Situation an den iranischen Universitäten

18. November 2006 - 09:35

Angus hat ein Gespräch mit dem Reformer Mohsen Kadivar zur Situation an den iranischen Universitäten geführt und einen kleinen Text dazu veröffentlicht.

Trauer

17. November 2006 - 12:29

Es sieht in der Dunkelheit mit seinen bunten Lichtern wie Weihnachtsdekoration aus, aber es hat alles andere als mit einem festlichen Anlass zu tun.

Stirbt ein Iraner, dann mieten die Familie, Arbeitskollegen oder Freunde ein Hejleh, einen mit Lichtern geschmückten Metallständer, an den ein Foto des Verstorbenen geheftet und der vor dem Haus aufgestellt wird.

Ursprünglich war dieser Brauch unverheirateten Toten vorbehalten. Hejleh ist eigentlich das Zimmer, in dem die Frischvermählten ihre Hochzeitsnacht verbringen. Da Unverheiratete nach der islamischen Moral noch keinen Sex hatten, wird ihnen auf diese Weise symbolisch die Gelegenheit eingeräumt, das Versäumte nachzuholen.

Inzwischen kommt das Hejleh auch bei Verstorbenen, die verheiratet waren, zum Einsatz. Es wird am Tag der Beerdigung aufgestellt und sieben Tage später wieder abgeräumt.

Manifest der 25 + Ahmadinejad

15. November 2006 - 11:23

Unter dem Titel „Freundschaft und Kritik“ veröffentlicht die Frankfurter Rundschau heute ein Manifest der 25 genanntes Papier, in dem sich 25 deutsche Politologen für eine Neubestimmung der deutschen Politik gegenüber dem Palästina-Konflikt aussprechen.

Obwohl die Autoren spürbar darum bemüht sind, jeglichem möglichen Missverständnis von vorne herein vorzubeugen und sich um einen verbindlichen Ton bemühen, enthält das Dokument eine Reihe von Aussagen, die sicher für Anstoß sorgen werden.

Beispielsweise:

Antisemitismus hält sich nicht nur hartnäckig in trüben neo-nazistischen Randbereichen, sondern findet sich mitunter, mehr oder weniger verdeckt, durchaus auch im Mainstream der deutschen Bevölkerung und der großen politischen Parteien.

Oder weiter gleich im Anschluss:

Gleichzeitig haben tragende Kräfte der deutschen Politik und Gesellschaft die Trauer über das Ungeheuerliche in mehr oder weniger hohle Rituale verflacht und so Einstellungswandel eher behindert als gefördert. Das Ergebnis ist ein problematischer Philosemitismus. Problematisch deshalb, weil die bloße Umkehrung eines starren, gegen die Realität abgeschotteten Feindbildes letztlich nur dasselbe mit umgekehrten Vorzeichen ergibt und ebenfalls gegen die Realität und jedes differenzierte Urteil immunisiert.

Endlich-sagt-das-mal-einer wäre die falsche Reaktion. Einige haben ähnliches schon in der Vergangenheit gesagt und meist dafür einen Schwall von Beschimpfungen und Anfeindungen geerntet oder wurden schlicht vom Mainstream der politischen Debatte ausgegrenzt.

Um so erfreulicher, dass sich eine Gruppe von Akademikern, denen nicht so leicht der Vorwurf des Antisemitismus anzuhängen sein wird, noch einmal dieses teils gut gemeinten aber falsch verstandenen, teils heuchlerischen Umgangs mit dem Nahost-Konflikt annimmt.

Schier senkrecht in meinem Stuhl auffahren ließ mich aber eine andere Passage.

Es ist der Holocaust, der das seit sechs Jahrzehnten anhaltende und gegenwärtig bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Leid über die (muslimischen wie christlichen und drusischen) Palästinenser gebracht hat. Das ist nicht dasselbe, als hätte das Dritte Reich einen Völkermord an den Palästinensern verübt. Aber zahllose Tote waren auch hier die Folge, das Auseinanderreißen der Familien, die Vertreibung oder das Hausen in Notquartieren bis auf den heutigen Tag. Ohne den Holocaust an den Juden würde die israelische Politik sich nicht berechtigt oder/und gezwungen sehen, sich so hartnäckig über die Menschenrechte der Palästinenser und der Bewohner Libanons hinwegzusetzen, um seine Existenz zu sichern. Und ohne den Holocaust erhielte Israel dafür nicht die materielle und politische Rückendeckung der USA, wie sie sich v.a. seit den neunziger Jahren entwickelt hat.

Der seit nunmehr fast sechs Jahrzehnten andauernde, immer wieder blutige Nahostkonflikt hat unbestreitbar eine deutsche und in Abstufungen eine europäische Genese; europäisch insofern, als der deutsche Gedanke einer “Endlösung der Judenfrage” aus dem europäischen Antisemitismus und Nationalismus hervorgegangen ist. Und die palästinensische Bevölkerung hat an der Auslagerung eines Teils der europäischen Probleme in den Nahen Osten nicht den geringsten Anteil.

Hoppla. Das erinnert mich doch an etwas?

