Josef Joffe II

26. March 2008 - 22:41

Nachdem ihm der erste Versuch darzustellen, warum der Iran trotz anderslautender Aussagen der NIE weiter an einer Atombombe arbeitet, gründlich schief gegangen ist, versucht sich Josef Joffe heute noch einmal.

Zum Anlass nimmt er den jüngsten Bericht des Chefs der US Geheimdienste, Michael McConnell, als Aufhänger.

Der erste Satz, formuliert in dürrem Bürokraten-Englisch, lautet: „Das iranische und das nordkoreanische Regime setzen sich über die Begrenzung ihrer Atomprogramme hinweg, die ihnen der UN-Sicherheitsrat auferlegt hat.“ Woher dieses Urteil? Es beruhe auf „neuen Einsichten“, die im vergangenen Jahr gewonnen wurden.

Und deshalb: Die „Sorge über Irans Absichten bleibt“. Erstens, weil „iranische Dienststellen weiter an der Uran-Anreicherung“ (hochangereichertes Uran mit einem U-235-Gehalt von 90 Prozent ist ein Weg zur Bombe, d. Red.) arbeiten. Zweitens: Iran stelle weiter Raketen auf, die einen Atomsprengkopf tragen könnten. Drittens: Dass Teheran die Waffenarbeit 2003 eingestellt habe, beruhe auf „moderate confidence“ – begrenzter Zuversicht. McConnell fügte hinzu: Ob das Geheimprogramm wieder aufgenommen wurde, wisse er schlicht nicht.(ZEIT)

Nicht ganz einfach, in so wenig Sätzen so viel Falsches zu sagen.

Was McConnell genau gesagt hat, lässt sich hier nachlesen.

Ansonsten: ist gibt bislang keinen Hinweis, dass der Iran irgendwo und irgendwann Uran höher als bis zu einem Grad von weniger als 5 Prozent (wie man es in zivilen Reaktoren verwendet) angereichert hat / wenn man in Teheran tatsächlich eine Bombe bauen will, wäre man wahrscheinlich froh, wenn man „weiter Raketen aufstellen“ könnte, die „einen Atomsprengkörper tragen könnten.“ Alle Experten sagen: kann der Iran aber nicht. / „moderate“ heißt auf Deutsch „gemäßigt“ und bedeutet, „wir sind uns zwar nicht ganz aber halbwegs sicher“. Geheimdienste lassen sich nicht gern festlegen.

Noch einmal versucht sich Joffe auch an dem IAEA Bericht aus dem letzten Monat.

Interessant ist, was die IAEA in Wien, die Überwachungsbehörde der UN, zu sagen hat – in einem Bericht, der ebenfalls im Februar 2008 erschien. Ihr Urteil ist dezidiert schärfer als das des National Intelligence Council. Er enthält eine Fülle technischer Details, die reichlich „Hinweise“ (wie es im Geheimdienst-Jargon heißt) für die Fortführung des Bombenprogramms liefern.

Die Hinweise beziehen sich auf die Beschaffung (oder versuchte Beschaffung) von kritischen Komponenten für die Waffenherstellung sowie auf die Forschung zu diesem Zweck. Als da wären: Detonatoren (die eine nicht-kritische Masse zu einer kritischen zusammenstauchen), Testvorbereitungen und fortgeschrittene Zentrifugen, die die Anreicherung beschleunigen.

Joffe hat offensichtlich überlesen (was nicht ganz einfach ist), dass eben dieser Bericht feststellt, dass – bis auf die „angeblichen Studien“ – der Iran alle diese „Hinweise“ zur einstweiligen Zufriedenheit der Behörde entkräft hat.

Okayokay. Genug davon.

Kein Joffe mehr.

Josef Joffe

19. March 2008 - 20:07

Lange nichts mehr von Josef Joffe gehört, Mitherausgeber der ZEIT und dort vor allem für internationale Politik zuständig: deutsch-amerikanische Beziehungen, die große (globale) Ordnung der Dinge.

Augefallen ist er mir gestern, als er als einer der prominenten Befürworter des Krieges gegen den Irak gefragte wurde, „How Did I Get Iraq Wrong?“.Ehrlich gesagt habe ich seine Antwort nicht ganz verstanden, und befürchte, dass dies nicht allein an meinen unzureichenden Englischkenntnissen liegt.

Heute nun überrascht uns Joffe mit dem Beweis, dass der Iran doch - anders als es noch im NIE zu lesen war - doch weiter an einer Atombombe arbeitet.

Am meisten hat das die IAEA (Internationale Atomenergieorganisation) in Wien, den anti-atomaren Wachhund der UN verblüfft. Die Behörde wehrte sich denn auch höflichen Wortes gegen das “Alles klar”-Signal. Am 4. März 2008 konnte die Behörde die UN überzeugen, eine dritte Runde von Sanktionen gegen Iran einzuleiten, weil das Land sich stur weigert, die Uran-Anreicherung und Schwerwasser-Produktion zu stoppen. Und zu Recht. (ZEIT)

Tatsächlich??

