Entscheidung beim Lunch

4. June 2006 - 09:32

Im Stile von Bob Woodward berichten Helene Cooper und David E. Sanger heute in der NYT über den Entscheidungsprozess im Zentrum der Bush Regierung, der schließlich zu dem Angebot der USA an den Iran führt, an direkten Gesprächen über das Atomprogramm teilzunehmen, wenn Teheran seine Anreicherungsarbeiten aussetzt.

On a Tuesday afternoon two months ago, Secretary of State Condoleezza Rice sat down to a small lunch in President Bush’s private dining room behind the Oval Office and delivered grim news to her boss: Their coalition against Iran was at risk of falling apart.

Vorausgegangen war ein Treffen mit den Außenministern der anderen Permanent Fünf + Deutschlands in Berlin, wo über Sanktionen gegen den Iran beraten werden sollte, die dann wiederum vom UN Sicherheitsrat beschlossen werden sollten. Das Treffen endete ohne Ergebnis.

Teheran setzte sein nuklearen Arbeiten fort und zeigt sich von amerikanischen Drohungen unbeeindruckt, weil sich im Sicherheitsrat Russland jeglicher Zwangsmassnahme gegen den Iran widersetzte.

Es sah für die US Strategie, den Iran mit einer Mischung aus Diplomatie und Sanktionen zum Einknicken zu zwingen, nicht gut aus. Wie die Dinge damals liefen, blieb schließlich nur noch entweder ein Luftangriff auf iranische Nuklearanlagen oder – Teheran setzt sich durch.

The president grimaced, one aide recalled, interpreting the look as one of exasperation “that said, ‘O.K., team, what’s the answer?’

Die Antwort lautete Teilnahme an den Gesprächen, ein Gedanke, mit dem sich schließlich auch Präsident George W. Bush und Vize-Präsident Dick Cheney anfreunden konnten.

It is unclear how much dissent, if any, surrounded the decision, which appears to have been driven largely by the president, Ms. Rice and Mr. Hadley, with other senior national security officials playing a more remote role. Both White House and State Department officials say that Vice President Dick Cheney, long an opponent of proposals to engage Iran, agreed to this experiment. But it is unclear whether he is an enthusiast, or simply expects Iran to reject suspending enrichment — clearing the way to sanctions that could test the Iranian regime’s ability to survive.

Bush zögerte bis zur letzten Minute, ob er dem Gesprächsangebot seine Zustimmung geben sollte, gab aber schließlich grünes Licht, nachdem ihm der russische Präsident Wladimir Putin sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich zugesagt hatten, sie würden Sanktionen im Sicherheitsrat unterstützen, sollte der Iran die Vorbedingung für Verhandlungen, die Aussetzung der Urananreicherungsarbeiten, nicht erfüllen.

Mr. Bush left open the option of scuttling the entire idea until early Wednesday morning, three senior officials said, speaking on the condition of anonymity because they were describing internal debates in the White House. He made the final decision only after telephone calls with President Vladimir V. Putin of Russia and the chancellor of Germany, Angela Merkel, led him to conclude that if Tehran refused to suspend its enrichment of uranium, or later dragged its feet, they would support an escalating series of sanctions against Iran at the United Nations that could lead to a confrontation.

Sollte diese NYT Darstellung zutreffen, dann werden Meldungen der vergangenen Tage relativiert, dass Russland wie China es sich vorbehalten haben, im Sicherheitsrat noch einmal erneut darüber zu diskutieren, ob auf die Weigerung Teherans mit Sanktionen reagiert werden soll. Dies scheint nun ausgemachte Sache zu sein und der neue Verhandlungsvorschlag wäre mehr oder weniger ein Ultimatum an den Iran.

Beruhigend ist es, am Rande zu erfahren, dass die „militärische Option”, die laut Rice immer noch auf dem Tisch liegt, auch im Weißen Haus nicht viele Anhänger hat.

Neues Verhandlungspaket vereinbart

2. June 2006 - 10:56

Die fünf ständigen Mitglieder des UN Sicherheitsrates plus Deutschland haben sich in der letzten Nacht im Wien schließlich auf ein neues Paket mit Verhandlungsangeboten an den Iran einigen können.

Der genaue Inhalt dieses fünf bis sechs Seiten umfassenden Dokuments ist nicht bekannt. Offensichtlich wollen sich die sechs ihren Vorschlag nicht durch Vorabveröffentlichungen zerreden lassen. Im letzten August hatte Teheran bereits vor der Übergabe des Verhandlungsangebotes den Vorschlag zurückgewiesen, nachdem der Inhalt bereits vorab bekannt geworden war.

In verschiedenen Pressemeldungen war in den vergangenen Tagen zu lesen, dass zu den Angeboten die Kooperation in der Nutzung ziviler Nuklearenergie mit dem Iran, worin auch die Lieferung von Leichtwasserreaktoren eingeschlossen sei, sowie eine Garantie auf die Lieferung von Brennstäben für zivile Atomreaktoren gehören. Zusätzlich geboten würden ein Ausbau der wirtschaftlichen wie politischen Beziehungen. Sicherheitsgarantien für den Iran werden in diesen Aufzählungen nicht genannt.

