Historische Rumpelkammer

17. November 2004 - 17:20

Die beiden Hitler sind echt. Zumindest bestätigen dies zwei österreichische Gutachten, die für die Zweifler direkt neben den beiden Aquarellen deponiert sind. Die Bilder zeigen sauber gezeichnete Ansichten einer Altstadt. Akkurate Linien, farbliche Akzente, wo sie hingehören. Artig, belanglos und für die Erklärung von Krieg und Holocaust so relevant wie die letzten Tage im Führerbunker.

Viel interessanter ist das zerschlissene Tuch, das abgedeckt, um es vor dem Licht zu schützen, direkt neben den künstlerischen Anstrengungen des mächtigsten Barbaren der deutschen Geschichte liegt. Auf schmuddeligen Grau fällt ein Leopard über ein Kamel her, während ein Schütze seinen Bogen spannt. Wahrscheinlich sei das Tuch, das am oberen Rand abgeschnitten scheint, mehr als tausend Jahre alt und ein Leichentuch gewesen, sagt Herr Javaheri. So genau weiß er das allerdings auch nicht, weil sich noch nie ein Experte den Stoff angeschaut hat.

Herr Javaheri ist der Direktor der Museen der Stiftung für Arme und Kriegsversehrte ( Bonyad-e Mustasafan va Janbasan ). Sie wurde nach der Revolution gegründet, um zu verwalten und zu versilbern, was den neuen Machthabern in die Hände gefallen ist, weil die Besitzer geflohen sind: Grundstücke, Häuser, Fabriken, Geschäfte, Gärten, Wochenendhäuser, Reitställe, Galerien, Waffen-, Auto-, Münzen-, Teppich-, Porzellan- und Uhrensammlungen, Schmuck, Kleidung, Schuhe, Essbesteck, Möbel, Briefbeschwerer und Manschettenknöpfe. Vieles ist verloren gegangen, denn auch eine islamische Revolution wird nicht von Buchhaltern geführt, aber was blieb, versuchte man zu versilbern, um die Einnahmen an die Bedürftigen weiterzuleiten.

Herr Javaheri erzählt die Geschichte allerdings anders. Vom schwarzen Kunstledersofa in seinem Büro aus schaut er wie abgesprochen knapp an der Kamera vorbei und versichert mit ruhigem Redefluss, Aufgabe der Stiftung sei es immer gewesen, sich für den Erhalt des kulturellen Erbes des Landes einzusetzen. Das Tafel-Service des Schahs, die Briefmarkensammlung eines seiner Günstlinge seien Teil der Geschichte des Irans und müssten deshalb erhalten bleiben. Im Westen der Stadt werde derzeit an einem großen Ausstellungsgelände gebaut, wo all diese bewahrte Tradition vielleicht schon 2005 zur Schau gestellt werden soll. Die Baupläne dekorieren seine Bürowände.

Nach längerem Zögern und Zaudern lässt sich Herr Javaheri das Eingeständnis abringen, dass sich die Zeiten geändert haben. Dem Vorhalt, dass viele Jahre nach der Revolution, silberne Löffel und chromblitzende Autos als Ausweis der verschwenderischen Dekadenz der Herrschenden galten und entsprechend verpönt waren, mag er nicht widersprechen. Wie auch?

Vielleicht dankbar dafür, dass ihm nicht härter zugesetzt wurde, bietet er von sich aus an, worum ich ihn bitten wollte: ich könne mir gern die Sammlung der Kunstschätze im Erdgeschoss einmal anschauen. Aber: keine Fotos und nicht filmen!

M. und ich müssen unsere Handies abgeben. Die mehr als einen halben Meter dicke Tresortür steht schon offen, aber ein Mitarbeiter muss erst eine Gitter- und dann eine Stahltür öffnen, um uns einzulassen.

Begrüßt werden wir von den Holzpuppen zweier lebensgroßer schwarzer Jungen („Negroe Boys“ nannte man sie wohl früher) in der Kleidung britischer Kolonialzeit in Afrika. Beide haben ein breites Lachen im Gesicht, das ihnen ihre Schöpfer wohl aus Ausdruck der naiven Freude von Eingeborenen angesehen haben. Die beiden stehen vor einer Holzbank, die mit einem Tierfell bespannt ist. Stosszähne und Geweihe verzieren die Rückenlehnen der Stühle daneben. Abgesägte Elefantenfüße dienen als Beistelltische. „Ein Onkel des Schahs war ein begeisterter Jäger“, schmunzelt Herr Javaheri.

Hinter der kleinen Szene aus Afrika öffnet sich ein großer Saal voller grauer Metallregale, auf denen die Kunst- und Kulturschätze gestapelt sind. Die Sammlung ist in Gruppen geordnet. Auf einem Regal stehen mannshohe Vasen. Chinesische Vasen und Vasen in Blau und Bordeauxrot mit gemalten Motiven aus dem späten 19. Jahrhundert.

Auf einem zweiten Regal stehen Gefäße dicht an einer. Die Tee-Tassen sehen so aus wie die Tassen, die man auch auf dem Trödelmarkt in Teheran findet, aber die kleinen Tontöpfe und Krüge gleich daneben, würden mich in der Vitrine eines archäologischen Museums nicht überraschen.

In Metall gegossene, matt glänzende, griechische Figuren, wie sie in kleinerem Format auch auf der Anrichte meiner Großeltern standen, müssen im vorrevolutionären Iran sehr beliebt gewesen sein. Ein ganzes Regal entlang recken Schwäne ihre Hälse erschrockenen Jungfrauen entgegen, knabenhafte Götter schauen in die Ferne.

Im unteren Teil der Eisenwarenabteilung stehen vor einem vereinzelten J.F. Kennedy und ein paar Generalfeldmarschälle maßgefertige Bronzebüsten Reza Pahlevis. In Reihe gestellt erscheint das leichte Grienen, das der letzte Schah, selbst wenn er würdevoll erscheinen wollte, im Gesicht trug, noch arroganter. Bei der letzten Büste in der Reise war ein Kugel durch die Nase gedrungen. Eine zweite war in der linken Schläfe ein- und in der rechten wieder ausgetreten.

Alle Gegenstände sind mit kleinen Aufklebern versehen und an der Stirnseite der Regale hängt jeweils ein Inventar. Alles genau gezählt, aber dennoch fehlt mir die Übersicht. Es gelingt mir nicht, mir auf diese Hinterlassenschaften einen Reim zu machen oder einen Hauch geschichtlichen Tiefsinn aufzuspüren. Eine Gerümpelkammer, die gehörig ausgemistet werden müsste.

Auch die rund 2.000 Gemälde und Zeichnungen im Archiv in einem Nebenraum sind sauber katalogisiert. An den Gittern, die sich über eine Schiene im Boden vor und zurückfahren lassen, hängen großformatige Landschaften englischer Maler, Öl-Portraits persischer, Kaligraphien und Kaffeehausbilder mit Darstellungen des Leidensweges von Hussein.

Einige der Gemälde sind Werke iranischer Meister wie Mirz Aqa Imami, einiges Bildermüll und andere sind Maler, die ich nicht gut genug kenne, um mir ein Urteil anzumaßen.

Andy Warhol kenne ich. Im Register der ausländischen Künstler neben der Eingangstür ist auch eine Arbeit von Warhol verzeichnet. Ich bitte Herrn Javaheri mit das Bild zu zeigen. Im hinteren Teil des Raums zieht ein Helfer eines der großen Gitter hervor.

Es ist ein Mao in rötlich-braun. Ein Plakat einer Galerie in der Schweiz.