Wenn Sie zufällig ein wenig Zeit haben … III

30. March 2007 - 22:01

ARTE zeigt morgen, 31. März, 19:00, in der ARTE Reportage einen Film von Susan Loehr und Mohammad Reza Kazemi über Shadi Sadr. Titel: „Wie eine Menschenrechtsaktivistin in Iran gegen diskriminierende Gesetze kämpft“.

Ich habe den Film noch nicht gesehen.

Die Sendung wird am Sonntag um 12:00 und dann noch einmal am folgenden Donnerstag um 08:05 wiederholt.

Wer es immer noch verpasst hat, kann den Beitrag dann noch eine Woche lang als Video-on-Demand sehen auf der ARTE Webseite sehen.

Wenn Sie zufällig ein wenig Zeit haben … II

27. March 2007 - 08:10

Ein kleiner Stimmungsbericht in der WELT.

Fluchtplan

23. March 2007 - 22:13

Die Jerusalem Post hat heute (wieder einmal) schlechte Nachrichten für mich.

In einem Exklusiv(!)-Bericht weiß die konservative Zeitung, die wenig Sympathien für das iranische Regime hegt, zu berichten, die Botschaften in Teheran seinen bereits dabei, sich auf einen möglichen Militärschlag gegen den Iran vorzubereiten.

Evakuierungspläne würden auf den neusten Stand gebracht und wer einen solchen Plan noch nicht besitzt, der spute sich, das Versäumnis schleunigst nachzuholen.

Recently, several diplomatic missions based in Teheran have begun to reassess their plans, and embassies without permanent security officers have requested them.

Embassy experts reportedly are testing various evacuation options and logistics, such as timing routes to different destinations by different types of vehicles. The plans include evacuation for all staff.

Die Zeitung beeilt sich, hinzu zu fügen, dass die USA wie Israel alle diplomatischen Möglichkeiten ausschöpfen wollen, das iranische Atomprogramm zu stoppen, aber (ABER!) sollte der Iran mit seinen Anstrengungen schneller sein als die Diplomatie, dann würden die Atomanlagen angegriffen. Netter Weise soll dies geschehen, bevor eine größere radioaktive Verstrahlung verursacht wird.

Die Jerusalem Post weiß sogar einen Zeitraum anzugeben, bis wann dies in etwa geschehen könnte:

According to foreign sources, foreign diplomats believe a possible attack would take place before the end of 2007.

Nach dem ich meinen leichten Anflug von Scham, dass Kollegen im fernen Jerusalem mehr über die Dinge zu wissen scheinen, die da vor meiner Nase geschehen, als ich selbst, überwunden hatte, purzelten mehrere Fragen gleichzeitig durch meinen Kopf.

Wieso sagt man mir nichts davon? Kann es wirklich sein, dass die deutsche Botschaft heimlich Vorbereitungen trifft, um stiekum zu verschwinden, wenn man sie am nötigsten benötigen würde? Hätte sie nicht eine Pflicht, vorher alle Deutschen im Lande zumindest zu warnen? Würden sie auch Z evakuieren? Würde ich überhaupt gehen wollen?

Über die letzte Frage sollte ich vielleicht nachdenken, wenn es so weit ist. Es gibt näherliegende Probleme: sollen wir uns unter solchen Vorzeichen wirklich das Auto kaufen, über das Z und ich geredet haben? Wenn ja, dann sollte es ein gutes Fluchtauto sein. Die Anschaffung des Sofas sollten wir vielleicht auf nächstes Jahr verschieben. Auch der Flachbildfernseher hat noch Zeit. Fußballeuropameisterschaft ist ja erst, wenn die kritische Phase vorüber ist. Auf jeden Fall sollten wir dafür Sorge tragen, dass Z sofort ein neues Schengen-Visum beantragt, wenn das alte abgelaufen ist.

Nicht viele Iraner dürften die Jerusalem Post lesen, aber solche Nachrichten haben eine verzwickte Art sich recht schnell zu verbreiten.

Was mag durch den Kopf eines Familienvaters mit drei Kindern gehen, wenn er erfährt, dass sich die ausländischen Botschaften schon auf einen Krieg vorbereiten? Er hat keinen europäischen Pass, der es ihm und seiner Familie ermöglichen würde, sich rechtzeitig aus dem Staub zu machen. Er hat möglicherweise ein Haus, in dem die Ersparnisse seines Lebens stecken. Wahrscheinlich wird auch er es sich nun zweimal überlegen, ob er größere Anschaffungen nicht lieber erst einmal verschieben sollte, und er wird die Regierung verfluchen, die ihm so etwas eingebrockt hat.

