Putin: Iran will keine Atomwaffen

31. May 2008 - 16:42

Er hat es schon einmal gesagt. Nun sagt er es wieder.

Putin, who was in Paris for two days of meetings with President Nicolas Sarkozy and other French leaders, said there was no indication Iran was building its own nuclear arsenal.

But he admitted that Iran’s compliance with investigations by the International Atomic Energy Agency (IAEA) was still a “point to be resolved.” (AFP)

Putin, nach einem Rollentausch nun russischer Premierminister, erwähnte zwei Punkte nicht:

1. Die überwiegende Mehrheit der Fachwelt geht davon aus, dass der Iran aktuell zwar keine Nuklearwaffen baut, es sich aber die Voraussetzungen für den Bau solcher Waffen verschafft. Ist dies nicht beunruhigend genug?

2. Warum arbeitet der Iran nicht besser mit der IAEA zusammen?

Bleiben und hoffen

29. May 2008 - 12:37

Die Nachrichten vom Rückzug der Energiekonzerne Rapsol und Shell aus dem Iran waren wohl verfrüht, resp sie bedürfen einer Einschränkung.

Iran is negotiating with Spanish and British-Dutch energy giants to switch their gas exploration blocs with others due for later development, the oil minister was quoted on Thursday as saying. …

“The border areas phases 13 and 14 of the South Pars gas field were allocated to (British-Dutch) Shell and Repsol,” Nozari was quoted as saying by the Hamshahri newspaper.

“But instead of these two, we are examining giving them other phases. Phase 15, 16, 20 and 21 are being negotiated with Shell and Repsol,” he said. (AFP)

Anders ausgedrückt: kein Ausstieg, sondern nur Verschieben bis entweder die Nuklearkontroverse gelöst ist oder die politische Großwetterlage sich geändert hat.

Trotz vollmundiger Ankündigungen aus Teheran, wenn Shell und Rapsol nicht wollen, dann mache man es eben allein, ist die iranische Seite doch bereit, über ein neues Arrangement zu verhandeln.

According to the official IRNA news agency, Nozari said on Wednesday “we are negotiating with these companies to allocate other phases of the field’s development, where a delay does not harm the reservoir.”

“We are pursuing similar talks with Total,” he added, without giving further details.

Auch die französische Total hatte angekündigt, von seinen derzeitigen Verträgen mit dem Iran zurücktreten und sich erst in einer späteren Phase an der Erschließung der South Pars Vorkommen beteiligen zu wollen.

Offensichtlich benötigen sich beide Seite.

Spin

28. May 2008 - 07:31

AFP meldet heute in der Überschrift

US, allies say UN report bolsters fears Iran wants nuclear bomb

Liest man die Meldung, dann ist es wohl nicht ganz so dramatisch.

In Paris, French foreign ministry spokeswoman Pascale Andreani said the details mentioned in the report “could be the sign of a possible military dimension of the Iranian nuclear program.”

Die Heraushebung des Wörtchens “could” stammt von mir.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte sich gar noch zurückhaltender:

In Berlin, German Foreign Minister Frank-Walter Steinmeier said the report “leaves open a number of questions that we will have to examine very quickly.”

Dass die US Regierung aus dem Bericht politisches Kapital zu schlagen versucht, wird niemanden wundern.

The report “refers to the fact that the Iranians are willfully — trying to willfully withhold information about their activities related to potential weaponization,” McCormack told reporters in Washington.

Wenn man “willfully” auf Deutsch mit “willentlich” oder “absichtlich” übersetzt, dann irrt sich der Sprecher des Weißen Hauses.

Der Iran hat – wie im IAEA Bericht – nachzulesen ist, eine umfangreiche Antwort zum letzten Fragenkatalog nach Wien geschickt. Diese Antworten sind aber von der Atomenergiebehörde noch nicht überprüft worden und deshalb noch nicht in den jüngsten Bericht eingeflossen.

Und nur der Fairness halber: die USA beschuldigen den Iran zwar anhand von vorgelegten Dokumenten geheimer Machenschaften, wollen Teheran aber von diesen Dokumenten keine Kopien übergeben, um dem Regime die Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben.

IAEA Bericht: was steht nun drin?

