Widerstand gegen Militäraktion formiert sich in UK

5. February 2007 - 07:36

Eine Gruppe von NGOs veröffentlicht heute in London einen Bericht, in dem sie eindringlich vor den negativen Folgen einer möglichen Militäraktion gegen den Iran waren.

Military action against Iran with the goal of shutting down its nuclear programme would be “highly dangerous” and “counter-productive,” according to an independent British report. (AFP)

Zu den Unterzeichern zählen Oxfam, das der Labour Party nahe stehende Foreign Policy Centre, drei große britische Gewerkschaften sowie religiöse Gruppen wie Pax Christi und The Muslim Parliament.

Warum wäre ein Krieg gegen den Iran „sehr gefährlich und „konterproduktiv”?

  • Strengthened Iranian nuclear ambitions;
  • Even greater instability in the Middle East and broader region, especially in Iraq and Afghanistan;
  • Inflammation of the ‘war on terror’;
  • Exacerbated energy insecurity and global economic hardship;
  • Damage to developed and developing economies;
  • Environmental degradation; and
  • Civilian casualties.

Das versteht sich inzwischen fast von selbst und sicher ist nichts falsch daran, dass sich, nachdem die Kriegsbefürworter und die Stichwortgeber der Kriegsbefürworter die Debatte dominiert haben, nun die Gegenseite vernehmlich zu Wort meldet.

Allerdings steht und fällt jede Diskussion über den Umgang mit dem Iran mit der Antwort auf die Frage, wenn nicht mit Gewalt, wie lässt sich Teheran dann von seinem Atomprogramm abbringen?

Der Report:

[I]t cannot be said that the potential for diplomacy has been explored fully when direct talks between Iran and the US have not taken place. The major obstacle to full negotiations - namely, the requirement that Iran stop enriching uranium before direct talks with the US can begin - remains in place. If concessions are to be won, not only on the nuclear file but also on broader regional issues, there is more work to be done on elaborating the June 2006 package of incentives to address some of Iran’s fundamental concerns, particularly in relation to security guarantees. The idea of a ‘Grand Bargain’ should not be dismissed outright. Real diplomatic options still exist, if a face-saving solution can be found to convince the protagonists to approach the table. The possible consequences of military action could be so serious that governments have a responsibility to ensure that all diplomatic options have been exhausted. At present, this is not the case.

Das ist sicher kein ausgeklügeltes Konzept, aber eine Richtung, in die man weiter diskutieren sollte.

IISS zum iranischen Atomprogramm

1. February 2007 - 07:09

Der Iran könne nur noch zwei bis drei Jahre von der Produktion einer Atomwaffe entfernt sein, meldete heute AFP in einem Bericht über die Veröffentlichung des neusten Jahresberichts des Londoner International Institute for Strategic Studies (IISS).

Iran could be only two or three years away from being able to produce a nuclear weapon, the head of a leading international security think tank in London said.

John Chipman, of the International Institute for Strategic Studies (IISS), said Iran had stockpiled 250 tonnes of uranium hexafluoride (UF6), which, when enriched, would be enough for 30 to 50 weapons.

Nun ganz falsch ist diese Wiedergabe nicht, aber in der Presseveröffentlichung des IISS liest sich das doch weit vorsichtiger formuliert.

If and when Iran does have 3,000 centrifuges operating smoothly, the IISS estimates it would take an additional 9–11 months to produce 25 kg of highly enriched uranium, enough for one implosion-type weapon. That day is still 2–3 years away at the earliest.

Die Betonungen liegen auf if und at the earliest.

Dieses If hängt von einer Reihe von Faktoren ab.

Das IISS meint, der Iran habe die notwendigen Vorbereitungen getroffen und verfüge über das ausreichende Material, um die angekündigten 3.000 Zentrifugen in Natanz zu montieren.

The casings, piping and other infrastructure for the centrifuges is in place. Iran is probably on track to meet its goal of producing 3,000 centrifuges by the end of March or shortly thereafter.

Diese Behauptung lässt aufhorchen, denn ein großer Teil der Experten hat erhebliche Zweifel, ob tatsächlich die Vorbereitungen für die Montage abgeschlossen sind und ob Teheran in der Lage ist, 3.000 funktionstüchtige (!) Zentrifugen zu fertigen. Diese Metallzylinder sind extrem hohen Belastungen ausgesetzt und erfordern höchste Präzision bei der Herstellung.

