Rote Kästen

28. February 2007 - 15:56

Was weiß ich schon von Indien? Fast gar nichts, aber wenn ich ein Bild benennen sollte, dass mir zu Indien einfällt, dann sind es die roten Münzfernsprecher, die an jeder Straßenecke, an jedem kleinen Imbiss und Essensstand und oft auch nur an einer Säule ganz allein in der Landschaft zu finden sind. Ortsgespräch eine halbe Rupie. Bitte nur neue Rupien Münzen verwenden.

Natürlich existiert auch in Indien Cellular Service, aber die arme Bevölkerung nutzt weiter die alten Landleitungen.

Die Geräte sehen aus, als wären sie von Robert Crumb entworfen worden: üppig, wuchtig-rund, gemütlich, ausladend. Viel zu viel Gehäuse für seinen Zweck. Und leuchtend rot, so dass sie schnell überall ausgemacht werden können.

Das Rot gesellt sich zu dem ebenfalls leuchtenden Gelb mit dem schwarzen Schriftzug der Firma Western Union. In Murud haben wir allen drei Western Union Filialen gefunden, über die Geld verschickt oder empfangen werden kann.

Es fällt auf, dass es in Murud viele Haushalte gibt, in denen Großmütter, Mütter, Töchter und Enkel zusammenleben, aber nicht viele Männer. Jedenfalls keine Männer im arbeitsfähigen Alter.

Für sie stehen die roten Telefone an jeder Ecke.

Urlaub

27. February 2007 - 23:36

Sabkuch ticktock hai.

Z und ich hatten vereinbart, dass wir eigentlich nach Indien fahren wollten, um am Strand zu sitzen, im Meer zu baden, uns von der Sonne braten zu lassen und so viele Bücher wie möglich zu lesen.

Also sind wir gestern zum Gateway of India spaziert (ein alberner Triumphbogen, der einsam und allein, ganz ohne Anbindung an das restliche Stadtbild am Hafen steht und einstmals für keinen anderen Zweck als zur standesgemäßen Begrüßung von König George V gebaut wurde), habe uns zwei Passagen auf einer Fähre gekauft und sind auf die andere Seite der Bucht, in der Mumbais Hafen liegt, nach Alibag getuckert. Von dort ein klapperiger, überfüllter Bus mit zerschlissenen und durchgesessenen Sitzbänken 160 Kilometer südwärts bis nach Murud, für das wir uns als Ort mit Meer & Strand & Ruhe entschieden hatten.

Wir haben es nicht schlecht getroffen. Murud erscheint auf den ersten Blick als ein kleines, verschlafenes Nest. Der Strand ist so menschenleer, dass Z vermutete, er müsse zum Baden wohl aus irgendwelchen Gründen (Meeresverschmutzung, reißende Strömungen, beißendes Getier unter dem Sand, etc.) ungeeignet sein, das Wasser ist flach und lauwarm und von der kleinen Terrasse unseres gemieteten Bungalow aus schauen wir beim Umblättern der Buchseiten auf einen makellos gepflegten Rasen und auf Palmen, die sanft im kühlenden Wind schaukeln.

Wir sind Urlauber und halten uns deshalb an die Regeln, an die sich Urlauber halten müssen, wollen sie ihre Zeit genießen: wir fragen das Personal nur nach dem Namen, damit wir es bei unseren Bestellungen freundlicher ansprechen können. Wir fragen aber nicht nach ihrem Gehalt, nach ihrer Familie oder nach ihren Lebensumständen. Wir schauen in die andere Richtung, wenn das Küchenpersonal sich nachts zum Schlafen auf den Tischen des Restaurants einrichtet und wir ignorieren es einfach, wenn zerlumpte Bettler am Eingangstor der Ferienanlage grob abgewiesen werden.

Wir schauen auf das Meer, ganz verspannt von dem Wunsch, uns zu entspannen, und genießen es.

Mumbai

24. February 2007 - 22:34

Mumbai

Eigentlich sollten 14 Stunden Schlaf und ein doppelter Espresso zum getoastet Hünchen-Sandwich genug sein.

Bei der Ankunft gestern in Mumbai standen mein Gehirn und meine Sinne noch unter dem Einfluss eines lang anhaltenden Schlafdefizits plus der üblichen schlaflosen Nacht, in der noch die letzten Dinge erledigt werden müssen, die auf keinen Fall noch liegen bleiben können.