Wie konnte die IAEA verblüfft sein, wenn sie selbst bislang keinen Beweis für ein solches Programm hat?? Und die IAEA hat die UN (gemeint ist wohl der Sicherheitsrat) überzeugt, eine dritte Runde von Sanktionen einzuleiten? Wackelt da der Schwanz nicht mit dem Hund?

Dann kommt ein Absatz, den ich beim besten Willen nicht auf eine sinnvolle Aussage reduzieren kann.

Anreicherung über drei Prozent hat mit Energiegewinnung nichts mehr zu tun, und Schweres Wasser (Deuterium), eine Art Neutronenbremse, wird in größeren Mengen nur in Kernkraftwerken gebraucht, die auf dem kanadischen CANDU-Design basieren. Die gibt es in Buschir nicht. Aus der Kühlflüssigkeit von Schwerwasser-Reaktoren kann allerdings Tritium gewonnen werden: ein klassischer “Booster”, der die Sprengkraft von Atombomben hochjagt.

Wer spricht von Anreicherung über drei Prozent und was hat der Schwerwasserreaktor in Arak mit dem Reaktor in Bushehr zu tun??

Egal. Der eigentliche Knüller kommt noch:

Nun kommt ein Bericht von Jane’s Defense Weekly (19. März) hinzu, der einschlägigen Fachzeitschrift für Rüstungs- und Sicherheitspolitik. Der Schlüsselsatz lautet: “Jane’s hat Beweismaterial einsehen können, das zeigt: Trotz aller Dementis führt Iran sein Forschungsprogramm zur Entwicklung atomarer Waffentechnik weiter.” Das Material stammt von nicht genannten Geheimdiensten, aber auch von der Wiener Behörde.

Laut Jane’s soll an einer „Implosions-Bombe“ (Joffes Worte) mit einem Durchmesser von 60 cm forschen, der praktischerweise auf die iranische Mittelstrecken-Rakete Shahab-3 passen würde.

Jane’s’ Fazit: “Well-placed sources claim that Iran is continuing its nuclear weapons program” - zuverlässige Quellen behaupten, dass Iran sein Nuklearwaffenprogramm fortführt.

Aha, „wohlplatzierte Quellen“!!

Da fragt sich auch Joffe, wie gut und welcher Art diese Quellen wohl sein mögen, die ausgerechnet Jane’s aber beispielsweise nicht der IAEA ihre Kenntnisse anvertrauen (resp wenn sie der IAEA dies mitgeteilt haben, dann scheint man in Wien die Quellen nicht als „wohlplatziert“ genug einzuschätzen, um diese Vorgange im jüngsten Bericht zu erwähnen).

Aber logisch würde Joffe es schon finden.

Wie zuverlässig, enthüllt das Magazin nicht, obwohl es auch von “Quellen” spricht, die “AMAD nahestehen”. Zumindest die Logik spricht für Jane’s. Wenn Iran, wie der National Intelligence Council behauptet, tatsächlich den Waffenbau eingestellt hätte, warum nimmt es dann lieber weitere Sanktionen in Kauf, als die Hoch-Anreicherung und Schwerwasserproduktion einzustellen - oder zumindest die Anlagen zu öffnen. Dann könnte sich die Welt davon überzeugen, dass das Schwere Wasser nur zu Zwecken der (zivilen) nuklearen Magnetresonanz hergestellt wird. Oder um damit den Stoffwechsel lebender Systeme zu messen.

Ja, warum nimmt der Iran Sanktionen in Kauf, statt die „Hoch-Anreicherung“ (welche Hoch-Anreicherung??) und die Schwerwasserproduktion (die IAEA interessiert sich nur beschränkt für die Schwerwasserproduktion, interessanter ist der im Bau befindliche Schwerwasserreaktor) einzustellen? Vielleicht einfach weil Teheran glaubt, auf eine eigene, vom Willen ausländischer Lieferanten unabhängige Versorgung mit angereichertem Uran nicht verzichten zu können. Zumindest sagen das die iranischen Offiziellen seit mindestens fünf Jahren jede Woche einmal.

Und: die IAEA hat sich noch nicht darüber beschwert, dass man ihnen einen Blick auf die iranischen Vorräte an schwerem Wasser verwehrt hätte.

Vielleicht sollte Slate demnächst mal eine Reihe starten „How Did I Get Iran Wrong?“.

Der SPIEGEL und das JRC

21. February 2008 - 22:46

Der SPIEGEL berichtet heute über neue Simulationen in einem Forschungszentrum der EU im italienischen Ispra, die zu dem Ergebnis kommen, dass der Iran schneller über eine ausreichende Menge an hochangereichertem Uran für den Bau einer Atombombe haben könnte, als beispielsweise das US National Intelligence Estimate vorausgesagt hat. Laut NIE wäre der Iran dazu irgendwann in den Jahren zwischen 2010 und 2015 in den Jahren.

