Zweites Gleis

24. January 2008 - 00:31

Die Politik gegenüber dem Iran – so werden die westlichen Vertreter nicht müde zu beteuern – ist doppelgleisig. Auf der einen Seite Druck, um Teheran zum Wohlverhalten zu zwingen, auf der anderen Seite das Angebot zu Gesprächen, um eine beiderseitig zufriedenstellende Lösung zu finden.

Nachdem die P5 + Deutschland sich am Montag im Berlin auf eine leichte Ausweitung der bestehenden Sanktionen verständigt haben, sah es US Außenministerin Condoleezza Rice gestern wohl als ihre Pflicht an, auch noch mal auf das zweite Gleis hinzuweisen.

“Ultimately, though, we believe that we can resolve this problem through diplomacy,” Rice said …

“If Iran would suspend its uranium enrichment and reprocessing activities - which is an international demand, not just an American one - then we could begin negotiations, and we could work over time to build a new, more normal relationship,” she said.

Rice said this new relationship could be defined not by fear and mistrust but growing cooperation, expanding trade and exchange, and the peaceful resolution of differences. (Reuters)

Wenn sie noch hinzu gefügt hätte, die USA würden ihrerseits alle Drohungen mit einem militärischen Angriff einstellen (einige “Optionen” vom Tisch nehmen), die amerikanischen Sanktionen gegenüber dem Iran suspendieren und Teheran nicht mehr beschuldigen, weltgrößte Unterstützer des Terrorismus zu sein, dann würden die Chancen erheblich wachsen, dass man ihr Gesprächsangebot ernst nehmen könnte.

Minimalkonsens

23. January 2008 - 07:38

Ein wenig wohl auch zu ihrer eigenen Überraschung ist es den Außenministern der P5 + Deutschland gestern Abend doch gelungen, sich auf einen Entwurf für eine neue Sanktionsresolution zu verständigen.

Ganz einfach war es offensichtlich nicht.

The final talks in Berlin were dominated by intense negotiations between Secretary of State Condoleezza Rice and Russian Foreign Minister Sergei Lavrov, according to U.S. and European officials. Announcing an agreement afterward, German Foreign Minister Frank-Walter Steinmeier acknowledged that the lengthy diplomacy to get a draft “was not always all that easy.” (WP)

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier feierte im Anschluss die Einigung als einen Erfolg.

“We are united in the assessment that nuclear armament of Iran would have dramatic consequences for the Middle East and even beyond,” he said. “So we are and remain agreed that we must and will continue to work … to ensure that it does not happen.” (AP)

Verständlich, dass Steinmeier es an erster Stelle als ein Erfolg feierte, dass man sich überhaupt wieder auf so etwas wie eine Marschlinie gegenüber dem Iran hat verständigen können. Das letzte Treffen dieser Art zum Thema Iran  fand im September statt und die Einheit der sechs erschien zeitweilig ernsthaft in Gefahr.

Auch gestern schien die Summe der Gemeinsamkeit nicht groß genug, um etwas zu erarbeiten, das man wirklich als eine ernsthafte Verschärfung des Drucks auf Teheran bezeichnen könnte. Das, was zustande gebracht wurde, war offensichtlich nicht einmal solide genug, um es vorzuzeigen oder darüber zu reden.

[T]he foreign ministers of the six nations represented — Britain, China, France, Russia, the United States and Germany — canceled a planned news conference and left it to the host of the meeting, German Foreign Minister Frank-Walter Steinmeier, to announce the result.

Obwohl die sechs untereinander ein Schweigegelöbnis abgelegt haben, sickerte doch die eine oder andere Information durch, die einen Eindruck davon erweckt, was von der neuen Resolution erwartet werden kann.

U.S. and European diplomats said the draft, to be presented to the other members of the Security Council in the coming days, bolsters existing sanctions, notably asset freezes and travel bans on Iranian officials. But they disagreed on whether it contains new measures.

A senior U.S. official insisted that the resolution does have “new elements,” but declined to elaborate on what they were, while a European official said the draft does not feature additional economic sanctions.

