Zwei Fragen

Gelegentlich erhalte ich Mail, in der ich von Journalismus-Studenten gebeten werde, ein paar Fragen für ihre Abschlussarbeit zu beantworten. Fast immer geht es um Kriegs- resp. Krisenberichterstattung. Das gilt als exotisch und sexy. Es dauere wirklich nur ein paar Minuten und man sei mir sehr dankbar, wenn ich mir die Zeit nehmen würde.

Nun denn.

1. In Ihrer Funktion als Korrespondent/Krisenberichterstatter: Worin sehen Sie heutzutage die größten Gefahren für eine freie, objektive Krisenberichterstattung? Manipulationsmaßnahmen wie Propaganda oder Zensur durch Militär und/oder Regierung sind nicht selten - Kann man trotzdem (oder gerade deshalb) Objektivität und Lösungsansätze (also friedensjournalistische Kriterien) in die Berichterstattung mit einfließen lassen? Welche Erfahrungen haben Sie persönlich gemacht?

Offensichtlich hat man den Fragestellern nie erklärt, dass es schlechtes Handwerk ist, wenn man gleich mehrere Fragen in eine zu packen versucht, und dass es unter Strafe des Entzuges des Presseausweises verboten ist, die Antworten in der Frage schon zu suggerieren.

„Größte Gefahren“ einer „freien“ (!) Krisenberichterstattung?

Hmmmmmmmmmmmmmmmmm.

Teufel noch mal, was für eine Frage!

Vielleicht geht es ja so:

Den Spruch „Die Wahrheit ist das erste Opfer in einem Krieg“ halte ich für eine Erfindung von faulen Journalisten oder geizigen Medienorganisationen. Die Parteien in einem Konflikt versuchen ebenso zu manipulieren wie die Sprecher von Parteien, die Hersteller eines neuen Waschmittels oder auch die Mitglieder einer Hilfsorganisation. Sie alle haben ein Interesse daran, ihre Sicht der Dinge in den Medien zu platzieren.

Ich habe nicht feststellen können, dass ein Armeesprecher besser lügen kann als ein Aktienmakler. Natürlich ändern sich mit der Zeit die Methoden und Leute lernen etwas dazu. So war das „Einbinden“ von Reportern während des Irakkrieges nicht nur eine wunderbare Methode, durch die Kontrolle des Zugangs Wohlverhalten zu erzwingen, sondern es wurde auch sicher gestellt, dass die Reporter in einem GI freundlichen Umfeld berichteten. Aber alle lernen dazu, nicht nur Generäle, Warlords und NGO Sprecher.

Der Unterschied in einem Kriegs- oder Krisengebiet ist, dass die Überprüfung, was ist falsch, was ist richtig, aufwendiger und oft auch riskanter ist. In einem Kriegs-/Krisengebiet sollten die selben handwerklichen Regeln gelten wie im friedlichen Deutschland: Augenschein ist der sicherste Weg, Fakten zu überprüfen. Ansonsten mindestens zwei unabhängige Quellen. Gelingt dies nicht, muss man deutlich machen, dass der Wahrheitsgehalt der Information nicht ausreichend überprüft werden kann. Wird man zensiert, sagt man auch das – oder man berichtet nicht.

Es gehört zum Zeitgeist, dass mit diesen Regeln immer salopper umgegangen wird. Aber nicht nur in Kriegs-/Krisengebieten, sondern auch in deutschen Redaktionsstuben. Diese zunehmende Nachlässigkeit mag den Eindruck erwecken, die Medien würden zunehmend Opfer von Manipulationen. In Wirklichkeit ist es aber schlicht ein Fehlverhalten der Medien selbst.

Natürlich ist es in einem Krieg schwieriger, sich den Schauplatz des Geschehens selbst anzusehen. Nicht jede Konfliktpartei ist bereit, Auskünfte zu erteilen, und manchmal werden Journalisten sogar zu Zielscheiben der Kampfhandlungen. Der neue asymetrische Krieg schafft für Reporter neue Risiken. Er ist unübersichtlicher und Freund und Feind sind nicht mehr eindeutig definiert. Die ständige Anspannung und der Stress führen dazu, dass man leichter Fehler macht. All das setzt den Recherchen engere Grenzen.

