Nachfolgend ein kleiner Text, den ich heute für eine Zeitung geschrieben habe und der noch einmal Bedeutung und Konsequenzen des neuen IAEA Berichtes zusammen fasst.
Ein selbstsicherer und strahlender Ahmadinejad trat am Samstagabend im iranischen Fernsehen auf, um einen „historischen Sieg“ zu verkünden. Die iranische Republik, so der Präsident, habe den größten Sieg über die „dominierenden Kräfte“ nach dem Sieg der islamischen Revolution davon getragen. Die staatlichen Medien hatten schon den ganzen Tag über von einem „Triumph“ berichtet und dem Führungspersonal des Irans zu diesem „historischen Erfolg“ gratuliert. Ginge es in der islamischen Republik nicht so sittenstreng zu, wäre wahrscheinlich ein Volksfest ausgerufen worden.
Gefeiert wurde der jüngste Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde zum Iran, der am Freitag veröffentlicht worden war. In ihm fasste IAEO Generaldirektor Mohammed ElBaradei zusammen, was seine Inspektoren zur Geschichte des iranischen Atomprogramms herausgefunden hatten.
Im August letzten Jahres hatte der Iran mit der Wiener Behörde eine Vereinbarung getroffen, die vom damaligen Chefunterhändler Ali Larijani und dem EU Außenbeauftragten Javiar Solana bei ihren zahlreichen Treffen ausgehandelt wurde. Schritt für Schritt sollte Teheran zu den zahlreichen Verdachtsmomenten Stellung beziehen, die Zweifel daran aufkommen ließen, dass sein Atomprogramm tatsächlich rein friedlicher Natur ist. Es ging unter anderem um Spuren von waffenfähigem Uran an Geräten in einer Universität, die Beschaffung von hochspezialisierter Technik, die Vorgänge um eine Uranmine im Süden des Landes sowie um Zeichnungen, wie sich Uran so formen lassen kann, dass es in einem Nuklearsprengstoff die größtmögliche Wirkung entfaltet.
Der Bericht vom Freitag kommt zu dem Ergebnis, dass der Iran zu allen Fragen zufriedenstellende Antworten gegeben hat, die den Verdacht einer militärischen Nutzung ausräumen. Einige Aspekte will die Atomenergiebehörde zwar noch weiter an anderer Stelle prüfen, aber in der Summe ist sie zufrieden.
Bis auf einen Punkt. Vor vier Jahren fiel der CIA ein Laptop Computer in die Hände, der einem Mitarbeiter des iranischen Atomprogramms gehört haben soll. Auf diesem Computer befanden sich eine Reihe von Unterlagen, Plänen und Studien, die für den Bau einer Atombombe nützlich sein könnten. Unter den Experten ist umstritten, wie aussagekräftig diese Dokumente tatsächlich sind. Washington behielt den Inhalt des Laptops für sich. Erst zwei Wochen vor Abschluss des jüngsten Berichtes stellte die US Regierung der IAEO einige dieser Unterlagen zur Verfügung und legte eine Woche später dann noch mal einen ganzen Stapel drauf.
Die Experten der IAEO sind von der Beweiskraft dieses Materials wenig überzeugt, aber die Behörde ist nicht in der Lage, Verdachtsmomente, die ein so einflussreicher Mitgliedsstaat wie die USA zur Verfügung stellt, einfach zu ignorieren. Wie die Regularien es vorsehen, wurden die Dokumente mit der Bitte um Stellungnahme an Teheran weitergeleitet. Die Antwort des Irans: es handelt sich um Fälschungen.
ElBaradei schreibt in seinem Bericht zwar von „angeblichen Studien“ und versucht damit ein wenig zu der Sache Distanz zu halten, aber die Untersuchungen sind damit nicht abgeschlossen.
Die IAEO hätte dem Iran allemal nicht bescheinigt, sein Atomprogramm sei rein friedlicher Natur. Teheran nicht bereit, den Inspektoren unbehinderten Einblick in all seine gegenwärtigen Aktivitäten zu liefern, und da die Behörde nichts darüber sagen kann, was es nicht prüfen kann, bleibt die Absolution aus.