Wie immer, wenn ich das trockene Teheran verlasse, schlug mir die feuchtwarme Luft ins Gesicht, sobald sich die Türen des Flugzeugs nach der Landung öffneten, die Lungen füllten sich mit Dampf und ich glaubte, meine Haut schmatzen zu hören, während sie begierig die Feuchtigkeit aufsaugte.

Während der endlos langen Taxifahrt nickte ich mehrfach ein, aber ich habe den stechenden Gestank von Fäkalien in dem Brackwasser zwischen einer Siedlung mit wackeligen Hütten noch in der Nase, an denen bunte Wäsche zum Trocknen schwer in dem müden Wind schaukelte. Bilder von modernen Hochhäusern, Armstümpfen, die Bettler wie bei einem Raumüberfall durch das geöffnete Fenster das Taxis streckten, Cricket Plätze entlang der Schnellstrasse am Strand, farbenfrohe Saris und Reklametafel, die für einen Aktienfond warben, die scharfkantigen Stimmen, die für mich wie das Gackern ärgerlicher Hühner klangen, sind in Erinnerung geblieben.

Irgendwie gelang es Z, mich noch zu einem Spaziergang zu überreden, der in einem Touristenmarkt endete, wo Schals, Messingteleskope und Schmuck feilgeboten wurden.

Der Tag fand seinen verdienten Abschluss mit einem scharfen Fisch-Curry, das mir die Zunge verbrannte und meine Eingeweide mit einer wohligen Wärme erfüllte. Die beiden Flaschen Cobra verwandelten die bleierne Müdigkeit in eine beschwingte, wache Bewusstlosigkeit. Das Bett war weich und die Klimaanlage surrte.

Ein neuer Tag, der mit dem Vorhaben beginnt, zu Fuß die Stadt zu erkunden. Nach einer halben Stunde wird mir klar, dass es nicht so eine glänzende Idee war, auf die Socken zu verzichten. Der Schweiß läuft mir bei 30 Grad im Schatten den Rücken hinunter. Meine Schuhe werden zu einem glitschigen Feuchtbiotrop, in dem weiche Haut an rauem Leder scheuert. Aber ins Hotel zurück kehren, Socken holen, macht wenig Sinn, denn wenn man solche Sache einmal durchgestanden hat, das Leder weich und die Haut hart geworden sind, dann ist es bekanntlich ein für alle Mal vorbei.

Am Regal Circle gehen wir schon irgendwie verloren, weil wir das National Museum of Modern Art nicht finden können. Auf dem Stadtplan sieht die Mahatma Gandhi Road wie eine nicht zu verfehlende Lebenslinie des Südens von Mumbai aus, aber kaum haben wir ihre Bekanntschaft gemacht, da geht sie auch schon wieder verloren.

So irren wir eine Strasse entlang, in der Buchläden in ihren Schaufenstern spirituelle Literatur anbieten und ein „Tempel des Essens“ zum Gottesdienst einlädt. Wir schlendern an einem kreisförmigen Park entlang, vor dem halbnackte Männer dabei sind, stinkenden Müll in eine Häckselmaschine zu stopfen, aus der unten eine bräunliche Flüssigkeit heraustropft. Wir gehen an Reihen schwarz-gelber Taxis vorbei, in denen es sich die Fahrer in der nachmittäglichen Hitze zu einem kleinen Nickerchen auf den Rückbänken bequem gemacht haben. Wir lernen, die Kinder zu ignorieren, die wie Kletten an uns hängen, um ein paar Rupies zu erbetteln. Wir stehen plötzlich vor der Börse von Mumbai, dem finanziellen Zentrum des wirtschaftlich boomenden Landes, an deren Portal auf einem elektronischen Laufband in roten Lettern die aktuellen Aktienkurse angezeigt werden. Männer in weißen Hemden mit dezenten Streifen, stehen an den Imbissbuden vor dem Eingang und verschlingen keine scharf gewürzte Snacks mit Zwiebeln, Pfefferschoten, gehobeltem Käse und drei verschiedenen Saucen. Dunkelfarbige Männer mit sehnigen Muskeln schieben schwere Holzkarren auf Autoreifen und mit grob geschnitzten Griffen durch die engen Strassen, die ihnen von den allgegenwärtigen hupenden Taxis streitig gemacht werden („Horn please!“ steht auf ihren Stossstangen). Es wächst bei mir die Erkenntnis, dass nicht alle dunkelfarbigen Inder arm sind, aber die Armen meist eine dunkele Hautfarbe besitzen. Wir weichen ganzen Familien aus, die auf dem Bürgersteig kampieren und mit den Fingern aus Aluminiumschalen Reis aßen. Wir landen durch Zufall am Victoria Bahnhof, der jetzt Chhatrapati Shivaj Terminus heißt und laut Reiseführer das Gebäude sein soll, das am ehesten den Geist der Stadt auf den Punkt bringt. Diese Eigenschaft will sich mir nicht entschließen, aber es ist ein imposantes Gebäude mit Türmchen und Zinnen und Balkonen und Fenstern, das den Eindruck erweckt, als habe der Architekt, ein Anhänger viktorianischer Gotik bis in die Knochen, versucht, Elemente der einheimischen Tempelarchitektur und der Bauweise von indischen Moscheen zu integrieren.

