Lücken

29. November 2006 - 22:52

Ich kenne jemanden, die mir mit der Behauptung Trost zu spenden versuchte, Zahnlücken seien sehr sexy. Meine ist es mit Sicherheit nicht. Mir fehlt schlicht einer der unteren Scheidezähne, was auf eine Verkettung einer Reihe von ungünstigen Umstände (darunter zwei heimtückische getrocknete Feigenstiele) zurück zu führen ist.

Fast ein Jahr lang habe ich versucht, mit diesem unglücklichen Zustand zu leben, aber schließlich habe ich die Hoffnung aufgegeben, dass der Zahn jemals wieder nachwachsen würde.

Gutmeinende Bekannte hatten mir immer wieder Adressen und Namen von Spezialisten genannt, die mir weiterhelfen könnten. Sie wussten nichts von meiner panischen Angst vor Zahnärzten, die vielleicht ein ganz klein wenig an meinem Unglück mitschuldig war. Durch Zufall war ich mal vor ein paar Monaten in eine Zahnarztparty geraten und ging mit einem ganzen Stapel Visitenkarten wieder nach Hause.

Ich hatte also die Auswahl, und es war an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen, zumal sich ein weiterer unterer Schneidezahn, erfüllt von grenzenloser Sehnsucht, an seinen nicht mehr vorhandenen Nebenmann anzulehnen versucht.

Im Iran gilt freie Ärztewahl. Man meldet sich zu einer Voruntersuchung an, lässt sich gebührenfrei in den Mund schauen und hört sich an, wie der Fachmann das Problem zu lösen gedenkt. Der Preis ist Verhandlungssache. Alles so ähnlich wie beim Auto- oder Teppichkauf.

Es existiert zwar eine Krankenversicherung, aber kaum jemand nimmt sie in Anspruch, weil Ärzte und Krankenhäuser, die Kassenpatienten behandeln, sehr zu recht in dem Ruf stehen, dies wohl nötig zu haben. Wer immer es sich nur leisten kann, zahlt aus eigener Tasche und hat damit Anspruch auf private Behandlung.

Um gleich einer gern gestellten Frage vorweg zu greifen: um das ärztliche Können ist es weit besser bestellt als um die Demokratie im Land. Die überwiegende Zahl der Mediziner hat im Ausland studiert und ist zurückgekehrt, um Geld zu verdienen. Viel Geld.

Für eine durchschnittliche iranische Familie kann eine plötzliche ernsthafte Erkrankung der finanzielle Ruin bedeuten. Für einen Ausländer, der gemessen an den Maßstäben seines Herkunftslandes über ein durchschnittliches Einkommen verfügt, erscheint die Behandlung aber relativ preiswert. Die Röntgenaufnahme meiner Zähne, die mit einem hochmodern wirkenden Apparat, der wie eine Katze surrend um meinen Kopf herum fuhr, vorgenommen wurde, kostete mich vier Euro – bar vorab. Viele Iraner, die in den USA, Kanada oder Europa leben, kommen in die Heimat zurück, um sich hier den Zahn ziehen, das Knie operieren oder auch die Nase richten oder den Busen straffen zu lassen.

Meine erste Station war Dr. M., der mir von einem Freund eines Freundes als absolute Koryphäe empfohlen wurde. Dr. M. unterrichtet Kieferchirurgie an einer der besten Universitäten in Teheran. Um es kurz zu machen: die Praxis hatte das Flair einer abgewohnten Altbauwohnung, die Sprechstundenhilfe war mürrisch und den Behandlungsstuhl musste Dr. M. gleich nach Abschluss seines Studiums in den 50er Jahren angeschafft haben. Aber er machte mir Mut. Alles nicht so schlimm, lautete seine erste Diagnose. Zwei meiner Backenzähne hätten die besten Jahre schon hinter sich und sollten am besten gleich mitgezogen werden. Macht zusammen drei Implantate. Eine Kleinigkeit.

Und die Chirurgie, die nach Ansicht der Runde bei der Zahnarztparty aufgrund meines zurückgehenden Zahnfleisches dringend vorgenommen werden müsse? „Ach, das schauen wir uns erst einmal an. Erst einmal eine antibakterielle Behandlung. Was nützt eine Zahnfleischkorrektur, wenn das Problem danach wieder auftritt?“ winkte Dr. M. ab und fügte hinzu, schließlich wolle er nicht seinen gut Ruf verlieren. Dieser nachgeschobene Satz flößte mir trotz des eher negativen Eindrucks, den die Praxis auf mich machte, Vertrauen ein.

Arzt Nummer Zwei heißt Dr. G., lehrt ebenfalls an einer Universität und ist sowohl Periodontist (ich habe immer noch nicht nachgeschlagen, was das eigentlich ist) und Spezialist für dentale Implantate.

