Sechs Urteile

25. April 2007 - 14:05

Noushin Ahmadi Khorasani

Das Revolutionsgericht in Teheran verurteilte gestern drei iranische Frauenaktivisten zu mehrjährigen Freiheitsstrafen wegen ihrer Teilnahme an einer Demonstration gegen Diskrimination am 12. Juni letzten Jahres.

Die Anklage lautete „Gefährdung der nationalen Sicherheit“. Es sagt einiges über das Selbstverständnis des Islamischen Republik, wenn eine friedliche Demonstration für gleiche Rechte als eine Gefährdung der nationalen Sicherheit angesehen wird.

Nusheen Ahamdi Khorasani, Shahla Entesari und Parvon Ardalan wurden zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, von denen sie sechs Monate absitzen sollen. Die restlichen zweieinhalb Jahre wurden zur Bewährung ausgesetzt.

Bereits am 18. April wurde Fariba Davoodi Mohajer zu vier Jahren Gefängnis wegen „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ verurteilt. Drei Jahre dieser Strafe wurden ausgesetzt. Sussan Tahmassebi muss sechs Monate Haft antreten. Sie wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, von denen anderthalb Jahre auf Bewährung ausgesetzt wurden.

Am 11. April wurde Azadeh Forghani zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe auf Bewährung wegen „Handeln gegen die nationale Sicherheit durch Teilnahme an einer illegalen Versammlung“ verurteilt.

Weitere Verfahren stehen noch aus.

Gelüste

21. April 2007 - 23:47

Gern gestellte Frage: was vermisst man, wenn man seit Jahren im Iran lebt?

In meinem Fall weit weniger, als die Fragesteller, die oft glauben, der Iran sei das Herz der Finsternis, annehmen mögen. Klar, ich vermisse Freunde, aber ich lebe nicht in einem Land, wo die Errungenschaften der Zivilisation weitgehend unbekannt sind.

Es gibt nicht wenig, was ich ausdrücklich nicht vermisse, und anderes, das zu privat ist, als dass ich es hier erwähnen würde.

Okay, ein paar Dinge, die ich vermisse: die Fußballbundesliga am Samstagnachmittag im Radio, Frühstück in einem der Bremer Cafes im Steintor oder Ostertor, der regelmäßige Besuch im Buchladen Ostertor, um in den Neuerscheinungen zu blättern und die Bratwurst am Markt.

Diese Bratwurst (Rostbratwurst!) lässt sich nur schwerlich als eine Delikatesse verteidigen und angesichts meiner hohen Cholesterolwerte sollte jede einzelne Wurst eigentlich eine Gesundheitswarnung tragen.

Aber der Geschmack ist auch weit weniger wichtig als die Erinnerungen, die mit dem Verzehr der Wurst verbunden sind. Es war einst eine Tradition nach dem samstäglichen Einkauf in der Innenstadt mit vollen Plastiktaschen und glücklich darüber, es gerade noch vor der Ladenschlusszeit um 14 Uhr geschafft zu haben, eine Rostbratwurst zu treffen. Die Wurst war so etwas wie die fleischliche (so hoffe ich doch) Scheidelinie zwischen den Pflichten des Wochenendes und unbelastetem Müßiggang.

T, dessen Geduld ich heute gehörig damit strapaziert habe, indem ich ihn erst zum Frühstück im Cafe Engel, dann zum Einkaufen in der Innenstadt und schließlich zu einer Rostbratwurst überredet habe, registriert meinen Nostalgieanfall mit höflichem Schweigen. Aber erst seine Wurst ja auch mit Ketchup.

Ach ja, und noch etwas vermisse ich: Radio Bremen, wo ich lange Jahre gearbeitet habe, hatte einst sehr zu recht den Ruf, in seinem Radioprogramm viele Nischen für Ungewöhnliches bereit zu halten. So konnte man dort fast jeden Abend Musik hören, deren Interpreten es erst noch zu entdecken galt. Das hat sich schon lange geändert, aber die Lust auf ungewöhnlichen Musikgenuss, auf das Schräge und Unerwartete, ist immer noch wach.