Ein anschauliches Beispiel ist die gegenwärtige Situation im Irak. Nicht-arabische Journalisten können sich dort in vielen Regionen kaum noch auf die Strasse trauen. Berichterstattung findet deshalb vielfach nur hinter Sicherheitsbarrieren statt.

All dies bedeutet aber nicht, dass man nicht versuchen sollte, seine Arbeit so sorgfältig wie möglich zu machen. Mehr ist möglich, als man denkt. Mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen können Journalisten in Afghanistan durchaus arbeiten. Sie können sich aus erster Hand einen Eindruck davon machen, was fünf Jahre Wiederaufbau von Afghanistan gebracht haben. Sie können mit Politikern, Dorfbewohnern, NGO Vertretern, Frauengruppen, Militärs und auch mit Taliban reden, Schulen, Polizeiakademien, Moscheen und Basare besuchen.

Auch der Irak ist für Journalisten nicht völlig hoffnungslos. Der kurdische Norden ist weiterhin relativ sicher. Mit den entsprechenden Vorbereitungen kann man auch zumindest eine Stippvisite in einigen Städten des Südens unternehmen. In der Green Zone in Bagdad sitzen nahezu alle Mitglieder der irakischen Regierung, der US Besetzungsmacht sowie von US Behörden, ausländische Diplomaten und Vertreter von Firmen, die den Wiederaufbau betreiben sollen, wie in einem Aquarium und können interviewed werden.

Nicht alles ist möglich. Man würde beispielsweise gern im Irak, aber auch in Tschetschenien oder im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan, mehr über den Alltag, die Lebens- und Denkweise der Menschen, die dort leben, erfahren. Die Sicherheitsrisiken sind zu groß. Deshalb muss man nach Umwegen suchen, Menschen aufspüren, die Zugang zu diesen Regionen haben oder daher stammen. Handies sind für Reporter eine großartige Erfindung. Es gibt fast keinen Flecken auf der Welt mehr, an dem man nicht jemanden telefonisch erreichen kann. Man kann örtliche Kollegen bitten, Filmaufnahmen oder Fotos zu machen. Das ersetzt nicht den eigenen persönlichen Eindruck vor Ort, aber es ist weit besser, als schlicht vor den Gefahren zu kapitulieren.

Die Manipulateure und Spin Masters mögen smarter geworden sein, aber auch uns Reportern stehen bessere Möglichkeiten zur Verfügung. Die Kommunikation ist dank Satellitentelefonen, Handies und Internet schneller und „demokratischer“ geworden. Während ich in Berlin noch in einer Pressekonferenz sitze, bei der die Aufbauleistungen in Afghanistan über den grünen Klee gelobt wird, kann ich im Internet nach der Studie suchen, die ein weit kritischer Bilanz zieht. Ich kann auch telefonisch direkt bei einigen Experten vor Ort die Angaben aus der Pressekonferenz überprüfen. Meine Redaktion kann mich in Masar-i Sharif anrufen und zu Interviews losschicken, wenn mal wieder jemand behauptet hat, die Karzai Regierung genieße die volle Unterstützung der Bevölkerung.

Ich kann mit Kollegen oder Informanten im Kontakt bleiben, wenn ich im Irak eine Strasse entlang fahren will, die nicht als sicher gilt, und nach der aktuellen Situation fragen.

Ich will nicht die Gefahren der Arbeit vor Ort herunterspielen. Es verlieren immer wieder Kolleginnen und Kollegen ihr Leben. Die Arbeit besteht sehr oft aus der Abwägung unterschiedlicher Risiken, und wenn man die falsche Abwägung getroffen hat, dann kann dieser Fehler tödlich sein.

