Die NYT veröffentlicht heute ein Faksimile des „None papers“, das die iranische Delegation als ihre Antwort auf den Freeze-Vorschlag der P5+Deutschland am letzten Samstag bei dem Treffen in Genf präsentiert hat.
The Iranians called their proposal a “None paper.”
Indeed, for officials of the six countries sitting on the other side of the table, the paper addressed none of their ideas for resolving the crisis over Iran’s nuclear program.
Instead, the informal two-page document that Iran distributed at nuclear talks in Geneva on Saturday ignored the main six-power demand on curbing Iran’s enrichment of uranium and called for concessions from the other side.
Elaine Sciolino mokiert sich dann darüber, dass die Iraner offensichtlich nicht einmal richtig Englisch schreiben können.
The title of the English-language text had two mistakes. “The Modality for Comrehensive Negotiations (None paper),” it read, according to a copy obtained by The New York Times. (Diplomatic jargon for an unofficial negotiating document is “nonpaper.”)
Genau genommen sind es drei Fehler, denn statt „Modality“ im Singular müsste es „Modalities“ im Plural heißen.
Nun denn. Dennoch ist das Papier eine interessante Lektüre, weil sich zwischen den Zeilen die iranische Verhandlungsposition doch ein wenig differenzierter darstellt und sich nicht auf ein schlichtes Freeze-Ja / Freeze-Nein, wie es im Anschluss an die Gespräche in der Öffentlichkeit diskutiert wird, reduzieren lässt.
Zugegeben, man muss schon das Gehalt eines Diplomaten verdienen, um für die Mühen der Lektüre auch nur annähernd entlohnt zu werden. Es ist nicht der Stoff, den man gern im Urlaub am Strand zur Entspannung liest.
Nun denn [weniger geduldige Leser können bis zum Ende des Textes springen], inklusive aller Fehler und in der Originalschreibweise. Einige Erklärungen vorweg:
3+3 = Frankreich, Großbritannien, USA, China, Russland und Deutschland
UNSC = UN Security Council
Agency = IAEA
THE MODALITY FOR COMREHENSIVE NEGOTIATIONS
(None paper)
Stage one: Prelimininary talks,
1) In this stage, a maximum 3 rounds of talks will take place between Dr. Jalili, representing the Islamic Republic of Iran and Dr. Solana, representing the 3+3.
2) By the end of the above stage, the parties will have agreed on a modality to govern the negotiations. They will have further agreed on the subsequent stages of negotiations, which will include the following:
A- Determination of the timetable and the agenda of negotiations that will take place in the next stage – which will be based on the commonalities of the two packages. Subsequently the committees will be organized and their agendas’ will also be determined.
B- Requirements, manner and time of entry into the next stage.
Stage two: Start of talks,
1) With completion of stage one and implementation of the agreed requirements, talks will start at the level of ministers.
2) At the beginning of the above stage, the 7 states will meet the following requirements:
A- The 3+3 will refrain from taking any unilateral or multilateral action – or sanctions – against Iran, both inside and outside the UNSC. The group will further discontinue certain unilateral measures taken by one or some of its members.
B- The Islamic Republic of Iran will continue to cooperate with the Agency.
3) In this stage a minimum of 4 meetings will take place between Mr. Solana, the foreign ministers of the 3+3, and Dr. Jalili, the Minister of Foreign Affairs and the head of the Atomic Energy Organization, representing the Islamic Republic of Iran.
4) The guiding principles of the meetings that will be attended by the 3+3 foreign ministers, plus Mr. Solana, in which the Islamic Republic of Iran will be represented by Dr. Jalili and the relevant ministers, will be as follows:
A- The parties will abstain from referring to, or discussing, divergent issues that can potentially hinder the progress of negotiations.
B- The parties will start by discussing issues that are considered as common ground.
C- The parties will agree on a timetable, list of issues to be discussed, and priorities of the negotiations.
5) The talks will end by issuing an official joint statement on the agreements reached at the above stage.
6) Following the statement on the completion of the talks, the 3 specialized committees will produce and finalize agreements on comprehensive cooperation.
Stage three: negotiations,
1) Upon the completion of the second stage of the talks, the 6 states will discontinue the sanctions and existing UNSC resolutions. Iran, in turn, will implement the agreed action.
2) With the start of the third stage, the 7 states will start to negotiate to produce and sign a comprehensive agreement relating to their “collective obligations” on economic, political, regional, international, nuclear, energy, security and defense cooperation – whose proposals will be presented to them by the specialized committees.
3) The negotiations will be conducted with a 2 month period. However, the period can be extended by mutual agreement.
4) Following the conclusion of the comprehensive and long-term agreement on “collective obligations” Iran’s nuclear issue must be concluded in the UNSC and fully and completely returned to the Agency. Moreover, the issue must be taken out of the Board of Governor’s agenda and the implementation of the safeguards must be returned to normal in Iran.
Als Journalist notorisch unterbezahlt will ich versuchen, die wichtigsten Punkte zusammen zu fassen.
In einer ersten Stufe sollen in maximal 3 Gesprächen zwischen dem EU Außenbeauftragten Javier Solana und dem iranischen Chefunterhändler die Regularien der folgenden Verhandlungen festgelegt sowie Ausschüsse benannt werden.
Phase zwei ist dann der Start der eigentlichen Verhandlungen, an denen die Außenminister der P5+Deutschland, des Irans sowie Solana, der iranische Chefunterhändler Jalili und der Chef der iranischen Atomenergiebehörde teilnehmen sollen. In dieser Runde soll man sich mindestens viermal treffen, um mit Diskussionen über Gemeinsamkeiten zu beginnen und einen Zeitplan sowie einen Fahrplan für die eigentlichen Verhandlungen festzulegen. Am Ende soll eine gemeinsame Erklärung verabschiedet werden.