As part of a project to improve control of nuclear materials, the European Commission Joint Research Centre (JRC) in Ispra, Italy set up a detailed simulation of the centrifuges currently used by Iran in the Natanz nuclear facility to enrich uranium. … For one scenario, the JRC scientists assumed the centrifuges in Natanz were operating at 100 percent efficiency. Were that the case, Iran could already have the 25 kilograms of highly enriched uranium necessary for an atomic device by the end of this year. Another scenario assumed a much lower efficiency — just 25 percent. But even then, Iran would have produced enough uranium by the end of 2010.

Erstaunlich, womit sich die Wissenschaftler am JRC so die Zeit vertreiben. Wenn wir von P-1 Zentrifugen reden, dann sind die technischen Parameter hinreichend bekannt. Dass man mit 3.000 P-1 Zentrifugen innerhalb eines Jahres 25 kg hochangereichertes Uran produzieren kann, ist hinreichend bekannt. Dazu bedarf es keiner neuen Simulationen.

Viel entscheidender ist, dass die 3.000 in Natanz installierten P-1 eben nicht mit einer Kapazität von 100 Prozent laufen. Schlicht gesagt: die Dinger funktionieren nicht so, wie sie sollen.

Deshalb macht es sehr viel Sinn, dass der Iran nun mit der Installation von IR-2 Zentrifugen startet – ein iranische Variante der P-2 Zentrifugen, die wiederum ein verbessertes Modell der aus Pakistan stammenden P-1 sind.

Mit der Umstellung startet Teheran nicht unbedingt bei Null, weil man mittlerweile einige technische Erfahrungen gesammelt hat, aber die IR-2 müssen erst installiert, synchronisiert und aufeinander abgestimmt werden. Niemand weiß, ob nicht wieder neue Tücken und Probleme auftreten.

Just why the new simulations came to such a different result than the National Intelligence Estimate issued by Washington is “a good question,” a JRC expert told SPIEGEL ONLINE. The American government, he points out, wasn’t clear about the technical details upon which its report was based.

Wir haben zwar in den letzten Jahren einige eher negative Überraschungen mit den US Geheimdiensten erlebt, aber ganz so einfältig ist man in Washington auch nicht. Auch dort liest man die Berichte der IAEA – und wahrscheinlich nicht nur die, die veröffentlicht werden. Deshalb weiß man so in etwa, was da in Natanz, das immer wieder von den Inspekteuren besucht wird, so vorgeht.

Another possible reason for the differences could be the fact that the US intelligence report focused solely on uranium enrichment done in secret and on possible steps taken toward the production of a bomb — but not on Tehran’s claimed civilian nuclear power program.

Was soll das bedeuten? In geheimen Anreicherungsanlagen, für deren Existenz es keinen Hinweis gibt, gibt es weniger Zentrifugen (wie viele?) oder die Zentrifugen dort laufen langsamer?

Wenn man in Ispra oder auch in der SPIEGEL Redaktion den veröffentlichten Teil des NIE einschließlich der Fußnoten einmal genauer lesen würde, würde man feststellen können, dass die NIE Schätzung eben genau auf dem basieren, was in Natanz passiert.

Erstaunlich, was man da in Ispra so treibt – und was dann der SPIEGEL veröffentlicht.

Kontaktverbot

31. January 2008 - 07:42

Während des World Economic Forums in Davos gab es eine Veranstaltung (Video) zum iranischen Atomprogramm. Auf dem Podium sassen u.a. der amerikanische UN Botschafter Zalmay Khalizad sowie der iranische Außenminister Manouchehr Mottaki.

Nichts Spektakuläres wurde gesagt. Die üblichen Anschuldigungen, die üblichen Beteuerungen, alles sei ganz harmlos. Nichts weiter geschah. Kein weiteres Treffen hinter verschlossenen Türen am Rande. Nicht einmal Händeschütteln.

Dennoch:

“Ambassador Khalilzad’s appearance with the Iranian foreign minister and presidential advisor was not authorized,” said a State Department spokesman, who declined to be identified while discussing a personnel issue. He said officials would speak to Khalilzad about the infraction. (LAT)

Khalilzad hat im Weißen Haus Freunde genug, sodass dieser Begegnung für ihn keine gravierenden Konsequenzen haben wird.

Die Welt der hohen Diplomatie ist voller wunderlicher Dinge.

Französische Investitionen im Iran verdoppelt

23. September 2007 - 21:13

Zufall, Retourkutsche für die neuen, scharfen französische Töne gegenüber dem Iran oder ein dezenter Hinweis, was bei verschärften Sanktionen für Paris auf dem Spiel steht?

Die iranische Regierung veröffentlichte heute eine Statistik, nach der sich die Investitionen französischer Firmen im Iran gegenüber dem letzten Jahr verdoppelt haben.

French firms have invested $35.5 million in Iran in the March-July period, showing a 100-percent rise compared with last Iranian year.

Total investment by French companies during March 21, 2006-March 21, 2007 amounted to $16.3 billion, Director General of the Foreign Investment Organization, Ahamd Jamali, said. (Press TV)