Geschüttelt und gerührt

28. May 2004 - 17:03

Ich denke, es war gegen 17 Uhr 10 (wer schaut bei solchen Gelegenheiten schon auf die Uhr?) als es wackelte. Das Haus wurde durchgeschüttelt - nicht so stark, dass der Kaffee aus der Tasse schwappte oder die Bilder von der Wand fielen, aber stark genug, um das Fenster mal nach links und dann wieder nach rechts schwingen zu lassen.

Ich war zwar der Erste, der laut das Wort „Erdbeben“ aussprach, aber Z. war weit schneller als ich, ihren Übermantel zu packen, nach ihrer Tasche zu greifen und sich das Kopftuch umzulegen (eigenartig wie alltägliche Routinen selbst in solchen Situationen funktionieren). Es hatte schon aufgehört zu wackeln, als ich endlich meine Schuhe gefunden und angezogen hatte. Beide stürmten wir vom sechsten Stock das Treppenhaus hinunter. Keinen Fahrstuhl benutzen! So viel weiß ich immerhin über Erdbeben, und ich weiß auch, dass Z. und ich keine Chance gehabt hätten, rechtzeitig aus dem Haus zu kommen, wenn es wirklich das große Beben gewesen wäre, auf das jeder in Teheran wartet.

Aber was nun? Auf der Strasse versammelte sich die Nachbarschaft. Zum ersten Mal sah ich, mit wem ich das Haus teile: die jungen Burschen aus der Wohnung unter mir, die gern nachts laute Musik spielen, ohne offensichtlich dafür – so wie ich, wenn ich nur nachts leise nach Hause komme – Ärger mit meiner armenischen Nachbarin zu bekommen, eine elegant gekleidete Dame mit Krokodilhandtasche, einen unrasierten Mitvierziger mit Glatze und beflecktem Hemd, eine alte Frau, deren Hörgerät eine Rückkoppelung hat, und andere unbekannte Gesichter.

Z. versuchte mit ihrer Familie zu telefonieren, aber das Handynetz war hoffnungslos überlastet. Ich schaute das Gebäude hinauf, an deren Spitze sich meine Wohnung befindet. Für drei Monate war sie der Ort, der mich vor Wind und Wetter schützte, der meine eine Privatsphäre schaffte, in der ich mich sicher fühlte. Hier konnte ich mich von dem Treiben der Welt zurückziehen, durchatmen, ausspannen, all die Dinge tun, die niemanden etwas angingen. Nun ist aus der Geborgenheit eine Bedrohung geworden. Die Wände, die mich geschützt haben, könnten einbrechen und mich unter sich begraben.

Z. schlug vor, dass wir vielleicht besser ein, zwei Stunden draußen bleiben sollten. Sie habe gelesen, dass großen Beben kleinere vorangehen. Und wenn in den nächsten zwei Stunden nichts passiert, sind wir dann sicher? Z. zuckte ratlos mit den Schultern.

Ich erreichte T. auf seinem Handy. Er wusste zu berichten, dass im Teheraner Westen, wo er wohnt, Fensterscheiben zersprungen sein. Dass Epizentrum des Bebens sei vermutlich irgendwo im Norden der Stadt. Wir verabredeten, gemeinsam ein Auto zu organisieren, um nach Norden zu fahren, sollte sich herausstellen, dass es zu größeren Schäden gekommen ist.

Der Nachrichtensprecher im Radio eines der geparkten Autos wusste es genauer. Das Zentrum des Bebens habe sich in Sari, knapp 80 Kilometer von Teheran entfernt. Meldungen über eine größere Zahl von Toten gebe es nicht.