Schauen Sie, meine Ansichten sind ganz klar. Wir sagen, wenn der Holocaust passiert ist, dann muss Europa die Konsequenzen ziehen und nicht Palästina dafür den Preis zahlen. Wenn er nicht passiert ist, dann müssen die Juden dahin zurückkehren, wo sie hergekommen sind.

Ja richtig: der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad. Dieses Zitat stammt aus seinem Interview mit dem SPIEGEL [22/2006].

Er war nicht das erste Mal, dass Ahmadinejad argumentierte, dass die Palästinenser nicht den Preis für den Holocaust zahlen sollten.

Manche der europäischen Staaten bestehen darauf, dass Hitler Millionen von unschuldigen Juden ermordet hat. … Wir erkennen diese Behauptungen (Holocaust) nicht an, aber auch falls es wahr sein sollte, stellen wir den Europäern die folgende Frage: Ist die Ermordung unschuldiger Juden Grund genug, um Besatzer in Jerusalem zu unterstützen? Falls die Europäer es ehrlich meinen, sollten sie den Zionisten in einigen ihrer Länder, wie z. B. Deutschland oder Österreich, einen Platz geben. Die Zionisten könnten dann ihren eigenen Staat gründen. (tagesschau.de)

Solche Äußerungen haben für viel Empörung gesorgt. Zu recht. Ahmadinejads Leugnung des Holocaust ist jenseits aller Akzeptanz und mit arroganter Geste die Juden Israels erneut vertreiben zu wollen, ist nichts als politische Demagogie der übelsten Sorte.

Aber wer glaubt, die Forderung des iranischen Präsidenten, die Juden sollten nach Europa zurück geschickt werden, sei nichts als das Hirngespinst eines Irren, sollte zweimal hinschauen. Ahmadinejad wählt sie mit Kalkül und sie finden auch eine entsprechende Resonanz bei Menschen im Nahen Osten.

Ahmadinejad erscheint als Irrer, weil wir den historischen Kern, den er für seine politischen Zwecke missbraucht, nicht wahrnehmen. Entsprechend fällt es uns schwer, die demagogische Wirkung seiner Polemiken abzuschätzen.

In Live-Gesprächen im Hörfunk ist mir in der Vergangenheit oft die Frage gestellt worden „Wie reagiert denn die iranische Bevölkerung auf diese Äußerungen von Ahmadinejad?“ Sie hat mich jedes Mal in Verlegenheit gebracht, weil es mir nicht gelang (oder ich mich davor scheute), in den wenigen kurzen Sätzen, die mir zur Verfügung stehen, zu erklären, dass a. die Verknüpfung von Holocaust und Schuld bei den Menschen im Mittleren Osten nicht existiert, und b. viele Menschen in dieser Region glauben, die Palästinenser seien Opfer der Bewältigung des Holocausts geworden.

Dass diese Haltung sehr verkürzt und oftmals – um gnädig zu sein - bestenfalls einfältig ist, ist dabei nicht entscheidend. Meine Aufgabe als Reporter besteht erst einmal darin, die Situation zu schildern.

Der Grund für meine Scheu bestand in erster Linie in der Befürchtung, dass keiner der Hörer verstehen wird, wovon ich eigentlich rede. Zu sehr prägt die Verantwortung der Deutschen für den Holocaust unseren Blick. Die Anerkenntnis dieser Verantwortung ist dabei nicht falsch. Falsch ist es, nicht zu sehen, dass die Akzeptanz dieser Verantwortung sowie unser Umgang mit dem Holocaust Resultat und Konsequenz unserer deutschen Geschichte ist. Es existieren auch andere Sichtweisen, die zumindest zur Kenntnis genommen werden sollten.

Ja, ich gestehe auch ein, dass ich mich ein wenig davor fürchte, missverstanden zu werden. Das Thema ist emotional so aufgeladen, dass es sehr leicht Missverständnisse und zornige Reaktionen provoziert.

Um so wichtiger erscheint mir dieses Manifest der 25. Es war überfällig.

Rudsar

12. November 2006 - 13:32

Jeden Sonntag findet in Rudsar, einem kleinen Flecken im Norden des Irans, unweit des Kaspischen Meers, ein Markt statt.

Dies ist der Grünstreifen des Irans, in dem praktisch alles wächst, was man in die Erde steckt.

Ich war nach Rudsar gefahren, weil angeblich auf dem Markt traditionelles Kunsthandwerk der Region verkauft werden sollte. Wurde aber nicht.

So bin ich mit Oliven und Granatäpfeln wieder zurück gefahren.

Südamerika in Rasht

11. November 2006 - 23:57

Die Hose honari sasman-e tablighat eslami (die Kulturabteilung der islamischen Propagandaorganisation) hat Z. eingeladen, ihre Südamerika Fotos in Rasht zu zeigen. Die Fotos sind gedruckt und fertig gerahmt und der Namen der einladenden Organisation klingt zwar furchteinflössend, aber nach iranischen Maßstäben ist es ein ganz liberaler Verein. Warum nicht, zumal das Hotelzimmer bezahlt wird?

