtet Helene Cooper heute in der NYT von dem Treffen in Moskau, das den Gipfel der Regierungschefs am 15. Juli in St. Petersburg vorbereiten soll.

Diplomats from the world’s richest countries said Thursday that they expected to receive a “clear and substantive” response from Iran by next Wednesday to the package of incentives offered by major powers in exchange for suspending its activities relating to enrichment of uranium.

Dies ist das erste Mal, dass dem Iran eine klare Deadline gesetzt wird. Mit am Tisch saß auch der russische Außenminister Lawrow, der offensichtlich gegen eine solche Frist keinen Einspruch erhoben hat.

Der kommende Mittwoch wäre der 5. Juli. Für diesen Tag ist ein Treffen des iranischen Chefunterhändlers Ali Larijani mit dem EU Außenbeauftragten Javier Solana geplant.

Danach wollen sich die Außenminister der sechs Staaten, die den Verhandlungsvorschlag unterstützen (die fünf Veto-Staaten des UN Sicherheitsrates plus Deutschland) treffen, um die iranische Antwort auszuwerten.

Guter Plan. Das Problem ist nur, dass der Iran nicht mitspielen wird. Teheran hat erklärt, dass es Mitte August einen Gegenvorschlag präsentieren und vorab keine verbindliche Antwort abgeben werde.

Warten auf Teheran XXIV

28. June 2006 - 10:18

Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamene-i, der Mann, der im iranischen Machtapparat das letzte Wort hat, sorgte gestern für einige Klarstellung, unter welchen Voraussetzungen der Iran zu Verhandlungen bereit ist.

He said Iran was willing to hold talks on its own terms, warning that the West can misuse the negotiating process to bar Tehran from what it considers its right to pursue enrichment.

“We do not negotiate with anybody on achieving and exploiting nuclear technology,” Khamenei said. “But if they recognize our nuclear rights, we are ready to negotiate about controls, supervisions and international guarantees.” (AP via WP)

Übersetzt: für den Iran steht die Aussetzung der Anreicherung nicht zur Disposition. Wenn ihm dieses Recht zugestanden wird, dann ist Teheran bereit über eine umfassende internationale Kontrolle seines Atomprogramms zu verhandeln.

Diese Position ist nicht neu, sondern entspricht der iranischen Linie seit rund zwei Jahren.

Offen bleibt noch die kleine aber feine Frage, mit wie viel Anreicherung sich der Iran zufrieden geben würde. Reicht der Weiterbetrieb der bereits existierenden Anlage in der Pilotanlage in Natanz mit 164 Zentrifugen? Muss es der Ausbau auf die geplanten 3.000 Zentrifugen oder gar mehr sein?

Bei der selben Gelegenheit äußerte sich Khamene-i auch zu möglichen direkten Gesprächen mit den USA.

“Negotiations with the United States would have no benefit for us, and we do not need them.”

Dazu gibt es zwei Lesarten:

  1. Khamene-i will die Konservativen im Lande beruhigen, die hinter jedem Kontakt mit Washington einen Ausverkauf der eigenen Interessen wittern
  2. Der Revolutionsführer hält den neuen Verhandlungsvorschlag nicht für eine ausreichende Basis, auf der sich eine Neugestaltung der Beziehungen zu den USA diskutieren ließe. Er will klarere Hinweise, dass Washington bereit ist, seine Politik des Regimewechsels durch eine Politik der friedlichen Koexistenz zu ersetzen.

Ich neige der zweiten Variante zu.

Larijani: Iran will Sicherheitsgarantien

24. June 2006 - 09:40

In einem sehr lesenswerten Interview, das heute im britischen Guardian zusammengefasst wird, macht der iranische Chefunterhändler in der Atomfrage, Ali Larijani, sehr deutlich, dass Sicherheitsgarantien der USA für Teheran ein wesentlicher Bestandteil einer diplomatischen Lösung der gegenwärtigen Kontroverse darstellen.

Nach wie vor glaubt Larijani, dass ein Regimewechsel im Iran das Ziel der amerikanischen Politik ist.

