Update Torsello II

23. October 2006 - 22:31

Nachdem die Deadline der Entführer des italienischen Fotojournalisten Gabriele Torsello gestern verstrichen ist, gab es heute neue Nachrichten.

Die Organisation PeaceReporter, für die Torsello arbeitet, hat heute auf ihrer Webseite eine kurze Nachricht ohne weitere Einzelheiten zu nennen:

“Gabriele Torsello is fine”

New contact with the italian journalist kidnappers after the ultimatum expired

AFP berichtet, es fänden weiterhin Verhandlungen mit den Entführern statt. Der italienische Außenminister Massimo D’Alema gab an, es gebe noch „mehrere Tage für Verhandlungen“.

Asked about the possible payment of a ransom to free Torsello, who has been detained for about 10 days, the minister said: “These are things that are not spoken about and which we don’t mention if we want to save someone.”

Die italienische Regierung hatte im Mai letzten Jahres 200.000 US Dollar für die Freilassung von Clementina Cantoni gezahlt.

Die Kidnapper hatten ursprünglich den Austausch von Torsello gegen den zum Christum konvertierten und in Afghanistan zum Tode verurteilten Abdul Rahman verlangt. Rahman hält sich jetzt in Italien auf.

Nachdem dies von der italienischen Regierung abgelehnt wurde, verlangten die Entführer den Abzug der 1.800 italienischen Soldaten aus Afghanistan. Auch dies hat die Regierung in Rom abgelehnt.

Eftar mit Anti-Zionisten

- 07:58

Eine der angenehmen Seiten von Ramadan ist Eftar, das gemeinsame Brechen des Fastens.

Man isst entweder in der Familie oder trifft sich mit Freunden oder Bekannten. Arbeitskollegen organisieren ein gemeinsames Essen oder bekanntere Persönlichkeiten laden ein.

So habe ich in den letzten Jahren gemeinsam mit Kollegen, mit Mitarbeiter von Ministerien und ein, zwei leibhaftigen Ministern, mit Anwälten einer Menschenrechtsorganisation, mit einer Theatergruppe, mit Literaturkritikern, Schriftstellern, Z.s Familie, Basiji, Freunden und Freunden von Freunden und Wer-weiss-ich-nocht-alles zusammen gegessen.

Die Stimmung ist meist informell und heiter. Man plaudert, man lacht.

Gestern saß ich nach Anbruch der Dunkelheit an einem langen Tisch gemeinsam mit einer Gruppe von Menschen, die allesamt der Ansicht waren, Israel müsse von der Landkarte gefegt werden.

Eine der beiden großen iranischen Organisationen zur Unterstützung des „palästinensischen Freiheitskampfes“ hatte für den Nachmittag zu einer Konferenz eingeladen: „Islamischer Widerstand – Das Ende des Zionismus“. Derartige Veranstaltungen gibt es im Iran zuhauf und sind nach dem Libanonkrieg sogar noch zahlreicher geworden. Also im Normalfall kein Pflichttermin für einen Journalisten, aber eingeladen waren auch die iranischen Vertreter der Hisbollah sowie des Islamischen Jihad. Beide sind recht zurückhaltend, wenn es um den Kontakt mit westlichen Journalisten geht. Ein wenig Händeschütteln und ein wenig Small Talk ist da eine Anzahlung auf zukünftige Interviewwünsche. Angekündigt war zudem ein Eftar zum Abschluss der Veranstaltung.

Ich war spät, da ich nicht unbedingt an den Vorträgen über die „verbrecherische Natur des zionistischen Systems“ und die „Perspektiven des Befreiungskampfes“ interessiert war. 1000 Mal gehört und dennoch nicht glaubhafter geworden. In der Aula der Azadi Universität gleich an der Damovand Strasse saßen müde Zuhörer, meist Studenten, in der verbrauchten Luft, dösten oder unterhielten sich flüsternd miteinander, während vorn auf der Bühne ein iranischer Nah-Ost-Experte in einem weißen Sommeranzug aus Leinen und mit einem schicken Halstuch die neue Lage nach der Niederlage der „Zionisten“ im Libanon erklärte.