Gerüche ziehen an uns vorbei: das stechende säuerliche Aroma von Chutneys wird von der aufdringlichen Süße von Räucherstäbchen überlagert, die salzige faule Schwere, die der Wind vom Meer herüberträgt, mischt sich mit scharfen Gestank der Zweitaktermotoren. Pfeffer, Chili und gerösteter Kardamom steigen an einem Hauseingang in die Nase, zwei Schritte weiter übernehmen die Ausdünstungen eines Abfallhaufens die Oberhand.

Wir stolpern über einen zoroastrischen Tempel, ignorieren die Aufschrift an der kleinen Pforte „For Parsians only“ und befinden uns in mitten eines Feuertempels, in dem ein älterer weißhaariger Mann und eine dürre, kränklich aussehende Frau auf eine Bank sitzen und beten. Ein junger Mann fordert uns barsch auf, sofort den Tempel wieder zu verlassen, weil es sich nicht gehöre, einfach in einen geweihten religiösen Ort einzudringen. Wir können immerhin noch von ihm die Telefonnummer des Vorsitzenden der zoroastrischen Gemeinde in Mumbai erfragen, aber dann ist auch das letzte Quäntchen seiner Beherrschung aufgebraucht und er wirft uns wieder auf die Strasse - eine Enttäuschung, weil ich Z ins Ohr gesetzt hatte, dass wir vielleicht gemeinsam noch einmal nach Mumbai zurückkommen sollten, um eine Geschichte über die Zoroaster zu fotografieren und zu schreiben, die im 10. Jahrhundert vom Iran aus vor dem Druck der islamischen Konformität nach Indien geflohen waren.

Die Enttäuschung wird ein wenig wieder durch die Herzlichkeit der älteren Frau wettgemacht, die in der kleinen Bar an der Kasse sitzt, in der wir uns kurz bei einer Cola ausruhen wollen. Es ist eine sparsam möblierte Kaschemme mit harten Bänken. Auf der Karte stehen ganz oben verschiedene Whiskysorten noch vor Gin und Bier. Männer kommen hierher, um sich einen Kleinen anzutrinken und alle starren auf Z und vor allem auf ihre nackten Beine.

Instinktsicher hat Z die Frau an der Kasse als Iranerin ausgemacht und zettelt mit ihr ein Gespräch an, was gleich die anzüglichen Bemerkungen der Männerrunde zum Ersticken bringt. Mit immer eindringlicherer Stimme lädt uns die Frau zu sich nach Hause ein. Wir sollen den Ehemann, die Kinder kennenlernen und vom Iran erzählen. Nur mit einer Notlüge können wir uns frei machen und gehen mit großen Schritten, bis wir aus ihrer Sichtweite verschwunden sein müssen.

Ein von einem Ochsen gezogener Karren rumpelte aus einer Seitenstrasse mit auf die lebhafte Kreuzung als wenn es sein natürliches Recht wäre und lässt sich auch von dem Hupen nicht aus der Ruhe bringen. An einer Überführung steigen wir die Treppen hinunter und landen mit im Schlafzimmer einer mehrköpfigen Familie, die sich unter der Treppe eingerichtet hat. Die Frau rührt in einem Topf und widmet uns keines Blickes. Drei Männerliegen auf Tüchern und spielen Karten. Die Blicke der Kinder sind eine Mischung aus Neugier und Feindseligkeit.