Auch hier eine mürrische Sprechstundenhilfe, aber ein modern eingerichtetes Wartezimmer mit Fernseher (das miserable Programm hat ja nicht er zu verantworten) und Designerlampen. Im Behandlungszimmer blitzte und funkelte es. Mit Hilfe einer kleinen Sonde in meinem Mund konnte er mir auf einem Monitor meine „Problemzonen“ zeigen. Aber noch viel beeindruckender: gleich vier Fachleute widmeten sich mir. Dr. G., ein junger Assistent, der mir das Wasser zum Ausspülen reichte, eine lächelnde Fachfrau für orale Hygiene sowie ein vierter Mensch, der nichts sagte, sondern nur Eintragungen in meine frisch angelegte Akte vornahm.

Bilanz: zwei vordere Schneidezähne sowie die beiden problematischen Backenzähne sollten gezogen werden (macht fünf Implantate) und ganz dringend eine Zahnfleischoperation. „Unbedingt notwendig!“. Das freundliche Gesicht von Dr. G. bekam einen sehr ernsten Ausdruck.

Auf einem Zettel skizzierte er für mich einen Sieben-Stufen-Plan, nach dem er vorzugehen gedachte. Erster Schritt: Einweisung in das richtige Zähneputzen.

Ich bemühte mich, mir nicht anmerken zu lassen, wie hart mich der Vorwurf traf, mein ganzes Leben lang falsch meine Zähne geputzt zu haben, und ließ mich derart abgelenkt von dem Protokollanten in ein Nebenzimmer führen. An einem überdimensionalen, aufklappbaren Gebiss demonstrierte er mir mit einer ebenfalls überdimensionalen Zahnbürste, wie ich zu Werke zu gehen habe. Nicht zu viel Druck, kreisförmig, 45 Grad und vom Zahnfleisch jeweils auf- oder abwärts.

Er lehnte sich dabei ganz nah zu mir herüber und flüsterte mir mit großer Identität ins Ohr, als verrate er mir ein Geheimnis, von dem die Zukunft der Menschheit abhängt.

Seit heute putze ich mir die Zähne anders. Ich muss mich erst noch daran gewöhnen.

Meine Entscheidung, Dr. M. oder Dr. G., treffe ich morgen.

Shadi Sadr

28. November 2006 - 22:58

(c) Zohreh Soleimani

Sympathie ist laut der 7. Auflage des Fremdwörterbuchs des Duden eine „aufgrund gewisser Übereinstimmung, Affinität positive gefühlsmäßige Einstellung zu jmdm., einer Sache; [Zu]neigung; Wohlgefallen“, während Empathie die „Bereitschaft u. Fähigkeit, sich in die Einstellung anderer Menschen einzufühlen“ ist.

„Ich habe lernen müssen, zwischen Sympathie und Empathie zu unterscheiden“, sagt Shadi und verrät mir, dass sie deshalb in psychologischer Behandlung gewesen sei. „Mein Psychologe hat es mit den Ärzten oder den Schwestern in einem Krankenhaus verglichen. Natürlich sollen sie Anteil nehmen, aber wenn sie sich mit ihren Patienten identifizieren, dann verlieren sie die Fähigkeit, noch helfen zu können.“

Shadi hilft iranischen Frauen – soweit ihnen mit juristischer Beratung geholfen werden kann.

Nach ihrem Jura-Studium hatte sie noch daran geglaubt, all die vielen Ungerechtigkeiten, die Diskriminierungen und die Einschränkungen von Frauenrechten ließen sich am schnellsten ändern, in dem man sie öffentlich anprangert und für Mehrheiten kämpft.

„Ich habe für verschiedene Zeitungen geschrieben, aber entweder wurden die Zeitungen von der Zensur geschlossen, oder ich durfte nicht schreiben, was ich schreiben wollte, weil die Zeitung sonst von der Zensur verboten worden wäre.“

Shadi erinnert sich daran, wie sie mit einer befreundeten Redakteurin über einem ihrer Artikel saß. „Diese Passage musste gestrichen werden, dieser Absatz umformuliert. Am Ende war es nicht mehr das, was ich sagen wollte. Der ganze Text hatte nichts mehr mit mir zu tun.“

Das war der Punkt, an dem sie sich entschloss, nach 13 Jahren Journalismus den Job an den Nagel zu hängen, und vor zwei Jahren Raahi gründete. „Ich war es einfach leid.“

Raahi bietet zum einen Frauen Rechtsberatung an. Scheidungsfälle, Sorgerecht, Unterhalt, aber auch Fälle, in denen Frauen vor Gericht nur als zweitklassig gelten und deshalb zu Strafen für Taten verurteilt werden, die sie nicht begangen haben. Beispielsweise die Frau, die von ihrem drogenabhängigen Mann dazu gezwungen wurde, Schulden zu machen, die sie nicht zurückzahlen kann. Oder die Frau, die nach langen, quälenden Misshandlungen eines Tages zurückschlug und dafür ins Gefängnis kam.