AFP zitiert einen “hochrangigen US Offiziellen“ (wohl Nicholas Burns oder Condoleezza Rice) …

The senior US official said the resolution foresaw extending the travel ban on Iranian officials along with the asset freeze on companies linked to the Islamic republic’s nuclear programme.

… wie auch den russischen Außenminister Segej Lawrow.

In his remarks reported by the Ria-Novosti news agency, the foreign minister added that the proposed text does not foresee fresh sanctions against Iran.

Lavrov said the new wording “not only acknowledges, but salutes progress made by the International Atomic Energy Agency (IAEA) in clarifying aspects of Iran’s nuclear programme”.

In der WP heißt es heute:

To break an eight-month deadlock, the Bush administration accepted a plan that includes largely voluntary monitoring of transactions involving two banks, and calls for restraints on export credits, cargo traffic and business involving individuals or institutions linked to proliferation. The toughest restriction is a travel ban on key officials, the European officials said.

Nichts mehr ist übrig geblieben von der Kontrolle von iranischen Schiffen, Einschränkungen im Luftverkehr, Stopp von staatlichen Bürgschaften für Investitionen im Iran oder stärkeren Beschränkungen von Finanzverkehr.

Statt dessen dürften wohl einige Personen und Firmen mehr auf die bereits existierende Liste gesetzt werden, deren Reisen beobachtet werden sollen und mit denen Geschäfte verboten sind.

Bemerkenswert ist der Hinweis von Lawrow auf die laufenden Gespräche zwischen Teheran und der IAEA zur Aufklärung der offenen Fragen zum iranischen Atomprogramm. Hier hat er wohl den USA, Frankreich und Großbritannien das Zugeständnis abgerungen, die bereits erzielten Fortschritte in diesem Prozess in der Resolution zu vermerken. Es deutet zugleich an, welches Gewicht Russland diesem Prozess für das zukünftige Vorgehen gegenüber dem Iran einräumt.

Wohl im März dürfte klar sein, ob der Iran alle offenen Fragen zufriedenstellend beantwortet hat. Sollte dies der Fall sein, dann wird die zerbrechliche Einheit unter eine ernsthafte Probe gestellt.

Spy in the Sky

21. January 2008 - 22:30

Israel hat heute von Indien aus einen Satelliten im All positioniert, der in der Lage ist, auch durch eine Wolkendecke hindurch Informationen über Entwicklungen im Iran zu liefern.

Israel launched early Monday a sophisticated new spy satellite, designated TECSAR, which could boost intelligence gathering capabilities regarding Iran. …

The TECSAR, manufactured by Israel Aerospace Industries (IAI), has the ability to use radar to identify targets even under adverse weather conditions including dense clouds. (Haaretz)

Israel besitzt bereits zumindest einen Satellit aus der Ofek-Serie, der über dem Iran stationiert ist. Dieser Satellit ist aber mit einer hochauflösenden Photokamera ausgestattet und wenn Wolken aufziehen, gibt es nichts mehr zu sehen.

Es kann nie falsch sein, wenn man gut informiert ist.

Vierte Lieferung

20. January 2008 - 11:58

Eine vierte Lieferung mit Brennstäben für das Atomkraftwerk in Bushehr traf heute aus Russland im Iran ein.

A fourth Russian shipment of nuclear fuel arrived in Iran on Sunday, destined for a power plant being constructed in the southern port of Bushehr, the official Islamic Republic News Agency reported. (AP)

Die heutige Lieferung umfasst wie die drei vorangegangen etwa 11 Tonnen. Rund 44 von insgesamt 82 Tonnen an niedrig angereichertem Uran wären damit geliefert. Der Rest soll bis Ende kommenden Monats eintreffen.

Etwa sechs Monate nach Eintreffen des letzten Brennstabes soll es dauern, bis der Reaktor dann gestartet werden kann. So sagte der iranische Außenminister Manouchehr Mottaki am Freitag voraus:

“The Bushehr nuclear power station will launch at a capacity of 50 percent next summer,” said Foreign Minister Manouchehr Mottaki, quoted by IRNA. (AFP)

Eine Sprecherin für das rusische Unternehmen Atomstroiexport, das Bushehr baut, sieht das etwas nüchterner.

