
Eine der angenehmen Seiten von Ramadan ist Eftar, das gemeinsame Brechen des Fastens.
Man isst entweder in der Familie oder trifft sich mit Freunden oder Bekannten. Arbeitskollegen organisieren ein gemeinsames Essen oder bekanntere Persönlichkeiten laden ein.
So habe ich in den letzten Jahren gemeinsam mit Kollegen, mit Mitarbeiter von Ministerien und ein, zwei leibhaftigen Ministern, mit Anwälten einer Menschenrechtsorganisation, mit einer Theatergruppe, mit Literaturkritikern, Schriftstellern, Z.s Familie, Basiji, Freunden und Freunden von Freunden und Wer-weiss-ich-nocht-alles zusammen gegessen.
Die Stimmung ist meist informell und heiter. Man plaudert, man lacht.
Gestern saß ich nach Anbruch der Dunkelheit an einem langen Tisch gemeinsam mit einer Gruppe von Menschen, die allesamt der Ansicht waren, Israel müsse von der Landkarte gefegt werden.
Eine der beiden großen iranischen Organisationen zur Unterstützung des „palästinensischen Freiheitskampfes“ hatte für den Nachmittag zu einer Konferenz eingeladen: „Islamischer Widerstand – Das Ende des Zionismus“. Derartige Veranstaltungen gibt es im Iran zuhauf und sind nach dem Libanonkrieg sogar noch zahlreicher geworden. Also im Normalfall kein Pflichttermin für einen Journalisten, aber eingeladen waren auch die iranischen Vertreter der Hisbollah sowie des Islamischen Jihad. Beide sind recht zurückhaltend, wenn es um den Kontakt mit westlichen Journalisten geht. Ein wenig Händeschütteln und ein wenig Small Talk ist da eine Anzahlung auf zukünftige Interviewwünsche. Angekündigt war zudem ein Eftar zum Abschluss der Veranstaltung.
Ich war spät, da ich nicht unbedingt an den Vorträgen über die „verbrecherische Natur des zionistischen Systems“ und die „Perspektiven des Befreiungskampfes“ interessiert war. 1000 Mal gehört und dennoch nicht glaubhafter geworden. In der Aula der Azadi Universität gleich an der Damovand Strasse saßen müde Zuhörer, meist Studenten, in der verbrauchten Luft, dösten oder unterhielten sich flüsternd miteinander, während vorn auf der Bühne ein iranischer Nah-Ost-Experte in einem weißen Sommeranzug aus Leinen und mit einem schicken Halstuch die neue Lage nach der Niederlage der „Zionisten“ im Libanon erklärte.
Ich vertrieb mir die Zeit, in dem ich ein wenig durch den Gang außerhalb des Saales spazierte, um nach dem Mann von der Hisbollah und seinem Kollegen vom Islamischen Jihad Ausschau zu halten. Beide waren nicht gekommen und es blieb mir nicht mehr als mir ein erneutes Mal die Holocaust Karikaturen anzuschauen, von denen eine kleine Auswahl etwas ungeordnet an der Wand aufgehängt waren. Diese Bilder scheinen so etwas wie die transportable Wandtapete für antisemitische Veranstaltungen zu werden. Außer mir hatte allerdings niemand Interesse an der Darstellung von Juden mit übergroßen Nasen und Hakenkreuzen auf dem Ärmel.
Letzter Redner. Der Vorbeter stimmte mit singender Stimme, die von eigener Schönheit war, das Abendgebet an, das gleichzeitig das Ende des Fastens für den Tag ankündigt.
Ich wollte mir einen ersehnten Zigarillo anzünden, wurde aber von freundlichen Unbekannten drängend und schiebend an den Tisch gebeten. Die Helfer brachten Reis mit Hühnerkebab in Styropor, Joghurt, frisches Brot und Limonade.
Meine Sitznachbarn waren der Pressesprecher der Organisation, dessen Stolz, einen leibhaftigen Deutschen aufgetrieben zu haben, ihm aus dem Gesicht leuchtete, einen Fotographen, der freiberufliche für einige der regimetreuen Nachrichtenagenturen arbeitet, sowie einem jungen Mann mit schütterem Bart, der sich nicht näher vorstellte.
Während des Essens plauderten wir. Über das Vergnügen, nach Ende des Fastens die erste Zigarette wieder zu rauchen. Über meine jüngste Reise nach Afghanistan. Über eine Fotoausstellung, die ich leider verpasst habe.
Ich war heilfroh, das man mich nicht fragte, was ich denn vom Holocaust halte. Einmal als Deutscher identifiziert ist es in diesen Kreisen nahezu unvermeidlich, dass diese Frage gestellt wird. Die Antwort unterscheidet zwischen Freund und Feind. Die nachfolgende Diskussion, in der ich gern auf die Erzählungen in meiner Familie über die verschwundenen Juden in der Nachbarschaft, die Gerüchte über Konzentrationslager und die Schilderung meines Onkels zurückgreife, wie er selbst an der „Säuberung“ eines Dorfes in Polen teilgenommen hat, zurückgreife, sind nur ermüdend und selten fruchtbar. Man ist nicht so grob, die Authentizität der Aussagen direkt anzuzweifeln, aber geglaubt werden sie dennoch nicht.
Wir plauderten über den Herbst, der so plötzlich eingebrochen ist, den Regen, der die Luft säubert und die Plagen mit der Luftverschmutzung in Teheran.
Als der Tee gebracht wurde, lehnte ich dankend ab und entschuldigte mich mit einer anderweitigen Verabredung. Wir schüttelten uns freundlich die Hände, tauschten Telefonnummern aus und versprachen, auf jeden Fall weiter in Kontakt zu bleiben.
Draußen vor der Tür atmete ich mit einem tiefen Zug die frische, kühle Luft ein.