Ist dies abgeschlossen, sollen die Sanktionen und alle entsprechenden UN Resolutionen aufgehoben werden, während der Iran die „vereinbarten Massnahmen“ umsetzen wird.
In der dritten Phase sollen schließlich die eigentlichen substantiellen Verhandlungen stattfinden, in denen ein langfristiges, umfassendes Abkommen zu den „gemeinsamen Verpflichtungen“ in der Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Politik, regionale wie internationale Zusammenarbeit, nukleare Zusammenarbeit, Energie, Sicherheit und Verteidigung festgeschrieben werden. Die entsprechenden Entwürfe sollen in speziellen Ausschüssen erarbeitet werden.
Der ganze Prozess soll nicht länger als 2 Monate dauern, kann aber auf gemeinsamen Wunsch hin verlängert werden.
Nach erfolgreichem Abschluss soll dann die „Akte Iran“ im UN Sicherheitsrat wie bei der IAEA geschlossen werden.
Zu diesem Vorschlag ist einiges zu sagen: in vielen Punkten sind die Formulierungen äußerst ungenau. Welche Sanktionen sind beispielsweise mit „the 6 states will discontinue the sanctions“ zum Auftakt von Phase drei gemeint? Nur die Sanktionen aus den UN Resolutionen oder beispielsweise auch die seit langem existierenden US Sanktionen?
Was ist, um einen zweites Beispiel zu nennen, mit …
A- The parties will abstain from referring to, or discussing, divergent issues that can potentially hinder the progress of negotiations.
… gemeint? Was sind “divergent issues”? Die Präsenz amerikanischer Truppen im Irak oder die iranische Urananreicherung? Oder beides?
Dann gibt es einige Hinweise darauf, dass es offensichtlich zwischen beiden Seiten schon Vorabdiskussionen zu Details gegeben hat, die nun in dem iranischen Papier Eingang gefunden haben. So ist die Rede von den “3 specialized committees” ohne dass näher benannt wird, womit sich diese Ausschüsse befassen sollen.
Insgesamt erscheint der Vorschlag aufgrund seiner Ungenauigkeiten etwas konfus und der Zeitplan, in dem das alles abgeschlossen werden soll, ist mit Sicherheit völlig unrealistisch.
Entscheidender zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist aber, dass das Papier in keinem Punkt auf die Vorbedingung eingeht, die jede Form von Gesprächen erst möglich machen würde: den von den P5+Deutschland vorgeschlagenen Freeze.
Genannt wird nur die Verpflichtung, die die P5+Deutschland während eines solchen Freeze eingehen würden.
A- The 3+3 will refrain from taking any unilateral or multilateral action – or sanctions – against Iran, both inside and outside the UNSC.
Hinzugefügt wurde noch der Satz …
The group will further discontinue certain unilateral measures taken by one or some of its members.
… womit eventuell der amerikanische Druck auf die internationalen Finanzinstitutionen gemeint sein könnte, jeden Geschäftsverkehr mit dem Iran einzustellen.
Der Iran dagegen verpflichtet sich zu so gut wie nichts:
B- The Islamic Republic of Iran will continue to cooperate with the Agency.
Teheran arbeitet schon jetzt nach eigener Darstellung mit der IAEA zusammen und will daran auch nichts ändern.
Aber es gibt noch einen anderen Punkt. Vor Beginn der Phase drei und nach Aufhebung der Sanktionen …
Iran, in turn, will implement the agreed action.
Was sind diese „vereinbarten Massnahmen“? In diesem Papier bleibt dies offen, aber der Zusammenhang legt nahe, dass der Iran dann Zugeständnisse in der Nuklearfrage eingehen will. Dies könnte ein Einfrieren der Urananreicherung auf dem derzeitigen Niveau (Freeze) oder gar eine Suspendierung aller Arbeiten sein. Dies wäre aber nicht vor der Aufnahme irgendwelcher Gespräche, sondern erst nachdem man sich auf Ministerebene über einen Zeitplan und die Themen der Verhandlungen geeinigt hätte.
Zugegeben, die Formulierung ist zu vage, um daraus ableiten zu können, dass Teheran an einem späteren Zeitpunkt in den Verhandlungen zu Zugeständnissen in der Anreicherungsfrage bereit ist, aber die Vermutung wird noch zusätzlich durch den Umstand gestützt, dass der Chef der iranischen Atomenergiebehörden in dieser Phase an den Verhandlungen beteiligt werden soll.
Trifft diese (meine) Interpretation zu, dann geht es bei der gegenwärtigen Diskussion Freeze-Vorschlag versus iranisches Nonpaper nicht darum, ob der Iran Zugeständnisse macht, sondern um das Wann. Erst will Teheran Sicherheit, dass die Verhandlungen zu einem positiven Abschluss kommen können, bevor man selbst Kompromisse macht.
Das macht auch vor den gegenwärtigen innenpolitischen Diskussionen im Iran Sinn. Nach dem Fehlschlag der Verhandlungen mit Frankreich, Großbritannien und Deutschland 2005, als Teheran seine Arbeiten eingestellt hatte, ohne eine befriedigende Gegenleistung zu erhalten, will man sich darauf nicht noch einmal einlassen. Aus iranischer Sicht ist nun erst einmal die andere Seite mit Vorleistungen dran, und erst wenn derartige positive Signale existieren, kann man auch den Hardlinern im eigenen Lager die eigenen Zugeständnisse verkaufen.
Noch einmal: diese Interpretation bewegt sich auf dünnem Eis. Es ist auch eine andere Variante denkbar: der Iran spielt schlicht auf Zeit.