“We can predict that the Bushehr station will be launched no earlier than the end of 2008 due to the current situation,” Irina Yesipova said on December 20.

Insh’allah.

Sarkozy will mit Nukleartechnologie Terrorismus vorbeugen

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Frankreich hat eine gewisse Tradition, Ländern im Mittleren Osten Nukleartechnologie zu verkaufen. Der irakische Reaktor in Osiraq, der 1981 von Israel bombardiert wurde und die Fundamente für ein geheimes irakisches Atomprogramm legte, war von Frankreich geliefert worden. Frankreich war mit dem Iran zu Schahs Zweiten im Gespräch, was aber letztlich am Sturz des Regenten scheiterte.

An diese Zeiten möchte Nicolas Sarkozy nun offensichtlich anknüpfen. In den letzten sechs Wochen hat er mit Marokko, Ägypten, Algerien, Libyen, Qatar, Saudi Arabien und den Emiraten Abkommen zur nuklearen technischen Zusammenarbeit vereinbart oder ihnen Atomkraftwerke verkauft.

Keine schlechte Leistung.

Erstaunlich ist, mit welchen Argumenten der französische Staatschef seinen Verkaufsjob für die (staatliche) französische Atomindustrie begründet.

“Why should Arab countries be deprived of the energy of the future?” Sarkozy asked in an interview with al-Jazeera TV during a Middle East tour this past week. “Terrorism flourishes in the embrace of despair and backwardness. We want to help Arab countries develop, and we want to upgrade the economies of the 21st century.” (WP)

Das WSJ zitierte ihn am letzten Donnerstag mit einer leichten Variation dieser verblüffenden Aussage.

Mr. Sarkozy is at pains to sell his nuclear agenda as more than just a money-making proposition. Rather than increasing the military risks in the region, the power of the atom will miraculously bring peace — or so the French president claims. Tell “a billion Muslims across the world that they don’t have the right to civilian nuclear energy when they have no more petrol or gas,” Mr. Sarkozy said last summer when he first developed this theory. Giving Muslim states nuclear power, he insists, is critical to prevent “a conflict between Islam and the West,” to help Muslim states fend off “underdevelopment,” and to prevent an “explosion of terrorism.” (WSJ)

Bei den “arabischen Staaten” wäre der Iran aus-, bei den “Milliarden Muslimen” dagegen vermutlich eingeschlossen.

Zu behaupten, Nuklearenergie könne den wirtschaftlichen Fortschritt garantieren und damit Terrorismus verhindern, erfordert schon einige kühne gedankliche Verknüpfungen. Die Gleichung Nuklearenergie = Fortschritt ähnelt (ohne den Schwenker zum Terrorismus) verblüffend den Argumenten aus Teheran, warum der Iran auf sein Atomprogramm weder verzichten kann noch will.

Die US geführten Manöver, dem Iran eine eigene Anreicherung zu ermöglichen = ein damit von den Launen der Großmächte unabhängigen Nuklearkreislauf zu besitzen, wird als Versuch der „arroganten Mächte“ dargestellt, die Islamische Republik rückständig zu halten.

Nun hat sich Sarkozy sehr lautstark dafür eingesetzt, den Iran in seinem Atomprogramm zu stoppen und sein Außenminister Kouchner hält dabei sogar einen Krieg nicht für ausgeschlossen. Begründung: der Iran nutze das Programm als Deckmantel für den Bau einer Atombombe.

Dies kann er zwar nicht beweisen, aber dafür scheint er felsenfest davon überzeugt zu sein, dass Algerien, Ägypten, Saudi Arabien oder Libyen solche Absichten nicht besitzen.

Vielleicht sollte der Iran in Frankreich sein nächstes Atomkraftwerk bestellen. Dann würde Sarkozy seine Haltung gegenüber Teheran vielleicht ändern.