UN verabschiedet Resolution

31. July 2006 - 15:32

Wie angekündigt verabschiedete der UN Sicherheitsrat heute eine Resolution, die es für den Iran rechtlich verbindlich macht, bis zum 31. August alle Arbeiten an seiner Urananreicherung einzustellen. Geschieht dies nicht, wird der Sicherheitsrat über angemessene Maßnahmen nach Artikel 41 des Kapitel 7 der UN Charter beraten. Dazu gehören mögliche diplomatische oder wirtschaftliche Sanktionen.

Ein Automatismus, nachdem Sanktionen nach Ablauf der Frist ohne weitere Abstimmung in Kraft treten, existiert nicht. Russland wie China lehnen es bislang weiterhin ab, solchen Zwangsmassnahmen zuzustimmen.

Der Sicherheitsrat hat angekündigt, dass er auch während der laufenden Frist bereit sei, mit dem Iran über das Verhandlungsangebot der 5 Veto Staaten + Deutschland zu reden. Dies hat der Iran aber ebenso abgelehnt wie eine Aussetzung der Arbeiten an der Urananreicherung.

Die Kontroverse scheint damit auf eine weitere Eskalation zuzusteuern.

Interessant ist am Rande, dass Qatar als einziger arabischer Vertreter im Sicherheitsrat gegen die Resolution gestimmt hat. Die USA haben große Anstrengungen, die arabischen Staaten in eine gemeinsame Front gegen den Iran einzubinden, um Teheran auch in der Region zu isolieren. Diese Anstrengungen haben aber offensichtlich bislang zu keinem Erfolg geführt.

Kissinger: USA sollten mit Iran Dialog beginnen

- 10:47

Henry A. Kissinger, der Realpolitiker par excellence, meldet sich heute in der WP mit einer Reihe von Ratschlägen zu Wort, wie in Zukunft mit dem Iran verfahren werden soll – natürlich nicht ohne Ausflug in die China-Diplomatie der Nixon Regierung, an der Kissinger maßgeblich beteiligt war, und ein paar Lektionen aus der Geschichte.

Seine Lesart der gegenwärtigen Situation:

[T]he Six can no longer avoid dealing with the twin challenges that Iran poses. On the one hand, the quest for nuclear weapons represents Iran’s reach for modernity via the power symbol of the modern state; at the same time, this claim is put forward by a fervent kind of religious extremism that has kept the Muslim Middle East unmodernized for centuries. This conundrum can be solved without conflict only if Iran adopts a modernism consistent with international order and a view of Islam compatible with peaceful coexistence.

Das ist eine recht originelle Sichtweise: die Wahl zwischen Modernität oder religiösem Extremismus. Wem will Kissinger diese Wahl stellen? Den Akteuren in Teheran, die glauben, technische Entwicklung und Festhalten an religiösen Leitlinien miteinander verbinden zu können? Gerade Ahmadinejad ist ein Vertreter dieser Denkschule. Auf der einen Seite technologischer Fortschritt, auf der anderen Seite „Kampf dem Zionismus”. Das macht aus der Sicht eines Ahmadinejad sogar Sinn, weil in seinem Weltbild die „arroganten Mächten”, als deren Puppe Israel agiert, dem Iran und dem Rest der islamischen Welt den Zutritt zum Fortschritt versperren wollen, um sie in Abhängigkeit zu halten. Es wenn es gelingt, das „Joch” abzuschütteln, wird für Ahmadinejad der Weg zu moderner Technologie frei, Nukleartechnologie inklusive.

Wie auch immer. Nach Kissingers Auffassung wäre die langfristigen Konsequenzen fatal, wenn es nicht gelinge, Iran von seinem Nuklearprogramm abzuhalten.

If the permanent members of the Security Council plus Germany are unable jointly to achieve goals to which they have publicly committed themselves, every country, especially those composing the Six, will face growing threats, be they increased domestic pressure from radical Islamic groups, terrorist acts or the nearly inevitable conflagrations sparked by the proliferation of weapons of mass destruction.

Okay, lassen wir dies einmal unkommentiert im Raum stehen. Was tun?