Wir schauen den Jungen zu, die auf einem Platz Cricket spielen, auf dem das Gedränge so groß ist, dass Mannschaften kreuz und quer ihre Bälle über das Spielfeld des Nachbarn schlagen. Staub hängt unter der brennenden Sonne in der Luft, aber es gibt weit und breit keinen Erfrischungsstand zu sehen. 500 Meter weiter finden wir eine Filiale von Gelato Italiano, die Eissorten wie Japanese Melon, Blue Sky, Whisky, Swiss Chocolate oder Schwarzwälder Kirschtorte anbietet und Preise verlangt, die weit über dem liegen, was der mobile Getränkeverkäufer, der durch die Schaufensterscheibe am Sandstrand auf der anderen Seite der Schnellstrasse unter dem bunten Sonnenschirm am Sandstrand an einem halben Tag verdienen wird.

Wir kommen an einer Lebensgroßen Statue von Mahadma Ghandi vorbei, mit der Eduard Wrath, Bildhauer in der dritten Generation als Ausweis für sein Fertigkeiten bei der Anfertigung von Abbildern berühmter Persönlichkeiten für sich wirbt, und der letzte Rest unserer Neugierde lässt uns eine kleinen Anhöhe zum Mahalaxmi Mandir hinaufklettern, einem Hindu Tempel, der der Göttin des Wohlstandes, Mahalaxmi, geweiht ist. Wohlstand klingt nach all dem Gerenne nach Entspannung und Behaglichkeit, scheint aber für die Uneingeweihten nicht ganz ohne Mühe zu erreichen zu sein. Ein Mann auf der Strasse hat uns den Aufzug empfohlen („Up and down, up and down. Just one Rupee.“), aber irgendwie haben wir den Einstieg verpasst und schnauben die Stufen hinauf. Unter dem strengen Blick der beiden Sicherheitsbeamten geben wir unsere Schuhe bei einer kleinen, dürren Aufseherin ab und gehen in das Innere des Tempels, um stumm vor Staunen den fremdartigen Ritualen zuzuschauen. Z wird von einem der Gläubigen, einem älteren Herren, ermuntert, mit ihm in den Innenraum zu gehen, wo Betende niederknien und Blumengebinde niederlegen. Z kommt mit einer braunen Paste auf der Stirn, die wie getrockneter Senf aussieht zurück.

Wir finden schließlich die Strasse hinunter den Buchladen, der laut Reiseführer das beste Sortiment in ganz Mumbai haben soll. Nun, er sieht ein wenig wie die Mini-Ausgabe von Hugendubel oder Barnes & Nobles am Union Square in New York aus, erweist sich aber beim näheren Hinsehen als eine Enttäuschung. Kaum Literatur zur Zeitgeschichte, weder Indien noch Pakistan oder Afghanistan oder andere Länder in der Region. Nichts zur zeitgenössischen Kunst in Indien, und auch die Belletristik Abteilung, die auf den ersten Blick Fülle vortäuscht, führt nicht mal die gängigen Romane über Mumbai.

Neben der Koje mit Kochbüchern entdecke ich auf dem Boden einen Stapel mit Hitlers Mein Kampf. In der guten Stunde, die wir in dem Buchladen zugebracht haben, habe ich aber keinen Besucher gesehen, der den Stapel irgendeine Beachtung geschenkt hätte oder auch nur eines der Exemplare in die Hand genommen hätte.

Für einen Tag ist es genug. Nur der Hunger treibt uns nach einer Dusche am Abend noch einmal aus dem Hotel. Wir finden ein kleines Lokal in einer Seitenstrasse, das bei Einheimischen wie bei Expatriots beliebt zu sein scheint. Ich bestelle Huhn mit Knoblauch und eine große Flasche Kingfisher. Die Schärfe des Gerichts läst noch einmal meine Sinne tanzen, bevor eine behagliche Wärme es sich im Inneren meines Körpers bequem macht.

Im Bett peinigt mich ein Zahn, der späte Rache dafür übt, dass ich heute morgen meinen Toast auf der rechten, auf seiner Seite gekaut habe. Nach längerem Hin- und Herwälzen meldet sich der Muskel in meinem linken Oberschenkel zu Wort, den ich mir beim Fußballspielen in Teheran gezerrt hatte und auch meine brennenden Füße verlangen Gehör. Zwischen den dreien entflammt sich ein Zwist, wer einen größeren Anspruch darauf hat, wahrgenommen zu werden.

Ich bin viel zu müde, an einem solchen Streit teilzunehmen, überlasse ihnen die Rauferei und sinke in einen tiefen und wie immer traumlosen Schlaf.

Aussterbende Gattung

19. February 2007 - 19:05

Pamela Constable, eine Kollegin von der Washington Post, schrieb gestern in einem etwas sentimentalen Stück vom Verschwinden der Auslandskorrespondenten.

