Starrsinn

Verhaftung Khoini

Es begann mit einem Artikel in der heutigen Washington Post über Ali Akbar Mousavi Khoini, der am 12. Juli bei einer Frauendemonstration in Teheran verhaftet wurde und seither ohne Anklage im Evin Gefängnis sitzt. Sein Anwalt, Mohammad Sharif, kann ihn im Gefängnis nicht besuchen, der Kontakt mit seiner Frau Zohreh Islamian ist stark eingeschränkt.

Khoini zählt zu den Aktivisten, die sich zäh und oft auch unerschrocken für demokratische Reformen einsetzen – unbeeindruckt oder zumindest nicht gebremst durch die Niederlage der Reformer bei den letzten Präsidentschaftswahlen. Er gehört zum Kreis der Sazmane Advare Takhime Vahdat (Büro zur Stärkung der Einheit islamischer Studentengruppen) und war von 2000 bis 2004 Parlamentsmitglied. Während dieser Zeit hat er sich vor allem um die Aufdeckung des „parallelen Systems“ geheimer Gefängnisse und Greiftrupps verschiedener Geheim- und Sicherheitsdienste bemüht. Wie alle Reformkandidaten wurde er vom Wächterrat von der Wiederwahl disqualifiziert.

Ich habe ihn mehrfach getroffen. Beim ersten Mal vor zwei Jahren sprachen wir über die Schwäche der Reformbewegung, keinen Massenprotest gegen die Disqualifikation ihrer Kandidaten bei den Parlamentswahlen 2004 organisieren zu können. Er war der erste Gesprächspartner, den ich unter den Reformern fand, der keinen Hehl aus den Schwächen der demokratischen Bewegung, ihrer Zersplitterung und teilweisen Konzeptionslosigkeit machte. Er gehörte zu den wenigen prominenten Reformern, die sich öffentlich für Akbar Ganji während dessen Hungerstreiks einsetzen, obwohl er Ganjis politische Positionen nicht unbedingt teilte. Während einer illegalen Demonstration für Ganjis Freilassung wurde er von der Polizei verprügelt und musste sich im Krankenhaus behandeln lassen. Obwohl er wusste, dass ihm dies bei den Sicherheitsdiensten keine Pluspunkte einhandeln würde, gab er mir danach ein Interview und schilderte den Vorfall.

Vor anderthalb Monaten starb Khoinis Vater. Es wurde ihm nicht erlaubt, an der Beerdigung teilzunehmen, aber letzte Woche Donnerstag wurde ihm in Begleitung von Polizisten Freigang gewährt, um an der Feier zum Abschluss der im Islam üblichen vierzigtägigen Trauerzeit teilzunehmen.

Die Washington Post schreibt:

“For the past 20 days, prison officials have chained my hands and feet. I am being tortured,” Khoini loudly announced to bystanders at the memorial service for Khoini’s father, according to several people at the event who relayed the incident to New York-based Human Rights Watch.

“I am held in solitary confinement and interrogated four times a day,” Khoini reportedly shouted. “They wake me up in the middle of the night to interrogate me. They are trying to turn me to a mental patient.” Referring to Iran’s supreme leader, Ayatollah Ali Khamenei, he added, “They are forcing me to denounce my beliefs, to repent for my activities, and to ask forgiveness from Khamenei.”

Isolierhaft, Misshandlungen und psychologischer Druck gehören zu den allgemein bekannten Praktiken, denen politische Gefangene im Iran ausgesetzt sind. Üblich ist es auch, die Inhaftierten dazu zu zwingen, vermeidliche „Mittäter“ zu denunzieren, belastende Aussagen über andere zu machen, die ins Visier der Sicherheitskräfte geraten sind, und ein „Geständnis“ zu erpressen. Ramin Jahanbegloo wurde jüngst erst aus der Haft entlassen, nachdem er ein solches “Geständnis�? abgelegt hatte.

Früher war es üblich, diese abgezwungenen Aussagen dann im Fernsehen auszustrahlen, aber da man im Iran weiß, unter welchen Umständen diese Erklärungen zustande kommen, hat man diese Praxis eingestellt. Die Videos werden zurückgehalten, um das Opfer erneut beschämen zu können, sollte es sich nicht ruhig verhalten.

Es ist typisch für Khoini, dass er sich dem Druck nicht beugt. Die überwiegende Mehrzahl der politischen Häftlinge vor ihm ist irgendwann eingeknickt und jeder hat Verständnis dafür, aber er will sich nicht beugen lassen. Aus Prinzip und Selbstachtung.

