Tür nicht zugeschlagen

25. August 2006 - 22:36

Manchmal ist es schwer auszumachen, ob nun dem Iran oder den europäischen Staaten mehr bange ist angesichts dessen, was nun nach dem einstweiligen Scheitern von Verhandlungen folgen mag.

Eigentlich waren die Regeln klar: sollte Teheran nicht bereit sein, seine Arbeiten an der Urananreicherung bis zum 31. August auszusetzen, dann soll im UN Sicherheitsrat über „weitere Maßnahmen” nachgedacht werden. Aber ganz so klar ist es wohl doch nicht.

Am Dienstag hat der Iran seine lang erwartete Antwort auf den Verhandlungsvorschlag der P5+1 abgegeben. Implizit geht daraus hervor, dass Teheran die Vorbedingung für jegliche Verhandlungen (Aussetzung der Urananreicherung) nicht erfüllen wird.

Dennoch:

The European Union said Friday it will prod Iran to clarify questions about its lukewarm response to a package of economic incentives designed to get the country to suspend uranium enrichment. (AP)

In anderen Worten: die EU will mit dem Iran darüber verhandeln, ob man nicht doch verhandeln kann. Hatte in der Vergangenheit der Iran immer davon Gesprochen, dass der P5+1 Vorschlag voller Unklarheiten sei und deshalb Klärungsgespräche notwendig seien, hat sich die Lage nun umgedreht.

Javier Solana, the EU’s foreign affairs chief, told reporters he would seek talks with the Iranian leaders to discuss their response. “We have to work to understand it properly,” he said.

Solana said he had held two telephone conversations since Tuesday with Ali Larijani, Iran’s chief nuclear negotiator, but needed more talks “before we can come out with a complete response” to Iran’s views.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier ließ erkennen, was bei Verhandlungen über Verhandlungen zu verhandeln ist:

Earlier, German Foreign Minister Frank-Walter Steinmeier said Iran wants guarantees that it won’t face U.N. sanctions before it agrees to restart negotiations over its nuclear program and the offer of economic incentives. He called that condition unacceptable.

“I have always said that we must begin negotiations without preconditions. … That is why Iran must understand we cannot come to the negotiating table when every day new centrifuges are being constructed,” Steinmeier told reporters.

Unter “Vorbedingungen” versteht Steinmeier nicht die vom Sicherheitsrat geforderte Aussetzung der Urananreicherung, sondern in einer weiteren Umkehrung der Dinge sieht er die Weiterarbeit an der Anreicherung als eine „Vorbedingung” an.

Nach einem Gespräch mit dem französischen Präsidenten Jacques Chirac hatte Bundeskanzlerin noch einmal klar gemacht, dass zumindest für Paris und Berlin die Verhängung von Sanktionen nicht unbedingt der nächste, naheliegende Schritt ist.

After talks in Paris with Chirac, German Chancellor Angela Merkel complained that Iran’s message had no reference to the demand for a suspension of uranium enrichment. “But the door is open,” she said.

EU beginnt mit Beratungen über Sanktionen

11. April 2006 - 00:52

Auf ihrer gestrigen Tagung begannen die EU Außenminister mit den Beratungen über mögliche Sanktionen gegen den Iran. Laut Reuters war Grundlage der Diskussion ein vertrauliches Papier vom Außenbeauftragten Javier Solana.

European Union foreign policy chief Javier Solana, who drafted a confidential options paper for the 25 ministers, and British Foreign Secretary Jack Straw insisted it was just a contingency-planning exercise and sanctions were not imminent.

Beraten wurde eine Palette möglicher Maßnahmen.

EU officials said that among steps envisaged in Solana’s paper were a travel ban on individuals involved in Iran’s nuclear programme, tighter export controls on dual-use technologies, a ban on Iranian students studying sensitive sciences in European universities and, ultimately, a ban on export credit guarantees to companies trading with Iran.

Hinzu kommt ein mögliches Einreiseverbot für iranische Offizielle. Nicht, was zumindest den Europäern wirklich weh tun würde.

Über den Verlauf der Diskussionen ist nichts bekannt. Entscheidungen sollen nicht gefällt worden sein.

French European Affairs Minister Catherine Colonna said no decisions were taken on Solana’s “reflection paper.”

Nachgedacht wurde aber offensichtlich darüber, ob solche Sanktionen im Alleingang (in Abstimmung mit den USA) oder nur nach einer entsprechenden Entscheidung im UN Sicherheitsrat verhängt werden.

German Foreign Minister Frank-Walter Steinmeier said the EU would only adopt restrictions of its own against Iran if there was deadlock in the United Nations.

Der Satz muss wohl korrekter anders herum lauten: Wenn die UN blockiert sind, verhängen wir Sanktionen im Alleingang.

Von Solana kamen auch die ersten Reaktionen auf die Presseberichte in den USA, die Planung eines Luftangriffs gegen den Iran werde beschleunigt.

