Wahlergebnis

Jede abgegebene Stimme bei den Wahlen am vergangenen Freitag ist ein âNeinâ? gegen die USAâ, verkĂŒndete der iranische ParlamentsprĂ€sident Gholam-Ali Haddad-Adel. Er spielte dabei auf die gern von Washington vorgetragene Behauptung an, das Desinteresse der Iraner an Wahlen demonstriere die Ablehnung des Systems.
Von Desinteresse oder Verweigerung konnte am Freitag nicht die Rede sein. Mehr als 60 Prozent der Wahl-berechtigten nutzen die Chance, sowohl ĂŒber die Zusammensetzung des Expertenrates wie ihres kommunalen Parlamentes abstimmen zu können. In der Vergangenheit lag die Wahlbeteiligung bei Kommunalwahlen im Durchschnitt um die 20 Prozent. Viele, die damals die Teilnahme verweigert haben, glauben inzwischen, dass es schon einen Unterschied macht, ob ein RechtsauĂen wie Ahmadinejad oder eher moderate KrĂ€fte an die Macht gelangen.
So war die spannendere Frage, ob die Iraner âNeinâ zu den politischen Gefolgsleuten des PrĂ€sidenten sagen wĂŒrden.
Bei der Wahl zum Expertenrat, dessen Ergebnisse bereits vorliegen, haben die WĂ€hler zumindest nicht âJaâ gesagt. Dieses Gremium, das sich aus 86 âfrommen und mit der islamischen Rechtslehre vertrautenâ MĂ€nnern zusammensetzt, ist zwar laut Verfassung die mĂ€chtigste Institution im Lande, findet aber in der Ăffentlichkeit kaum Aufmerksamkeit. Der Rat soll den Obersten FĂŒhrer beraten und kontrollieren, kann ihn absetzen und wĂ€hlt den Nachfolger, aber er tagt nur zweimal im Jahr hinter verschlossenen TĂŒren.
In diesem Jahr trat eine Liste von Klerikern unter FĂŒhrung des ultra-konservativen Ayatollah Mesbah-Yazdi an, um die Mehrheit zu erobern und damit auch die Weichen fĂŒr die Wahl des Nachfolgers von Ayatollah Ali Khamene-i zu stellen. Mesbah-Yazdi gilt als Mentor von Ahmadinejad. Den meisten WĂ€hlern dĂŒrften die Namen auf der Liste aber weitgehend unbekannt gewesen sein, und so hielt man sich an Vertrautes. In Teheran gewann der ehemalige PrĂ€sident und Pragmatiker Rafsanjani die meisten Stimmen. Dieser Erfolg dĂŒrfte fĂŒr ihn ein persönlicher Erfolg gewesen sein, nachdem er bei den PrĂ€sidentschaftswahlen gegen Ahmadinejad verloren hatte.
Bei den Kommunalwahlen stand die politische Orientierung der Kandidaten deutlicher im Mittelpunkt. Dies war schon notwendig, um sich unter der FĂŒlle der Kandidaten zurecht zu finden. In Teheran allein gab es 1.200 Bewerber fĂŒr die 15 zu wĂ€hlenden Sitze.
Die Wahlergebnisse aus den groĂen StĂ€dten liegen noch nicht vollstĂ€ndig vor, aber es zeichnet sich ab, dass die Ahmadinejad-Listen starke Einbussen hinnehmen mussten. Die Reformer, die fĂŒr mehr Demokratie und persönliche Freiheiten eintreten, werden in einige Stadtparlamente zurĂŒckkehren. Damit melden sie sich auf der politischen BĂŒhne des Irans zurĂŒck, nachdem sie von den Erzkonservativen aus fast allen StadtrĂ€ten, aus dem Parlament sowie aus dem PrĂ€sidentenamt vertreiben wurden.
Der gröĂere Gewinner ist aber ein Block, der sich aus pragmatischen Konservativen zusammensetzt. Nach dem letzten Stand der AuszĂ€hlung werden sie im Teheraner Stadtparlament die gröĂte Gruppe bilden.
An ihrer Spitze steht der amtierende BĂŒrgermeister Mohammad Baqer Qualibaf, der durch seinen Pragmatismus populĂ€r geworden ist. Qualibaf war aufgrund einer Intervention des Obersten FĂŒhrers Khamene-i von Ahmadinejad bei der PrĂ€sidentschaftswahl ausgestochen worden. Als Polizeichef hat er sich schon als Mann einen Namen gemacht, der Dinge bewegt. Obwohl er zum konservativen Lager gehört und zu den Teilnehmern am Krieg gegen den Irak gehört, ist er weit weniger ideologisch als der gegenwĂ€rtige PrĂ€sident und VorgĂ€nger im Amt des BĂŒrgermeisters. Der jetzige Erfolg dĂŒrfte ihn zum Ă€rgsten Rivalen des PrĂ€sidenten aufsteigen lassen, mit dem ihn bereits eine innige persönliche Feindschaft verbindet.
Wie in anderen LĂ€ndern auch, stand bei den Iraner fĂŒr die Wahlentscheidung im Mittelpunkt die Frage, welcher Gruppe vertraut man, die eigene Lebenssituation zu verbessern. Es gibt eine nicht unbedeutende Gruppe, die von der Amtszeit Ahmadinejad auch persönlich profitiert. So hat der PrĂ€sident die reichlichen Ăleinnahmen dazu genutzt, den Lehrern höhere GehĂ€lter zu zahlen. Er hat Renten erhöht und er bietet Heiratswilligen billige Kredite an. Diese Wirtschaftspolitik fĂŒhrt zwar langfristig zu einer VerschĂ€rfung der Probleme, weil Mittel nicht fĂŒr Investitionen genutzt werden, aber es erkauft PopularitĂ€t.
Sein volkstĂŒmliches Auftreten bringt Ahmadinejad einen zusĂ€tzlichen Bonus. Es gibt nicht wenige WĂ€hler, die davon enttĂ€uscht sind, dass er seine Versprechen noch nicht eingelöst hat, aber sie halten ihn unter den zur Wahl stehenden Kandidaten fĂŒr den Mann, der das gröĂte Vertrauen verdient.
Die Zeit lĂ€uft aber fĂŒr ihn ab, ohne dass die Reformer davon im groĂen Masse profitieren können. Die neue âmoderate, technokratischeâ Mitte ist auf dem Vormarsch.
Von daher ist das Ergebnis vom Freitag noch kein klares âNeinâ gegenĂŒber dem PrĂ€sidenten, aber das Vertrauen schmilzt rapide.
PS: All dies gilt unter dem Vorbehalt des Widerrufs. Es gibt eine Reihe von Stimmen, die ĂŒber Wahlmanipulation und FĂ€lschung klagen.
Im Iran existiert keine unabhĂ€ngige WahlprĂŒfung. Wer die Macht hat, zĂ€hlt die Stimmen aus.
gepostet am 18. December 2006 um 15:26 von unter Iran. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
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