
Unter dem Titel „Freundschaft und Kritik“ veröffentlicht die Frankfurter Rundschau heute ein Manifest der 25 genanntes Papier, in dem sich 25 deutsche Politologen für eine Neubestimmung der deutschen Politik gegenüber dem Palästina-Konflikt aussprechen.
Obwohl die Autoren spürbar darum bemüht sind, jeglichem möglichen Missverständnis von vorne herein vorzubeugen und sich um einen verbindlichen Ton bemühen, enthält das Dokument eine Reihe von Aussagen, die sicher für Anstoß sorgen werden.
Beispielsweise:
Antisemitismus hält sich nicht nur hartnäckig in trüben neo-nazistischen Randbereichen, sondern findet sich mitunter, mehr oder weniger verdeckt, durchaus auch im Mainstream der deutschen Bevölkerung und der großen politischen Parteien.
Oder weiter gleich im Anschluss:
Gleichzeitig haben tragende Kräfte der deutschen Politik und Gesellschaft die Trauer über das Ungeheuerliche in mehr oder weniger hohle Rituale verflacht und so Einstellungswandel eher behindert als gefördert. Das Ergebnis ist ein problematischer Philosemitismus. Problematisch deshalb, weil die bloße Umkehrung eines starren, gegen die Realität abgeschotteten Feindbildes letztlich nur dasselbe mit umgekehrten Vorzeichen ergibt und ebenfalls gegen die Realität und jedes differenzierte Urteil immunisiert.
Endlich-sagt-das-mal-einer wäre die falsche Reaktion. Einige haben ähnliches schon in der Vergangenheit gesagt und meist dafür einen Schwall von Beschimpfungen und Anfeindungen geerntet oder wurden schlicht vom Mainstream der politischen Debatte ausgegrenzt.
Um so erfreulicher, dass sich eine Gruppe von Akademikern, denen nicht so leicht der Vorwurf des Antisemitismus anzuhängen sein wird, noch einmal dieses teils gut gemeinten aber falsch verstandenen, teils heuchlerischen Umgangs mit dem Nahost-Konflikt annimmt.
Schier senkrecht in meinem Stuhl auffahren ließ mich aber eine andere Passage.
Es ist der Holocaust, der das seit sechs Jahrzehnten anhaltende und gegenwärtig bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Leid über die (muslimischen wie christlichen und drusischen) Palästinenser gebracht hat. Das ist nicht dasselbe, als hätte das Dritte Reich einen Völkermord an den Palästinensern verübt. Aber zahllose Tote waren auch hier die Folge, das Auseinanderreißen der Familien, die Vertreibung oder das Hausen in Notquartieren bis auf den heutigen Tag. Ohne den Holocaust an den Juden würde die israelische Politik sich nicht berechtigt oder/und gezwungen sehen, sich so hartnäckig über die Menschenrechte der Palästinenser und der Bewohner Libanons hinwegzusetzen, um seine Existenz zu sichern. Und ohne den Holocaust erhielte Israel dafür nicht die materielle und politische Rückendeckung der USA, wie sie sich v.a. seit den neunziger Jahren entwickelt hat.
Der seit nunmehr fast sechs Jahrzehnten andauernde, immer wieder blutige Nahostkonflikt hat unbestreitbar eine deutsche und in Abstufungen eine europäische Genese; europäisch insofern, als der deutsche Gedanke einer “Endlösung der Judenfrage” aus dem europäischen Antisemitismus und Nationalismus hervorgegangen ist. Und die palästinensische Bevölkerung hat an der Auslagerung eines Teils der europäischen Probleme in den Nahen Osten nicht den geringsten Anteil.
Hoppla. Das erinnert mich doch an etwas?
Schauen Sie, meine Ansichten sind ganz klar. Wir sagen, wenn der Holocaust passiert ist, dann muss Europa die Konsequenzen ziehen und nicht Palästina dafür den Preis zahlen. Wenn er nicht passiert ist, dann müssen die Juden dahin zurückkehren, wo sie hergekommen sind.
Ja richtig: der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad. Dieses Zitat stammt aus seinem Interview mit dem SPIEGEL [22/2006].
Er war nicht das erste Mal, dass Ahmadinejad argumentierte, dass die Palästinenser nicht den Preis für den Holocaust zahlen sollten.
Manche der europäischen Staaten bestehen darauf, dass Hitler Millionen von unschuldigen Juden ermordet hat. … Wir erkennen diese Behauptungen (Holocaust) nicht an, aber auch falls es wahr sein sollte, stellen wir den Europäern die folgende Frage: Ist die Ermordung unschuldiger Juden Grund genug, um Besatzer in Jerusalem zu unterstützen? Falls die Europäer es ehrlich meinen, sollten sie den Zionisten in einigen ihrer Länder, wie z. B. Deutschland oder Österreich, einen Platz geben. Die Zionisten könnten dann ihren eigenen Staat gründen. (tagesschau.de)
Solche Äußerungen haben für viel Empörung gesorgt. Zu recht. Ahmadinejads Leugnung des Holocaust ist jenseits aller Akzeptanz und mit arroganter Geste die Juden Israels erneut vertreiben zu wollen, ist nichts als politische Demagogie der übelsten Sorte.
Aber wer glaubt, die Forderung des iranischen Präsidenten, die Juden sollten nach Europa zurück geschickt werden, sei nichts als das Hirngespinst eines Irren, sollte zweimal hinschauen. Ahmadinejad wählt sie mit Kalkül und sie finden auch eine entsprechende Resonanz bei Menschen im Nahen Osten.
Ahmadinejad erscheint als Irrer, weil wir den historischen Kern, den er für seine politischen Zwecke missbraucht, nicht wahrnehmen. Entsprechend fällt es uns schwer, die demagogische Wirkung seiner Polemiken abzuschätzen.
In Live-Gesprächen im Hörfunk ist mir in der Vergangenheit oft die Frage gestellt worden „Wie reagiert denn die iranische Bevölkerung auf diese Äußerungen von Ahmadinejad?“ Sie hat mich jedes Mal in Verlegenheit gebracht, weil es mir nicht gelang (oder ich mich davor scheute), in den wenigen kurzen Sätzen, die mir zur Verfügung stehen, zu erklären, dass a. die Verknüpfung von Holocaust und Schuld bei den Menschen im Mittleren Osten nicht existiert, und b. viele Menschen in dieser Region glauben, die Palästinenser seien Opfer der Bewältigung des Holocausts geworden.
Dass diese Haltung sehr verkürzt und oftmals – um gnädig zu sein - bestenfalls einfältig ist, ist dabei nicht entscheidend. Meine Aufgabe als Reporter besteht erst einmal darin, die Situation zu schildern.
Der Grund für meine Scheu bestand in erster Linie in der Befürchtung, dass keiner der Hörer verstehen wird, wovon ich eigentlich rede. Zu sehr prägt die Verantwortung der Deutschen für den Holocaust unseren Blick. Die Anerkenntnis dieser Verantwortung ist dabei nicht falsch. Falsch ist es, nicht zu sehen, dass die Akzeptanz dieser Verantwortung sowie unser Umgang mit dem Holocaust Resultat und Konsequenz unserer deutschen Geschichte ist. Es existieren auch andere Sichtweisen, die zumindest zur Kenntnis genommen werden sollten.
Ja, ich gestehe auch ein, dass ich mich ein wenig davor fürchte, missverstanden zu werden. Das Thema ist emotional so aufgeladen, dass es sehr leicht Missverständnisse und zornige Reaktionen provoziert.
Um so wichtiger erscheint mir dieses Manifest der 25. Es war überfällig.