So bewundernswert seine Haltung ist, so bedrückend sinnlos erscheint sie. Khoinis Name taucht zwar auf den Listen prominenter politischer Gefangener von amnesty international und Human Rights Watch auf, aber das Regime zeigt sich völlig unbeeindruckt. Schlimmer noch: die Zahl derjenigen, die sich innerhalb des Landes für seine Freilassung einsetzen, hat sich auf ein paar Handvoll reduziert. Schon während Ganjis Hungerstreik waren es gerade zwei- dreihundert Demonstranten, die bereit waren, ihren Kopf herauszustrecken.

Ein Jahr nach dem Amtsamtritt von Ahmadinejad ist der Bewegungsraum für die Opposition noch enger geworden. Ganz schleichend und unspektakulär ist die Angst vor öffentlichem Protest noch größer, der Druck dagegen subtiler und effektiver geworden. Zeitungen werden nur noch selten geschlossen, dafür die Journalisten persönlich eingeschüchtert. Das Filtern der Webseiten weitet sich immer weiter aus. Aktivisten werden ohne erkennbaren Anlass inhaftiert und erst wieder freigelassen, wenn das Regime sich halbwegs sicher ist, dass auch bei ihnen die innere Angst eingezogen ist.

Von daher ist Khoinis dickköpfige Weigerung, ein „Geständnis“ zu unterschreiben, doch mehr als ein individueller Versuch, sich die eigene Würde nicht zerstören zu lassen.

Der Artikel der Washington Post endet mit einem kleinen Hinweis.

An online journal called Gozaar, meaning Transition, devoted to the discussion of democracy and human rights in Iran, and launched this month in Persian and English, will feature an interview with Khoini’s wife and the wives of other detained political activists, according to Mariam Memarsadeghi of the group Freedom House.

Gozaar kannte ich bisher noch nicht. Ich will es nicht schwören, aber offensichtlich handelt es sich um Unternehmen, das einen Teil aus dem Finanztopf der US Regierung zur Förderung demokratischer Strömungen im Iran bekommen hat. Auf jeden Fall ist das Freedom House nicht dadurch aufgefallen, das es Kritik an der Bush Regierung geübt hat.

Gozaar veröffentlicht Texte zur iranischen Nuklearpolitik und Menschenrechte, zu den anstehenden Wahlen der Expertenversammlung, zur Verfolgung der Baha’i im Iran und zur Poesie von Maryam Hooleh. Einige davon auf English und Farsi, andere nur auf Farsi.

Maryam Hooleh?

Hooleh ist ein Name, den ich mehr als einmal gehört habe.

„Haben Sie Inferno von Hooleh gelesen?“

Nein, ich bedaure. Leider nicht. So weit ich weiß, ist auch keiner ihrer Gedichtbände auf Deutsch übersetzt worden. Sie stammt aus dem kurdischen Teil des Irans, schreibt politische Poesie und lebt derzeit in Schweden.

So beginne ich mit Neugier den Aufsatz von Mahmoud Khoshchehreh über die Poesie von Mayram Hooleh zu lesen, kein ganz schmerzfreier Unternehmen, denn der Autor folgt dem gängigen Zwang, seine eigene Belesenheit an jeder passenden und unpassenden Ecke in den Vordergrund zu stellen und müht sich mit Sätzen ab, die mal wie ein Betonklotz, mal wie ein riesiges Paket nasse Pappe wirken.

Ich erfahre, Hoolehs Poesie …

overflows with an arsenal of scandalous obscenities that, at every opportunity, debunks the rigid morality of a theocratic patriarchy.

… und …

[S]pitting and urinating perform a liberating function that, through an act of extroversion, effectively counteracts veils and chadors, the most evident emblems of the entombment of women within the confines of the Iranian theocracy.

Immerhin gibt es aber auch ein paar Passagen aus Hoolehs Gedichten wie diese

When the city square has lapped up the city along with the evening tea,

The sugar cube of the people of gangrene

Dense in its constipation,

My spit-urine is erupting

Where is the toilet?

The city square the bitterness of whose gas bursts the nails of laughter

Up to the bone and the jaw, towards the heart,

My spit-urine is erupting

Where is the toilet?

The city square upon which Tehran is spat

Tehran roasted in the dross of sanctification

Tehran clotted on a tomb called the Milky Way

That nurses the sweetness of an eternal death.

I am exploding

Where is the toilet?

Noch neugieriger geworden, habe ich ein wenig gegoogelt und eine englische Übersetzung von Inferno sowie mehr Hooleh Texte hier und hier und hier und hier gefunden.

The bravest of people is the one

who dares to remember as he wakes up.

Auch von Mayram Hooleh. Sicher nicht so gedacht, aber vielleicht eine kleine Homage an Khoinis mutigen Starrsinn.

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