Kopftücher, erneut

31. October 2006 - 21:01

Selbstverständlich sollte, nein muss Ekin Deligöz die Möglichkeit haben, moslemischen Frauen in Deutschland dazu aufzurufen, ihre Kopftücher abzulegen. Schmähungen, Beleidigungen, gar Morddrohungen, wie sie Frau Deligöz wegen ihres Aufrufs erhielt, überschreiten jedes Maß des Akzeptablen. Eine Kopftuchgegnerin unter Polizeischutz zu sehen ist ein bedrückender Anblick und Frau Deligöz verdient alle Solidarität, die ihr jetzt zu teil wird.

Aber auch wenn der grünen Bundestagsabgeordneten alle Unterstützung gebührt, ihr Recht auf Meinungsfreiheit in Anspruch zu nehmen, steht die Zustimmung zu ihrem Appell auf einem anderen Blatt. Ich halte den Aufruf für töricht und wenig hilfreich.

Dass moslemische Frauen nicht selten Kopftücher ganz ohne Zwang und aus eigener Entscheidung heraus tragen, haben schon andere vor mir gesagt. Es gibt grade in jüngster Zeit eine wachsende Zahl von Frauen, die sich für das Kopftuch entscheiden. Offensichtlich sind sie anderer Meinung als Frau Deligöz und sehen die Kopfbedeckung nicht als Symbol „der entrechteten Frau“. Wenn man für Selbstbestimmung eintritt, dann sollte man diese freie Entscheidung auch dann akzeptieren, wenn sie anders ausfällt, als man sich das wünschen würde.

Es gibt unter Frauen in der islamischen Welt eine lebhafte Debatte über das Für und Wider des Kopftuches. Diese Debatte wird ganz ohne Einfluss der Männer geführt. Offensichtlich ist Frau Deligöz mit dieser Kontroverse nicht vertraut. Sonst wüsste sie, dass moslemische Frauen sehr eigenständig sich das Recht nehmen, die Entscheidung selbst zu treffen.

Mich erinnert der Versuch, Moslemminen vom Kopftuch befreien zu wollen, an die Kampagne gegen die sexuelle Ausbeutung von Frauen in den 70er Jahren. Damals wurde argumentiert, dass die männerdominierte Welt die Frauen zu unterdrückten Sexualobjekten machen würde. Das galt natürlich vor allem für die Prostitution. Es hat eine Weile gedauert, bis die Erkenntnis einsickerte, dass viele Beschäftigten in der Sex-Industrie ihr Gewerbe als eine völlig legitime Tätigkeit ansehen und sie nicht von den Freiern befreit werden wollten, sondern sich nur eine bessere Absicherung und Gleichstellung ihres Berufes wünschten. Heute ist der Schutz für Prostituierte gesetzlich geregelt, vor allem dank der Partei der Grünen, bei denen viele der damaligen Aktivistinnen ihre politische Heimat fanden.

Aber selbst wenn wir annehmen würden, das Kopftuch sei ein Symbol der Unterdrückung, was macht der Aufruf für einen Sinn? Wenn die Frauen die Freiheit hätten, das Kopftuch abzulegen, würden sie es längst getan haben. Ihr Problem besteht eben darin, dass sie nicht so können, wie sie wollen, und da helfen keine feurigen Appelle sondern nur praktische Unterstützung.

Leider existiert unter den moslemischen Familien eine verhältnismäßig hohe Zahl, in denen Männer die Frauen tyrannisieren und dabei auch noch glauben, dies mit dem Koran rechtfertigen zu können. Ganz ungeachtet der Frage, ob diese Männer doch sehr selektiv vom Koran Gebrauch machen, brauchen diese Frauen praktische Unterstützung. Das kann Beratung sein, das kann finanzielle Unterstützung sein und das können sogar polizeiliche Maßnahmen sein, wenn die Männer mit Gewalt ihre Stellung zu verteidigen suchen.

Mit Sicherheit ist dies ein mühsamerer Weg als beispielsweise ein Kopftuchverbot in Grundschulen, wie es die Islamkritikerin Necla Kelek fordert. Frau Kelek hat schon eine Reihe von törichten Behauptungen in die Welt gesetzt. Beispielsweise: „Wer bewusst ein Kopftuch trägt, grenzt sich damit auch bewusst von der deutschen Gesellschaft ab. Denn das Kopftuch bedeutet für die Frau, dass sie sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen soll.“ Tatsächlich? Ist in Deutschland kein Platz für eine Muslimin, die die bestehenden Gesetze achtet und ihre Religion frei praktizieren will? Ich dachte, unsere Gesellschaft beruht auf dem Prinzip der Toleranz und schätzt die Religionsfreiheit. Mit solchen Behauptungen schürt man nur die unreflektierte Angst vor dem Islam und kreiert man einen Generalverdacht.