Die Risiken in einem Kriegs-/Krisengebiet sind der Hintergrund für die Arbeit und beeinflussen natürlich auch die Qualität. Ansonsten sind es aber nicht Zensoren oder „Propaganda“, die die Qualiät der Berichterstattung beeinflussen, sondern hauseigene Faktoren.

Da ist zum einen der Faktor Geld. Kriegs-/Krisenberichterstattung ist teuer. Um sich in Bagdad von Punkt A nach B zu bewegen muss man mindestens 700 Dollar für Begleitfahrzeuge und Bodyguards bezahlen. Zählt man noch Unterkunft, Übersetzer und ein paar andere Ausgaben hinzu, kommt man schnell auf 1.000 Dollar am Tag. Das ist den meisten Redaktionen die Geschichte nicht wert.

Mit den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien hat auch in Deutschland eine Diskussion über die Verantwortung der Heimatredaktionen für die Sicherheit der Kollegen vor Ort begonnen. Diese Diskussion war überfällig, führt aber inzwischen zu eigenartigen Konsequenzen. Aus Furcht, für den Tod eines Reporter indirekt mit verantwortlich gemacht zu werden, setzen Redaktionen auf null Risiko. Statt zu versuchen, das Risiko der Korrespondenten auf ein vertretbares Mass zu reduzieren, wird niemand mehr in das Kriegs-/Krisengebiet geschickt. Das entspricht einer ähnlichen Logik, als würde man die Feuerwehr nicht mehr zu Brandeinsätzen schicken, um jedes Risiko zu vermeiden, statt ihnen eine bessere Schutzeinrichtung zu kaufen. Auf jeden Fall spart es Geld, und man kauft die Geschichte dann bei jemandem anderen, für dessen Risiken man nicht verantwortlich ist.

Kriege und Krisen werden immer mehr zu „Events“ mit hohem Abnutzungsfaktor. Hat das Spektakel von einschlagenden Raketen, zusammengestürzten Häusern, Leichen, Leid und Elend seinen ersten Höhepunkt erreicht, schwindet das Interesse rasch. Die Zahl der Opfer eines Bombenanschlags im Irak muss immer höher werden, bevor die Nachricht auch in Deutschland Erwähnung findet. Die Zahl der Berichte über die Kriegstage und die Zahl der Berichte über die Folgen des Krieges stehen in einem sehr unausgewogenen Verhältnis zueinander. Ähnliches gilt für Afghanistan. Die Diskussion über den Einsatz der Bundeswehr findet weitgehend in einem Informationsloch statt. Wer berichtet heute noch über den Balkan?

Redaktionen haben zudem gelernt, auf eigene Korrespondenten vor Ort zu verzichten. Das Fernsehen, das seinen Anspruch auf höhere Glaubwürdigkeit durch seine Augenzeugenschaft (Bilder) ableitet, bedient sich des Bildmaterials, das Reuters, AP, BBC, CNN, Al-Jazeerah oder lokale Sender auf dem freien Markt preisgünstig anbieten, und bastelt es dann mit einem Text, der aus Agenturen zusammengeschrieben wird, zu einem Beitrag zusammen. Immer öfter wird sogar der Name des Autors eines solchen Stücks dazu gesetzt. Welchem Zuschauer fällt es schon auf, dass die Frau, der Mann noch nie vor Ort war? Wofür dann noch einen eigenen, teueren Reporter?

All dies hat nichts mit Journalismus als Zusammentragen von Fakten und sorgfältiger eigener Recherche zu tun.

„Friedensjournalistische Kriterien“?? Ich denke, ich ahne, was damit gemeint sein könnte, aber das ist vielleicht ein Thema für ein andermal.

Die zweite Frage ist einfach zu beantworten.

2. Aktualitätsdruck und Konkurrenzkämpfe um Bilder und Storys lassen einen regelrechten Medienkrieg entstehen. Leidet darunter nicht auch zunehmend die Qualität der Berichterstattung bzw. wird eine Art lösungsorientierte Berichterstattung (durch banale Dinge wie Zeitmangel) gar nicht erst möglich?

Ja. Drei Ausrufezeichen.

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