(Keine) Neuigkeiten von Seymour Hersh
Seymour Hersh hat in der neuen Ausgabe des New Yorkers aufgeschrieben, was ihm so auf den Gängen des Pentagon und des Weißen Hauses so zugeflüstert worden ist. Es handelt sich weitgehend um Planspiele, die Hersh in das übliche politische Drama in Washington (Cheney vs Rice; Neocons vs konservative Pragmatiker) verpackt.
Der Kern der Geschichte ist, dass die US Regierung nun nicht mehr Angriffspläne wegen des iranischen Atomprogramms sondern wegen der angeblichen Unterstützung Teherans für die irakischen Aufständischen vorbereite.
This summer, the White House, pushed by the office of Vice-President Dick Cheney, requested that the Joint Chiefs of Staff redraw long-standing plans for a possible attack on Iran, according to former officials and government consultants. The focus of the plans had been a broad bombing attack, with targets including Iran’s known and suspected nuclear facilities and other military and infrastructure sites. Now the emphasis is on “surgical” strikes on Revolutionary Guard Corps facilities in Tehran and elsewhere, which, the Administration claims, have been the source of attacks on Americans in Iraq. What had been presented primarily as a counter-proliferation mission has been reconceived as counterterrorism.
Gründe:
First, the President and his senior advisers have concluded that their campaign to convince the American public that Iran poses an imminent nuclear threat has failed (unlike a similar campaign before the Iraq war), and that as a result there is not enough popular support for a major bombing campaign.
Das ist interessant. Ich kenne die amerikanischen Meinungsumfragen zu diesem Thema nicht, aber mein Eindruck aus der Ferne war immer, dass in den USA ein allgemeines Unbehagen, wenn nicht gar Angst vor einer wie auch immer gearteten iranischen Bedrohung umgeht, aber das diese Stimmung nie den Punkt einer Krise erreicht hat.
The second development is that the White House has come to terms, in private, with the general consensus of the American intelligence community that Iran is at least five years away from obtaining a bomb.
Eben keine unmittelbare Krise. Aber hatten die US Geheimdienste vorher etwas anderes gesagt? Wenn zutrifft, was Hersh schreibt, dann brauchte es im Weißen Haus nur ein wenig länger, bis man bereit war, die Realitäten zur Kenntnis zu nehmen. Wie sich im Fall Irak gezeigt hat, bevorzugt man dort nur die Realitäten zur Kenntnis zu nehmen, die mit den politischen Aspiration in Übereinstimmung stehen.
And, finally, there has been a growing recognition in Washington and throughout the Middle East that Iran is emerging as the geopolitical winner of the war in Iraq.
Vielleicht ist “Gewinner” doch ein etwas großes Wort, aber die Kräfteverhältnisse haben sich seit dem Sturz der Taliban wie von Saddam Hussein zu Gunsten des Irans deutlich verschoben. Aber das ist eigentlich auch nicht gerade erst seit gestern bekannt.
Gut. Glauben wir Hersh, dann suchen die Militärplaner im Pentagon jetzt nach neuen Zielen. Offen ist allerdings – so Hersh zum gegenwärtigen Stand der Dinge – ob es jemals zu einer Militäraktion kommen wird.
I was repeatedly cautioned, in interviews, that the President has yet to issue the “execute order” that would be required for a military operation inside Iran, and such an order may never be issued.
Was ist also die Neuigkeit? Seit Monaten ist klar, dass die US Regierung versucht, den Iran als gefährlichen Störenfried im Irak zu portraitieren. Immer wieder gibt es unzureichend auf Beweise gestützte Behauptungen, Teheran würde die Aufständischen dort mit Geld, Waffen und Training unterstützen.
In seiner Rede zur Fortsetzung des US Engagements im Irak vom 13. September hat Bush zudem die Linie offen und klar ausgesprochen.
A free Iraq will counter the destructive ambitions of Iran. … We should be able to agree that we must defeat al Qaeda, counter Iran, help the Afghan government, work for peace in the Holy Land, and strengthen our military so we can prevail in the struggle against terrorists and extremists.
Wohl ein wenig in Verlegenheit geraten, einen Artikel zu schreiben, der keinerlei Neuigkeitswert besitzt, fügt Hersh hinzu:
But there has been a significant increase in the tempo of attack planning.
Quellen sind wie so oft bei Hersh namentlich nicht genannte CIA Mitarbeiter.
Ansonsten ist eigentlich nichts in dem Artikel, was das Lesen lohnen würde. Spätestens ab Seite 3 nur noch Zusammengeschriebenes aus den Veröffentlichungen der letzten Wochen.
Ich schätze eigentlich die Arbeit von Seymour Hersh und ohne Zweifel hat er einige wichtige Beiträge zur politischen Debatte u.a. über die Kriege in Vietnam und Irak geleistet. Wenn es um den Iran geht, finde ich seine Artikel aber zunehmend fragwürdiger, und in meinem Hinterkopf hat sich die Frage eingenistet, ob er seine berüchtigten „anonymen Quellen“ eigentlich zur Informationsbeschaffung benutzt, oder ob diese Quellen ihn benutzen, um ein paar Informationen zu streuen. Den – auch psychologischen – Druck auf Teheran aufrecht zu erhalten, ist Teil der US Strategie.
Die Tage werden kälter und vielleicht werde ich an einem lauschigen Herbstabend mal Lust haben, in den vergangenen Hersh Artikeln zum Iran nachzulesen, wie oft er eine bevorstehende Militäraktion voraus gesagt hat, die dann (gottlob) doch nicht eingetreten ist.
Ach, es gibt doch noch eine Passage in dem heutigen Artikel, die zu lesen es sich lohnt:
David Kay, a former C.I.A. adviser and the chief weapons inspector in Iraq for the United Nations, told me that his inspection team was astonished, in the aftermath of both Iraq wars, by “the huge amounts of arms” it found circulating among civilians and military personnel throughout the country. He recalled seeing stockpiles of explosively formed penetrators, as well as charges that had been recovered from unexploded American cluster bombs. Arms had also been supplied years ago by the Iranians to their Shiite allies in southern Iraq who had been persecuted by the Baath Party.
Ach, diese “explosively formed penetrators” lagen schon seit Jahren in den Waffenkammern von Saddam Hussein?
Das macht die Behauptung der USA, die Aufständischen im Irak würden seit neustem mit diesen Waffen versorgt, nicht gerade glaubwürdiger.
gepostet am 1. October 2007 um 10:18 von unter Militärische Optionen, George W. Bush, Irak. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
Bitte, bitte!
Schreibt doch bei Zitaten immer genau woher und vor allen das Datum rein!
Danke
@ Dissident: Die Zitierweise folgt (für mich) einfachen Regeln. Die jeweilige Quelle (in diesem Fall der New Yorker) ist verlinkt, so dass jeder selbst die Geschichte lesen kann, auf die sich das Posting bezieht.
Aus der Quelle ergibt sich dann zwangsläufig Datum etc.
Hinter die Zitate schreibe ich in der Regel einen Link zu der Quelle, wenn es sich nicht schon aus dem vorangegangenen Text ergibt. Fehlt eine Quelle, dann ist jeweils der letzte angegebene Link gemeint.
Oder ich habe einen Fehler gemacht
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ME