Zum anderen bemüht sich Raahi darum, die diskriminierenden Gesetze zu ändern, die Frauen per se ins Unrecht setzen oder benachteiligen: Familienrecht, die unfaire Beweislast, die Frauen auferlegt wird, um eine Scheidung einreichen zu können, Unterhaltszahlungen oder auch die Umsetzung von internationalen Konventionen, die der Iran unterzeichnet hat, in landeseigenes Recht.

Derzeit ist Shadi in einer Kampagne aktiv, mit der die Steinigung von 11 Männern und Frauen verhindert und diese barbarische Strafe gesetzlich verboten werden soll. Der Chef des Justizapparates, Ayatollah Shahroudi, hat zwar im Dezember 2002 ein Verbot ausgesprochen, dennoch werden solche Urteile verhängt und es existieren Hinweise, dass heimlich weiter gesteinigt wird.

Die Arbeit ist nicht einfach. Die Behörden stehen Frauenrechtlerinnen ablehnend bis feindselig gegenüber. Rechtsanwältinnen, die mit Shadi zusammen arbeiten, erhalten Drohanrufe oder werden auf andere Weise eingeschüchtert.

„Der Iran ist durch und durch eine Männergesellschaft“, so Shadi. „Das hat sehr wenig mit dem Islam zu tun. Die Männer nutzen den Koran für ihre Zwecke, um ihre Ziele und Absichten religiös zu untermauern.“ Ich frage sie nicht danach, ob sie religiös ist.

So sehr sie sich auch anstrengt, es ist nicht einfach, zu all den Geschichten von geprügelten, misshandelten, betrogenen und gequälten Frauen Abstand zu halten. „Gestern beim Spülen ging mir einer meiner Fälle durch den Kopf. Der Mann hat versucht, die Frau zur Prostitution zu zwingen, aber nicht er, sondern sie ist ins Gefängnis gekommen. Im Iran wird Ehepaaren einmal im Monat die Möglichkeit gewährt, für eine halbe Stunde im Gefängnis unbeobachtet zusammen zu sein. In den nächsten Tagen wird der Mann also seine Frau ganz allein in diesem Zimmer besuchen. Kannst du dir vorstellen, was er da mit ihr anstellen wird? Ich habe vor Wut einen Teller an die Wand geknallt.“

Shadi erzählt von anderen Fällen, von der Hilflosigkeit und den mühsamen Erfolgen. Wir vergleichen die Situation in Europa mit der Situation im Iran, und schließlich frage ich, was sie davon hält, wie die Situation der Frauen im Iran im Westen dargestellt wird.

„Es wird immer ein absolut düsteres Bild gezeichnet“, antwortet sie mit einer Stimme, der anzumerken ist, dass sie dieses Themas müde ist. „Die Wirklichkeit ist aber grau und hat viele verschiedene Schattierungen. Gezeigt werden nur die Frauen im Tschador, was immer Opfer symbolisieren soll. Zum einen gibt es auch viele Frauen mit Tschador, die sehr aktiv sind und sich für ihre Rechte einsetzen. Zum anderen ist der Tschador ein Kleidungsstück und keine Gesinnung.

Manchmal werden mir die abenteuerlichsten Fragen gestellt. Man mag es ja nicht glauben, aber ich fahre mein Auto selbst.“

Sie lächelt. Die Vorstellung, die man sich im Westen manchmal über den Iran macht, findet sie zu komisch.

Hirsch

26. November 2006 - 17:47

Ein Hirsch mitten auf einem der belebtesten Plätze in Teheran (Haft-e Tir) und er bewegt sich nicht.

Solche bewachsenen Tierskulpturen sind in iranischen Städten als „Kunst im öffentlichen Raum“ (oder vielleicht besser „Dekoration im öffentlichen Raum“) sehr beliebt.

Menschenrechtspreis

25. November 2006 - 11:43

Der iranische Film „Off Side“ hat beim Filmfestival in Lubjana in der Slowakei den Menschenrechtspreis erhalten. Der Film handelt von eine Gruppe junger Frauen, die versuchen, sich in das Fußballstadion in Teheran zu schmuggeln, um das Spiel der iranischen Nationalmannschaft gegen Bahrain zu sehen. Frauen ist der Besuch von Fußballspielen im Iran generell verwehrt.

Der Film erhielt beim Filmfestival in Berlin den Silbernen Bären und lief auch recht erfolgreich in deutschen Kinos.

Herzlichen Glückwunsch an Jafar Panahi.

Aber damit des Guten nicht genug: die Vergabe des Preises wurde sogar von der halboffiziellen iranischen Nachrichtenagentur ISNA gemeldet. Die Nachricht ist damit praktisch zum Nachdruck in den iranischen Zeitungen genehmigt.