Der unrasierte Nachbar maunzelte, das habe man am Anfang auch über Bam gesagt, wo bei einem Beben am 28. Dezember mehr als 20.000 Menschen ums Leben gekommen sind. Die Regierung versuche immer, alles zu vertuschen. Sie habe gehört, dass Beste sei, in der U-Bahn Unterschlupf zu suchen, erinnerte sich eine Frau mit großer Sonnenbrille. Ein Glück, dass die U-Bahn gleich um die Ecke sei. Aus dem Nachbarhaus trugen zwei Männer eine leblose alte Frau auf den Rücksitz eines Renaults und rasten davon. Seit Bam sei doch klar, dass auch Teheran ein starkes Beben nicht überstehen würde, steuerte der Taxifahrer mit den Zwillingstöchtern aus dem 3. Stock bei. Dort seien selbst die neu gebauten Gebäude wie Kartenhäuser zusammengebrochen.

Mir ging durch den Kopf, dass es dumm war, mein Satellitentelefon in der Wohnung zurückzulassen. Wie soll ich ohne Telefon meine Arbeit machen, wenn das Beben jetzt noch kommt? Kurzentschlossen stieg ich die Stufen zum sechsten Stock wieder hinaus (keinen Aufzug benutzen!). Trotz meines Zuredens folgte mir Z. Sie wolle nicht allein bleiben.

Ich packte in aller Eile mein Telefon ein. Besser auch noch das kleine Transistorradio. Und vor allem den Laptop und natürlich auch die Zigarillos. „Vergiss deinen Pass nicht“, sagte Z. Wozu brauche ich bei einem Erdbeben einen Pass? Ich nahm ihn mit.

Wieder auf der Strasse versuchten Z. und ich jeder für sich, mit unseren Handies Freunde und Bekannte zu erreichen, um Neuigkeiten in Erfahrung zu bringen. Ganz Teheran versuchte, Freunde und Bekannte anzurufen, weshalb auch niemand jemanden erreichen konnte. Es gab nicht einmal ein Rufzeichen.

Um irgendetwas zu tun und um uns ein wenig in der Nachbarschaft umzuschauen, schlug ich vor, ein Feuerzeug kaufen zu gehen. An der Kreuzung an der U-Bahnstation war der Verkehr so lebhaft wie immer. Vielleicht hatten die Autofahrer das Beben gar nicht bemerkt und wussten von all dem nichts. Die Strasse hinauf standen kleine Menschengruppen vor den Hauseingängen.

Der Händler verkaufte mir das Feuerzeug und meine zwei Joghurts wie an jedem anderen Tag. Kein Wort über das Erdbeben, sonder nur ein „Herzlichen Dank“ und einen „Schönen Tag“.

Z. sagte, es mache nicht viel Sinn auf der Strasse herumzutrödeln. Genau so gut könnten wir auch zu der Ausstellungseröffnung gehen, zu der wir jetzt eigentlich eingeladen waren.

Eigentlich machte nichts Sinn. Wir hatten keine Ahnung was zu tun ist. Im Radio keine Neuigkeiten und keine Verhaltenshinweise. Wir konnten eine halbe Stunde, eine Stunde, einen Tag oder auch zwölf Wochen warten. Das große Beben kann heute, morgen oder in zwei Jahren kommen. Irgendwann wird es kommen, aber im Stillen versuchen wir es alle zu vergessen. Was auch sonst?

Ich wollte lieber in die Wohnung zurück und diese Geschichte schreiben.

Mittlerweile sind im Treppenhaus wieder laute Stimmen und das eine oder andere helle Lachen zu hören.

Organisierte Empörung

19. May 2004 - 19:01

Die religiöse Elite des Landes hat zu einer Demonstration gegen die „Entweihung der heiligen Stätten in Najaf und Kerbala“ aufgerufen. Gemeint ist das Eindringen amerikanischer Truppen in die inneren Bezirke der beiden irakischen Städte. In Najaf befindet sich das Grab Alis, des Schwiegersohns des Propheten Mohammed, in Kerbala sind unter einer prächtigen Goldkuppel die Gebeine von Hussain, dem Sohn von Ali und Fatima, begraben. Hussain gab nach schiitischer Auffassung sein Leben im Kampf um die wahre Nachfolge des Propheten und ist seither der Ahnherr des schiitischen Zweiges des Islams.

