Tschadore auf Reisen

Ausstellungseröffnung in der Etemad Galerie. Haleh Anvari zeigt eine neue Serie von Tschador Fotos.
Vor einem Jahr hat sie, ihre erste Arbeit als Fotografin, eine Reihe produziert, in der bunte Tschadore (die weit fallenden Umhänge, die viele iranische Frauen tragen) in der kargen Landschaft der iranischen Wüste zu sehen sind. Die Frauen unter den Gewändern sind nicht zu erkennen, weil sie jeweils von hinten aufgenommen sind. Die Muster sind warm: Rot, Gelb, Grün und Blau mit jeweils einem traditionellen Blümchenmotiv.
Bunte Tschadore werden heute noch auf dem Land getragen und waren eigentlich im ganzen Land populär. Mit der Revolution verschwand die Farbe und die Tücher wurden schwarz. Es gehe ihr darum, ein positives Bild von Tschadoren zu zeigen, erklärte Haleh. Die bunten Muster, die weiten Umhänge erinnerten sie an die Zeiten mit ihrer Großmutter, an Wärme und Geborgenheit.
Dieser Bezug hat sich mir aus den Fotos nicht entschlossen. Ich konnte nur bunte, dekorative Bilder sehen, in denen ein sehr iranisches Symbol die Hauptrolle spielte.
Nun sind die Tschadore auf Reise gegangen. In der neuen Serie sind sie statt in der Wüste in Indien, London und Paris zu sehen. Tschadore vor dem Taj Mahal, Tschadore vor dem Eiffel Turm und Tschadore an der Themse mit dem Big Ben im Hintergrund.
Tschadore scheinen für viele Fotografen ein nahezu unwiderstehliches Motiv zu sein.
Sie haben eine hohe graphische Attraktivität. Eine Gruppe von Frauen in weit fallenden, schwarzen Tüchern vor einem hellen Hintergrund oder ein Meer von solchen schwarzen, kegelförmigen Gestalten hat fast schon aus sich heraus die Qualität eines abstrakten Arrangements.
Ein Tschador hat gleichzeitig einen starken symbolischen Wert. Nichts scheint die Unterdrückung von Frauen im Iran besser zu repräsentieren. Das weite Gewandt nimmt ihnen jede Individualität, verhüllt sie und schränkt sie ein. Als ob man ein Tuch über ein Möbelstück geworfen hätte.
Eine Reihe von Fotografen/Fotografinnen sind durch Tschador-Fotos international bekannt geworden. Shadafarin Ghadirian ist eines der prominentesten Beispiele.
Diese Bilder kommen einer Erwartungshaltung entgegen. Sie sind einschmeichelnd gefällig, in dem sie zeigen, was sich der (ausländische) Betrachter schon immer unter Frauen im Iran vorgestellt hat.
Z. macht solche Aufnahmen wütend. Sie fühlt sich falsch repräsentiert.
Ich kann ihren Zorn gut verstehen. Zum einen bedienen sich diese Fotos genau des Mechanismus, der dem Tschador zugeschrieben wird: den Frauen wird ihre Individualität genommen. Sie werden zu einem verpackten Objekt. Zum zweiten ist es ein grässliches Klischee, dass alle iranischen Frauen mit einem Tschador hilflose Wesen ohne Selbstbewusstsein und eigenem Willen seien. Drittens ist es die Verbindung Tschador – Frauenunterdrückung so naheliegend, dass es weh tut.
Halehs Tschadore sind lebensfroh bunt. Sie sind ein Gegenbild. Aber es sind eben doch wieder Fotos von Tschadoren.
gepostet am 1. December 2006 um 23:53 von unter Iran, Kultur. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
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