“It has nothing to do with reality,” he said. “Any military action is absolutely out of the table for us.”

Steinmeier drängt auf direkte Gespräche

5. April 2006 - 10:07

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier ist nach meinem Stand der Kenntnisse der erste westliche Außenminister, der öffentlich sagt, was alle denken:

German Foreign Minister Frank-Walter Steinmeier urged the US government to address Iran’s disputed nuclear program in mooted bilateral talks with Tehran on Iraq.

Steinmeier said ahead of a meeting with US Secretary of State Condoleezza Rice that direct negotiations between Washington and Tehran held the potential to break a deadlock over the protracted nuclear crisis. (AFP)

Schon am gestrigen Dienstag hatte Steinmeier in seinen Gesprächen mit dem Nationalen Sicherheitsberater der USA, Stephen Hadley, auf direkte Gespräche gedrängt.

“Based on reports that there are apparently talks taking place arranged by the American ambassador in Baghdad with the Iranian leadership about the situation in Iraq, I advised that the topics should not be limited just to Iraq but expanded to include one of the most urgent problems confronting us all: the suspicion that Iran, the Iranian leadership, is pursuing secret atomic weapons programs,” he [Steinmeier] told reporters.

Dies ist die gute Nachricht. Die schlechte:

“But at the moment, I cannot see any signs that they are prepared to take part in such discussions.”

Und der nächste Schritt?

30. March 2006 - 19:04

Nachdem die Erklärung des UN Sicherheitsrates verabschiedet war, reagierte der Iran wie erwartet.

Der iranische Botschafter bei der UN, Javad Zarif, erklärte, sein Land werde sein Recht auf Anreicherung nicht aufgeben.

“Iran is immune to force and intimidation.” (IRNA)

Die FAZ interviewte den stellvertretenden iranischen Außenminister Manuchehr Mohammadi, der sich bei einer Konferenz der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung in Berlin zum iranischen Atomprogramm aufhält.

Auch nach einer mahnenden Erklärung des Sicherheitsrats zum iranischen Atomprogramm, die für die nächsten Tage erwartet wird, will Iran an der mittlerweile wiederaufgenommenen Anreicherung von Uran festhalten. Der stellvertretende iranische Außenminister Manuchehr Mohammadi sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die zuständigen Mitglieder der iranischen Regierung hätten schon deutlich gemacht, daß es keinesfalls neuerlich zu einer Suspendierung der nuklearen Forschungsaktivitäten kommen werde.

Sein Chef, Außenminister Manuchehr Mottaki meldete sich aus Genf zu Wort.

Iranian Foreign Minister Manouchehr Mottaki said that decision was evidence of “political maneuvering by some Western countries.” (Reuters)

Diese Äußerungen müssen noch nicht unbedingt das letzte Wort sein, denn im Iran mahlen die Mühlen langsam, aber es wäre schon eine große Überraschung wenn Teheran einlenken und seine Anreicherungsarbeiten aussetzen würde.

In Berlin trafen sich derweil die Außenminister der fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates plus der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier, um über das weitere Vorgehen im Fall Iran zu beraten.

Auf dem Flug nach Berlin erinnerte US Außenministerin Condoleezza Rice noch einmal daran, dass es Washington um mehr als nur um das Atomprogramm geht.

Speaking to reporters on her plane as she flew here, Rice said she planned to focus the discussion on the “broader concerns” about Iran’s behavior in international affairs, including its links to terrorism and its support of radical Islamic groups in Lebanon and the Palestinian territories. While the nuclear issue is paramount, she said that Iran’s other actions must be considered.

“I think it’s more of an issue of the context in which we understand Iran’s nuclear ambitions,” Rice said. “It is a troublesome regime for peace and stability in the Middle East.” (WP)

Bei dem Treffen wolle sie über die “nächsten Schritte” sprechen, so Rice VOR Beginn der Beratungen.

Nach dem Treffen, so notiert Joel Brinkley in der NYT, klang es allerdings ein wenig anders.

On her way here Wednesday night Mr, Rice said the meeting was being held to begin discussions of “the next steps” to be taken against Iran, now that the Security Council statement had been approved. Later, after Russia’s and China’s public rebuke of the idea of taking any further action, a senior administration official, briefing reporters, offered a different goal for the meeting, saying it had been an effort to keep the coalition of nations opposed to Iran’s nuclear program together.

Sowohl Russland wie auch China waren bei ihrer strikten Ablehnung einer verschärften Vorgehensweise oder gar Sanktionen geblieben.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow nach dem Treffen:

“In principle, Russia doesn’t believe that sanctions could achieve the purposes of settlement of various issues.”

Der Showdown nicht nur zwischen dem Sicherheitsrat und dem Iran, sondern auch der Showdown zwischen Washington und Moskau geht weiter.