Ayatollah Ali Khamenei hatte am Sonntag in einer Rede vor Theologiestudenten das Startsignal für die Demonstration gegeben. Die Moslems, so der oberste geistige und politische Führer des Irans, würden angesichts der Entehrung der heiligen Stätten im Irak nicht tatenlos zuschauen. Die USA würden ständig von Menschenrechten und Demokratie reden und dabei gleichzeitig Verbrechen und frevlerische Taten begehen. Der Hass, der jetzt von den US Truppen im Irak gesät werde, werde noch Jahrzehnte lang neuen Hass produzieren.

An keiner Stelle distanzierte sich der Ayatollah in seiner Rede, soweit sie in den Zeitungen nachzulesen war, von al-Sadr noch verurteilte er die Enthauptung von Nicholas Berg.

Unmittelbar danach folgten weitere Proteste und Verurteilungen des Außenministeriums, des Parlamentspräsidenten, des Justizministers und der Armee. Eine Massendemonstration konnte gar nicht ausbleiben.

Mittlerweile habe ich einige Erfahrung mit derartigen Veranstaltungen in Teheran. Die Bilder und Eindrücke gleichen sich: Der Menschenstrom vom Ferdowsi Platz entlang der Universität und am Eingang zu der Halle vorbei, wo das offizielle Freitagsgebet stattfindet, in Richtung Meydah-e Enqelab (Platz der Revolution), dem Kundgebungsort. Ein freudloser Menschenwurm, dicht an dicht gedrängt. Der Aufstieg zu den beiden Brücken, die die darunter liegenden Kreuzungen überspannen, die Mopeds, die sich durch das Gewühl schlängeln, die hoffnungslos verstopften Seitenstrassen und die hupenden, hilflos eingeklemmten Autofahrer, die langen Reihe leerer Busse am Straßenrand, mit denen die Demonstranten herbeigeschafft wurden, die plärrenden Lautsprecher, die an den Straßenlaternen befestigt sind, die Stände, an denen kostenlos überzuckert, knallgelber Orangensaft zur Erfrischung ausgegeben wird, die Kinder mit den Stirnbändern, die Gruppen von Frauen in ihren schwarzen Tschador, die sich meist gern eng zusammen halten, die Männer, die sich im schiitischen Büßerritual rhythmisch auf die Brust schlagen, die anderen – Vertreter der Ministerien und anderer staatlicher Einrichtungen – mit den schlecht sitzenden, zerknitterten Anzügen und offenen Hemdkragen (auf keinen Fall eine Krawatte!!!), gelegentlich ein Kleriker, die im allgemeinen solchen Demonstrationen aber lieber fern bleiben, und schließlich die fliegenden Händler, die den Menschenauflauf nutzen, um ihren Waren feil zu bieten. Über all dem immer wieder die Rufe „Marg Bar Am’rika!” (Nieder mit Amerika) und „Marg Bar Esra’il!“ (Nieder mit Israel).

Es ist statistisch zwar richtig, dass die religiöse Führung des Landes durch das Heranwachsen einer wenig religiösen jungen Generation immer mehr an Unterstützung verliert, aber diese Aufmärsche zeigen, dass die herrschende Elite immer noch große Massen mobilisieren kann. Ich bin schlecht im Schätzen von Menschengruppen. Die Demonstration ist nicht so groß wie beispielsweise die Veranstaltung am jährlichen „Jerusalem-Tag“, an dem Solidarität mit der Sache der Palästinenser zur Schau gestellt werden soll, aber es sind immer noch einige Zehn- wenn nicht Hunderttausende.

An einer Kreuzung kämpfen drei junge Männer damit, eine zweistöckige, grob gezimmerte Figur von Uncle Sam gegen den Wind aufrecht zu halten. Auf der Strasse, die vom Enqelab Platz nach Norden führt, versucht eine Gruppe, eine Bush-Puppe in Brand zu setzen. Der graue Sack, der als Anzug dient, will nur schwer Feuer fangen, aber der schwarze Qualm, der emporsteigt, versetzt die Beteiligten in einen Freudentaumel. Die Fäuste werden in die Luft geworfen, „Marg Bar Am’rika!”, „Marg Bar Am’rika!”