The Six will have to decide how serious they will be in insisting on their convictions. Specifically, the Six will have to be prepared to act decisively before the process of technology makes the objective of stopping uranium enrichment irrelevant. Well before that point is reached, sanctions will have to be agreed on. To be effective, they must be comprehensive; halfhearted, symbolic measures combine the disadvantage of every course of action.

Wirkungsvolle Sanktionen also. An dieser Stelle überspringt Kissinger die Frage, wie man Russland und China von der Notwendigkeit eines solchen Schritts überzeugen könnte.

Aber angenommen, es funktioniert.

A suspension of enrichment of uranium should not be the end of the process. A next step should be the elaboration of a global system of nuclear enrichment to take place in designated centers around the world under international control — as proposed for Iran by Russia. This would ease implications of discrimination against Iran and establish a pattern for the development of nuclear energy without a crisis with each entrant into the nuclear field.

Keine schlechte Idee, aber auch eine Idee, die - wie die bisherigen Diskussionen eines solchen Projektes zeigen - erst über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte eine Chance auf Verwirklichung hat.

Ganz vorsichtig pirscht Kissinger sich dann an seinen eigentlichen Vorschlag heran.

President Bush has announced America’s willingness to participate in the discussions of the Six with Iran to prevent emergence of an Iranian nuclear weapons program. But it will not be possible to draw a line between nuclear negotiations and a comprehensive review of Iran’s overall relations to the rest of the world.

Was er uns sagen will: die USA sollten mit dem Iran direkte Verhandlungen nicht nur über das Atomprogramm sondern auch über anderweitige Fragen aufnehmen. Bush mit Ahmadinejad an einem Tisch?

Hard as it is to imagine that Iran, under its present president, will participate in an effort that would require it to abandon its terrorist activities or its support for such instruments as Hezbollah, the recognition of this fact should emerge from the process of negotiation rather than being the basis for a refusal to negotiate.

Vorbedingung solcher Gespräch, das räumt Kissinger ein, wäre es, die Politik des Regimewechsels aufzugeben.

Such an approach would imply the redefinition of the objective of regime change, providing an opportunity for a genuine change in direction by Iran, whoever is in power.

Verhandeln ist gut, aber Verhandlungen Bergen auch das Risiko in sich, dass der Iran sie als Fassade benutzt, um Zeit für sein Atomprogramm zu gewinnen.

Auch für einen solchen Fall hat Kissinger einen Ratschlag.

In the end, the United States must be prepared to vindicate its efforts to prevent an Iranian nuclear weapons program. For that reason, America has an obligation to explore every honorable alternative.

Selbstredend würde Kissinger militärische Optionen nicht per se für eine unehrenhafte Alternative halten.

Iran das eigentliche Ziel

30. July 2006 - 12:35

In einem längeren Text heute in der LAT fast Doyle McManus einen Eindruck zusammen, der in den letzten Wochen schwer zu ignorieren war.

To President Bush, the conflict in Lebanon is more than a campaign by Israel to protect its citizens from Hezbollah missiles. Instead, it is “a moment of opportunity” for the United States — with the most important target not Hezbollah or even neighboring Syria, but distant Iran.

Die passenden Zitate zu dieser These sind nicht schwer zu finden:

“The stakes are larger than just Lebanon,” the president told reporters Friday after meeting with British Prime Minister Tony Blair. “The root cause of the problem is you’ve got Hezbollah that is armed and willing to fire rockets into Israel; a Hezbollah … that I firmly believe is backed by Iran and encouraged by Iran.

He added: “I also believe that Iran would like to exert additional influence in the region. A theocracy would like to spread its influence, using surrogates…. And so, for the sake of long-term stability, we’ve got to deal with this issue now.”

Oder:

“This is a moment of intense conflict … yet our aim is to turn it into a moment of opportunity and a chance for broader change in the region,” Bush said Friday.

“Instead of having foreign policies based upon trying to create a sense of stability, we have a foreign policy that addresses the root causes of violence and instability,” he added.

Oder US Außenministerin Condoleezza Rice:

“What we’re seeing here, in a sense, is … the birth pangs of a new Middle East. And whatever we do, we have to be certain that we’re pushing forward to the new Middle East, not going back to the old one.”