Die amerikanische Seite betont zwar, entscheidend sei ein geschlossenes Auftreten gegenüber Teheran, aber auf Dauer werden sich die USA von Russland nicht mehr ausbremsen lassen. Der Zeitpunkt wird kommen, an dem Russland die Frage gestellt werden wird, „mit uns oder mit Teheran?”

In Moskau wird man sich zweimal überlegen, ob man wie im Fall Irak erneut die offene Kontroverse mit den USA riskiert. Die Beziehungen zu Washington haben sich allemal spürbar abgekühlt. Diesmal stehen die Europäer auf der Seite der Amerikaner und auch der strategische Wert Irans hat seine Grenzen. Zudem kann ein nuklear bewaffnetes Teheran an seiner südlichen Grenze auch Moskau nicht recht sein.

Die USA werden nicht nachlassen, auf Sanktionen gegen den Iran zu drängen. Anfang Juli findet in St. Petersburg der G8-Gipfel statt, bei dem der russische Präsident Putin den Vorsitz führen wird. Ungern geht man bei solchen Gelegenheiten im Streit auseinander und als Vorsitzendem wird es Putin angekreidet, wenn er nicht eine Einigung herbeiführen kann.

Nur: können Sanktionen den Iran wirklich noch davon abhalten, über einen geschlossenen Brennstoffkreislauf zu verfügen?

Carne Ross, ehemals britischer Diplomat bei der UN zu Zeiten der Sanktionen gegen Saddam Hussein, äußert sich heute in einem Beitrag für die WP sehr skeptisch.

Vier Erfahrungen habe man mit Sanktionen in der Vergangenheit machen müssen:

1. Das Ziel der Sanktionen müsse weithin, vor allem aber von den Nachbarstaaten geteilt werden.

2. Ein Öl-Embargo sei angesichts der erhöhten Nachfrage nach Rohöl ein zweischneidiges Schwert.

3. Selbst die aggressivsten Sanktionen wie beispielsweise eine totale Wirtschaftsblockade würden meist ihren Zweck nicht erfüllen.

4. Die Durchsetzung von Sanktionen sei eine sehr langfristige und mühsame Aufgabe.

Vielleicht sei es möglich, den Iran mit sehr zielgerichteten Sanktionen wie Einfrieren von Auslandsvermögen, Reisebeschränkungen, etc. unter Druck zu setzen.

Es gebe aber ein ganz großes Problem:

All U.N. sanctions in the past have been imposed on governments that have done something seriously wrong — such as invading other countries (Iraq) or brazenly hosting terrorist organizations (the Taliban). The claim that Iran might be developing a nuclear bomb hardly meets this standard, particularly because Pakistan and India got away with it (and with U.S. sympathy) and because U.S. intelligence assertions on weapons of mass destruction are, thanks to the Iraq experience, thoroughly disbelieved.

Auch IAEA Generaldirektor Mohammed ElBaradei hält Sanktionen für eine schlechte Idee.

“Sanctions are a bad idea. We are not facing an imminent threat. We need to lower the pitch.” (Reuters)

Und er sagte noch etwas:

“Nobody has the right to punish Iran for enrichment. We have not seen nuclear material diverted to a nuclear weapon but we are not saying that the programme is used exclusively for peaceful purposes because we still have work to do.”

ElBaradei in Berlin

27. March 2006 - 23:32

Condoleezza Rice und die Außenminister Frankreichs, Großbritanniens, Chinas und Russland werden am kommenden Donnerstag nach Berlin kommen, um gemeinsam nach einem Ausweg aus der verrannten Situation mit dem Iran zu suchen.

Der Generaldirektor der IAEA, Mohammad ElBaradei war heute schon zu Gesprächen mit Merkel und mit Bundesaußenminister Steinmeier da.

Ganz auf Linie der Beschlüsse des Gouverneursrates der IAEA sagte er gegenüber der Presse

“We would like Iran to suspend its enrichment program.” (Reuters)

Und er sagte noch etwas, was vielleicht auch am Donnerstag Thema bei der Runde der sechs Außenminister sein könnte:

He said the dispute over Iran was part of a regional security problem that should be addressed in direct talks between the United States and Iran.

He also said “the only way to resolve the Iranian issue is through negotiations.”

“A comprehensive package that deals with the whole security issue at the heart of this nuclear problem in Iran needs to be addressed with all concerned parties.” (AP)

Ich habe das Gefühl, dass wir das Stichwort “comprehensive package” (als Teil des bekannten Duos „Sticks & Carrots”) in den kommenden Tagen noch häufiger hören werden.

Die Idee, ein neues, letztes Verhandlungspaket zusammenzustellen, gewinnt in einigen Hauptstädten mehr und mehr an Gewicht. Dieses Paket soll eng mit Moskau abgestimmt werden. Ein neues Verhandlungsangebot an den Iran wäre ein Entgegenkommen gegenüber Russland. Lehnt der Iran ab, dann wird sich Moskau im Gegenzug auch nicht mehr gegen eine härtere Gangart im Sicherheitsrat sträuben.