Der Iran ist immer stolz darauf, wenn Filmemacher des Landes im Ausland Erfolge erringen.

ISNA meldete allerdings nicht, warum „Off Side“ den Preis erhalten hat.

Der Film durfte im Iran nicht gezeigt werden.

Rote Karte

24. November 2006 - 10:03

Die FIFA hat den iranischen Fußballverband von der Teilnahme an allen internationalen Spielen verbannt! Und das, wo sich die iranische Nationalmannschaft von ihrer Krise nach der WM in Deutschland ein bisschen erholt zeigt. Vor einer Woche hat sie mit einem 2:0 im Heimspiel gegen Süd-Korea die Qualifikation zur Endrunde des Asia Cup 2007 erfolgreich abgeschlossen und gestern in einem Freundschaftsspiel Bahrain besiegt.

FIFA Chef Sepp Blatter sowie die Chefs der sechs FIFA Verbände, die diese Entscheidung gestern fällten, werfen dem iranischen Fußballverband vor, von der Regierung nicht unabhängig genug zu sein (wahrscheinlich eher umgekehrt: die Regierung mischt sich zu sehr in die Belange des Fußballverbandes ein).

Anlass war die Entlassung von Verbandspräsident Mohammad Dadkan nach dem miserablen Abschneiden der iranischen Mannschaft bei der WM, die auf Druck der Regierung erfolgte. Der Verband selbst hatte auch nichts zu sagen, als über den Nachfolger entschieden wurde.

Klarer Verstoß gegen Artikel 17 des FIFA Statuts, der eine Trennung von Staat und Fußball vorschreibt.

Die FIFA hatte dem iranischen Verband eine Frist bis zum 15. November gesetzt, die Angelegenheit ins Reine zu bringen. Nichts ist passiert.

Der Iran ist schockiert (gewisse religiöse Kreise, die sich nie für Fußball so recht haben erwärmen können, mal ausgenommen). Die Ehre des Landes ist verletzt. Nun sind auch noch die Länderspiele von der recht kurzen Liste der Vergnügungen im Iran einstweilen gestrichen.

Wer hat Schuld?

Diesmal ausnahmsweise nicht die „arroganten Mächte“ (womit im offiziellen Sprachgebrauch die USA und manchmal auch Großbritannien gemeint sind), denn die FIFA ist vielleicht die einzige namhafte internationale Organisation, wo die Amerikaner nicht viel zu sagen haben.

Die „Zionisten“ (Sprachgebrauch für Israel) auch nicht, weil deren Einfluss auf die Belange des Weltfußball ebenfalls gering ist.

Wer bleibt da noch?

Ahmadinejad, von Kindesbeinen an ein Fußballer, schweigt bislang. Die konservative Nachrichtenagentur Mehr schreibt, die FIFA versuche „illegalen“ Einfluss auf den Iran auszuüben.

Erst droht der Westen mit Sanktionen wegen des Atomprogramms. Nun auch noch das.

Nun ist es nicht ganz lauter, einen Verstoß damit zu entschuldigen, in dem man darauf hinweist, dass es andere noch viel schlimmer treiben. Sicher ist der Iran nicht der einzige Fall, wo die politischen Machthaber sich kräftig in die Belange ihres nationalen Fußballverbandes einmischen.

Aber mir geht durch den Kopf, dass die FIFA den Iran eigentlich aus ganz anderen Gründen hätte sperren sollen. Frauen sind bei Spielen als Zuschauerinnen nicht zugelassen. Die Hälfte der Bevölkerung wird einfach ausgesperrt.

Das ist nach dem FIFA Statut okay?

Nachtrag 27.11: Gero von Randow, der für DIE ZEIT gern aus der Ferne über den Iran schreibt, spekuliert

Irans Präsident wird die Gelegenheit kaum verstreichen lassen, sein Land erneut als Opfer böser fremder Mächte darzustellen;

Weit gefehlt. Ahmadinejad, der tatsächlich in seiner Jugend ein nicht unbegabter Fußballspieler gewesen sein soll, verhält sich mucksmäuschenstill. Die Zeitung Kayhan, Stimme des Machtapparates berichtet heute ausführlich, dass der iranische Fußballverband darum bemüht sei, die Probleme durch Verhandlungen aus der Welt zu schaffen. Energisch wird dementiert, dass der Verband gegen die Entscheidung eine Beschwerde eingelegt habe.

Die ganze Geschichte ist Teheran enorm peinlich.

Nachtrag 27.11: Die FIFA hat die Sperre heute temporär ausgesetzt, um Iran die Möglichkeit zu geben, bei den am Montag in Qatar beginnenden Asien Spielen seinen Titel zu verteidigen.