Donald Klein
Beide Vertretungen waren in den ersten Monaten sehr darum bemüht, den Fall weitgehend aus dem Scheinwerferlicht zu halten. Würde die Angelegenheit zu einem öffentlichen Politikum, so die Kalkulation, dann würde es für die iranische Regierung um so schwieriger, einzulenken, ohne dabei ihr Gesicht zu verlieren. Die Diplomaten vor Ort taten, was man in solchen Fällen tut: im Außenministerium vorstellig werden, Eingaben beim Justizministerium einreichen und bei jeder Begegnung mit einem iranischen Offiziellen das Thema ansprechen.
Kaum jemand ist aber so gewieft, derartige Vorstöße in eine Wand aus Watte stoßen zu lassen, wie der iranische Regierungsapparat. Es wurde Verständnis gezeigt, Unterstützung versprochen, aber wiederum darauf hingewiesen, dass andere Dienststellen ebenfalls zuzustimmen habe, Versprechen abgegeben, die nicht eingehalten wurden, oder schlicht das Telefon nicht beantwortet.
Im Vorfeld der Berufungsverhandlung änderten die Franzosen deshalb ein wenig ihre Strategie und gaben Journalisten Hinweise. Llehrbiers Frau unternahm das Ihre. Von Dubai aus kam sie regelmäßig in den Iran, um ihren Mann zu besuchen, und hielt Kontakt mit Journalisten.
Kleins Frau Karin tat sich schwerer, mit der Situation zurecht zu kommen. Ihr Anreiseweg war weit länger und sie konnte nicht einmal sicher sein, dass ihr der zugesagte Besuch im Gefängnis tatsächlich auch bei der Ankunft genehmigt wurde. Anfangs weigerte sie sich, überhaupt in ein Land zu kommen, in dem ein solch offenes Unrecht herrsche. So war sie während der gesamten Zeit in drei Mal im Iran.
Frustriert von der Erfolglosigkeit der diplomatischen Bemühungen warf sie der deutschen Botschaft wie der Bundesregierung vor, sich nicht ausreichend für ihren Mann einzusetzen. „Wenn er ein Politiker mit einem berühmten Namen wäre, wäre er schon längst draußen. Die deutsche Regierung setzt sich nicht genug für meinen Mann ein.“ beklagte sie sich in einem Interview mit dem STERN.
Andererseits hielt sie sich an die Ratschläge der Botschaft, keinen großen Lärm zu schlagen. Karin Klein hatte zudem einen Exklusivvertrag mit STERN TV abgeschlossen, der sie daran hinderte, nach eigenem Ermessen öffentlich für die Freilassung ihres Mannes einzutreten.
Ich selbst habe mich im August mehrere Tage lang sehr intensiv und erfolglos um ein Interview mit ihr und ihrem Mann bemüht. Erst sagte sie im Grundsatz zu, dann beschwerte sie sich bei der Botschaft, dass man mir angeblich eine Auskunft über ihren Mann erteilt hätte und schließlich war sie unter keinen Umständen bereit, mit mir zu reden. Nicht einmal mein Angebot, mich in ihrer Abwesenheit hier in Teheran ein wenig um ihren Mann zu kümmern, mochte sie akzeptieren.
Klein hatte im August fünf Tage Hafturlaub erhalten. Sein Gesundheitszustand hatte sich rapide verschlechtert. Er war von 85 auf 53 Kilogramm abgemagert, hatte eine Reihe von körperlichen Beschwerden und vor allem war er stark depressiv. Mehrfach hatte er erklärt, er könne die Haft nicht ertragen und wolle sich das Leben nehmen.
Der heute 53jährige Steinmetz aus einem kleinen Ort der Nähe von Ludwigshafen hatte große Schwierigkeiten, mit der ungewohnten Situation zurecht zu kommen. Er war nicht sehr gut in der Lage, das ihm zugefügt Unrecht als einen Umstand zu akzeptieren, den er nicht verändern konnte, und sich darauf zu konzentrieren, auf das Ende dieses Alptraums zu blicken.
Nach Angaben von Llehrbier grübelte Klein viel, hielt sich für sich und sammelte in sich alle aufsteigende Bitterkeit. In seinem Tagebuch, das auszugsweise von STERN TV veröffentlicht wurde, schrieb er: “Mittlerweile bin ich zu einem geistigen Wrack mutiert, nein nicht mutiert, reduziert. Nach weiteren 13 Monaten wäre ich reif für die Klapsmühle.”
Der Franzose versucht mit seiner Lage anders umzugehen. Er lernte Farsi und suchte Kontakt zu seinen Mitgefangenen.