Um diesen “neuen Mittleren Osten” zu schaffen, müssen folgende Voraussetzungen erfüllt werden:

  1. militärische Sieg über die Hisbollah
  2. Aufbau einer us-freundlichen, gestärkten Regierung in Beirut
  3. Ausweitung des Models auf andere Staaten der Region.

Schon das Erreichen des ersten Punkts ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Bislang gelang es der israelischen Offensive nicht, die Hisbollah wirksam zu schwächen und im Mittleren Osten darf sich derjenige als Sieger bezeichnen, der den Angriff einer weit überlegenden Macht überlebt hat.

Die Hisbollah hat nicht nur alle Chancen, in diesem Sinne als Sieger hervorzugehen, sondern hat mit den steigenden Verlusten in der libanesischen Bevölkerung auch dort als „einziger Verteidiger gegen Israel” an Reputation gewonnen. Eine Entwaffnung der Hisbollah erscheint nicht realistisch und ein neues politisches System ohne Hisbollah ebenso wenig.

Aber wie schon zuvor (Irak) lässt man sich von solchen praktischen Widerborstigkeiten in Washington nicht stören, sondern richtet den Blick auf den Horizont.

Wieder die LAT:

But behind the diplomatic detail, in the minds of Bush and his closest aides, will be a larger issue: making sure Hezbollah and its sponsors, Syria and Iran, come out of the crisis with their power diminished, not enhanced.

“Clearly, Iran has a goal of strengthening Hezbollah and gaining further influence” in the Middle East, [State Department’s counter-terrorism chief, Henry A.] Crumpton said. “And I think they see this [conflict] as a means of doing so.”

He added, “We have got to take this on either now or later — and I think we’ve got to take this on now.”

So weit sieht es nicht danach aus, als ob der Versuch gelungen sei.

Militärische Lektionen aus dem Libanon

- 12:10

In der heutigen Wochenendbeilage der NYT denkt Thom Shanker darüber nach, welche militärischen Lektionen aus dem derzeitigen Krieg im Libanon zu ziehen seien.

Seiner Ansicht nach ist der Libanon das erste Beispiel eines Krieges neuen Typs.

The United States and Israel have each fought conventional armies of nation-states and shadowy terror organizations. But Hezbollah, with the sophistication of a national army (it almost sank an Israeli warship with a cruise missile) and the lethal invisibility of a guerrilla army, is a hybrid. Old labels, and old planning, do not apply. Certainly its style of 21st-century combat is known — on paper. The style even has its own labels, including network warfare, or net war, and fourth-generation warfare, although many in the military don’t care for such titles.

Es existieren auch bereits Theoretiker des “Netzwerk-Krieges”.

“We are now into the first great war between nations and networks,” said John Arquilla, a professor of defense analysis at the Naval Postgraduate School, and a leading analyst of net warfare. “This proves the growing strength of networks as a threat to American national security.”

In a talk that Mr. Arquilla calls Net Warfare 101, he describes how traditional militaries are organized in a strict hierarchy, from generals down to privates. In contrast, networks flatten the command structure. They are distributed, dispersed, agile, mobile, improvisational. This makes them effective, and hard to track and target.

Ein Net-War zeichnet sich dadurch aus, dass sich die hierarchischen Strukturen auflösen und sich die Kombattanten in kleinen Zellen organisieren, die miteinander – meist mit Hilfe moderner Technologie – miteinander vernetzt sind.

Hezbollah spent the last six years dispersing about 12,000 rockets across southern Lebanon in a vast web of hidden caches, all divided into local zones with independent command.

“They dug tunnels. They dug bunkers, they established communications systems — cellphones, radios, even runners to carry messages that aren’t susceptible to eavesdropping,” said one military officer with experience in the Middle East. “They divided southern Lebanon into military zones with many small units that operate independently, without the need for central control.”

Hisbollahs Kriegsführung ist für Shanker nicht allein Grund da zu Überlegungen, wie die US Militär darauf reagieren sollte, sondern er zeiht auch gleich die Verbindung zum Iran.