Nun diese törichte Forderung nach dem Kopftuchverbot in der Grundschule. Die praktische Konsequenz wird sein, dass dogmatische eifernde Eltern ihre Mädchen nicht mehr in die Schule schicken werden und damit die Chance verbauen, mit den Grundwerten unserer Gesellschaft im Unterricht vertraut zu werden. Zum zweiten schafft es zweierlei Maß, denn christliche oder jüdische Mädchen können tragen, was immer sie wollen. Das Kopftuch ist – anders als Frau Deligöz und Frau Kelek behaupten - in erster Linie Teil der Religionsfreiheit. Die ist nicht nur vom Grundgesetz geschützt, sondern auch Teil unseres Wertekataloges.

Was wird also mit dem Aufruf, das Kopftuch abzuwerfen, erreicht? Nicht viel mehr als die pauschale Verdächtigung, dass alle islamischen Frauen, die ihr Haar bedecken, entweder unterdrückt sind oder sich freiwillig unterdrücken lassen. Das ist nicht nur falsch, sondern die denkbar schlechteste Voraussetzung für den Dialog, den man gleichzeitig mit der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland führen möchte.

Und er lenkt von den wirklich wichtigen Dingen ab. Die Kopftuchaufregung ist eine Aufregung um Äusserlichkeiten und ebenso tiefsinnig wie der einstige Appell an die Frauen, sich von ihren BHs als Zeichen der sexuellen Unterdrückung zu befreien (sorry für diesen zweiten Flashback in die 70er Jahre). Zu recht sind Frauenrechtlerinnen in der islamischen Welt empört darüber, dass sie immer wieder auf die Kleiderfrage reduziert werden. Es geht um wichtigeres wie Zugang zur Bildung, Aufklärung, Ende der materiellen Abhängigkeit, Ende der Gewalt in Familien und Ende der Diskriminierung. Kurz: um Selbstbestimmung – mit oder ohne Kopftuch.

Keine Reaktion

30. October 2006 - 23:44

Amüsiert ironisch berichtet die Kollegin Britta Petersen bei Reporterwelt aus Jalalabad, wie sie mit Anfragen von Redaktionen überhäuft wird, über die Reaktionen in Afghanistan auf die Totenschädelaffäre der Bundeswehr reagieren

Ich habe mich auch schon reichlich dazu geäußert, obwohl ich gestehen muss, dass es eigentlich nicht viel zu sagen gibt. Denn wie groß die Aufregung in Deutschland auch sein mag – hier in Afghanistan ist sie es nicht.

Die Afghanen, trotz aller Warnungen der Experten, reagieren nicht. Warum?

Drei Gründe:

1. Die Einhaltung der Totenruhe ist nicht nur ein islamisches Gebot, sondern in vielen Kulturen und Religionen üblich. Es fehlt die spezifische „islamische Brisanz“, die religiösen Eifern einen unmittelbaren Aufhänger geben würde zu mobilisieren.

2. Wenn es zu größeren Protesten und auch Gewalt wie beispielsweise bei den Unruhen im Mai dieses Jahres kam, dann gab es ein sich über längere Zeit aufbauendes Potential an Unzufriedenheit, das nur einen Anlass benötigte, um sich zu entladen. Im Mai war es ein durch das US Militär verursachter Verkehrsunfall, der all den Unmut über das arrogante Auftreten der Amerikaner zur Explosion brachte. Zorn erregt nicht nur der Umstand, dass die US Soldaten sich aufführen, als seien sie die neuen Könige von Kabul, sondern auch das Gefühl, mit Versprechungen, die nie eingelöst wurden, getäuscht worden zu sein. Solche eine Haltung besteht gegenüber der Bundeswehr bislang noch nicht. Die deutschen Soldaten zehren vielmehr von dem guten Ruf, den Deutschland seit Jahrzehnten in Afghanistan genießt.

3. Anders als uns die Fernsehbilder glaubhaft machen wollen, sind die Unruhen und Proteste selten spontan, sondern werden von Drahtziehern inszeniert, die damit ihre eigenen politischen Ziele verfolgen. Der Streit um die Mohammad Karikaturen wäre nie zustande gekommen, wenn nicht eine kleine Gruppe von Aufrührern erst einmal mit zum Teil gefälschten Bildern durch den Nahen Osten gereist wäre, um ihren Glaubensbürgern zu erklären, wie beleidigt sie nun sein müssten. Die staatlich gelenkten Medien spielten wie im Iran dabei die Rolle des Anpeitschers. Am Ende war es eine gut organisierte Gruppe von weniger als 100 Rechtsextremen vor der dänischen Botschaft, die für den Krawall sorgte. Keiner von ihnen hatte die Karikaturen jemals selbst gesehen.

Im politischen Kalkül der Islamisten wie des bewaffneten Widerstandes in Afghanistan spielen die deutschen Soldaten derzeit eine vernachlässigbare Rolle. Das kann sich natürlich noch ändern.

Endlich wieder arbeiten!

29. October 2006 - 10:03

In seiner großherzlichen Güte hat uns Präsident Ahmadinejad zum Ende des Fastenmonats Ramadan zwei zusätzliche Feiertage verkündet. Damit stieg die Zahl der freien Tage – den Freitag eingerechnet - auf vier.

