15 Briten – Deutsche Presse
Herrn Unbekannt ist offensichtlich entgangen, dass das Präsidentenamt im Iran mit der ganzen Angelegenheit überhaupt nicht befasst ist. Die Entscheidungen werden von Militärs und von Nationalen Sicherheitsrat des Landes getroffen, in dem der Präsident einen Vertreter stellt.
Britische und arabische Medien berichteten zudem, Hardliner in Iran betrachten die von den Revolutionären Garden im Persischen Golf festgenommenen und nach Teheran verbrachten Männer und Frauen als Faustpfand, um eine ganze Reihe von Forderungen gegenüber dem Westen durchzusetzen. So sollten mit den Gefangenen mehrere Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden freigepresst werden, die im Januar in der irakischen Stadt Erbil von US-Soldaten festgenommen worden waren. Radikale Gruppen in Iran forderten den Berichten zufolge zusätzlich, die Festgehaltenen erst freizulassen, wenn der Westen die gegen Iran verhängten Sanktionen aufhebt.
SpOn würde solche Meldungen aus britischen und arabischen Medien nicht erwähnen, wenn man sie nicht für glaubwürdig halten würde. Es sind aber nichts als Spekulationen, die sich inzwischen als falsch herausgestellt haben. Die iranische Seite hat erklärt, es gebe keinen Zusammenhang zu der Festnahme der fünf Iraner im Irak. Die Briten bestätigen, dass keine Forderungen nach einem Austausch gestellt wurden.
Rainer Hermann zitiert in der FAZ am letzten Sonntag die gleichen britischen und arabischen Meldungen:
Der Iran will die 15 festgenommenen britischen Soldaten offenbar gegen Iraner in amerikanischem Gewahrsam austauschen. Britische und arabische Medien berichteten übereinstimmend, Teheran wolle fünf Iraner und einen verschwundenen Geheimdienstler freibekommen, die im Januar in der irakischen Stadt Arbil von amerikanischen Soldaten festgenommen wurden.
Nun - s.o.
Die FAZ ersetzt die eigene Recherche noch mit der breiten Wiedergabe einer weiteren übernommenen Geschichte.
Die Entscheidung zu diesem Vorgehen fiel keineswegs spontan, als das britische Kriegsschiff sich iranischen Gewässern näherte, sondern bereits am 18. März.
An jenem Tag traf der Hohe Verteidigungsrats der Islamischen Republik zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Grundlage war ein Bericht, den General Ghassem Soleimani, der Kommandeur der Ghods-Brigade, verfasst hatte. Die Ghods-Brigade ist eine nach Jerusalem benannte Spezialeinheit der Revolutionsgarde (Pasdaran). Er untersuchte die Folgen von zwei Vorfällen, die den iranischen Streitkräften erhebliches Kopfzerbrechen bereiten.
Bei den beiden Vorfällen soll es zum einen um die Festnahme der fünf Iraner in Arbil im Januar dieses Jahres und zum zweiten um das Verschwinden von Ali Reza Askari, „der als einer der wichtigsten Geheimdienstler der Ghods-Brigade im Irak gilt und der an früheren Waffenverhandlungen Irans maßgeblich beteiligt war” gehen.
Dies ist die gleiche Geschichte, die schon die Sunday Times mangels eigener Kenntnisse aus al Sharq al Awsat übernommen hat. Die Quelle der in London erscheinenden arabischen Zeitung: ein Ungenannter, der den Revolutionäre Garden nahe stehen soll. Möglichkeiten, solch eine Geschichte sorgfältig gegen zu recherchieren: keine. Der Mittlere Osten ist spätestens seit 1001 Nacht für seine begabten Geschichtenerzähler bekannt.
Hermann hält gleichwohl diese Darstellung eines Unbekannten aus zweiter Hand für solide genug, um daraus eigene Schlussfolgerungen abzuleiten:
Vor diesem Hintergrund klingt die Rhetorik Teherans der letzten Tagen wenig glaubwürdig und klingt reichlich naiv. Der Sprecher des iranischen Außenministeriums Mohammad-Ali Hosseini prustete, es könne keine Rechtfertigung gegen, dass London keine Verantwortung für seine „feindliche britische Handlung” übernehme. Er riet den Briten, ihren „Fehler” einzugestehen anstatt weiter „irrelevante Deutungen” für ihr Handeln zu liefern.
Zumindest versucht Hermann durch seine Wortwahl erst gar nicht eine sachliche Berichterstattung vorzutäuschen.
Daneben enthält sein Artikel eine Fülle von Fehlern und fragwürdigen Behauptungen:
Die Pasdaran sind zwar offiziell Teil der iranischen Streitkräfte …
Falsch. Sie sind eine Parallelorganisation, die direkt dem Revolutionsführer untersteht.
