Geballter Ärger

Dreitausend, vielleicht auch viertausend Lehrer und Lehrerinnen haben sich heute morgen auf dem schmalen Platz vor dem Nordeingang des Parlamentsgebäudes versammelt. Der Platz ist schmal und eng und ein Zaun soll verhindern, dass Menschen auf die stark befahrene, angrenzende Strasse geraten.
Die Demonstranten stehen dicht gedrängt. Es geht diszipliniert zu (die Frauen stehen vorne dicht vor den Rednern, die Männer dahinter = halt eine islamische Demonstration), aber Aufregung, Wut und Zorn sind deutlich zu spüren. Immer wieder werden Sprechchöre angestimmt, die mit rhytmischen Armbewegungen unterstrichen werden. Die Redner vorne ernten zustimmendes Gejohle wie auch verärgertes Buhen und Zwischenrufer melden Widerspruch an.
Die Lehrer sind sauer. Stinksauer.
Sie sind so sauer, dass es mir kaum gelingt, mir einen Weg durch die Menge zu bahnen, weil jeder, der mich als westlichen Journalisten ausmacht, mir unbedingt auseinandersetzen will, welch eine Ungerechtigkeit ihnen wiederfährt. Es geht um Geld, es geht um die Ausstattung der Schulen, es geht um Renten, es geht um gesellschaftliche Anerkennung.
„Ich verdiene ganze 180.000 Toman im Monat“, redet erregt ein junger Lehrer von links auf mich ein und hält mir seine Gehaltsabrechnung unter die Nase. Umgerechnet sind das rund 150 Euro. Auch ein alleinstehender Hungerkünstler kann damit in Teheran nicht über die Runden kommen.
„Ich habe 20 Jahre im Schuldienst gearbeitet, verdiene aber immer noch nicht mehr als 250.000 Toman“, erzürnt sich der graumelierte Herr zur rechten.
„In meiner Schule funktionieren weder die Heizungen noch die Toiletten“, so eine Frau mit Tschador.
Ein Sprechchor wird skandiert: „Nuklearenergie ist unser Recht! Brot und Lohn sind unser Recht!“ Der erste Teil stammt aus der staatlichen Propagandakampagne zur Popularisierung des Atomprogramms. Den zweite Satz haben sie hinzugefügt, um die Prioritäten ein wenig ins Gleichgewicht zu bringen.
Politisch ist es ein bunt gemischter Haufen. Hat Präsident Ahmadinejad nicht höhere Gehälter für die Lehrer und mehr Geld für die Schulen versprochen? „Dorough! Dorough! Dorough!“ – “Lüge! Lüge! Lüge!� schallt es von allen Seiten.
Ein stämmiger Mann mit Stoppelbart tritt hervor. „Ich heiße Ali – wie unser erster Imam. Ich bin Schiit und deshalb bin ich auch für Gerechtigkeit. Ahmadinejad hat uns belogen und betrogen. Ich habe ihm geglaubt, aber nun weiß ich, dass er ein Lügner ist.“
„Ach, das war doch klar, dass das nur ein Scharlatan ist“, ruft sein Nebenmann dazwischen.
Die Demonstration ist illegal, aber die Polizei lässt sie gewähren. Gegen die Lehrer vorzugehen ist gefährlich, denn dies würde den Unmut nur noch weiter schüren. Dies sind nicht unbedingt Gegner des Regimes, aber es könnten sehr schnell welche werden.
Der Redner vorne kündigt an, der staatliche Fernsehen würde heute Abend über die Demonstration berichten. „Dorough! Dorough! Dorough!�.
Ein Englischlehrer stößt mir in die Seite. „Ich habe immer die Revolution unterstützt. Ich habe geholfen, dass unser Land geworden ist, was es ist. Das ist unser Land! Nun zeigen sie uns nicht einmal im Fernsehen!“
Der Redner vorne verkündet, Mitglieder des Parlaments hätten zugesagt, am kommenden Dienstag Verhandlungen mit Vertretern der Lehrer zu führen. Deshalb solle bis Dienstag nicht wie eigentlich geplant gestreikt werden. Buhen und Murren aus der Menge. „Die wollen uns doch nur reinlegen!“ „Streik sofort! Streik sofort!“
Mit Mühe und Geduld gelingt es dem Mann vorne auf dem provisorischen Podium, sich über die vielen Zwischenrufer hinwegzusetzen und die scharrende Menge davon zu überzeugen, Disziplin zu bewahren. Eine Telefonnummer wird bekannt gegeben, unter der am kommenden Dienstag nachgefragt werden kann, wie es weitergehen wird.
Langsam löst sich die Demonstration auf. Gruppen stehen zusammen, um weiter zu diskutieren.
Der Hauptredner wird von einem Ring muskulöser Männer abgeschirmt, als er zu einem wartenden Auto gebracht wird. Beim Streik der Busfahrer im Februar letzten Jahres sind die Führer in einer nächtlichen Aktionen von Sicherheitskräften verhaftet worden und der Arbeitskampf im Keim erstickt.
Die Lehrer scheinen zu wissen, vor wem sie sich in acht nehmen müssen.
gepostet am 8. March 2007 um 12:28 von unter Iran. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
Kommentare
Es ist kein Kommentar vorhanden. Kommentar hinzufügen!