300

Der Glaube ist weit verbreitet, Iraner seien (bis auf wenige Ausnahmen wie Shirin Ebadi) ein Land der religiösen Eiferer. Ja, es gibt sie, aber bei weitem nicht so viele wie die ewig wiederholten Geschichten und Bilder über Tschadore und Mullahs suggerieren.

Iraner sind in erster Linie Nationalisten – quer durch die Bank, seien sie religiös oder nicht, konservativ oder eher liberal (Shirin Ebadi inklusive).

Jüngster Beweis ist die Aufregung über einen Film, der am letzten Wochenende in den USA gestartet ist und gleich zum Kassenrenner wurde. 300 ist ein historischer Action-Film, der basierend auf einem Cartoon von Frank Miller (in Szene gesetzt von dem ex-Werbefilmer Zack Snyder) die historische erste (!) Schlacht bei den Thermopylen 480 v. Chr. als Vorlage nutzt, um ein digitales Schlachtfest zu inszenieren. Kurzformel: weiße Spartaner verteidigen heroisch die westliche Zivilisation gegen braune Horden aus Persien, bis Verrat sie zum Fall bringt.

Ich kann den Film im Iran selbstredend nicht sehen, aber wenn ich die Kritiken lese, habe ich meine leisen Zweifel, dass ich mir die Mühe machen würde, wenn ich könnte (Washington Post: „It’s a guilty unpleasantness.“, Slate: „300 will be talked about as a technical achievement, the next blip on the increasingly blurry line between movies and video games.“, die Hollywood verpflichtete Los Angeles Times mit sublimem Zynismus: „300 is something to see, but unless you love violence as much as a Spartan, Quentin Tarantino or a video-game-playing teenage boy, you will not be endlessly fascinated.� oder wie der Christian Science Monitor mehr auf den Punkt: „pea-brained epic“.).

Was soll’s? Ich habe eh die Hälfte der Filme, die ich aus Indien mitgebracht habe, noch nicht gesehen.

Nun, ich bin kein Iraner. Wäre ich Iraner, dann wäre ich auf das Äußerste empört, egal ob ich religiöse oder eher säkular, konservativ oder liberal wäre.

Ich würde mich beispielsweise, wenn ich Filmkritiker der liberalen Tageszeitung Ayandehno wäre, beleidigt schreiben „In diesem Film werden Iraner als Monster dargestellt, ohne Kultur, Menschlichkeit und Weisheit.“ Wie Gholamhossein Elham, dem Sprecher von Präsident Mahmoud Achmadinejad, würde ich von einem „kulturellen Eingriff“ reden und mich empören „Solch eine Darstellung von Kultur und solch eine Beleidigung von Menschen ist für keine Nation und keine Regierung akzeptabel.“

Vielleicht würde ich sogar eine Unterschriftenliste ins Internet stellen, mit der ich Warner Bros. mal richtig die Meinung zu dem Film sagen würde „Der von Ihnen produzierte Film 300 ist nach alle historischen Dokumenten betrügerisch und verzerrt und seine Verbreitung stellt eine Verletzung von unleugbaren internationalen Rechten dar.“

Kleiner würde ich es auf keinen Fall hängen.

Naaa (um es auf Farsi zu sagen), ich sollte nicht spotten. Die Iraner sind empört. Der Metzger ist empört, die Marktfrau, der Taxifahrer, der Parlamentsabgeordnete, der Mullah, der Fußballprofi, die Bloggerin – sie alle sind empört.

Vielleicht nicht zu Unrecht. Filme wie 300 schaffen resp. verstärken negative Stereotype. Entgegen aller geschichtlicher Fakten werden die Iraner (damals noch Perser) als unkultivierte Barbaren dargestellt, was in der derzeit sehr aufgeheizten Situation, in der „alle Optionen auf dem Tisch“ sind, besonders brisant ist.

Am 5. April soll der Film auch in Deutschland starten. Nehmen Sie sich etwas anderes vor.

Kommentare

Es sind 3 Kommentare vorhanden. Kommentar hinzufügen!

  1. von
    Raphael Tauness
    am
    23. March 2007 um 10:50 Uhr

    Hab ihn schon gesehen, klar, es ist kein Film der die höchsten Ansprüche stellt, aber wer Braveheart, jeannne d’arc oder ähnliches als leichte aktion kost mag, wird hier bestens bedient. wenn man nach “islam-” oder “iranfeindlichen” filmen oder inhalten sicht, wird man z.b. auch beim 3.teil von herr der ringe fündig, wie gesagt wenn man danach sucht. letztendlich ist es eine reisserische comicverfilmung, hier politik hineinzuinterpretieren ist ein wenig übertrieben.

  2. von
    mebb
    am
    23. March 2007 um 12:03 Uhr

    Im Iran sieht man das anders:

    Ahmadinejad also appeared to hit out at a Hollywood blockbuster called "300" that depicts a 480 B.C. battle between Greeks and Persians. Iranian officials and the public see the film as a Western attempt to vilify Iran’s image.
    "Today they are trying to tamper with history by making a film and by making Iran’s image look savage," he said. (Reuters, http://news.yahoo.com/s/nm/20070321/wl_nm/iran_nuclear_dc_7)

    Iran’s mission to the UN has in a press release protested the Movie 300, saying it is full of deliberate distortions and derogatory depictions of ancient Persia. (IRNA,
    http://www1.irna.ir/en/news/view/line-22/0703228683135650.htm)

    Das sind nur zwei Beispiele von vielen.

  3. von
    marc anton
    am
    13. September 2007 um 16:34 Uhr

    und? erfolgreich unterm ladentisch?

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