- 05:29

Gar nicht so einfach zu sagen, denn die Angelegenheit erreicht inzwischen ein technisches Niveau, bei dem es für Laien wie mich sehr schwer wird, noch mitzuhalten (eine Kopie des Berichtes GOV/2008/15 gibt es hier).

Der einfachere Teil:

  • der Iran installiert weitere Zentrifugen. Neben der seit dem letzten Bericht schon existierenden Einheit mit 3.000 IR-1-Zentrifugen werden vier weitere Einheiten von jeweils der gleichen Größe gebaut. In einer dieser neuen Einheiten waren bereits zwei Kaskaden mit jeweils 164 Zentrifugen in Betrieb. Eine weitere Kaskade in der selben Einheit steht, wurde aber noch nicht mit Uranhexafluorid (UF6) gespeist. (Abs 2)
  • seit der letzten Bestandsaufnahme am 12. Dezember letzten Jahres wurden 2300 weitere Kilogramm an UF6 in die Zentrifugen gespeist. Damit erhöht sich die Gesamtmasse des bislang zur Anreicherung nutzten UF6 auf 3970 Kilogramm. (Abs 2)
  • der Iran führt Experimente mit den neuen IR-2- wie mit den IR-3-Zentrifugen durch. Bislang handelt es sich aber noch nicht um eine Installation dieser weiterentwickelten Modelle im größeren Umfang. (Abs 3 + 4)
  • bei den 14 unangekündigten Inspektionen, die die IAEA seit März 2007 durchgeführt hat, bestätigten die entnommenen Proben, dass Uran nicht höher als bis zu 4 Prozent angereichert wurde. Dies übersteigt nicht den Anreicherungsgrad für die Nutzung des Urans als Brenstoff in zivilen Reaktoren. (Abs 5)
  • in den drei der IAEA gemeldeten Forschungsreaktoren resp Anlagen wurde keine Wiederaufbereitung festgestellt. Heisst: der Iran hat (zumindest an diesen drei Orten) nicht heimlich Uran abgezweigt. (Abs 6)
  • der Bau des Schwerwasserreaktors in Arak geht weiter und wird von der IAEA via Satellit überwacht (Abs 6)
  • der Iran macht Fortschritte bei der Produktion von Brennstoffelementen für den Schwerwasserreaktor, aber es fehlen noch wichtige Teile. (Abs 7)
  • seit dem 3 Februar bis zum 23 Mai dieses Jahres hat der Iran in der Anlage in Isfahan rund 11 Tonnen an UF6 produziert. Die Gesamtmenge beträgt damit seit Aufnahme der Produktion im März 2004 320 Tonnen, die alle der Überwachung durch die IAEA unterliegen.
  • die IAEA rügt, der Iran habe sie zu spät von anstehenden Umbauten sowie die Installation der neuen Zentfugen IR-2 und IR-3 in der Anreicherungsanlage in Natanz informiert. Als die entsprechenden Teile mit UF6 gespeist wurden, konnten aber die notwendigen Überwachungsmaßnahmen durchgeführt werden. (Abs 11)
  • die aus Russland gelieferten Brennstäbe für den Nuklearreaktor in Bushehr befinden sich in dem gleichen Zustand wie bisher: versiegelt von der IAEA. (Abs 12)
  • Anfragen der IAEA nach Zugang zu nuklearen Einrichtungen, zu denen der Iran nicht verpflichtet ist, wurden von Teheran abgelehnt. (Abs 13)

Kurz:

  • der Iran baut sowohl in Natanz wie in Arak trotz Beschlüssen des UN Sicherheitsrates weiter (wussten wir)
  • alles nukleare Material ist vollständig vorhanden und in den bekannten nuklearen Anlagen ist nichts Besorgniserregendes vorgefallen.
  • der Iran hält sich in Fragen der Transparenz (bis auf die Ausnahme bei der Installation der neuen Zentrifugen) strikt an die Vorschriften: die IAEA darf sehen, wozu Teheran verpflichtet ist. Sonst nichts.

Soweit ist die Sache noch übersichtlich, aber jetzt wird es kompliziert.

Es geht um die „angeblichen Studien“ zum Bau einer Atombombe sowie um die Rolle des Militärs im iranischen Nuklearprogramm.

