Inga Rogg, NZZ Korrespondentin im Irak, schreibt heute aus dem relativ sicheren Erbil über die Arbeitsbedingungen im Lande.
Ein Grossteil der ausländischen Medien hat sich angesichts der Vielfalt und Undurchsichtigkeit der Risiken aus dem Irak zurückgezogen. Von den ehemals mehr als 2000 Auslandjournalisten sind heute nur noch ein paar Dutzend im Land. Diejenigen, die geblieben sind, haben sich in «Schutzzonen» zurückgezogen. Das sind in Bagdad entweder die «grüne» Zone oder nicht weniger gut gesicherte Hotel- oder Wohnanlagen. Die Kosten für die Sicherheitsvorkehren sind mit mehr als 100 000 Dollar bis über 2 Millionen Dollar pro Jahr so happig, dass sich dies nur grosse Medienunternehmen leisten können.
Rogg versucht, ihre Arbeit gegen die Haltung zu verteidigen, angesichts der katastrophalen Sicherheitslage sei keine sinnvolle Berichterstattung aus dem Irak mehr möglich. Das Schlagwort lautet „Hoteljournalismus“. Man harrt hinter dicken Sicherheitswällen ohne jeden Kontakt mit der Außenwelt aus, um seine Texte in der Datumszeile mit „Bagdad“ garnieren zu können.
Die Polemik geht freilich an der Realität vorbei, auch wenn sie einen wahren Kern treffen mag. Die grossen amerikanischen Zeitungen haben auf die Einschränkungen reagiert, indem sie irakische Journalisten ausbildeten. Diese sind es heute, die einen Grossteil der Informationen zusammentragen.
Wer diese Arbeitsweise kennt, weiß freilich auch, dass sie ihre Tücken hat. Irakische Journalisten, auch wenn sie noch so tüchtig sind, sind oft mit der Arbeitsweise westlicher Medien nicht allzu vertraut. Wie auch? Das betrifft vor allem das Handwerk, sprich Gegenrecherche, Quellen, etc. Wichtiger ist aber noch, dass sie eine andere Sicht als westliche Journalisten haben. So ordnen sie die Ereignisse von Ereignissen und Aussagen aufgrund ihrer Biografie und ihrer Lebenssituation anders ein als ein von außen kommender Beobachter es tut. So mag eine Erklärung eines schiitischen Geistlichen für einen irakischen Kollegen, der mit dem Diskurs des Landes vertraut ist, eine wichtige Meldung sein. Einem Ausländer fehlen da nicht nur die Insider-Kenntnisse, sondern er muss seinem einheimischen Publikum auch vermitteln, warum diese Aussage innerhalb des Kontext des Landes, aber vor allem für die Beantwortung der Fragen bedeutend ist, unter denen die Außenwelt auf den Irak schaut: wie beeinflusst diese Erklärung die Stabilität des Landes? werden neue Spannungen geschaffen oder alte abgebaut?
Irgendwie bleibt auch wenn die Zusammenarbeit mit den angeheuerten einheimischen Reporter bestens klappt ein Problem: eigentlich sind die westlichen Reporter nicht nach Bagdad geschickt worden, um das Sammeln von Nachrichten zu koordinieren, sondern das Publikum erwartet nicht zu unrecht von ihnen, dass sie über das berichten, was sie mit eigenen Augen und Ohren gesehen und gehört haben.
Zudem hat die Zusammenarbeit mit den einheimischen Journalisten für mich einen äußerst bitteren Beigeschmack. Weit mehr irakische Kollegen als Ausländer sind Opfer der Gewalt. Oftmals übernehmen sie die Jobs, die die westlichen Reporter wegen des Risikos nicht übernehmen können oder wollen. Zudem haben die Ausländer immer die Möglichkeit, die Zelte abzubrechen und zu verschwinden, wen es allzu heikel wird. Diese Möglichkeit haben die irakischen Kollegen meist nicht.
Neben den einheimischen Stringern sieht Inga Rogg die Green Zone als eine weitere Möglichkeit, Informationen über das Land zu sammeln.
Darüber hinaus kann man in der «grünen» Zone einen ziemlich grossen Personenkreis treffen: irakische Abgeordnete und Minister, Vertreter der amerikanischen Streitkräfte, ausländische Diplomaten und Regierungsberater, aber auch Vertreter von inländischen wie ausländischen Bürger- und Hilfsorganisationen. Zudem leben und arbeiten viele Iraker in der Zone. Auch wenn es aufgrund der Sicherheitsbarrieren ziemlich mühsam ist, kann man hier Treffen mit Personen aus Gegenden arrangieren, die sonst unerreichbar wären.