Aber aller Wahrscheinlichkeit nach wird sich diese Frage mit dem nächsten Bericht der IAEA zum Iran klären.

Getting the centrifuge cascades to function properly is then another task of an entirely different order of magnitude, which would take at least another year but probably longer.

Die Zentrifugen in Einheiten von jeweils 164 (eine Kaskade) so zum Laufen zu bringen und unter einander abzustimmen, dass tatsächlich das eingeleitete gasförmige Uran angereichert werden kann. Dazu bedarf es langwieriger Test, bei denen die Anlage „trocken” = ohne das Uran einzuführen läuft.

Nach allem, was bislang bekannt ist, ist der Iran bis heute nicht in der Lage auch nur zwei Kaskaden problemlos laufen zu lassen, obwohl im April letzten Jahres die erste Anreicherung einer minimalen Menge an Uran gelang.

Iran und der Atomwaffensperrvertrag

30. September 2006 - 00:20

Recht keck behauptet die iranische Führung immer wieder, ihr Atomprogramm sei ihr natürliches Recht und dieses Recht werde durch den Atomwaffensperrvertrag verbrieft. Nicht erwähnt wird, dass der Sperrvertrag jedem Unterzeichnerstaat eine Reihe von Verpflichtungen auferlegt. Nur wer diese Verpflichtungen erfüllt, kann auch die Rechte in Anspruch nehmen.

Verstöße gegen diese Verpflichtungen werden von der iranischen Führung aber immer wieder abgestritten. So behauptete Präsident Mahmoud Ahmadinejad erst letzte Woche wieder in einem Interview mit CNN, der Iran habe sich an alle Regeln gehalten.

“They have to tell us exactly what provisions of the NPT they’re speaking of which they believe we have not abided by. There’s no such case….”

Diese Dreistigkeit hat David Albright, einst IAEA-Inspekteur und inzwischen Direktor des von im gegründeten Institute for Science and international Security in Washington, ausreichend erzürnt, um eine Liste der Verstöße zusammenzustellen.

Wenn ich es recht überschaue, sind in dem Abschnitt „Ungeklärte Fragen” zwar nicht alle umstrittenen Punkte aufgeführt, aber die Übersicht ist kurz und knapp und auch ohne allzu ausschweifende technische Vorkenntnisse zu verstehen.

Heimliche P-2 Zentrifugen?

25. August 2006 - 09:58

Der National Council of Resistance of Iran (NCRI – deutscher Arm “Nationaler Widerstandsrat des Irans”) behauptete gestern auf einer Pressekonferenz in Paris, der Iran baue heimlich moderne P-2 Zentrifugen, die leistungsfähiger sind, als die Modelle, die derzeit in der Pilotanlage in Natanz installiert werden.

The National Council said Thursday that Tehran was making advanced centrifuges, known as model P-2, at a secret site run by the “Iran Centrifuge Technology Company.” …

The opposition group said Thursday that an enrichment expert named Jafar Mohammadi was head of the centrifuge manufacturer, whose headquarters it said were on the third floor of No. 1 37th Street in Tehran’s Yousef Abad district. It said the centrifuges were assembled in three large hangars “on a side road about three kilometers from Tehran-Pars Junction on the Tehran-Damavand Highway.”

“According to the information obtained by the Iranian Resistance, at least 15 P-2 centrifuges have been assembled so far and are being tested,” Mohammad Mohaddessin, a spokesman for the group, told a news conference here. He said the group’s intelligence showed that within the next year Iran would have “hundreds of P-2 centrifuges.” (NYT)

Der NCRI ist der politische Arm der Volksmujahedin, einer linksorientierten Gruppierung, die nach der Revolution von den Khomeni-Anhängern von der Macht ausgeschlossen und schliesslich blutig verfolgt wurde. Sie siedelte sich im Irak Saddam Husseins an und kämpfte auf irakischer Seite im Krieg gegen den Iran, was innerhalb des Iran zum Verlust fast jeder populären Unterstützung geführt hat. Heute ist der NCRI zu einer nahezu sektenhaften Bewegung geworden. Die EU wie die USA führen sie als terroristische Vereinigung, lassen ihr aber einen verhältnismässig großen politischen Spielraum.