Am 7. Februar verschwand unmittelbar nach seiner Ankunft in Ankara Ali Reza Askari …
Nach allen Angaben verschwand er in Istanbul.
Zudem bilde die [Ghods-] Brigade, an deren Spitze einst der heutige Staatspräsident Ahmadineschad gestanden hatte, …
Wann soll das gewesen sein? Es gibt Behauptungen, er sei Mitglied dieser Brigade gewesen und während des Krieges gegen den Irak in der Gegend um Kirkuk gekämpft, für die aber keinerlei Belege existieren.
Ich denke, das reicht.
Um ehrlich zu sein, viel Spaß macht das nicht. Noch ein Grund, es nicht allzu oft zu tun.
gepostet am 27. March 2007 um 09:01 von unter Krims & Krams, Großbritannien, 15 Briten Gefangennahme. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
Ich bin über Ihre sachliche Darstellung der Vorgänge in und um den Iran sehr dankbar, da die deutschen Medien auch nach meinem Dafürhalten unseriös berichten. Die Artikel der einschlägigen Presse erinnern mehr an eine mediale Kriegsvorbereitung, denn an eine umfassende, neutrale Berichterstattung, wie sie eigentlich zur Conditio-sine-qua-non der vierten Gewalt gehörte. Ob diese Form der reißerischen, einseitigen Berichterstattung dem Umstand der finananziellen Engpässe geschuldet oder doch gut bezahlte Propaganda ist, vermag ich nicht zu beurteilen - aber sie erschreckt mich. Deshalb erfüllen Berichte wie die Ihren eine sehr wichtige. weil regulative Funktion.
MfG
Karin
Und eigentlich sind die Mullahs auch garnicht so böse. Die sind halt einfach anders, die muß man halt auch verstehen. Und die bösen Medien zeigen uns ständig irgendwelche Steinigungen oder am Kranen erhängte Homosexuelle. Das ist doch alles erfunden und erlogen. Ausserdem ist das halt eine ganz andere Kultur, die sind halt so. Deshalb sind so voreingenommen Bezeichnungen wie Mullah-Regime auch ganz beleidigend für die sensiblen iranischen Führer. Und das der “Verrückte” ganz offen mit dem verschwinden von Israel droht ist doch nur ein Späßchen. Also wer darüber nicht wenigstens schmunzeln kann der ist schon arg verstockt. Und Marc Pitzke bei Spon schreibt ja einen USA freundlichen Artikel nach dem anderen. Da fragt man sich schon was den überhaupt in den USA hält. Also neutrale Berichterstattung ist natürlich wichtig, aber man sollte schon wissen auf welcher Seite man steht.
@ Mikado: Ich habe mich in der Vergangenheit darum bemüht, alle Kommentare zu löschen, die mit dem großen Hammer polemisieren. Ich würde es gern in diesem Blog bei einem sachlichen, differenzierten Stil belassen.
Ich habe Ihren Kommentar nicht gelöscht, weil ich nicht den Eindruck erwecken will, ich liesse nur freundliches Lob passieren. Er trifft aber ziemlich genau das, was ich für unsachlich und undifferenziert halte.
Weder geht es bei diesem Eintrag darum, ob die “Mullahs” böse oder nicht sind, was von Steinigungen oder der Hinrichtung von Homosexuellen zu halten, wie gefährlich Ahmadinejad ist oder um Marc Pitzke.
Es geht schlicht darum, ob einzelne Medien ihre Leser richtig informieren. Ich bin der Ansicht, dass dies in den beiden genannten Fällen nicht so ist. Wenn Sie meinen, meine Darstellung sei falsch, würde ich Ihre Sicht der Dinge gern lesen.
Aber bitte keine Rundumschläge mehr. Sie werden - wie schon in der Vergangenheit - gelöscht.
@Martin Ebbing
“Mal von der Wortwahl “Mullah-Regime” abgesehen, die nicht unbedingt den Eindruck unparteilicher Berichterstattung erweckt.”
Was bitte ist an der Bezeichnung “Mullah-Regime” parteilich? Entschuldigung, aber ich werde immer zwischen einer Demokratie und einer Diktatur unterscheiden. Ich werde da niemals “neutral” sein können und ob sie’s glauben oder nicht, darauf bin ich verdammt Stolz. Auch Manfred Bleskin von NTV bezeichet den Iran als Mullahregime in seinem Kommentar:
http://www.n-tv.de/783442.html
Gruß
Mikado
P.S.: So ein großer Rundumschlag war das doch garnicht. Den Beitrag von Karin finden sie neutral? Ich kann beim besten Willen keine kriegstreiberischen Kommentare in der deutschen Presselandschaft finden. Sorry.