Ich vertrieb mir die Zeit, in dem ich ein wenig durch den Gang außerhalb des Saales spazierte, um nach dem Mann von der Hisbollah und seinem Kollegen vom Islamischen Jihad Ausschau zu halten. Beide waren nicht gekommen und es blieb mir nicht mehr als mir ein erneutes Mal die Holocaust Karikaturen anzuschauen, von denen eine kleine Auswahl etwas ungeordnet an der Wand aufgehängt waren. Diese Bilder scheinen so etwas wie die transportable Wandtapete für antisemitische Veranstaltungen zu werden. Außer mir hatte allerdings niemand Interesse an der Darstellung von Juden mit übergroßen Nasen und Hakenkreuzen auf dem Ärmel.

Letzter Redner. Der Vorbeter stimmte mit singender Stimme, die von eigener Schönheit war, das Abendgebet an, das gleichzeitig das Ende des Fastens für den Tag ankündigt.

Ich wollte mir einen ersehnten Zigarillo anzünden, wurde aber von freundlichen Unbekannten drängend und schiebend an den Tisch gebeten. Die Helfer brachten Reis mit Hühnerkebab in Styropor, Joghurt, frisches Brot und Limonade.

Meine Sitznachbarn waren der Pressesprecher der Organisation, dessen Stolz, einen leibhaftigen Deutschen aufgetrieben zu haben, ihm aus dem Gesicht leuchtete, einen Fotographen, der freiberufliche für einige der regimetreuen Nachrichtenagenturen arbeitet, sowie einem jungen Mann mit schütterem Bart, der sich nicht näher vorstellte.

Während des Essens plauderten wir. Über das Vergnügen, nach Ende des Fastens die erste Zigarette wieder zu rauchen. Über meine jüngste Reise nach Afghanistan. Über eine Fotoausstellung, die ich leider verpasst habe.

Ich war heilfroh, das man mich nicht fragte, was ich denn vom Holocaust halte. Einmal als Deutscher identifiziert ist es in diesen Kreisen nahezu unvermeidlich, dass diese Frage gestellt wird. Die Antwort unterscheidet zwischen Freund und Feind. Die nachfolgende Diskussion, in der ich gern auf die Erzählungen in meiner Familie über die verschwundenen Juden in der Nachbarschaft, die Gerüchte über Konzentrationslager und die Schilderung meines Onkels zurückgreife, wie er selbst an der „Säuberung“ eines Dorfes in Polen teilgenommen hat, zurückgreife, sind nur ermüdend und selten fruchtbar. Man ist nicht so grob, die Authentizität der Aussagen direkt anzuzweifeln, aber geglaubt werden sie dennoch nicht.

Wir plauderten über den Herbst, der so plötzlich eingebrochen ist, den Regen, der die Luft säubert und die Plagen mit der Luftverschmutzung in Teheran.

Als der Tee gebracht wurde, lehnte ich dankend ab und entschuldigte mich mit einer anderweitigen Verabredung. Wir schüttelten uns freundlich die Hände, tauschten Telefonnummern aus und versprachen, auf jeden Fall weiter in Kontakt zu bleiben.

Draußen vor der Tür atmete ich mit einem tiefen Zug die frische, kühle Luft ein.

Mousavi Khoini freigelassen

22. October 2006 - 08:22

Ali Akbar Mousavi Khoini wurde in der vergangenen Nacht nach 130 Tagen Haft freigelassen.

Nach Angaben seiner Freunde geht es ihm den Umständen entsprechend gut. Ein Geständnis hat er nicht unterschrieben.
So weit bisher bekannt ist, soll ihm zu einem späteren Zeitpunkt der Prozess gemacht werden. Der Inhalt der Anklage ist aber noch das Geheimnis des Staatsanwaltes.

Ende auch für Shargh Nachfolger

21. October 2006 - 21:30

Was soll ein Verleger tun, der die Lizenz zur Herausgabe eines Tageszeitung hat und der sich in die politische Debatte des Landes einmischen will, dessen letztes Blatt aber von den Behörden gerade verboten wurde?

Er gründet einfach eine neue Zeitung unter neuem Namen!

Dies ist eine im Iran nicht unübliche Praxis und gelegentlich wird es von der staatlichen Zensur auch geduldet. Die Schließung der ersten Zeitung war Warnung genug und bevor man sich die Mühe macht, diesen Fall mühselig zu entwirren, neue Anträge zu genehmigen und Auflagen zu formulieren, lässt man es einfach laufen.