Der NCRI hat sich in der Vergangenheit immer wieder mit Enthüllungen zum iranischen Atomprogramm zu Wort gemeldet. In einigen Fällen trafen die Informationen zu. So hatte der NCRI im August 2002 als erster auf die bis dahin unbekannten Anlagen in Natanz und Arak hingewiesen und wesentlich zur Aufdeckung des geheimen Atomprogramms beigetragen. Andere Angaben waren schlicht falsch oder ließen sich nicht verifizieren. Offensichtlich verfügt der NCRI aber zu einigen Kontakten innerhalb der technischen Intelligenz im Iran.

Die „Enthüllungen” zu den P-2 Zentrifugen sind sehr konkret und erwecken damit den Eindruck der Glaubwürdigkeit. Zudem besteht schon lange der Verdacht, dass der Iran an dieser Technologie arbeitet, was von Teheran aber verneint wird.

Im April dieses Jahres hatte Präsident Ahmadinejad öffentlich erklärt, sein Land betreibe gegenwärtig Forschung zur P-2 Technologie. Die IAEA bat schriftlich um Aufklärung, erhielt aber keine Antwort.

Die IAEA dürfte kaum die Möglichkeit haben den NCRI Hinweisen nachzugehen. Der Iran ist nicht mehr bereit, sich an die Vorschriften des Zusatzprotokolls zu halten, das es den Inspektoren erlaubt, auch Anlagen zu besuchen, die nicht zuvor von der jeweiligen Regierung als nukleare Einrichtung gemeldet wurden.

Wie lange jetzt noch bis zur Bombe?

14. April 2006 - 10:32

Was hat sich nun durch die iranische Meldung von einer ersten erfolgreichen Urananreicherung am Zeitrahmen geändert, in dem Teheran – wenn es denn will – eine Bombe bauen könnte.

Nichts habe sich geändert, versichern die Experten.

“Our timeline hasn’t changed,” said [Thomas] Fingar, a top analyst for intelligence chief John Negroponte. (USA Today)

Die halb-offizielle Schätzung der US Geheimdienste, die im vergangenen Jahr durch einen Bericht der WP bekannt wurde, geht davon aus, dass der Iran zwischen fünf und zehn Jahren benötigen werde, um eine Nuklearwaffe zu bauen.

Die Schlüsselfrage ist, wie schnell der Iran die nun angekündigten 3.000 Zentrifugen bauen und in Betrieb nehmen kann, die wiederum nur ein Zwischenschritt zu einer Anlage mit 54.000 Zentrifugen sein sollen.

“It will take several years to build that many centrifuges,” Brill said.

Kenneth Brill ist Chef des National Counter-Proliferation Centers der US Regierung.

Mit der nun funktionsfähigen Kaskade mit 164 Zentrifugen würde es nach Angaben von Stephen Rademaker, im US Außenministerium für Fragen der Nichtweiterverbreitung zuständig, 13 Jahre dauern, bis eheran ausreichend hochangereichertes Uran zur Verfügung hätte. Mit 3.000 Zentrifugen würde sich der Zeitraum auf 271 Tage verkürzen. Mit 54.000 Zentrifugen könnte in 16 Tagen die notwendige Menge produziert werden.

Bis der Iran aber 3.000 Zentrifugen betreiben kann würden mindestens noch mehr als zwei Jahre vergehen, schätzt Kennette Benedict.

Kennette Benedict, executive director of the Bulletin of the Atomic Scientists, estimated it would take Iran until 2009 at the earliest to build 3,000 centrifuges capable of enriching uranium (USA Today).

Anthony H. Cordesman und Khalid R. Al-Rodhan vom Center for Strategic and International Studies in Washington waren sehr fix und haben bereits einen Tag nach der Ankündigung einen 111seitigen Report über „The Uncertain Nature of Iran’s Nuclear Programs” veröffentlicht (nun, manchmal hat man wohl das Glück zur rechten Zeit bereits etwas in der Schublade zu haben).