Soweit ich mich erinnern kann, ist der Ausdruck “Mullahregime” nicht der Name des Irans. Keine seriöse Nachrichtenagentur, keine Tagesschau, kein Heute oder sonst wer benutzt diesen Ausdruck. Zu recht, denn es ist ein polemischer Ausdruck, wie Sie selbst mit Ihrer Anmerkung, Sie würden zwischen Demokratie und Diktatur unterscheiden. Ist Italien eine “Pfaffenrepublik”
Wie so oft, wird Polemik zudem den Tatsachen nicht gerecht. Klar, es sitzen im Iran viele Kleriker an wichtigen Positionen, aber sie befinden sich in der Defensive. Statt dessen gewinnen säkulare Kräfte wie Mitglieder Revolutionärer Garden mehr und mehr an Einfluss. Dies ist beispielsweise die Signifikanz der Präsidentschaft von Ahmadinejad.
Wenn jemand in einem Kommentar den Iran als “Mullahregime” bezeichnet, hat er dazu alles Recht der freien Meinungsäußerung. Aber in einem Bericht hat Polemik keinen Platz, und bei den beiden Beispiel, die ich genannt habe, geht es um Berichte.
Soweit es um dieses Weblog geht, ist dies natürlich keine Ansammlung von neutralen Nachrichten, sondern ich nehme ständig Bewertungen und Einschätzungen vor. Das soll und kann selbstverständlich auch in den Kommentaren geschehen.
Ich möchte aber gern vermeiden, dass dies hier zum Ort von billigen Polemiken und zum Abladen pauschaler (Vor-)urteile wird. Ich denke, davon profitieren alle Leser, die vor allem an einem etwas differenzierteren Blick auf die Dinge interessiert sind.
Können wir uns darauf verständigen?
Best
ME
PS: Ich habe nicht geschrieben, dass es in deutschen Medien “kriegstreiberische Kommentare” gebe, sondern:
Damit meine ich beispielsweise, dass der Iran als irrationaler Akteur in dem Konflikt dargestellt wird, dem nur mit “Stärke” beizukommen ist und mit dem es keinen Ausgleich von Interessen geben kann. Stärke, nicht Krieg! Aber wie wir gerade sehen, ist der Weg vom einen zum anderen nicht so weit.
Halt immer die kleinen, aber wichtigen Unterschiede.
Schade irgendwie, dass man nur in der anglo-amerikanischen Kultur die Fähigkeit zum kontorversen Disput zu pflegen scheint. In good old Germany ist man halt immer beleidigt. Worin besteht jetzt eigentlich der Vorteil, dass sie direkt aus dem Iran berichten? Komischerweise berufen sie sich größtenteils auf englischsprachige Medien ausserhalb des Irans. Nach ihren eigenen Aussagen ist es ihnen bis heute nicht gelungen an Insider-Informationen innerhalb der Irans zu gelangen, wobei ich ihren Mut, sich momentan dort aufzuhalten durchaus mit höchstem Respekt zur Kenntnis nehme. Halt, vielleicht sind die Internetzugänge im Iran einfach besonders highspeed-style-fähig? Ausserdem würde mich mal die Evidienz interessieren, die belegt, dass Nachgiebigkeit gegenüber islamischen Regimen jemals zum Erfolg geführt hat.
“dass der Iran als irrationaler Akteur in dem Konflikt dargestellt wird”
Ich bin mir durchaus bewußt, dass sie ein vielbeschäftigter Mann sind, aber könnten sie mir vielleicht trotzdem den Schuldigen für die irrationale Wahrnehmung des Irans nennen.
“Ich möchte aber gern vermeiden, dass dies hier zum Ort von billigen Polemiken und zum Abladen pauschaler (Vor-)urteile wird. Ich denke, davon profitieren alle Leser, die vor allem an einem etwas differenzierteren Blick auf die Dinge interessiert sind.
Können wir uns darauf verständigen?”
Ja, sie bestimmen in ihrem Laden, dennoch finde ich es schade , dass hier keinerlei Diskussion zustande kommt. Komischerweise legen sie diese Masstäbe in keinster Weise an das “Mullahregime” an. Dort akzeptieren sie ohne jegliche Kritik, die vorhandenen Zustände.
Aber sie können natürlich jegliche Diskussion unterbinden, gab es auf ihrem Blog jemals eine Diskussion? Um das wirklich zu beurteilen, bin ich zu kurz dabei. Wie kann jemand, der so mutig ist wie sie, soviel Angst vor ein paar Online-Kritiken haben. Ich wünsch ihnen ein bisschen von: Was schert es die Eiche wenn sich die Sau dran kratzt.
Nix für ungut
Gruß
Mikado