Ein Fall ist noch relativ übersichtlich: das Green Salt Projekt, ein alternatives Verfahren zur Gewinnung von UF6. Dazu gibt es zwei Dokumente, die im Anhang des Berichtes aufgelistet werden und auf die mögliche Existenz eines solchen Projektes hinweisen.

Teherans Antwort ist schlicht und einfach: es habe keinen Sinn gemacht, ein solches Projekt zu starten, da man inzwischen über die notwendige Technologie anderweitig (Isfahan) verfüge. (Abs 19).

Dann existieren drei Dokumente zu Test mit hochexplosivem Material. Das sind zum einen Tests mit Spezialzündern wie auch Pläne für den Bau einer Versuchsanlage, in der Versuche mit der Zündung von Atomsprengköpfen gemacht werden könnten.

Irans Antwort: ja, es habe Test mit speziellen Zündern und Zündvorgängen gegeben. Es sei aber um zivile und konventionell-militärische Forschungen gegangen. Die vorgelegten Dokumente erkennt Teheran aber nicht an. Es gebe keinen Hinweis darauf, dass sie irgendetwas mit dem Iran zu tun hätten. (Abs 20)

Gleich dreizehn Dokumente beziehen sich auf Arbeiten an dem Design eines „missile re-entry vehicle“ = techno speak für einen Sprengkopf, der von einer ballistischen Raketen ins All geschossen wird und dann wieder zur Erde (zum Ziel) zurückkehrt.

Irans Antwort: da diese Dokumente nur in elektronischer Form vorlägen (Computer-Dateien), sei es leicht, sie zu fälschen. Zudem seien sie nicht komplett und wiesen Veränderungen im Aufbau auf, was Zweifel an ihrer Echtheit wecken würde. (Abs 21)

Daneben gibt es zu diesen wie zu einigen anderen Dokumenten noch ein weiteres Problem. Die IAEA hat die Unterlagen von verschiedenen Mitgliedsstaaten erhalten, ist aber nicht autorisiert, Kopien an den Iran weiterzugeben. Teheran lehnt es ab, Stellung zu nehmen, so lange die Kopien nicht ausgehändigt wurden. (Abs 22)

Aus dem Bericht lässt sich leider nicht genau entnehmen, welche Kopien welcher Dokumente nicht ausgehändigt wurden.

Schließlich noch die Zeichnungen zur Formung von hochangereichertem Uran zu einer Halbkugel. Dies ist ein etwas trickreicher Vorgang. Das Uran wird zu einer Kugel „gegossen“, um eine möglichst hohe Sprengwirkung zu erzielen. Teheran ist im Besitz solcher Zeichnung und hat in der Vergangenheit erklärt, diese Papiere seien von pakistanischen Händlern des Khan Netzwerkes, von dem der Iran Baupläne für Zentrifugen gekauft hat, unaufgefordert mitgeliefert worden. Praktisch eine beigelegte Warenprobe.

Die IAEA ist immer noch skeptisch, weil ein Interesse an der Umformung des Urans der bislang eindeutigste Hinweis darauf wäre, dass Teheran an einer Bombe arbeitet.

Dennoch stellt der Bericht fest, Pakistan habe auf Anfrage bestätigt, das ein identisches Dokument dort vorhanden sei (Abs 24). Das bedeutet bislang aber nur, dass die Papiere alles Wahrscheinlichkeit vom Khan Netzwerk stammen (was der Iran behauptet hat), beantwortet aber nicht die Frage, ob sie unaufgefordert mit übergeben worden sind.

Der Bericht stellt zudem fest, dass die IAEA – mit Ausnahme der Zeichnungen zur Uran Umformung – keinerlei Hinweise darauf habe, dass der Iran tatsächlich über Entwürfe für die Fertigung eines nuklearen Sprengkopfes verfüge oder gar mit der Fertigung begonnen habe. (Abs 24) Erst recht sei bislang kein nukleares Material für solche Zwecke eingesetzt worden. (Abs 28)

Es gibt noch mehr offene Fragen. Im Anhang werden elf solcher Fragen aufgelistet, die die IAEA dem Iran in einem Brief vom 9. Mai gestellt hat. Darin geht es um hochrangige Treffen, Beschaffung von suspekten Teilen, unbekannten Projekten, die in Dokumenten auftauchen und einiges mehr.

