Lesern dieses Blogs wird nicht entgangen sein, dass ich den seit Monaten von den USA vorgetragenen Behauptungen, der Iran bilde Aufständische im Irak aus und versorge sie sowohl mit Waffen wie mit Geld, äußerst skeptisch gegenüber stehe.
Für diese Skepsis gibt es zwei Gründe. Zum einen haben die USA für ihre Anschuldigungen bislang keine stichhaltigen Belege vorgelegt. Wenn es denn solche iranische Agenten gibt, warum wurden sie dann nicht gefangen genommen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht? Wenn es iranische Bombenwerkstätten gibt, warum wurden sie dann nicht der Presse gezeigt?
Der zweite Grund: Teheran hat mit Sicherheit ein großes Interesse an einem stabilen Irak, der fast notgedrungen aufgrund der religiösen Zusammensetzung des Landes von schiitischen Gruppen geführt würde. Ein schiitisch geführter Irak könnte zu einem strategischen Verbündeten werden, Teheran seinen Einfluss ausweiten und strategische „Tiefe“ erreichen. Hinzu kommen erhebliche wirtschaftliche Vorteile.
Vielleicht ist es aber an der Zeit, diese möglicherweise zu einfache Sicht zu revidieren.
In den letzten Wochen haben sich auch die unabhängigen Berichte gemehrt, die ebenfalls auf eine Zusammenarbeit des Irans mit irakischen Aufständischen verwiesen.
Jüngstes Beispiel ist TIME.
For months, a range of U.S. officials in Baghdad have repeatedly aired allegations against Iran in public while offering almost no convincing proof, arguing that doing so would reveal classified information. Military officials in Iraq have told TIME that militia fighters in U.S. custody have admitted to training in Iran during interrogations but refuse to give further details. However, recent interviews by TIME with Iraqi militants who recounted visits to Iran for training largely (though not perfectly) fit patterns described by American officials in Baghdad and Washington regarding Tehran’s role.
Reporter von TIME haben Mitglieder von Maqtada al-Sadrs Mahdi Armee getroffen, die angaben, im Iran ausgebildet und von dort auch finanziell unterstützt worden zu sein.
Ali’s own training in Iran came in late 2005, when he says he and a group of roughly 14 other Iraqis drove to the southern city of Amarah, near the Iranian border. Everything had been arranged through contacts in Syria and Lebanon, where he and his group had fled for a time trying to avoid capture by American forces. According to Ali, a convoy of new sport utility vehicles with drivers speaking only broken Arabic was waiting for them in Amarah. Soon the group was on the road east for a five-hour drive. The destination was an Iranian training facility, where instructors told the recruits not to speak to anyone but them. “We saw a lot of really strange people, a lot of men wearing very long beards,” Ali says.
Ali and four others were given training in advanced explosives with both lectures and hands-on practice. The course was done in 45 days. At the end, a handler talked to each of them separately and gave them a phone number to call in Iraq. Ali was given $10,000 in cash, he said, with a handler telling him the money was meant to support his efforts.
“I was shocked,” says Ali, who sat for an interview with TIME on the southern outskirts of Baghdad. “I never dreamed I would hold $10,000 in my hands.” The starter money, however, was only a “drop in the sea.” Ali says he continues to phone for funds with the contacts he made in Iran and that his group has conducted two successful roadside bomb attacks against American forces operating north of Baghdad.
“Ali” fügte noch hinzu, dass diese Gruppen, die die Unterstützungen des Irans haben, zwar als Mahdi Armee firmieren, in Wirklichkeit aber nicht dazu gehören.
Ali, whose name is an alias, told TIME that there were indeed cells of fighters drawn from the ranks of the Mahdi Army who are now operating essentially at the behest of handlers and financiers with links to Iranian intelligence services. “They are gangs working under the name of Mahdi Army,” says Ali, who joined the Mahdi Army in 2004. “The real Mahdi Army has nothing to do with them.”
TIME zitiert noch einen zweiten schiitischen Kämpfer.
Another Shi’ite guerrilla fighter interviewed by TIME offered a similar account, though he considered his group nationalist rather than sectarian. Says Abu Mohammed of his trainers in Iran: “They all speak perfect Arabic with a Lebanese accent. But we found out when we asked that they are either Quds Force or Iranian intelligence.” Mohammed and his group, however, later lost interest in attacking coalition troops and eventually parted ways with their Iranian handlers.
Wenn diese Darstellungen denn richtig sind (und ich sehe keinen Grund, daran zu zweifeln), dann lässt sich kaum bestreiten, dass die Quds Einheiten der Pasdaran im Irak aktiv sind. Mehr noch: es ist nicht verwunderlich, dass natürlich auch der Iran, wie jede andere interessierte Partei Kontakte zu Gruppen unterhält und versucht, Einfluss über sie zu gewinnen, aber hier wird eine wichtige Linie überschritten. Iraker werden ausgebildet, um aktiv gegen amerikanische Truppen zu kämpfen.
Zwei Darstellungen lassen allerdings noch keine weiteren Schlüsse zu, in welchem Umgang dies geschieht, und die US Army ist damit auch noch nicht aus der Pflicht entlassen, Belege für die Behauptung zu bringen, der Iran unterstütze die Aufständischen.
Bleibt die Frage nach dem Warum.
Ich halte nach wie vor an der These fest, dass ein stabiler Irak im vorrangigen Interesse des Irans ist, aber es gibt offensichtlich noch einen Nebenaspekt.
Eine Erklärungsmöglichkeit wären „rough“ Elemente im Iran, die eine Politik auf eigene Faust betreiben oder schlicht einen kleinen Waffenhandel zum eigenen Vorteil betreiben. Auch hier habe ich wenig Zweifel, dass so etwas existiert, aber eine 45tägige Ausbildung mit Sprengstoffen in einem Trainingscamp the Quds Brigaden ist keine Privatinitiative, sondern offiziell sanktionierte Politik.
Wahrscheinlicher erscheint mir eine Politik, mit der der Iran den USA signalisieren möchte, dass man ebenfalls ein „Player“ im Irak ist, der ernst genommen werden muss. Teheran demonstriert Präsenz und Einfluss und kann je nachdem, wie Washington sich verhält, Gewalt anfachen oder drosseln. Gleichzeitig wird darauf geachtet, dass solche Aktivitäten immer abgestritten werden können, um den Falken in Washington nicht einen weiteren Anlass für eine offene Konfrontation zu liefern.
Als Nebeneffekt hat Teheran zugleich eine Fußtruppe, die in die Machtkämpfe zwischen den rivalisierenden schiitischen Gruppen im Irak eingreifen könnte, und man schafft sich eine Option, bei einem US Angriff gegen den Iran im Irak zurück schlagen zu können.
Beide Strategien, die offizielle stabilisierende Haltung und die heimliche Zusammenarbeit mit aufständischen Gruppen, laufen parallel zueinander und können auch gelegentlich miteinander kollidieren, wenn beispielsweise die irakische Regierung Teheran dafür kritisiert, seinen Konflikt mit den USA auf irakischem Boden auszutragen. So lange sie sich aber nicht gegenseitig blockieren, hält der Iran einstweilen an beiden Optionen fest.
Trifft diese Überlegung zu, dann stellt sich andere Fragen: warum baut Teheran neue, „wilde“ Gruppen auf und bedient sich nicht der Badr-Brigade, die noch zu Saddams Zeiten vom Iran ausgerüstet und trainiert wurden und immer noch enge Bindungen zum Iran besitzen? Und wie genau steht es um das Verhältnis zwischen Teheran und Moqtada al-Sadr?