Im „Offenen Kanal“ Bremens, eine Spielwiese für ambitionierte, aber unbezahlte Radiomacher, ist in dem Programm „Schwankungen“ (auch als Live-Stream und podcast) Musik u.a. von Human Fly, Hum, Ryan Adams, T-Bone Burnett, Lila Downs oder Gary Jules zu hören.

Ich habe gar nicht gewusst, was ich alles vermisst habe.

PS: Owi, cheli mamnun!!

Schüsseln

15. April 2007 - 22:40

Ich sitze nach der Landung noch im Flugzeug auf dem Rollfeld in Hamburg als Z anruft.

Z: „Die Polizei war gerade da!“

Ich: „Und?“

Z: „Sie wollten auf’s Dach.“

Waren sie also doch gekommen.

Gestern gab es bereits in der Nachbarschaft Großalarm. Die Polizei war unterwegs, um die Satellitenschüsseln zu konfiszieren, mit denen man Auslandsprogramme empfangen kann. Der Besitz dieser Schüsseln ist illegal, wurde in der Vergangenheit aber weitestgehend toleriert. Wenn ich aus meinem Fenster schaute, konnte ich auf den Dächern der Nachbarschaft überall die schwarzen Metallscheiben sehen. Kaum jemand machte sich die Mühe, sie zu tarnen oder zu verbergen.

Seit einigen Wochen führt aber die Polizei wie einst in den 90er Jahren wieder eine Kampagne gegen das unbefugte Empfangen ungenehmer TV Programme durch. Kleine Trupps ziehen von Strasse zu Strasse, Haus zu Haus, verlangen Zugang zum Dach und räumen die Schüsseln ab.

In einigen Fällen erhalten die Besitzer eine Vorladung vor Gericht, manchmal muss eine Geldstrafe bezahlt werden, aber in der Regel lassen es die Ordnungshüter dabei bewenden, das technische Gerät mitgehen zu lassen – um es unter der Hand wieder zu verkaufen, wie böse Zungen behaupten.

Gestern, wie gesagt, tauchten sie auch in meiner Nachbarschaft auf. Unser Hausmeister informierte eiligst alle Bewohner, um ihnen die Gelegenheit zu geben, die Schüsseln abzumontieren und zu verstecken, aber die Polizei muss wohl vorzeitig Feierabend gemacht haben.

„Es klingelte an der Etagentür und als ich auf machte, standen dort vier, fünf Polizisten“, so Z am Telefon.

Sie hatte kaum eine andere Wahl, als mit ihnen auf das Hausdach zu gehen, aber Z wäre nicht Z hätte sie nicht geschimpft, geflucht und die Polizisten davon zu überzeugen versucht, dass sie unsere beiden Satellitenschüssel nicht anrühren sollten.

Als Ausländer kann man eine Sondergenehmigung beantragen. Z konnte den Schrieb, den wir vor Jahren mal ausgefüllt hatten, zwar nicht finden, aber der Leiter der Operation gab sich schließlich zufrieden, als sie ihm eine alte abgelaufene Pressekarte von mir zeigte.

Z: „Furchtbar schwierig war es nicht. Die Polizisten konnten kaum verbergen, dass sie diese ganze Geschichte für einen ziemlichen Blödsinn halten. Einer sagte ganz offen, ‚Wenn es nach mir ginge, könnten sie gern die Schüsseln behalten.’“

Z und ich sind nun die einzigen im ganzen Haus, die noch Auslandsfernsehen sehen können.

Wahrscheinlich werden die Nachbarn in den nächsten Wochen öfter mal klingeln, um zum Fernsehgucken mal vorbei zu schauen.

US Folter?

11. April 2007 - 23:35

(c) Zohreh Soleimani

Da sitzt dieser dünne Kerl, jüngst noch zweiter Sekretär der iranischen Botschaft in Bagdad, im seinem blauen Krankenhausanzug in einem Rollstuhl unter den Kronleuchtern des Außenministeriums in Teheran hinter einem Tisch und versucht seine Geschichte zu erzählen. Hinter ihm steht ein Krankenpfleger, der eine Ampulle mit einer Infusionsflüssigkeit hält, sowie eine Krankenschwester. Links und rechts wird er von einem Arzt und einem Psychologen flankiert, die ihn untersucht haben und medizinisch betreuen.