Teheran feiert den Bericht dennoch als Sieg. Der Laptop wird als „amerikanischer Komplott“ abgetan und die kritischen Anmerkungen der IAEO zur mangelnden Transparenz werden ignoriert.
Die Euphorie ist sicher unangebracht, aber das iranische Regime hat in dem diplomatischen Gerangel um sein Atomprogramm einen nicht unbedeutenden Punktsieg erzielt. Von dem ominösen Laptop abgesehen besitzt die Atomenergiebehörde offiziell keine Verdachtsmomente mehr, dass Teheran irgendwo heimlich eine Atombombe baut. Privat mögen die Experten zwar anderer Meinung sein, aber es zählt nur das, was veröffentlicht wird.
Wenn es keine Hinweise auf verbotene militärische Aktivitäten gibt, was kann man dann dem Iran vorwerfen? Der Atomwaffensperrvertrag garantiert jedem Mitgliedsstaat das Recht, Atomenergie zu friedlichen Zwecken zu nutzen. Dazu zählt auch der Bau einer eigenen Anreicherungsanlage, deren Abschaltung der Sicherheitsrat in seinen Resolutionen verlangt.
Der Fall Iran wurde überhaupt nur deshalb zum Thema im Sicherheitsrat, weil die unaufgeklärten Fragen existierten. Nach vielem Zögern und Zaudern hat Teheran nun diese Verdachtsmomente ausgeräumt. Spät, aber doch. Damit, so die iranische Logik, müsste die Angelegenheit erledigt sein und es gibt keinerlei Grund mehr für Sanktionen.
Eine Forderung, zu deren Durchsetzung der Weltsicherheitsrat zweimal Sanktionen gegen Teheran verhängt hat, ist nun nahezu erfüllt. Eine zweite aber bleibt: das Einfrieren der Urananreicherung in Natans und der Stopp des Baus des Schwerwasserreaktors in Arak.
Ob der Sicherheitsrat tatsächlich einem Staat ein durch den Atomwaffensperrvertrag garantiertes Recht absprechen kann, ist eine umstrittene Frage. Die Befürworter von stärkerem Druck auf den Iran sind in arge Argumentationsnot geraten. Im Dezember gaben die US Geheimdienste in einem gemeinsamen National Intelligence Estimate bekannt, dass sie davon ausgehen, der Iran habe im Jahr 2003 alle militärischen Aspekte seines Atomprogramms eingestellt. Nun sieht auch die Atomenergiebehörde alle seine Verdachtsmomente weitgehend ausgeräumt.
Eine Fortsetzung der Sanktionen und gar die Verhängung weiterer Strafen lässt sich nun nur noch damit begründet, was der Iran eventuell tun könnte – nicht mit dem, was der Iran getan hat. Einen Staat für unterstellte Absichten zu bestrafen, widerspricht den Prinzipen internationalen Rechts.
Die USA, Frankreich und Großbritannien, die stärksten Befürworter weiterer Sanktionen, scheinen sich über solche Einwände hinweg setzen zu wollen. Einen Tag vor Veröffentlichung des IAEO Berichtes brachten sie den Entwurf einer neuen Resolution mit neuen Sanktionen in den Sicherheitsrat ein. Sie ignorierten dabei den Wunsch einiger Ratsmitglieder wie Indonesien und Südafrika, doch erst einmal den Bericht abzuwarten, bevor eine Entscheidung gefällt wird. Nach Vorlage des Reports behauptete Außenministerin Condoleezza Rice, sein Inhalt biete „sehr starke Argumente“ dafür, die Resolution zu verabschieden.
Die USA drängen nun auf eine Abstimmung am kommenden Freitag. Wie sich Russland und China, aber auch einige der nicht ständigen Mitglieder des Rates verhalten werden, ist noch offen.
Sollte es zu einer Annahme der Resolution kommen, dürfte auch dies ein fragwürdiger Erfolg sein. Teheran hatte sich auf Drängen von Solana in dem wichtigen Punkt der Aufklärung zur Kooperation bereit erklärt. Dennoch wird es mit zusätzlichen Sanktionen bestraft. Dem gegenwärtigen Siegesgefühl würde sehr bald die Verbitterung folgen. Nur diejenigen innerhalb des Regimes würden noch triumphieren, die schon immer davor gewarnt haben, dem Westen ein Stück entgegen zu kommen.