Der Boston Globe, bei dem Constable mal gearbeitet hat und der immer noch zu den amerikanischen Qualitätszeitungen zählt, hatte im letzten Monaten die Schließung seiner drei letzten Auslandsbüros bekannt gegeben.

Der Globe steht in den USA nicht allein.

Between 2002 and 2006, the number of foreign-based newspaper correspondents shrank from 188 to 141 (excluding the Wall Street Journal, which publishes Asian and European editions). The Baltimore Sun, which had correspondents from Mexico to Beijing when I went to work there in 1978, now has none. Newsday, which once had half a dozen foreign bureaus, is about to shut down its last one, in Pakistan. Only four U.S. papers — the Journal, the Los Angeles Times, the New York Times and The Washington Post — still keep a stable of foreign correspondents.

Auch den TV Kollegen, die in der Regel für recht wohlbetuchte Anstalten arbeiten, geht es nicht besser.

In the 1980s, American TV networks each maintained about 15 foreign bureaus; today they have six or fewer. ABC has shut down its offices in Moscow, Paris and Tokyo; NBC closed bureaus in Beijing, Cairo and Johannesburg. Aside from a one-person ABC bureau in Nairobi, there are no network bureaus left at all in Africa, India or South America — regions that are home to more than 2 billion people.

Ich kenne keine Pläne deutscher TV Anstalten, ihre Auslandsbüros zu schließen, noch weiss ich irgendetwas von ähnlichen Vorhaben bei deutschen Zeitungen oder Zeitschriften. Aller Erfahrung nach wird es aber nur wenige Jahre dauern, bis sich die gleiche Logik auch auf den Vorstandsetagen deutscher Medienunternehmen breit machen wird: Auslandsberichterstattung ist zu teuer.

Schon jetzt ist festzustellen, dass Auslandsthemen nicht unbedingt als auflagen- oder quotengünstig gelten, es sei denn, es handelt sich um Kriege & Katastrophen, es ist exotisch und/oder es menschlicht. Nur wenig Redaktionen sind an einem Stück darüber interessiert, woran es eigentlich beim Wiederaufbau in Afghanistan genau hapert und wer dafür die Verantwortung trägt, und wenn doch, dann bitte in ein Porträt eines deutschen Aufbauhelfer verpackt. Der Schritt, mehr und mehr auf solch sperriges Gut zu verzichten, wenn sich einfacher zu produzierende Geschichten vor der eigenen Haustür, die „unsere Zuschauer/Hörer/Leser direkt angehen“, finden lassen, liegt nah.

Der Rückzug aus der Auslandsberichterstattung findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem es kaum noch zu bestreiten ist, dass die Löhne in Bangladesh auch für die Näherin in San Diego, das Treiben in den Religionsschulen in Karatschi auch für die Passagiere der U-Bahn in London und die Pläne für der Bau neuer Autofabriken in Nordchina auch in Wolfsburg von Belang sind. Das, was „unsere Zuschauer/Hörer/Leser direkt angeht“, liegt nicht mehr unbedingt vor der eigenen Haustür.

Ganz wird man auf die Auslandsberichterstattung nicht verzichten können. Laut Constable ist der mobile Einzelkämpfer das Modell der Zukunft.

In an effort to cut costs, newspapers are replacing bureaus — which require staffs and cars and family housing — with mobile, trouble-shooting individual correspondents. The erstwhile bureau chief in New Delhi or Cairo, chatting with diplomats over rum punches on the veranda, is now an eager kid with a laptop and an Arabic phrase book in her backpack.

So gesehen liege ich ja voll im Trend.

Abschied

16. February 2007 - 19:19

M hat heute morgen mit der Iran Air Maschine nach Genf das Land verlassen.

Er wird in der Schweiz sein Doktorantenstudium fortsetzen und gleichzeitig als Assistent an einem wissenschaftlichen Institut arbeiten. Eigentlich wollte er in die USA gehen. Ein Professor an der University of Pennsylvania, ein ausgewanderter Iraner, war auf eine seiner wissenschaftlichen Arbeiten, die er schon als Student in Fachpublikationen veröffentlich hatte, aufmerksam geworden und hatte ihm ebenfalls eine Assistenzstelle angeboten.

Die USA waren Ms Traum. Nicht wegen des Lebensstils (er hat da eine gesunde Skepsis), sondern weil die USA in seinem Fachgebiet als die absolute Avantgarde gelten.

