2nd Alley

26. February 2004 - 18:01

Wenn ich von meinem Laptop aufschaue, kann ich über die Sitzgruppe mit den beige-braunen Polstern hinweg durch das linke Fenster ein Stück des blauen Himmels sehen. Es sind wohltuende 15 Grad, die Sonne strahlt vom Himmel, was man nach einem langen norddeutschen Winter kaum noch für möglich halten konnte.

Soweit ich das von meinem Fenster aus sehen kann, sind auch in Teheran die Bäume noch ohne Laub, aber die Luft ist mild und voller Erwartung.

Statt Bäume sehe ich durch die beiden Fenster die Skyline von Teheran. Direkt auf der anderen Straßenseite seht ein achtstöckiges Bürogebäude mit einer dunklen Glasfront. Links daneben ragen die beiden Minarette der neuen Moschee für das Freitagsgebet in den Himmel, die solange ich Teheran kenne über den Rohbau nicht hinausgekommen sind. An der Spitze ist jeweils eine Leuchtröhre angebracht, die in der Dunkelheit wie ein Blütenstempel leuchtet. Noch weiter links das Gebäude mit dem verschachtelten Dach und den roten Kanten, das direkt neben dem Terminal für die Busse Richtung Norden steht.

Dahinter leuchten die schneebedeckten Berge des Elbrus Gebirge in der Sonne.

Heute morgen wurde ich von dem fröhlichen Lärmen der Kinder in dem Kindergarten direkt auf der anderen Straßenseite geweckt. Ich wohne im 6. Stock, so dass ich über die mannshohe Mauer, die üblicherweise Gebäude in Teheran von der Strasse trennt, hinweg in den Innehof schauen kann. Auf einer blau-gelb karierten Plastikunterlage, die vor Verletzungen bei Stürzen schützt, stehen zwei kleine Karussells, eine große Wippe und drei Hollywood-Schaukeln mit bunten Polstern. Mädchen und Jungen toben gemeinsam. Ich erwähne dies nur, weil ansonsten alles andere im Iran getrenntgeschlechtlich organisiert zu sein scheint.

Ansonsten ist meine Strasse eine ruhige Strasse. Sie liegt zwar mitten im Zentrum der Stadt, aber es ist eher eine Mischung aus Büro- und Wohnviertel. Neben dem Kindergarten das glasverkleidete Bürohaus, dann vier ein- bis zweistöckige Wohnhäuser. Bei zweien stehen auf dem Dach grobgezimmerte Kästen, die mehr schlecht als recht Satellitenschüssel zu verbergen versuchen, die im Iran verboten sind. Daneben ein weiteres, älteres Bürogebäude und schließlich eine Bank.

Auf meiner Strassenseite sind es, soweit ich mich von meinem kurzen Spaziergang erinnere, nur Wohnhäuser, bis auf den großen Block rechts auf der Ecke, bei dem nicht ganz klar ist, was sich darin verbirgt.

Um zum Bäcker zu kommen, muss ich links bis zur ersten Querstrasse gehen, dann rechts abbiegen und dann ein Stück, an dem kleinen Krankenhaus vorbei, den Berg hinauf auf der rechten Seite. Direkt neben dem Bäcker befindet sich ein kleiner Laden mit Verlängerungskabeln und Mehrfachsteckern. Steckdosen sind in meiner neuen Wohnung ein wenig knapp.

Gott sei Dank ist meine Strasse keine Durchfahrtsstrasse und auch keine der Strasse, die Moped- und Taxifahrer gern als Abkürzung benutzen. Chiabane (Strasse) Mofatteh, auf die meine Strasse stößt, ist eine der Hauptstrasse in Nord-Süd-Richtung und führt den Berg hinunter zum Haft-e Tir, einem der großen Plätze im Zentrum. Ältere Bürger erinnern sich noch daran, dass die Strasse mal nach dem amerikanischen Präsidenten Roosevelt benannt war, aber das hat sich seit der Revolution geändert.

Die andere große Verkehrsstrasse, Chiabane Motahhari, verläuft hinter meinem Wohnblock parallel zu meiner Strasse in west-östlicher Richtung. Motahhari war ein islamischer Gelehrter, der einige religiöse Standardwerke geschrieben, darunter ein Buch, das begründet, warum Frauen im Islam ein Hejab, ein Kopftuch, zu tragen haben. Er wurde kurz nach der Revolution unter mir nicht bekannten Umständen erschossen. Ihm ist auch das Islamische Institut gewidmet, auf das meine Strasse in östlicher Richtung zuläuft und an dessen Außenwand ein Wandgemälde mit den Portraits von Khomeini und Khamenei, dem verstorbenen und dem gegenwärtigen religiösen Führer des Landes zu sehen ist.

An der Kreuzung Mofatteh und Motahhari befindet sich einer dieser Kästen, aus der eine Kamera Rotsünder fotografiert. Aus dem Küchenfenster kann ich bei einbrechender Dunkelheit die schnelle Folge der Lichtblitze sehen, die auf einer Häuserwand reflektiert werden.

An der Kreuzung liegt auch die U-Bahn-Station Sayid (Märtyrer) Mofatteh.

“Für den Anfang nicht schlecht”, sagt N. nach einem skeptischen Blick auf das etwas dunkle Mobiliar meiner Wohnung und den dunklen Flecken an der Decke. “Als ich hier ankam”, erinnert sich T., “wohnte ich in einem kleinen Hotel, aber es hat sich herausgestellt, dass es besser ist, wenn man sich gleich eine vernünftige Wohnung sucht. Das halbe Leben hier in Teheran findet zu Hause statt.”

K. weiss, dass es im Zentrum im Sommer furchtbar staubig ist. Jeden Tag sei alles mit einer dichten Staubschicht bedeckt. T. stimmt ihr nickend zu.

Am späten Abend, als ich gerade das Licht ausmachen will, sehe ich eine große Krähe auf meinem Fenstersims - eine Krähe mitten im Zentrum einer 12-Millionen-Stadt.