The US is determined to topple Iran’s Islamic government whether or not the crisis over the country’s nuclear activities is resolved, Iran’s chief nuclear negotiator, Ali Larijani, said yesterday.

US enmity towards Iran was entrenched, Mr Larijani told the Guardian. “The nuclear issue is just a pretext. If it was not the nuclear matter, they would have come up with something else.”

Erst wenn die USA bereit sein, diese Politik aufzugeben und normale Beziehungen zum Iran pflegten, stehe der Weg zu direkten Gesprächen, wie er sie beispielsweise derzeit telefonisch regelmäßig mit dem EU Außenbeauftragten Javier Solana führe, offen.

“We should put aside the [US] sanctions and give up all this talk about regime change.

“This is what we are looking for … if the Americans change their behaviour in the region and change their strategy, I assure you that talking over the phone will not be a serious problem.”

An dem neuen Verhandlungsvorschlag findet Larijani wenig gefallen, weil er seiner Ansicht nach zu viele Mehrdeutigkeiten enthalte.

“[The west’s package] has a lot of ambiguous points. These ambiguities persist from the beginning to the end of the package.

“On many of the points, we do not know how they intend to go about them. The package is more like a statement. If we are going to get agreement, we do not need a sermon.”

Mr Larijani said there was no doubt that security guarantees were badly needed as part of any deal - “but not what they have talked about. They should not try to repackage their needs as incentives and offer that to us as a concession”.

Eine Aussetzung der Arbeiten an der Urananreicherung lehnt Larijani rundweg ab.

“If they want to put this prerequisite, why are we negotiating at all? Mr Bush is like a mathematician. When the equation becomes very difficult to work out, he likes to wipe it out altogether … the pressure they are putting on us is reason enough for us to be suspicious.”

Das ist eine sehr deutliche Sprache. Larijani dürfte in diesem Interview sicher nicht im eigenen Namen gesprochen haben, sondern seine Positionen sind das (Zwischen-?)Ergebnis der Beratungen im iranischen Machtapparat über die iranischen Reaktionen auf die neue westliche Initiative.

Ich kann mich auch nicht erinnern, dass ein führender Vertreter des iranischen Regimes bislang so deutlich öffentlich einen Zusammenhang zwischen Sicherheitsgarantien und einer Verhandlungslösung hergestellt hat.

Das iranische Verhalten

- 00:57

In einem längeren und sehr lesenwerten Artikel in der aktuellen Ausgabe von Arms Control Today analysiert Paul Kerr das iranische Verhalten in den bisherigen diplomatischen Bemühungen um die Beilegung des Konfliktes um das Atomprogramm.

Kerr sieht durchaus in der Vergangenheit eine Bereitschaft Teherans einzulenken, aber das Ausmaß dieser Kompromissbereitschaft hänge stark davon ab, wie der Iran seine eigene Situation vis-a-vis dem Westen einschätze.

Nachdem der bislang geheimgehaltene Umfang des iranischen Atomprogramms Ende 2002 aufgedeckt wurde, sah sich Teheran in der Defensive.

Then-secretary of Iran’s Supreme National Security Council Hassan Rowhani, who was in charge of Tehran’s nuclear diplomacy, said that at the time Iran feared the United States intended to push the council to adopt resolutions similar to those directed at Iraq prior to the U.S.-led invasion in 2003. Washington wanted UN inspectors to be “given unrestricted access to [relevant] installations, facilities and individuals,” he wrote in a July 2005 report to then-President Khatami, adding that “Iran’s refusal to abide by such resolutions” would have resulted in “subsequent threats followed by military action.” Tehran also believed that the U.S. agenda extended beyond the nuclear issue.

Genauer: die USA verfolgten eine Strategie des Regimewechsels, den sie notfalls auch militärisch zu erreichen versuchen würden. Hinzu kam, dass die europäischen Staaten damit drohten, eine Verweisung des Falls Irans an den UN Sicherheitsrat zu unterstützen.