Der Bericht leistet die verdienstvolle Arbeit, ein wenig auszusortieren, was eigentlich gesicherte Kenntnisse über das iranische Atomprogramm sind, was Spekulation und aufzuzeigen, warum es so schwierig ist, präzisere Informationen zu erhalten. Entsprechend sind die Autoren vorsichtig mit ihren Schätzungen.

As the following chapters show, it is at best possible to speculate on how many centrifuges of the P1-type centrifuge derivative involved Iran would need to get a nuclear device and then move on to develop a significant weapons production capability. It would, however, probably be in the thousands in terms of continuously operating machine equivalents to slowly get the fissile material for a single device or “bomb in the basement,” and tens of thousands to support a serious nuclear weapons delivery capability. (S. 12)

Zu der iranischen Meldung von der ersten erfolgreichen Anreicherung besitzen sie eine Reihe von Fragen.

The Iranian claims … said nothing about how efficient the claimed use of a small 164 centrifuge chain was, what its life cycle and reliability was, and about the ability to engineer a system that could approach weapons grade material. (S. 12)

Mal ganz abgesehen davon sei die ganze Geschichte nicht unbedingt neu:

One thing was already clear long before these Iranian claims. There was nothing the UN or US could do to deny Iran the technology to build a nuclear weapon. The IAEA’s discoveries had made it clear Iran already had functioning centrifuge designs, reactor development capability, and plutonium separation capability. … As a result, … the claims of the Iranian president that Iran had made a major breakthrough … seemed to be little more than vacuous political posturing. Ahmadinejad’s statement seemed to be an effort to show the UN that it could not take meaningful action and [to] exploit Iranian nationalism. (S. 12f.)

Es trifft zu, dass der Iran tatsächlich schon Versuche mit kleineren Kaskaden durchgeführt hat, aber so weit bekannt noch nicht mit 164 Zentrifugen.

Die Bedeutung der Nachricht vom Dienstag besteht ja gerade darin, dass der Iran nicht nur über die Pläne und Einzelteile verfügt, sondern so eine Anlage tatsächlich auch zusammen bauen kann. Wer jemals einen Motor oder eine Uhr zerlegt und wieder zusammengesetzt hat weiss, dass der Unterschied erheblich sein kann.

David Albright, Direktor des Institute for Science and International Security in Washington, hatte gemeinsam mit Corey Hinderstein am 27. März in einem Papier die Schwierigkeiten aufgelistet, die mit dem Zusammenbau einer solchen Kaskade verbunden sind.

If Iran does not encounter any significant problems, Iran could then carefully introduce uranium hexafluoride into the cascade and start enriching uranium. Iran would want to operate the cascade for several months to ensure that no significant problems develop and gain confidence that it can successfully enrich uranium in the cascade. Problems could include excessive vibration of the centrifuges, motor or power failures, pressure and temperature instabilities, or breakdown of the vacuum. Iran may also want to test any emergency systems designed to shut down the cascade without losing many centrifuges in the event of a major failure. Absent major problems, Iran is expected to need roughly six months to one year to demonstrate successful operation of this cascade and its associated emergency and control systems.

Die NYT schreibt nun über ihn

Mr. Albright of the Institute for Science and International Security said he was not surprised that the Iranians had got a group of 164 centrifuges up and running and had begun to introduce uranium gas into them for enrichment.

“There’s still a lot they have to do,” he said, to perfect the operation of the cascade of centrifuges. A report that he and his colleagues made public late last month suggested that Iran would need 6 to 12 months to master that process, and Mr. Albright said in an interview that he stood by that rough estimate as accurate.

Das finde ich nun etwas verwirrend.

Glaubt man den iranischen Angaben, dann funktioniert die Anlage. Dazu müssten sie eine Reihe der von Albright/Hinderstein genannten Probleme schneller gelöst haben, als die beiden angenommen haben. Dann stimmt der Zeitplan nicht (und es stellt sich die Frage, wie ihnen das gelungen sein mag).

Oder die Iraner haben einen ersten erfolgreichen Probelauf als großen Durchbruch in die Welt trompetet.

Oder sie haben gelogen.

Wenn IAEA Generaldirektor ElBaradei zum 28. April den vom Sicherheitsrat verlangten nächsten Bericht vorlegt, werden wir wahrscheinlich mehr wissen.