Dies ist sicher der Grund, warum Ahmadinejad erst heute wieder in einem Interview mit dem französischen Fernsehen zum x-ten Mal im Wald pfeift und proklamiert, „Wir haben keine Angst vor einem US Angriff“.

Und vielleicht ist dies auch ein Grund, warum solche Exklusiv-Berichte, die sich auf anonyme Quellen berufen und nur sehr schwer zu überprüfen sind (keine Botschaft wird öffentlich erklären, dass sie solche Vorbereitungen trifft), in der Jerusalem Post zu lesen sind.

Zwei Klassen von Geiseln

- 15:30

Am vergangenen Monatg wurde der italienische Kollege Daniele Mastrogiacomo, der für La Republica schreibt, nach 15 Tagen Geiselnahme von Taliban wieder freigelassen.

Die italienische Regierung hatte sich der Forderung der Geiselnehmer gebeugt und die afghanische Regierung dazu veranlasst, fünf gefangene Taliban als Gegenleistung auszutauschen.

Der Vorgang hat für eine heftige Diskussion gesorgt. Ist es klug, sich den Forderungen von Kidnappern zu beugen? Ermutigt dies nicht eher weitere potentielle Geiselnehmer?

Der niederländische Außenminister Maxime Verhagen hält solch einen Ausgang für grundsätzlich falsch:

“When we create a situation where you can buy the freedom of Taliban fighters when you catch a journalist, then in the short term there will be no journalists anymore.? (NYT)

Der Sprecher des italienischen Premierministers Romano Prodi, Silvia Sircana, verteidigte dagegen den Handel.

“So if there is a chance to save a life, we must do all we can do. And this was our very simple line, and not anything more.?

Ein Dilemma. Im allgemeinen würde ich wohl Verhagen zustimmen. Würde ich selbst gekidnappt, würde ich hoffen, dass die Bundesregierung ähnlich handeln würde wie jetzt die Italiener.

Die Geschichte hat noch eine andere Seite. Mastrogiacomo wurde von einem Fahrer und einen Dolmetscher begleitet, als er am 5. März in Nadali in der Provinz Helmand festgenommen wurde. Der Fahrer wurde von den Taliban geköpft. In den ersten Meldungen hieß es, auch der Übersetzter, Adjmal Naqshbandi, sei freigelassen worden.

Das scheint aber nicht zuzutreffen. Von Naqshbandi fehlt bislang jede Spur.

Den Angehörigen des getöteten Fahrers, Sayed Agha, ist es zudem nicht einmal gelungen, den Leichnam für eine angemessene Beerdigung von den Taliban zu erhalten.

Nicht wenige Afghanen sind empört, dass die eigene Regierung bereit ist, sich zwar um die Freilassung eines ausländischen Journalisten zu kümmern, offensichtlich aber wenig für einen eigenen Staatsbürger tut.

Von der italienischen Regierung kein Wort dazu, ob sie sich auch für die beiden Afghanen eingesetzt hat, die Mastrogiacomo begleitet haben.

Trifft es zu, dass Naqshbandi im Stich gelassen wurde, ist dies sicher kein Dilemma, sondern einfach eine Schweinerei.

PS: Bei dieser Gelegenheit möchte ich gern auf die hervorragenden Afghanistan-Berichte des Institutes for War and Peace Reporting hinweisen, die hier zu finden sind.

Ex-Muslime

22. March 2007 - 22:47

Tagesschau.de berichtet heute über die „Breite Empörung über [die] Frankfurter Richterin“, die einen Antrag einer Deutschen marokkanischer Herkunft, vor Ablauf des Trennungsjahres bereits von ihrem prügelnden Mann geschieden werden zu können, mit Hinweis auf den Koran abgelehnt hat. Es sei der Antragstellerin zuzumuten, das Trennungsjahr abzuwarten, schließlich sehe der Islam (beide Ehepartner sind Muslime) ein Züchtigungsrecht des Mannes vor.

