Abschied

M hat heute morgen mit der Iran Air Maschine nach Genf das Land verlassen.
Er wird in der Schweiz sein Doktorantenstudium fortsetzen und gleichzeitig als Assistent an einem wissenschaftlichen Institut arbeiten. Eigentlich wollte er in die USA gehen. Ein Professor an der University of Pennsylvania, ein ausgewanderter Iraner, war auf eine seiner wissenschaftlichen Arbeiten, die er schon als Student in Fachpublikationen veröffentlich hatte, aufmerksam geworden und hatte ihm ebenfalls eine Assistenzstelle angeboten.
Die USA waren Ms Traum. Nicht wegen des Lebensstils (er hat da eine gesunde Skepsis), sondern weil die USA in seinem Fachgebiet als die absolute Avantgarde gelten.
M ist ein schlauer Kopf. Nach Abschluss der Grundschule gehörte er in einem Begabtentest zu den 100 Besten seines Jahrgangs in ganz Teheran. Er ging zur besten High Scholl, dann zur besten Universität der Stadt und schnitt als einer der Besten in der Abschlussprüfung ab. Wenn man über die technische Intelligenz des Landes spricht, die den Iran voran bringen könnte, dann ist er gemeint.
Aber er wollte nicht. Zum einen reizte ihn die wissenschaftliche Herausforderung und im Iran hatte er so gut wie das Ende der Fahnenstange erreicht. Zum anderen sah er hier für sich keine Zukunft. Was sollte er nach Abschluss seines Doktorandenstudiums hier tun? Es gibt keine Firmen, die so hoch qualifizierte Fachkräfte wie ihn gebrauchen könnten. Schließlich ist er weder ein Freund des Regimes noch der Einschränkungen und Verbote, mit denen selbstständig denkende Menschen hier gegängelt werden.
Mit den Verträgen der University of Pennsylvania in der Tasche fuhr er nach Ankara, um ein Visum zu beantragen. Trotz aller Versprechen der amerikanischen Regierung, die junge Generation im Iran fördern zu wollen, wurde der Antrag abgelehnt. Er versuchte es ein zweites Mal. Wieder abgelehnt. Er versuchte es bei den amerikanischen Konsulaten auf Zypern und in Dubai. Abgelehnt.
Dann war aus irgendwelchen Gründen Dänemark im Gespräch, dann London, bis sich schließlich Genf ergab.
Z und ich haben für ihn und seine Freunde am vergangenen Samstag eine Abschiedsparty organisiert. Unter den knapp 30 Gästen, fast alle Absolventen der selben Universität in Teheran, in der auch M studiert hat, waren gerade sechs, die im Iran bleiben wollten. Die anderen hatten entweder ihr Visum für die USA, Kanada, Australien oder Westeuropa schon in der Tasche oder warteten auf eine Antwort.
M hat fünf Geschwister. Der älteste Bruder lebt in Kanada. Die älteste Schwester ist vor drei Jahren ebenfalls nach Kanada gegangen. Die zweitälteste Schwester lebt zwar in Teheran, ist aber ständig im Ausland unterwegs. N, die jüngste Schwester, ist im letzten Jahr nach London gezogen. Ms Mutter versucht, sich ihren Scherz nicht anmerken zu lassen.
M war meine Nothilfe, wenn etwas mit meinem Computer nicht klappte. Er kannte auch die Tricks, mit denen man die Filter der staatliche Zensur für das Internet umgehen kann. Wir haben oft gemeinsam Fußball im Fernsehen geguckt, die Weltmeisterschaft in Deutschland, Champions League und gelegentlich auch mal Bundesliga. Gegen ihn sprach eigentlich nur, dass er Fan von Real Madrid ist, aber er erwies sich meinen Argumenten gegenüber offen, dass Werder Bremen vielleicht nicht sportlich die beste, mit Sicherheit aber eine der sympathischsten Mannschaften im europäischen Fußball ist.
Wir wollten immer mal gemeinsam eine Reise unternehmen. Vielleicht in die Türkei. Es ist nie dazu gekommen.
An unserem letzten Abend habe ich ihn damit aufgezogen, dass er auf keinen Fall vergessen sollte, mindestens 10 Kilo Reis einzupacken. Für Iraner, die viel Reis essen, ist der iranische Reis der einzig genießbare (obwohl er zum großen Teil aus Pakistan stammt). Einen Reiskocher, mit dem sich die unverzichtbare knusperige Kruste am Boden herstellen lässt, hat er schon nach Genf vorausgeschickt.
Ich lenkte das Gespräch auf die Iraner, die ich immer wieder auf meinen Rückflügen nach Teheran im Flugzeug treffe. Sie haben in ihrer Gastheimat Karriere gemacht, sind erfolgreiche Geschäftsleute, Mediziner, Akademiker, haben Haus und Familie und nun fliegen sie nach Jahren wieder zurück in den Iran, „um nach den Eltern zu sehen“. In Wahrheit hat sie das Heimweh gepackt und sie suchen nach einer Möglichkeit, wieder in den Iran zurück zu kommen.
Wie es denn mit ihm stehe? Geht er für immer? M dachte lange nach. „Nein, für immer glaube ich nicht.“
Natürlich vermisse ich ihn.
gepostet am 16. February 2007 um 19:19 von unter Iran. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
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