Die Ausstellung findet in einem Gebäude etwas abseits von der Hauptstrasse im Zentrum statt, das zu einem Kulturzentrum umgebaut wurde. Oben gibt es eine Reihe von Räumen für allerlei Seminare und Workshops, unten eine nette Galerie, die gerade Platz für die 40 Fotos hat, die Z. zeigen will. D.h. es sind inzwischen nur noch 37. Das erste, das Bild einer unbekleideten Schaufensterpuppe auf einem Balkon in Cartagena, musste schon aus Sittlichkeitsgründen aus der Ausstellung genommen werden. Hier in Rasht fand der Leiter der Galerie ein Foto vom Strand von Rio (für ein sehr scharfes Auge sind ganz weit im Hintergrund Millimeter groß zwei Frau in Bikinis zu ahnen) sowie die Aufnahme von ein paar jungen Mädchen in zu kurzen Shorts anstößig. Z., die so viel Mühe aufgebracht hatte, aus dem Fundus an Fotos aus Südamerika diejenigen herauszusuchen, die im Iran durch die Zensur gehen würden (Südamerikanerinnen sind im Sommer ganz unislamisch leicht bekleidet), trägt es mit Fassung.

Am Eingang warten zwei Herren mit Vollbart, denen anzusehen ist, dass sie selten eine Gelegenheit haben, ihre Anzüge zu tragen. Sie begrüßen Z. mit zuvorkommender Höflichkeit, schütteln ihr aber nicht die Hand. Frauen reicht man in aller Öffentlichkeit nicht die Hand.

Aber mir wird die Hand geschüttelt, verbunden mit einer nahezu ehrfurchtsvollen Verbeugung. Wir werden dem einen oder anderen vorgestellt. Dies ist der Leiter der Galerie, das der Leiter des Kulturzentrums, er ein Professor der Universität und dies wiederum seine Frau. Tee und Gepäck werden von einem Tablett gereicht.

Als die Reihe an mir ist, werde ich befördert: „Der Botschafter von Brasilien.“ Z. prustet und auch ich kann ein Grienen nicht unterdrücken. Die Botschaft hat die Ausstellung finanziell unterstützt, das Logo der Botschaft erscheint im Katalog. Z. hatte die Veranstalter gedrängt, doch den Botschafter zur Ausstellungseröffnung einzuladen, aber irgendwie war das politisch sehr kompliziert geworden. Der Gouverneur persönlich darf nur so eine Einladung aussprechen. Hat er aber nicht und er hat es dem Kulturzentrum offensichtlich nicht verraten.

Die Ausstellung ist von ihren Veranstaltern nicht sonderlich professionell vorbereitet worden. Das Plakat enthält eine Reihe von Fehlern und ist wohl deshalb in der Stadt erst gar nicht verteilt worden. Die Kollegen von der Lokalpresse sind erst für morgen eingeladen worden, der Reporter vom Fernsehen kommt am kommenden Dienstag.

Dennoch sind mehr Leute gekommen, als ich erwartet habe. Kulturveranstaltungen finden in Rasht nicht unbedingt häufig statt. Noch seltener sind Bilder aus Südamerika. Trotz der Freundschaft zwischen Chavez und Ahmadinejad ist der Kontinent terra incognita, Brasilien nur durch seine Fußballmannschaft bekannt und Kolumbien, na ja … wo ist denn Kolumbien?

Z. wird umringt und beantwortet geduldig und mit charmantem Lächeln alle Fragen, die ihr gestellt werden: „Haben Sie auch Affen und Elefanten gesehen?“, „Ist es einfach, ein Visum für Brasilien zu bekommen?“ „Was kostet denn so eine Fahrt auf dem Amazonas und wie lange ist man unterwegs?“ „Warum zeigen Ihre Fotos nicht mehr die Armut?“ „Warum arbeiten Sie vorrangig mit einer Normalbrennweite?“ „Tragen die Frauen am Strand in Rio wirklich so knappe Bikinis?“

Ich gehe vor die Tür, um zu rauchen und treffe auf einen jungen Mullah mit einem etwas lässig gebundenen Turban. Seine Kleidung könnte gut mal wieder eine Wäsche vertragen.

Er war mir schon vorher aufgefallen. Neugierig spähte er immer wieder in die Galerie, kam aber nicht herein. Jemand hatte mir zugeflüstert, sein Spitzname sei „Mullah Ferrari“, weil er ganz verrückt auf alles se, was mindestens zwei Räder und einen Motor habe.

Mullah Ferrari äugt neugierig zu mir herüber. Ich versuche, mit ihm ein Gespräch anzuzetteln. Er stamme aus Rasht? Kopfnicken. Ob er denn in Qom studiert habe? Bale. Bei wem er denn studiert habe. Darüber wolle er nicht reden. Oh, worüber er denn reden wolle?

Mullah Ferrari streicht sich durch den struppigen Bart, während er inneren Anlauf für seine Antwort nimmt. „Sehen Sie, eigentlich bin ich ein Dichter.“

Ahhhh, ja? Wir schütteln uns lachend die Hand. Ein Nachfahre Hafiz begrüßt den brasilianischen Botschafter.