P*rn

„Hast Du schon gehört?“.

Nein, natürlich habe ich es noch nicht gehört, weil ich mal wieder geistig mit etwas beschäftigt war, was niemanden auf der Welt interessiert außer mich.

R., der mich für eine Inkarnation all der fabelhaften Qualitäten, die seiner Ansicht nach westlichen Journalisten zu eigen sind, hält, versucht aus Höflichkeit sein Erstaunen über meine Ignoranz zu verbergen, und erzählt.

Es geht um die Schauspielerin E. aus Narges, einer recht populären TV Serie. Zwei Nachrichten (oder eigentlich mehr Gerüchte) machen die Runde. 1. Es existiert ein Pornofilm mit E., der auf dem Schwarzmarkt in Teheran zu kaufen ist. 2. Die Schauspielerin hat nach bekannt werden des Filmes Selbstmord begangen.

In den regierungsnahen Zeitungen ist über Skandale und Prominentenklatsch fast nie etwas zu lesen. Um so schneller verbreiten sich solche Meldungen von Mund zu Mund und zahlreiche persischen Weblogs multiplizieren, was an spärlichen Neuigkeiten bekannt wurde.

Pornofilme im Iran? - Dazu später.

Einmal auf die Geschichte aufmerksam gemacht, wollte ich R.s Bild von mir („exzellenter westlicher Journalist“) keinen Schaden zufügen und fragte herum. Jeder, aber auch wirklich jeder (wenn ich den schwerhörigen Alten vor dem Krämerladen in meiner Nachbarschaft nicht mitzähle) hatte von der Geschichte gehört. Niemand hatte allerdings das Video gesehen, resp niemand wollte eingestehen, es gesehen zu haben.

Es gab mehrere Varianten der Geschichte. Es handelt sich um einen Film, der in der Türkei gedreht worden ist. Der Film ist aus dem Iran. Das Gesicht der Schauspielerin ist zu erkennen. Es ist nicht zu erkennen. Es könnte eine Doppelgängerin sein. Die Schauspielerin hat das Land verlassen. Sie hat Selbstmord begangen. Einig waren sich nur alle, dass es sich mit Sicherheit um Pornografie („es wird alles gezeigt“) handele.

Z. fand in einer Zeitung einen Artikel über den Fall. Danach hat die Polizei eine Untersuchung begonnen und den Partner der Schauspielerin aus dem Film identifiziert, aber noch nicht vernehmen können. Bestätigt wird, dass E. Selbstmord versucht, aber überlebt hat und nun in einem Krankenhaus behandelt wird. Der Artikel warnt eindringlich, dass nicht nur die Weiterverbreitung sondern auch der Erwerb des Videos strafbar sei, verrät aber nichts über seinen Inhalt.

Porno?

Dazu fällt mir die Geschichte eines prominenten, politisch aktiven Webloggers ein, der vor drei Jahren zur Polizei mit dem Vorwurf zitiert wurde, er habe zusammen mit seiner Freundin einen Pornofilm gedreht. An dem Vorwurf war nichts dran. Bevor er noch verhaftet werden konnte, hat er den Iran verlassen und lebt seither im Ausland.

Z. erinnert sich daran, dass vor einigen Jahren einmal ein Video von einer Party mit Schauspielerinnen und Schauspielern in Teheran kursierte. Ein Porno, wie jedermann flüsterte. Der Film stellte sich als eine Sammlung von wackeligen Aufnahmen heraus, die offensichtlich einer der Gäste gedreht und dann veröffentlicht hatte (der „Leser-Reporter“ wurde im Iran schon früh erfunden). Zu sehen war eine nicht sonderlich sündige Party. Pärchen tanzten, Alkohol wurde getrunken und die Frauen trugen westliche Kleider, aber kein Kopftuch. Für die Polizei war dieses „unislamische Verhalten“ aber Grund genug, die Beteiligten vorzuladen. Für einige der Schauspielerinnen war es das Ende ihrer Karriere.

D. erzählt von einem iranischen Theaterregisseur, der in Paris ein Stück inszeniert hat, in dem auch einige Frauen tanzen. Für westliche Augen äußerst sittsam. Ein Unbekannter hatte die Tanzszene gefilmt und als der Regisseur in seine Heimatstadt im Süden des Irans zurückkehrte, hörte er, dass auf dem Basar der Stadt heimlich ein von ihm gedrehter Pornofilm verkauft werde. Er wurde verhaftet und wurde einige Tage festgehalten, bis man ihn dann laufen ließ. Seinen Pass hat er bis heute nicht zurück bekommen und er kann nicht mehr ins Ausland reisen.