Hezbollah’s success in surviving Israeli bombardment poses an immediate implication for American military planning as the United States figures out what to do about Iran, either as part of an effort to halt its nuclear ambitions or a broader offensive with political goals, like regime change.

Pentagon planners who focus on the region predict that the American military would face a conflict far less conventional than that of the armored columns that rushed to Baghdad and toppled Saddam Hussein. Iran trained Hezbollah, and it can fight like Hezbollah.

Solch naheliegenden, aber manchmal doch sehr kurzgeschlossenen Überlegungen rufen bei mir Erinnerungen an die Prophezeiung von US Militärtheoretikern hervor, wie das irakische Militär auf eine US Invasion reagieren würde. Wenige Voraussagen erfüllten sich. Die irakischen Soldaten gingen einfach nach Hause.

Weiter mit Shanker:

Military planners say they are closely studying groups like the Basij paramilitary force — organized, trained and equipped by Iran’s Revolutionary Guards to provide a ready-made Iranian network of 90,000 full-time forces, 300,000 reservists and a mobilization base of up to a million men that would dwarf the insurgency bedeviling American efforts in Iraq.

Solche Aussagen kann nur jemand treffen, der die Basij noch nie von Nahmen gesehen hat. Ja, Basiji erfahren eine Art militärische Grundausbildung, aber sie sind weder eine gut trainierte noch eine sonderlich gut ausgerüstete Truppe. Mit Sicherheit sind sie keine Hisbollah.

Nach längeren Überlegungen, wie auf diese kriegerischen Netzwerke militärisch zu antworten sei, kommt Shanker zu dem Schluss:

No solution has been written. But it would include military force along with diplomacy, economic assistance, intelligence and information campaigns.

“Most critically, we have to get better at — it’s such a cliché — winning hearts and minds,” said a military officer working on counterinsurgency issues. “That is influencing neutral populations toward supporting us and not supporting our terrorist and insurgent enemies.”

Das Verhalten der US Truppen in Afghanistan wie im Irak sowie die derzeitige israelische Operation bieten ausreichendes Anschauungsmaterial für die Suche nach einer Lösung.

So gewinnt man weder hearts noch minds. Im Gegenteil.

Iran: Mit Resolution Verhandlungen vom Tisch

- 11:14

Der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Hamid Reze Asefi, warnte heute auf seiner allwöchentlichen Pressekonferenz, dass die Verabschiedung der anstehenden UN Resolution zum Iran zur Eskalation der Krise im Mittleren Osten beitragen würde.

“Those who are after adoption of a resolution against Iran, are following the US theory to escalate crisis in the region.” (IRNA)

Die Resolution soll am morgigen Montag verabschiedet werden und fordert den Iran auf, alle seine Arbeiten an der Urananreicherung bis zum 31. August einzustellen. Anderenfalls will der Sicherheitsrat über Sanktionen entscheiden.

Nachdem Israel den Libanon in Schutt und Asche legt und Washington dabei Tel Aviv tatkräftig Schützenhilfe leistet, will auch Teheran bei der Eskalation der Krise nicht nachstehen.

“If the UN Security Council passes a resolution against Iran on Monday, the (Europe’s) package of incentives will not be in the agenda any more,” said Foreign Ministry spokesman Hamid Reza Asefi.

Damit wäre der Verhandlungsweg zur Beilegung der Krise vorerst beendet. Da der Iran auch nicht bereit ist, der Forderung des Sicherheitsrates nachzukommen, blieb als nächster Schritt nur noch die Diskussion über Sanktionen.

Ich bin ehrlich gesagt ein wenig überrascht von der Ankündigung. Bislang hat der Iran sehr geschickt auf Zeit gespielt, indem er die Möglichkeit einer Verhandlungslösung immer offen gelassen und die Diskussion durch neue Vorschläge verschleppt hat.

Durch die Präsentation einer offiziellen Antwort auf den 5+1 Verhandlungsvorschlag biete sich dazu eine neue Gelegenheit.

Aber vielleicht war dies – wie so oft im Iran – nicht das letzte Wort aus Teheran.