Nicht so bei Shargh. Das Blatt, das sich um eine unabhängige Berichterstattung bemühte, wurde am 12. September unter dem Vorwand, eine Karikatur beleidige Präsident Ahmadinejad geschlossen. Am 16. Oktober erschien eine neue Zeitung mit nahezu identischer Redaktion und nahezu identischem Lay-out aber einem anderen Namen. Rosegar, auf Deutsch „Die Zeit“.

Zwei Tage später war das Glück schon wieder vorbei. Die Zensur schritt ein und stoppte die Veröffentlichung. Es wurde verhandelt und vor zwei Tagen durfte Rosegar wieder erscheinen, aber ohne politischen Teil. Ein Tiger ohne Zähne.

Auch das war wohl irgendjemandem im Machtapparat Teherans nicht genug Kastration. Man kann sich förmlich vorstellen, wie er wütend auf den Tisch schlug und ausrief „Ich will dieses Blatt nicht mehr sehen!“ Heute kam nun auch das Aus für Rosegar.

Man meint es mit der Ausschaltung dieser wichtigen Stimme in der iranischen Presselandschaft ernst.

Delara

20. October 2006 - 08:03

Teil eines Bildes von Delara Darabi

Die Einladung kam über die Mailingliste einer Frauengruppe, die Ausstellung fand in der Golestan Galerie statt. Gezeigt werden Bilder von Delara Darabi.

Die Künstlerin war nicht anwesend. Sie wartet im Gefängnis von Rascht, einem Städtchen im Norden Irans, auf ihre Exekution.

Irgendwann im Jahr 2003, das genaue Datum war nicht in Erfahrung zu bringen, besuchte Delara gemeinsam mit ihrem damaligen Freund Amir Hussein eine ältere, alleinstehende Cousine. Die beiden wollten sich Geld von ihr leihen, aber nach dem Besuch war die Cousine durch mehrere Messerstiche ermordet worden. Ihre Wertsachen waren gestohlen worden. Dazu, was passiert ist, gibt es zwei Varianten:

In ihrem ersten Geständnis bei der Polizei nahm Delara die Schuld auf sich. Amir habe der Cousine zuerst einen Schlag auf den Kopf versetzt, so dass sie besinnungslos war. Dann habe er sie aufgefordert, ein Messer zu holen und die Cousine zu erstechen. Zuvor habe Amir ihr schon ein paar Tabletten verabreicht, weshalb sie sehr verwirrt gewesen sei. Deshalb habe sie seinem Drängen nachgegeben.

Delara wurde zum Tod verurteilt. Ihr Freund Amir Hussein kam wegen Beihilfe zum Mord mit 15 Jahren Gefängnis davon.

Danach änderte Delara ihr Geständnis. Amir habe die Cousine allein ermordet und die Wertsachen geraubt. Sie sei zwar dabei gewesen, aber unter dem Einfluss der Tabletten gestanden, so dass sie gar nicht recht mitbekommen habe, was geschehen sei.

Später habe Amir sie dann unter Druck gesetzt, den Mord auf sich zu nehmen. Weil er ihr versichert habe, dass als 17jährige ihr nichts passieren könne, und weil sie ihn geliebt habe, habe sie eingewilligt.

Geschichten von jungen Frauen, die bereit sind, sich aus Liebe für ihren Partner zu opfern, kommen im Iran häufiger vor, als man glauben mag. Die Geschichte schient wie aus einer billigen Liebesromanze entlehnt, aber entscheidender ist etwas anderes. Delara war zum Zeitpunkt der Tat erst 17 Jahre alt und damit auch nach iranischem Recht minderjährig.

Der Iran hat sich durch die Unterzeichnung der Konvention zum Schutz des Kindes sowie der Internationalen Konvention zum Schutz ziviler und politischer Rechte dazu verpflichtet, keine Minderjährigen zum Tode zu bestrafen. Nach Angaben von amnesty international sind dennoch seit 1990 18 Jugendliche jünger als 18 Jahre hingerichtet worden.

Delaras Bilder sind düster. Gefängnisszenen, weiß gemalte engelgleiche Figuren, die zum Himmel steigen.

In einem kleinen begleitenden Text schreibt sie, sie hoffe, dass die Bilder helfen würden, dass sich Menschen auch nach ihrem Tod an sie erinnern würden.

Zwischen den Besuchern der heutigen Ausstellungseröffnung sass Delaras Mutter, eine kleine Frau in schwarzem Tschador. Immer wieder wischte sie sich die Tränen aus den Augen. Jeder schaut auf sie, aber kaum jemand wagte es, ihr Trost zu spenden.