Im Oktober 2003 schloss der Iran mit den E3 eine Vereinbarung, die u.a. eine Aussetzung der Arbeiten an der Urananreicherung, eine Ratifizierung des IAEA Zusatzprotokolls sowie Kooperation bei der Aufklärung des Umfangs des iranischen Atomprogramms durch die IAEA.

Schritt für Schritt – so Kerr – begann Teheran dann aber zu testen, wie weit die europäische Entschlossenheit tatsächlich ging. Vereinbarungen wurden nicht eingehalten, neue geschlossen. In diesem Prozess präsentierte der Iran aber auch eigene Vorschläge zur Lösung des Konfliktes:

During its subsequent discussions with the Europeans, Iran presented several compromise proposals, including a January 2005 paper describing Iran’s willingness to negotiate about a range of issues, such as terrorism and Persian Gulf regional security.

Iran later offered to implement several measures intended to provide assurances of its peaceful nuclear intentions, although Tehran consistently signaled its intention to restart its conversion facility to produce uranium hexafluoride feedstock for centrifuges.

A March 2005 proposal described several mechanisms designed to limit the enrichment program’s proliferation potential. These included limiting the initial operation of the Natanz enrichment facility to 3,000 centrifuges, limiting the uranium-235 content of the enriched uranium, and “allowing continuous on-site presence of IAEA inspectors” at Iran’s centrifuge and conversion facilities.

Das Tete-a-tete nahm im August 2005 ein Ende, als der Iran ein neues europäisches Angebot als unzureichend ablehnte und drei Monate später seine Arbeiten an der Urananreicherung wieder aufnahm.

Nach Kerr’s Analyse haben sich heute die Gewichte ein wenig verschoben. Nicht nur, dass mit Präsident Mahmoud Ahmadinejad ein Mann zu Einfluss gekommen ist, der für einen konfrontativeren Kurs gegenüber dem Westen plädiert, sondern der Iran fühlt sich auch in einer stärkeren Position.

It is widely believed that Iran’s bargaining position has improved since 2003. For example, the continued insurgency in Iraq may have decreased the United States’ ability to initiate military action against Iran. The increase in oil prices during the past year has likely reduced the Security Council’s willingness to impose sanctions on Iraqi oil exports and increased Tehran’s ability to withstand sanctions in other areas.

Additionally, Tehran has continued to make progress on its enrichment program, providing the regime with another potential source of bargaining leverage. Since last fall, Iran has resumed work at its pilot centrifuge facility, produced enriched uranium, and continued to produce uranium hexafluoride.

Es existiere noch ein zweiter Grund, warum Teheran zwar gesprächsbereit ist, aber eine härtere Verhandlungslinie einnimmt:

Iran continues to suspect the United States of using the nuclear issue as a pretext for increasing international pressure on the regime.

Indeed, Tehran fears that Washington will view any Iranian nuclear compromises as a sign of weakness and an opportunity to extract additional concessions. For this reason, Iran has balked at taking even temporary steps, such as a renewed suspension of its enrichment program, the Iranian diplomat [eine Quelle für Kerr’s Analyse; ME] said.

Es ist nicht einfach, aus dem Text einen Schluss zu ziehen. Verstärkter Druck, folgt man Kerr’s Ausführungen, hat in der Vergangenheit den Iran zum Einlenken bewegt, scheint aber derzeit nur dazu zu führen, dass sich die Haltung verhärtet.

Warten auf Teheran XXIII

23. June 2006 - 20:25

Falls noch irgendwelche Zweifel existieren sollten, dass der Iran nicht bereit ist, seine Arbeiten an der Urananreicherung auszusetzen, wurde Javad Vaeedi, stellvertretender Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates und damit Stellvertreter von Chefunterhändler Ali Larijani, heute noch einmal sehr deutlich:

“Iran considers that suspension is neither a pre-condition to nor the result of negotiations,” Javad Vaidi, deputy secretary of Iran’s Supreme National Security Council, told AFP by telephone on Friday. (AFP)