Der arbeitsbefreiende Akt kam völlig unvorbereitet. Im Iran werden Feiertage nicht notwendigerweise durch ein Gesetz festgelegt, noch geht einer solchen Entscheidung unbedingt eine Debatte über das Für und Wider voraus. Der Präsident gibt es, der Präsident nimmt es.

Er hätte es besser lassen sollen.

Gestern stand Teheran kurz vor dem Kollaps. Die ansonsten nur hoffnungslos verstopften Strassen wurden zu langsam vor sich hinkriechenden Lavaströmen aus Blech und giftigen Abgasen. Die Zahl der Schlägereien, in dem sich die angestaute Reizbarkeit des durchschnittlichen Teheraner Autofahrers gewaltsam entlädt, nahm deutlich zu. Vor den Behörden und Banken bildeten sich noch vor der Öffnung lange Schlange und ohne den Einsatz der Ellbogen war es unmöglich, seine Angelegenheit zu erledigen, bevor die Schalter von den völlig entnervten Angestellten wieder geschlossen wurden.

Die Extra-Feiertage hatten alle überrascht. Die Ankündigung, dass an zwei zusätzlichen Tagen niemand zu arbeiten brauche, kam erst am späten Nachmittag als alle Banken schon geschlossen waren. Da Geldautomaten im Iran rar gesät sind und die wenigen existierenden Maschinen selten funktionieren, wurde plötzlich das Geld knapp. Natürlich konnte man die Verwandten vom großen Festessen zu Eid al-Fitr wieder ausladen. Lieber an den anderen Tagen hungern. Geschäftsbesprechungen mussten umterminiert werden, Bestellungen storniert und dringende Angelegenheiten erneut verschoben werden.

Chaos, und Schuld hatte allein der Präsident.

Selbst seine politischen Befürworter waren vergrätzt. „Eid al-Fitr ist ein großes und ehrenwertes islamische Fest, aber einfach zwei weitere Feiertage hinzu zu fügen, hat unerwartete Probleme geschaffen“, maulte der Parlamentarier Hamid Reza Katouzian, der ansonsten in der Regel für die Politik von Ahmadinejad stimmt. Er kündigte einen Brief von 80 Abgeordneten an den Präsidenten an, in dem dieser aufgefordert wird, von nun an „taktvolle Entscheidungen“ zu treffen und vorab Experten zu konsultieren.

Die politischen Gegner Ahmadinejads wittern mehr als nur Gedankenlosigkeit. Sie glauben, der Präsident habe die Entscheidung so kurzfristig bekannt gegeben, um Fakten zu schaffen, bevor eine öffentliche Debatte erst beginnen kann. Sein Plan sei es, die religiösen Feiertage auf-, die säkularen Festtage dagegen abzuwerten. Die zwei Tage mehr Eid al-Fitr sollen angeblich bei Noruz, dem Neujahrsfest, das zwei Wochen lang gefeiert wird, wieder abgezogen werden.

„Nicht mit mir,“ schimpft H. „Noruz ist ein altes persisches Fest und die diese religiösen Hitzköpfe wollen uns unsere iranische Identität rauben. Was immer Ahmadinejad entscheidet, ich werde zwei Wochen nicht arbeiten.“ Das dürfte H. nicht so furchtbar schwer fallen, da er sich als freiberuflicher Graphiker seine Arbeitszeit allemal frei einteilen kann.

Ich bin schlicht froh, dass ab heute das Land zu so etwas wie Normalität zurück kehrt und ich wieder arbeiten kann.

Hochkultur im Untergrund

28. October 2006 - 23:02

Auf dem Programm standen Arien von Puccini, Bizet und Verdi. Die Sängerinnen und Sänger wurden von einem Pianisten begleitet.

Es war ein Hauskonzert – in Europa ein wenig aus der Mode gekommen, aber im Iran die einzige Möglichkeit, so etwas zu veranstalten.

Eingeladen waren musikinteressierte Iraner, westlich orientiert und sicher nicht ganz ohne Vermögen, ein paar Künstler und Diplomaten aus westlichen Botschaften.

Der Gastgeber spielt selbst in seiner Freizeit ein wenig Piano und kannte über Bekannte von Bekannten die Interpreten.

Kellner offerierten Säfte, Rot- und Weißwein und auf Wunsch auch härtere Getränke.

Ich werde nicht verraten, wo das Konzert stattfand, noch die Namen der Interpreten nennen, denn beinah alles an diesem Abend war nach iranischem Recht verboten: Sängerinnen dürfen nicht vor einem gemischtgeschlechtlichen Publikum auftreten, erst recht nicht in Abendkleidern mit weitem Ausschnitt und unbedecktem Haar. Natürlich ist auch der Alkoholkonsum verboten und private Treffen zwischen Iranern und westlichen Diplomaten können zu Fragen führen.

Klassische Musik im Underground. Solche Konzerte finden in Teheran alle paar Wochen statt, eine Subkultur mit Hochkultur.

Vor dem Eingang standen zwei angeheuerte Wächter, die bei beim Heranrücken der Polizei alarmiert hätten.

Es war ein netter Abend.

Blumen

- 14:19

Mehrere Meter hohe Lichtskulptur im Zentrum von Barbolsar, einem Städtchen am Kaspischen Meer.