Vorbedingungen für Verhandlungen sind, dass Teheran seine Arbeiten an einer eigenen Urananreicherung aussetzt.

Britain’s new foreign secretary, Margaret Beckett, read a statement on behalf of the six countries, saying: “We have agreed on a set of far-reaching proposals as a basis for discussions with Iran. We believe they offer Iran the chance to reach a negotiated agreement based on cooperation.”

She said the nations represented at the talks “are prepared to resume negotiations should Iran resume suspension of all enrichment related and reprocessing activities” as required by the International Atomic Energy Agency. “And we would also suspend action in the Security Council,” she added.

Ms. Beckett warned that “further steps would have to be taken in the Security Council” if Iran did not comply. But the statement carefully avoided any mention of sanctions or other specific, punitive measures, and Ms. Beckett took no questions. (NYT1)

Einer der am heftigsten umstrittenen Punkte der Debatte der vergangenen Nacht war die Frage, zu welchen Konsequenzen es führen soll, wenn der Iran den Vorschlag ablehnt. Ursprünglich wollten die USA parallel mit der Übergabe des Vorschlages im UN Sicherheitsrat eine Resolution verabschieden lassen, die dem Iran 30 Tage Zeit gibt, die Anreicherungsarbeiten einzustellen. Dies ist an der Ablehnung vor allem von Russland, aber auch von China sowie Deutschlands gescheitert.

Geblieben ist aber eine Koppelung zwischen iranischer Ablehnung und der Verabschiedung einer Sicherheitsresolution, in der Teheran für sein Nein mit Sanktionen bestraft würde. Der Mechanismus eines solchen Zusammenhanges wird aber aus den Presseberichten nicht ganz klar.

So scheint es ein Einvernehmen zwischen allen sechs Staaten zu geben, dass Sanktionen beschlossen werden, sollte Teheran nicht positiv reagieren. Aber weder ist definiert, welche Sanktion aus einem ganzen Katalog möglicher Strafmassnahmen angewandt werden soll, noch wie eine derartige Resolution abgefasst werden soll.

Steven R. Weisman berichtete am 31. Mai in der NYT

For months the United States has demanded that pressure on Iran must increase through passage of a Security Council resolution under Chapter VII of the United Nations charter. This chapter invokes the Council’s power to demand compliance of member countries on certain matters and threaten punishment if they refuse.

Russia, fearing a replay of the run-up to the Iraq war in 2002 and 2003, has opposed any invocation of Chapter VII, on the ground that the United States might seize upon its approval as a justification for acting unilaterally to impose economic penalties or use military force against Iran.

To placate the Russians, the United States has agreed to invoke only Article 41 of Chapter VII, and not the whole chapter. Article 41 makes no reference to the possible use of force, and therefore offers the Russians a means to support it.

Ebenfalls nicht ganz klar scheint zu sein, ob sich Russland und China damit einverstanden erklärt haben, bei einer Ablehnung aus Teheran automatisch eine Resolution zu Sanktionen zu unterstützen, oder ob dazu neue Beratungen und Absprachen notwendig sind.

Nach Angaben von US Präsident George W. Bush, wäre Russland automatisch dabei.

Bush, speaking to reporters after meeting with his Cabinet, said he had talked with Russian President Vladimir Putin on Tuesday and gotten a “positive response.”

“We expect Russia to participate in the United Nations Security Council,” Bush said he told Putin. (LAT)

Nicht ganz so positive scheint das Telefonat mit dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao verlaufen zu sein.

“They understood our strategy,” Bush said. “The most positive thing about all the conversations I had is there’s uniform agreement that the Iranians should not have a nuclear weapon. And we’ll discuss tactics and strategies to make sure the international community speaks with one clear voice.”

Im Klartext: Hu Jintao hat keine klare Zusage gegeben.

Aus dem Munde von Wladimir Putin hört sich die russische Haltung auch ganz anders an, als Bush sie verstanden haben will.

In an interview with international news agencies at his residence outside Moscow, Vladimir V. Putin, the president of Russia, said his country opposed the use of military force against Iran “under any circumstances.”

He also ruled out any immediate discussion of sanctions, leaving open the question of whether Russia would ever support punitive action if Iran persists in resisting demands to suspend its uranium enrichment program.

“As for sanctions, we think it is a bit too early to put those on the agenda, as well,” Mr. Putin said, according to the Interfax news agency. “There needs to be a detailed discussion with the Iranian leadership.” (NYT3)

Offen scheint auch zu sein, ob dem Iran eine Frist gesetzt wird, bis zu der die Anreicherung ausgesetzt werden muss, um Sanktionen zu vermeiden.