Mit der Verlegung in das ansonsten berüchtigte Ewin Gefängnis hatten sich auch ihre Haftbedingungen ein wenig verbessert. Sie wurden in dem Block für Wirtschaftskriminelle untergebracht: Männer, die wegen Unterschlagung, geplatzter Schecks oder auch Korruption hier ihre Strafe abzusitzen hatten.
Nach iranischen Bedingungen waren sie gegenüber Gefangenen in anderen Blocks recht privilegiert. Sie konnten sich selbst versorgen, sogar (soweit sie über das Geld verfügten) Essen von außerhalb bestellen, hatten einen Fernseher, konnten zweimal am Tag telefonieren und Ausgang wie Besuche wurden relativ großzügig geregelt. König des Blocks war Sharam Jazayeri, wegen Korruption verurteilt, der sich jeden Tag sein Essen von außen kommen ließ, für Llehrbiers Geburtstag eine Torte bestellte und großzügigen Ausgang genoss, bis er es am 20. Februar vorzog, nicht mehr zurückzukommen und untertauchte.
Mit Fortdauer der Haft wurde auch das Verhältnis der beiden Männer untereinander immer angespannter. Klein warf Llehrbier vor, ihn in diese miserable Situation gebracht zu haben. Schließlich war er der Skipper und hätten von Abu Musa Abstand halten müssen. Es half auch nichts, dass Llehrbier seine Schuld anerkannte. Klein in seinem Tagebuch: „Ich könnte liebend gern dem Franzosen bedenkenlos so manches ‘zufügen’, diesem Arschloch.“
Verschärfte wurden die Spannungen noch dadurch, dass Llehrbier aus Kleins Sicht unberechtigten Vorzug genoss. Der Franzose erhielt als erster Hafturlaub, obwohl der Deutsche dringend ärztliche Behandlung benötigte. Llehrbier wurde bereits überraschend am 24. Februar entlassen, ohne dass Klein ein Entlassungstermin in Aussicht gestellt wurde.
Diese unterschiedliche Behandlung fütterte auch Spekulationen über mögliche politische Hintergründe des Falls. Mehr oder weniger laut wurde darüber geredet, von iranischer Seite sei die Freilassung der Täter des Anschlages auf das Mykonos Lokal in Berlin 1992 gefordert worden. Die Sprecherin der deutschen Botschaft in Teheran, Susanne Riegraf: „Davon weiß ich nichts.“
Bei den Franzosen wurde vermutet, dass es einen Deal zur Kooperation im Süd-Libanon geben könnte. Französische Soldaten stellen dort das Hauptkontingent der UN Truppen, die u.a. die Aktivitäten der Hisbollah überwachen sollen, die dieses Gebiet kontrolliert. Die Hisbollah ist wiederum ein enger Partner Teherans. Paris möchte auf jeden Fall eine Konfrontation mit den schiitischen Freischärlern vermeiden. Es wird auf den abgesagt Besuch des amtierenden französischen Außenministers sowie auf den Besuch des ehemaligen französischen Außenministers Dumas in Teheran verwiesen.
Und natürlich gibt es auch noch die Variante, dass Zugeständnisse in der Atomfrage abgepresst werden sollten.
All dies ist möglich oder aber auch nicht möglich. Keiner der unmittelbar Beteiligten hier in Teheran mag etwas darüber sagen oder würde etwas darüber sagen, wenn es zutreffen würde. Zudem ist es wohl unwahrscheinlich, dass sehr viele etwas davon wissen würden, sollte solch irgendein Handel stattgefunden haben.
Zu aller letzt wohl Donald Klein, der in der ganzen Geschichte immer nur das Opfer höherer Mächte war.
Er wird wohl heute nach Hause fliegen und am Donnerstag dann „exklusiv“ bei STERN-TV seine Geschichte erzählen.
Viel Glück.
gepostet am 13. March 2007 um 10:26 von unter Iran, Deutschland. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
ein deutscher arroganter idiot mit geld will mal etwas aussergewoehnliches machen und geht “fischen und urlaubsfotos knipsen” an der grenze zum iran.
ein toller kerl.
er sucht den thrill und die grenzer machen ihre arbeit. sie nehmen den spion fest und es ist ihnen egal, dass er die fotos nur an die bild und andere peoplesmagazine verkaufen will.
solche ludwigshafener spassvoegel gefallen mir.
das erinnert an die wuestentouristen, die vor ein paar jahren durch die hinterhoefe von algerien gecruist sind, dann festgenommen wurden und sich dann beklagt haben.
deutsche duerfen den anderen auf der nase rumtanzen, sie beleidigen und beschimpfen.
und deutsche warnen vor ueberfremdung und wollen “zuhause” unter sich bleiben.
hoffentlich ist der spuk bald vorbei. schade ist nur, das es nicht bei einer blutigen nase bleiben wird.
frank panzer