Dieser Urteilsspruch ist ebenso verwirrend wie blödsinnig. Wie das Züchtigungsrecht ins Spiel kommt, obwohl der Mann schon seit Juni letzten Jahres aufgrund einer richterlichen Anordnung die Wohnung der Ehefrau nicht mehr betreten darf, ist mir rätselhaft. Blödsinnig ist es aber auf jeden Fall, weil der Koran in der deutschen Rechtssprechung nichts zu suchen hat.

Der Fall hat für helle Empörung gesorgt, wobei bei all der Aufregung ein wenig unter die Räder geraten ist, was eigentlich genau passiert ist (siehe Kommentar von Heribert Prantl heute in der SZ).

Die Webseite der Tagesschau versucht diese Empörung nun heute zu dokumentieren und zitiert an erster Stelle (nach der alten journalistischen Regel „Das Wichtigste zuerst“) die Vorsitzende des „Zentralrats der Ex-Muslime“, Mina Ahadi.

“Diese Praxis der Islamisierung der Gesellschaft ist gefährlich und auch rassistisch”, sagte sie der “Berliner Zeitung”. Auch wenn jemand aus einer anderen Kultur komme, müsse er universale Menschenrechte genießen. “Dieser Kulturrelativismus ist empörend”, sagte Ahadi. Es sei in Deutschland aber leider schon öfter vorgekommen, dass auch Ehrenmorde milder als andere Morde bestraft worden seien.

Danach folgt die Frauenrechtlerin Seyran Ates, die der Richterin „Menschenverachtung“ vorwirft, und erst an dritter Stelle wird dann eine namentlich nicht genannte Sprecherin des „Zentralrates der Muslime“ (nicht ex!) in indirekter Rede mit der Äußerung zitiert …

„ … die Richterin hätte auf Grundlage des Grundgesetzes und nicht gemäß dem Koran entscheiden müssen.“

Tagesschau.de hält die Erklärung der Organisation der Ex-Muslime also offensichtlich für relevanter als die Stellungnahme der Immer-noch-Muslime. Ich sehe das anders herum, denn schließlich macht der Zentralrat der Immer-noch-Muslime deutlich, dass auch er dem Grundgesetz einen höheren Rang einräumt als dem Koran. Er hätte das Urteil ja auch mit der Begründung begrüßen können, es sei erfreulich, dass ein Gericht auf den unterschiedlichen kulturellen Hintergrund Rücksicht genommen hat. Nun gut, sei es drum.

Tagesschau.de legt aber noch mal nach und führt ein eigenes Interview mit der stellvertretenden Vorsitzenden des „Zentralrates der Ex-Muslime“, Arzu Toker:

“Zentralrat der Ex-Muslime” kritisiert Integrationspolitik

Das nenne ich einen steilen Aufstieg für einen Verein, der sich erst vor einem knappen Monat der Öffentlichkeit vorgestellt hat und laut eigener Webseite außer ein paar Presseerklärungen noch nicht allzu viel vorzuweisen hat.

Wenn ich das Interview mit Frau Toker lese, frage ich mich, was dieser Organisation zu solch einer Prominenz verholfen hat. Eine halbwegs sachliche Argumentation kann es nicht sein.

„Es [Das Urteil] ist eigentlich völlig normal für die hiesige deutsche Politik, weil es zurzeit eine Irritation gibt: Man möchte den Islam unbedingt salonfähig machen.“

… lautet Frau Tokers Einschätzung des Urteils.

Ah ja? Seit meinem letzten Aufenthalt in Deutschland muss sich eine Menge geändert haben. Diskrimination, Terroristenverdacht, Ausgrenzung und kulturelles Unverständnis müssen in kürzester Zeit breitem Wohlwollen gewichen sein.

„Der Islam ist zugleich die Gesetzgebung für seine Gläubigen.“

Zeichnet es nicht alle Religionen aus, dass sie für ihre Anhänger Regelwerke aufstellen? Zudem ist nach meinem Verständnis der Terminus „Gesetz“ den staatlichen Regelwerken vorenthalten (”Die zehn Gesetze”??).

„Von daher hat der Mann aus islamischer Sicht Recht: Er kann seine Frau züchtigen. Dafür braucht er nicht einmal einen Anlass.“

Mal abgesehen davon, ob dies überall in der islamischen Welt so gesehen wird (wird es mit Sicherheit nicht): darum ging es in der Entscheidung in Frankfurt gar nicht (s.o.). Wenn schon eine richterliche Entscheidung beurteilt werden soll, dann sollte man die Fakten des Falls nicht völlig ignorieren. Weiterlesen →