Auf diesen Fragenkatalog hat der Iran am 23. Mai mit einem 200seitigen Brief geantwortet, der aber zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Berichtes noch nicht ausgewertet werden konnte. (Abs 28) Pressemeldungen, Iran verweigere die Auskunft, treffen also nicht zu.

Mit den bereits vorliegenden Antworten ist die IAEA in großen Teilen nicht zufrieden. Sie verlangt vor allem Belege und vor allem Zugang zu Personen, die in die jeweiligen Themenkomplexe involviert sind. Dies hat der Iran bislang abgelehnt.

Sagte ich kompliziert? Ich hatte untertrieben.

ISIS zum IAEA Bericht

27. May 2008 - 08:12

David Albright / Jacqueline Shire / Paul Brannan vom Institute for Science and International Security (ISIS) in Washington glauben, der jüngste IAEA Bericht zum Iran enthalte zwei bedeutende Feststellungen.

Zum einen mache Teheran bemerkenswerte Fortschritte in der Entwicklung und im Betrieb seiner Zentrifugen.

The IAEA notes that between December 12, 2007 and May 6, 2008, Iran introduced 2,300 kg of uranium hexafluoride (UF6) into the operating cascades at the Fuel Enrichment Plant.  This compares to a total of 1,670 kg of UF6 introduced during the entire period from February to December 2007. At Iran’s stated rates of feeding uranium hexafluoride into P-1 centrifuges, and assuming continuous operation, the centrifuges are running at about 50 percent of their capacity, a significant increase over previous rates.  

The IAEA does not provide information about the quantity of low-enriched uranium produced in the last five months.  However, according to a senior official close to the IAEA, Iran produced a little less than one kilogram of LEU per day, or approximately 150 kg of low enriched uranium (LEU) over the past five months.  This is twice the 75 kg produced at the Fuel Enrichment Plant between February 2007 and December 2007.

All dies deute darauf hin, dass der Iran im Begriff sei, seine vergangenen Probleme mit den Zentrifugen, die nicht selten auseinander brachen, zu überwinden.

Die Autoren sind zudem beeindruckt vom Tempo, mit dem der Iran neue, verbesserte Zentrifugen entwickelt.

According to the February 2007 IAEA safeguards report, inspectors visiting Kalaye Electric were given information on four different centrifuge designs, including two subcritical rotor designs, one or more supercritical rotor designs with bellows, and a more advanced centrifuge, which is undefined in the report.   The IR-2 and IR-3 are the two subcritical centrifuges.  The IR-2 is an experimental model that contains a single composite rotor made from carbon fibers.  The other parts of the rotor assembly are modified P2 components . The IR-3 is an experimental model that seeks to increase the enrichment output by increasing the rotor’s length somewhat and by varying the cooling of the centrifuge rotor. …

Although not mentioned in the report, there appears to be a third advanced centrifuge at the pilot plant.  It appears to have the same diameter as the IR-2 and IR-3 but to have double or triple the length of the IR-2.  Thus, it would hold two or three rotor tubes, connected by bellows.  Prior to Iran’s suspension of the Additional Protocol in 2006, Iranian officials told the IAEA they could not make P2 bellows.  Iran has apparently overcome this obstacle.

Die Autoren halten die 18 in dem Bericht angeführten Dokumente für einen „starkes Argument“, dass der Iran vor 2004 an einem nuklearen Waffenprogramm gearbeitet habe, weisen aber auch darauf hin, dass Hinweise auf wichtige Aspekte eines solchen Programms fehlen.

The report’s annotated listing of 18 documents that the IAEA has shown to Iran, outlining its alleged work on green salt, high explosives testing and a missile re-entry vehicle, amounts to the most detailed compilation of evidence available on the public record regarding Iran’s alleged nuclear weaponization work.  Among these, according to senior officials close to the IAEA, high explosives studies and the re-entry vehicle work are the areas most in need of clarification and cooperation from Iran.

Together, these documents make a powerful case that Iran had an active weaponization effort prior to 2004.  At the same time, it is important to note that they do not encompass the full scope of work required for a comprehensive nuclear weapons program.  Missing from these documents is theoretical work on nuclear weapons, uranium metallurgy, and the development of a neutron initiator.

A senior official close to the IAEA said that the process is likely to take months to resolve.