Immer nur Sex

21. May 2005 - 16:37

Männer fragen solche Fragen. Westliche Männer. Mit Männern aus dem Nahen Osten bin ich vielleicht nicht intim genug befreundet, als dass es angemessen wäre, eine solche Frage zu stellen.

Obwohl diese Frage augenzwinkernd gern auch in größerer Runde gestellt wird, ist sie sehr persönlich. Ich finde sie peinlich und es noch viel peinlicher, darauf zu antworten. Sie stellt einen vor die Wahl, entweder Dinge auszuplaudern, die bereits in dem Moment, in dem man darüber spricht, einen andere Gestalt annehmen. So wie Träume ihren luftigen Charakter, ihre Komplexität, ihre Irrealität und ihre Farben verlieren, wenn man sie nachzuerzählen versucht, so wird aus einem Moment, in dem die Sinne tanzen, eine Art emotionale ALDI Plastiktüte.

Die Frage kam diesmal per Email, was mir das kecke Grienen ersparte, das ihrer ständiger Begleiter ist: „Wie hält man es denn aus in einem Land, in dem nichts läuft? Du weißt schon …“

Ja, ich weiß. Tschador, Jungfrauenkult, keine öffentlichen Zärtlichkeiten, keine Darstellung von Erotik, keine laszive Werbung, keine schlüpfrigen Skandale in den Medien und unbedecktes Kopfhaar ist ein schweres Vergehen. Dafür gilt Züchtigkeit als offiziell propagierte Staatstugend. Vergehen sind mit archaischen Strafen belegt.

All dies stimmt und dennoch ist der Iran alles andere als ein asexuelles Land. Im Gegenteil.

Ich meine nicht die kleinen Unterwanderungen und Ausbrüche aus dem strikten moralischen Regime, die zu kurzen Hosen und die zu engen Manteaus, die lackierten Fuß- und Fingernägel, die offenherzige, moderne Kleidung auf den privaten Parties oder das Geschehen in dunklen Parks und an abgelegenen Orten.

Nein, in der iranischen Gesellschaft spielt Sexualität eine solch allgegenwärtige Rolle, weil sie so angestrengt darum bemüht ist, sie überall und jederzeit zu kontrollieren.

Das alltägliche Händeschütteln zwischen Mann und Frau ist ein Akt, in der genau überprüft werden muss, in welchem Verhältnis zueinander man sich in der gegenwärtigen Situation befindet. Wenn ich einer Frau zum ersten Mal begegne, muss ich abschätzen, ob es sich um eine eher religiös-traditionelle oder eher um eine „moderne“ Frau handelt. Im ersten Fall kein Händeschütteln, im zweiten ist es okay. Vorsichtig, die äußere Erscheinung kann leicht in die Irre führen, weil nicht jede Frau, die einen Tschador trägt, unbedingt eine traditionelle Einstellung haben muss. Wenn ich einer Frau an ihrem Arbeitsplatz begegne, sollte ich in der Regel nicht die Hand zum Gruß ausstrecken, während dies auf der offenen Strasse wiederum von den Umständen abhängt.

Hinter diesen komplizierten Regeln steht der Imperativ, dass Frauen sich sittsam zu verhalten haben. Nicht sittsam ist: auf der Strasse zu rauchen, (zu viel, die Sitten ändern sich) Make-up, einem Fremden in die Augen zu schauen, beim Autofahren den Arm aus dem Fenster zu lehnen, lautes Lachen in der Öffentlichkeit, allein ein Restaurant jeglicher Art zu besuchen, neben einem fremden Mann im Bus zu sitzen, mit einem Mann, der nicht zur engeren Familie gehört, abends unterwegs zu sein, nach zehn abends allein auf der Strasse zu sein. Die Liste ist nicht vollständig.

Sittsam dagegen ist: früh zu heiraten, auf den Boden zu blicken, sich im Haushalt zu beschäftigen und im allgemeinen Männer nicht durch sein Verhalten zu „provozieren“. Auch hier kann die Liste leicht ergänzt werden.

Es gibt auch geschlechtsneutrale Regeln. So haben Filmregisseure eine längere Liste von Vorschriften zu beachten, die beispielsweise dazu führen, dass iranische Frauen auch bei einem Gespräch mit ihrem Ehemann am Küchentisch ein Kopftuch tragen. „Aufreizende“ Werbung ist selbstverständlich untersagt. Selbst Bilder mit einem möglicherweise erotischen Unterton dürfen, wie jüngst in der Gerhard Richter Ausstellung in Teheran, nicht gezeigt werden. Sogar Schaufensterpuppen wurden die Brüste abgeflacht, um nicht eine sündhafte Kette von Assoziationen auszulösen.

Die Regel für Männer sind simpel: halt dein sexuelles Verlangen im Zaum. Uns werden Begierden durchaus nicht abgesprochen. Das spiegelt sich in solchen Institutionen wie dem Recht, eine zweite, dritte oder auch vierte Frau zu heiraten, oder die „Ehe auf Zeit“, eine kaum verschleierte Legitimierung sexueller Libertinage. Die Männer verpflichtet dieses Vergnügen auf Zeit zu wenig, die Frau steht aber nach der Auflösung mit angekratztem Ruf allein da.

Solange man unverheiratet ist, sollte man seine Gelüste im Zaun zu halten. Danach - nun ja. Wer fragt?

Anmerkung 1: Wenn einmal die Geschichte der Selbstmordattentäter geschrieben wird, wird der unterdrückten Sexualität der Jugendlichen ein großes Kapitel zu widmen sein. Stichwort: Den Freiwilligen wird der Eingang ins Paradies in Aussicht gestellt, wo eine Schar von Jungfrauen freudig auf sie wartet.

Anmerkung 2: All die Regeln begünstigen die Männer und werden von Männern gemacht. Erstaunlich ist dabei, welches Bild Männer implizit von sich selbst zeichnen. Offensichtlich halten sie sich (oder nur jeweils den anderen) für die miesesten Kreaturen, mit denen die Erde bevölkert wurde. Schwach, jederzeit verführbar (noch immer gilt, dass eine Vergewaltigung von der Frau provoziert wurde), unfähig, Frauen als gleichwertig zu respektieren, aber jederzeit bereit, rücksichtslos den kleinsten Vorteil für sich zu nutzen. Warum müssen sonst Frauen ständig vor ihnen geschützt werden?

In der lückenlosen geregelten Welt der Tabus, fällt natürlich jede kleinste Abweichung um so stärker ins Gewicht. Ein roter Lippenstift wird zu einem leuchtenden Fanal, jeder offene Blick dringt bis ins hinterste Rückenmark. Während auf der Einkaufsstrasse von Köln eine Werbeplakat mit einer Nackten unter der Dusche kaum Beachtung findet, hat ein nackter Fußknöchel in einem Park in Teheran eine explosionsartige erotische Kraft.

Bei jeder Begegnung unter argwöhnischen Augen muss blitzschnell kalkuliert werden, was zu vermeiden ist, um nicht als Lüstling gebrandmarkt zu werden.

Wie es so läuft? Angespannt.