In einer anderen Geschichte hat eine Unbekannte mit ihrem Handy ein paar Aufnahmen von den Frauen am Swimming Pool eines Fitnessclubs gemacht. Als „Porno“ fanden die Kopien dann ihren Weg auf den Schwarzmarkt.

Von mehreren Seiten wurde mir erzählt, dass die Video-Filmer, die gern bei Hochzeiten engagiert werden, sich oft ein kleines Zubrot verdienen, in dem sie Kopien von den Filmen anfertigen, die vor allem im Süden des Landes von Taxifahrern vertreiben werden. Die Kundschaft besteht überwiegend aus jungen Männern, die die Szenen erotisch finden.

In einem Land, das sich nach außen hin als äußerst sittenstreng gebiert, sind solche Phänomene nicht verwunderlich, und was als Porno bezeichnet wird, ist oft nichts anderes als der Gegenstand der eigenen überhitzten Phantasie, oder es ist ein Kampfbegriff der Sittenwächter.

Obwohl R. mir versichert, in dem Film mit der Schauspielerin E. sei „alles“ zu sehen, mag ich es erst glauben, wenn ich es mit eigenen Augen gesehen habe.

Natürlich gibt es im Iran auch „echte“ Pornographie, obwohl der Besitz streng bestraft wird. Ein Kollege, der heute gelegentlich immer noch über den Iran schreibt, erzählte mir mal, er habe in seinen jungen Jahren das Land als LKW Fahrer kennen gelernt. Deutschland – Türkei – Iran. Er habe immer Pornofilme aus Deutschland mitgebracht, die er unter der Hand für gutes Geld verkauft habe.

Das sind ausländische Filme. Einheimische Produktionen wären äußerst riskant. Im Jahr 2001 wurde eine Frau gesteinigt, weil sie als Akteurin in einem Amateur-Porno identifiziert wurde. So ganz vermeiden kann man es ja nicht, dass gelegentlich auch mal das Gesicht der Beteiligten ins Bild kommt.

„Hast du eine Ahnung“, klärt mich N. auf und zieht sein Handy hervor. Er zeigt mir einen kurzen Clip, in dem eine junge Frau einen improvisierten Striptease vollführt. Ich bin dennoch nicht überzeugt. Dieser Mini-Film könne überall gedreht worden sein. Nichts deute darauf hin, dass es sich um eine Iranerin handele. Im Clip Nummer zwei sitzt eine junge Frau mit Tschador in einem Cafe. Im Hintergrund ist ein bekanntes Teheraner Einkaufszentrum zu sehen. Eine männliche Stimme, offensichtlich ihr Freund und der Kameramann, fordert sie auf, ihm ihre Brüste zu zeigen. Die Frau ziert sich, öffnet aber dann den Tschador und erfüllt ihm den Wunsch. Den Inhalt des dritten Clips kann ich nicht in Einzelheiten beschreiben, wenn ich dieses Weblog hier jugendfrei halten will. Es ist Pornographie und die Akteure sind Iranerinnen und Iraner.

Woher er diese Filme habe? - „Von Freunden und Bekannten. Die kursieren bei mir an der Uni oder auch auf Parties. Eins der Mädchen kenne ich sogar.“

Irgendjemand dreht solch einen Clip mit einer vorübergehenden Bekanntschaft, wobei die Mädchen so wirken, als ob sie nicht unbedingt davon begeistert wären. Der „Produzent“ zeigt den Film als Beweis seiner Männlichkeit bei Freunden herum. Dank Bluetooth und Infrarot wandern sie dann von einem Handy zum nächsten.

Ob ich noch mehr sehen wolle? – Nein, danke. Es reicht.

Nachtrag 07. 11.: Ja, auf dem Video ist „alles“ zu sehen. Es ist ein kleiner Film, den ein Paar beim Sex zu seinem eigenen Vergnügen gedreht hat. Sehr privat. Ist das Pornographie? Vor allem aber: ist es E.

Nachtrag 08.11.: E. hat keinen Selbstmordversuch begangen. Der Mann in dem Video ist mittlerweile von der Polizei identifiziert worden. Er hat den Iran verlassen.

Nachtrag 23.11: Siehe auch die Aktualisierung unter Nagres II

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