Natürlich gehören Interviews mit Regierungsvertretern, Parlamentariern, US Militärs und Vertretern von NGOs zur Berichterstattung dazu, aber diese Art von Informationsbeschaffung gleicht dem Gespräch unter Einäugigen über die Farbe. Man redet mit Leuten, die die Wirklichkeit jenseits der Mauern der Green Zone entweder gar nicht kennen oder die ein eigenes politisches Interesse verfolgen und ihre Darstellungen entsprechend einfärben.
Berichterstattung aus der Green Zone gleicht der Unsitte, Presserklärungen für bare Münze zu nehmen, ohne ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.
Eines der großen Probleme im Irak besteht ja gerade darin, dass Entscheidungsträger am Werk sind, die von der Wirklichkeit außerhalb der Green Zone Blase wenig Ahnung haben.
Dennoch finde ich Inga Roggs Verteidigung der Berichterstattung aus dem Irak sehr löblich.
Das gerne wie ein Schutzschild vorgetragene Kipling-Wort, dass in Kriegen die Wahrheit zuerst stirbt, stimmt also selbst für die extreme Lage im Irak nicht.
Ich habe dieses Gerede von der Wahrheit als erstem Opfer auch immer für die Ausrede der (Gedanken-)Faulen halten.
Irak ist nicht einfach, aber es ist mehr möglich.
Vor allem fehlt es am Rückhalt der Heimatredaktionen.
Es hapert an vielem, aber vor allem bei zunehmender Kriegsdauer am Interesse. Der Irak ist vom Bildschirm der öffentlichen Aufmerksamkeit weitgehend verschwunden und findet meist nur noch in vereinzelten Meldungen über Bombenattentaten mit einer ausreichenden Anzahl von Toten, damit die Aufmerksamkeitsschwelle übersprungen wird, statt.
Das ist nicht nur journalistisch unlauter, weil Zuschauer/Zuhörer/Leser ein Anrecht darauf besitzen zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht, die vor noch nicht allzu langer Zeit alle Schlagzeilen bestimmt hat.
Es ist wird auch der Bedeutung dieses anhaltenden Krieges nicht gerecht. Kaum jemand zweifelt daran, dass die USA im Irak vor einer Niederlage stehen. Das wird weitreichende Konsequenzen haben - vom Fehlschlag der aggressiven US Politik der militärischen Prävention, über ein neues Blutbad mit unkontrolliertem Bürgerkrieg im Irak bis hin zur Entstehung eines neuen Rückzuggebietes für die gewaltbereiten radikalen Islamisten.
Die Situation erinnert mich ein wenig an Afghanistan, wo auch das Medieninteresse schnell nachließ und nun fünf Jahre nach der US Invasion die überraschten Zuschauer/Zuhörer/Leser aufgrund der jüngsten Berichte über Gefechte mit den Taliban („Ach, die gibt es noch?“) erfährt, dass der Wiederaufbau zu scheitern droht.
Zum zweiten hapert es im Fall Irak in den Heimatredaktionen an der aktiven Unterstützung der Reporter vor Ort.
In Folge des Bosnien-Krieges hat sich in Deutschland eine Diskussion über die Verantwortung der einzelnen Medienorganisation für ihre Reporter vor Ort entwickelt. Diese Diskussion war überfällig und gut, das Schlagwort „Verantwortung“ treibt allerdings eigentümliche Blüten. So ist es mir mehrfach passiert, dass Redaktionen es mit eben dieser Begründung ablehnten, mich in den Irak zu schicken. Ich bin aber trotzdem gefahren und dankbar hat man mir danach die Geschichten dann abgekauft. Oder ich bin nicht gefahren und man kaufte die Geschichte von einem anderen Kollegen, den man ebenfalls vorher keinen Auftrag geben wollte.
„Verantwortung“ sollte zudem kein Alles-oder-nichts-Kriterium sein, sondern es sollte Teil eines Überlegungsprozesses sein, wie angesichts des hohen Risikos dennoch verantwortlich über das Land berichtet werden kann. Zugegeben, das kann Geld kosten, und zugegeben, man benötigt einige Erfahrungen, um fundierte Entscheidungen zu treffen.
Ebenfalls mehrfach habe ich erlebt, dass Entscheidungen über das Risiko von Reportagen aus dem Irak von Kollegen gefällt wurde, die nicht über die elementarsten Kenntnisse des Landes verfügten. Vom heimischen Schreibtisch aus war für sie die Sicherheitslage in Bagdad, Basra und Erbil überall die selbe.
Es existieren nach Bosnien, nach Tschetschenien, nach Kosovo, nach dem Libanon und seit dem Beginn des Irakkrieges auch in deutschen Redaktionen eine Reihe von Kollegen, die mit derartigen Kriegs- und Krisensituation vertraut sind. Nur in wenigen Fällen nutzt man ihre Expertise, um darüber nachzudenken, wie man eine Berichterstattung aus so schwierigen Ländern wie dem Irak organisieren könnte.