M ist ein schlauer Kopf. Nach Abschluss der Grundschule gehörte er in einem Begabtentest zu den 100 Besten seines Jahrgangs in ganz Teheran. Er ging zur besten High Scholl, dann zur besten Universität der Stadt und schnitt als einer der Besten in der Abschlussprüfung ab. Wenn man über die technische Intelligenz des Landes spricht, die den Iran voran bringen könnte, dann ist er gemeint.

Aber er wollte nicht. Zum einen reizte ihn die wissenschaftliche Herausforderung und im Iran hatte er so gut wie das Ende der Fahnenstange erreicht. Zum anderen sah er hier für sich keine Zukunft. Was sollte er nach Abschluss seines Doktorandenstudiums hier tun? Es gibt keine Firmen, die so hoch qualifizierte Fachkräfte wie ihn gebrauchen könnten. Schließlich ist er weder ein Freund des Regimes noch der Einschränkungen und Verbote, mit denen selbstständig denkende Menschen hier gegängelt werden.

Mit den Verträgen der University of Pennsylvania in der Tasche fuhr er nach Ankara, um ein Visum zu beantragen. Trotz aller Versprechen der amerikanischen Regierung, die junge Generation im Iran fördern zu wollen, wurde der Antrag abgelehnt. Er versuchte es ein zweites Mal. Wieder abgelehnt. Er versuchte es bei den amerikanischen Konsulaten auf Zypern und in Dubai. Abgelehnt.

Dann war aus irgendwelchen Gründen Dänemark im Gespräch, dann London, bis sich schließlich Genf ergab.

Z und ich haben für ihn und seine Freunde am vergangenen Samstag eine Abschiedsparty organisiert. Unter den knapp 30 Gästen, fast alle Absolventen der selben Universität in Teheran, in der auch M studiert hat, waren gerade sechs, die im Iran bleiben wollten. Die anderen hatten entweder ihr Visum für die USA, Kanada, Australien oder Westeuropa schon in der Tasche oder warteten auf eine Antwort.

M hat fünf Geschwister. Der älteste Bruder lebt in Kanada. Die älteste Schwester ist vor drei Jahren ebenfalls nach Kanada gegangen. Die zweitälteste Schwester lebt zwar in Teheran, ist aber ständig im Ausland unterwegs. N, die jüngste Schwester, ist im letzten Jahr nach London gezogen. Ms Mutter versucht, sich ihren Scherz nicht anmerken zu lassen.

M war meine Nothilfe, wenn etwas mit meinem Computer nicht klappte. Er kannte auch die Tricks, mit denen man die Filter der staatliche Zensur für das Internet umgehen kann. Wir haben oft gemeinsam Fußball im Fernsehen geguckt, die Weltmeisterschaft in Deutschland, Champions League und gelegentlich auch mal Bundesliga. Gegen ihn sprach eigentlich nur, dass er Fan von Real Madrid ist, aber er erwies sich meinen Argumenten gegenüber offen, dass Werder Bremen vielleicht nicht sportlich die beste, mit Sicherheit aber eine der sympathischsten Mannschaften im europäischen Fußball ist.

Wir wollten immer mal gemeinsam eine Reise unternehmen. Vielleicht in die Türkei. Es ist nie dazu gekommen.

An unserem letzten Abend habe ich ihn damit aufgezogen, dass er auf keinen Fall vergessen sollte, mindestens 10 Kilo Reis einzupacken. Für Iraner, die viel Reis essen, ist der iranische Reis der einzig genießbare (obwohl er zum großen Teil aus Pakistan stammt). Einen Reiskocher, mit dem sich die unverzichtbare knusperige Kruste am Boden herstellen lässt, hat er schon nach Genf vorausgeschickt.

Ich lenkte das Gespräch auf die Iraner, die ich immer wieder auf meinen Rückflügen nach Teheran im Flugzeug treffe. Sie haben in ihrer Gastheimat Karriere gemacht, sind erfolgreiche Geschäftsleute, Mediziner, Akademiker, haben Haus und Familie und nun fliegen sie nach Jahren wieder zurück in den Iran, „um nach den Eltern zu sehen“. In Wahrheit hat sie das Heimweh gepackt und sie suchen nach einer Möglichkeit, wieder in den Iran zurück zu kommen.

Wie es denn mit ihm stehe? Geht er für immer? M dachte lange nach. „Nein, für immer glaube ich nicht.“

Natürlich vermisse ich ihn.