Über dem dicht gefüllten Enqelab Platz ertönt über die Lautsprecher in einem melodischen Sing-Sang die Erzählung vom heldenhaften Martyrium Hussains. Ich kann von meinem Standpunkt aus den Sprecher nicht sehen. Hinter mir brechen zwei Männer in hysterisches Schluchzen aus. Die Frauen rechts von mir rücken näher zusammen und senken ihren Kopf, so dass nur noch ein Hügellandschaft aus schwarzem Tuch zu sehen ist.

Am Ende der Kundgebung setzt sich eine Gruppe von Teilnehmern zur britischen Botschaft ab. Da seit der Revolution die amerikanische Botschaft geschlossen ist, ist der Juniorpartner der Besatzungskoalition im Irak die ersten Adresse für den Protest.

Das Botschaftsgelände, das einen ganzen Straßenblock einnimmt, erinnert daran, wer einst Kolonialherr in diesem Lande war. Vor der drei Meter hohen Mauer, die das ganze Areal einfasst, sind iranische Polizisten in einer langen Reihe aufmarschiert. Auf der anderen Straßenseite wächst die Menge der Demonstranten. Ein Molotowcocktail zerschellt auf dem Asphalt ohne größeren Schaden anzurichten. Von einer Seitenstrasse aus versuchen Rowdies Steine auf das Botschaftsgebäude zu werfen, was nicht so einfach ist, weil das Ziel rund 50 Meter entfernt ist. Das beschränkt die Wurfgeschosse auf eine handliche Größe und wenn sie tatsächlich die Entfernung überwinden können, prallen sie erschlafft wie Gummibälle an den Fensterscheiben ab. Die Polizisten lassen es geschehen.

Demonstrationen haben offensichtlich überall auf der Welt die gleichen Rituale. Gelingt es einem Werfer einen Treffer zu landen, bricht Jubel aus. Dem Held wird anerkennend auf die Schulter geklopft und er geniest seinen kurzen Ruhm. Die Polizisten sind nervös, weil sie um ihre eigene Gesundheit fürchten, aber offensichtlich nicht gewillt, gegen die Randalierer einzuschreiten.

Ein Junge, dessen Bartwuchs bislang zu nicht mehr als einem dunklen Flaum an Kinn und Oberlippe gediehen ist, fixiert mich die ganze Zeit und kommt dann auf mich zu, um mich sichtlich erzürnt zu fragen, warum ich irgendwas zu irgendjemanden bei der Einweihung des Denkmals vor der deutschen Botschaft am letzten Freitag gesagt habe. Offensichtlich ist es wahr, was Kollegen sagen: die militanten Jugendlichen haben ein Auge auf ausländische Journalisten und suchen nur eine Gelegenheit zur Konfrontation. Schnell schart sich eine Menge weiterer Jugendlicher aus der Gruppe der Steinewerfer um mich herum, und da mir der Rückzug abgeschnitten ist, werfe ich mich in Positur, strecke die Brust heraus und bluffe zurück. Z. zieht mich mit einem Griff am Arm beherzt zurück, was ihr wiederum das Gekeife einer Frau einbringt, wieso sie einen Mann in aller Öffentlichkeit berühre.

Etwas abseits kommt ein anderer Mann mit einem karierten Hemd auf mich zu, stellt sich als Englischlehrer vor, warnt mich, ein wenig vorsichtig zu sein, und versichert mir, dass die Gewalttäter nur Rabauken seien. Sie würden nicht die richtige politische Linie verfolgen. Z. flüstert mir „Hizbollah“ ins Ohr. Wieder formt sich schnell eine Gruppe Neugieriger, die kaum genug Platz lässt, dass ich den Arm hochheben kann. Einige wollen mir die Hand schütteln, andere wissen offensichtlich noch nicht so recht, was sie mit mir anstellen sollen.

Was ich denn von der US Politik im Irak halte.

Ach, mein Gott, was soll ich davon halten? Es ist heiß, ich bin verschwitzt, müde und habe Durst. Lassen wir es doch für heute genug sein lassen.