Der Mediziner, Dr. Alireza Ali-Hosseini, bescheinigt Jalal Sharafi Spuren von mit Bohrern zugefügten Verletzungen an den Beinen, eine gebrochene Nase, Verletzungen am Rücken sowie ein gerissenes Trommelfell. Ali Sharifi, der Psychologe, bescheinigt ihm ein Trauma. Der Patient erlebe noch immer Angstzustände und befürchte, man wolle ihn hinrichten.

Sharafis Geschichte: Am 4. Februar sei er auf dem Weg zur Filiale der iranischen Bank Melli in Bagdad von acht Mitgliedern des irakischen Geheimdienstes festgenommen worden. Man habe ihn an einen unbekannten Ort gebracht, wo er an Händen und Füssen gefesselt und mehrfach geschlagen wurde. Man habe ihn zu Aussagen über die angebliche Unterstützung der irakischen Aufständischen durch den Iran, die Beziehungen zwischen dem Iran und den beiden kurdischen Führern Barzani und Talabani , zu den fünf in Arbil am 11. Januar festgenommenen Iranern sowie zu den Quellen für angebliche iranische Urankäufe zwingen wollen.

Später sei er an einen anderen Ort in der Nähe des Flughafen in Bagdad gebracht worden und es sei eine Englisch sprechende Person hinzu gekommen, die sich als Angehöriger der amerikanischen Botschaft ausgegeben und die Verhöre geführt habe. Die Misshandlungen und Folter sei auch dort weiter gegangen. Man habe ihm Dokumente auf arabisch vorgelegt, die er unterschreiben sollte.

Am 3. April sei er unvermittelt an einer Strasse in Bagdad wieder freigelassen worden. Er habe dann selbst seinen Weg zur iranischen Botschaft gefunden und einen Tag später wurde er nach Teheran ausgeflogen.

Ist die Geschichte glaubhaft?

Sharafi hat Male an beiden Beinen, die er nach Abschluss der Pressekonferenz für die Fotografen und Kameraleute zur Schau stellt. Es sieht alles danach aus, als ob er misshandelt, wahrscheinlich sogar gefoltert wurde.

Es ist auch bekannt, dass der Istakhbarat, der irakische Geheimdienst, eng mit den USA zusammen arbeitet. Ich habe auch keinen Zweifel daran, dass US Dienste in Kauf nehmen, dass Gefangene gefoltert werden. Schließlich hat man im Rahmen des „Rendition“ Programms schon öfter eigene Gefangene bei Folterregimes abgeliefert, damit die tun, was man selbst nicht tun darf oder will.

Nur: war der Mann, der sich Sharafi als Angehöriger der amerikanischen Botschaft vorgestellt haben soll, wirklich ein Amerikaner? Außer der Aussage von Sharafi gibt es dafür keinen weiteren Beleg.

Die iranische Regierung hätte den Diplomaten nicht der ausländischen Presse vorgeführt, wenn seine Schilderungen nicht in ihr politisches Kalkül passen würden. Zum einen möchte sie gern unterstreichen, wie nett sie doch mit den 15 gefangenen Briten umgegangen ist, während die USA nicht vor Folter zurückschrecken. Man will beweisen, wie unrechtmäßig die USA im Irak im allgemeinen und im Fall der 5 verhafteten Iraner im besonderen vorgehen, und man legt eine Spur, dass all die Behauptungen von iranischen Waffenlieferungen an irakische Aufständische unter Folter erpresst wurden.

Einerseits – andererseits, oder zweierlei Maß?

Naqshbandi ermordet

8. April 2007 - 15:28

Die Taliban haben heute bekannt gegeben, dass sie Ajamal Naqshbandi ermordet haben, weil die Regierung in Kabul ihrer Forderung nach der Freilassung weiterer gefangener Taliban nicht nachgekommen sei.

Naqshbandi arbeitete als Fixer und Übersetzer für ausländische Journalisten. Am 5. März war er gemeinsam mit dem italienischen Journalisten Daniele Mastrogiacomo und dem Fahrer Sayed Agha in Nadali in der Provinz Helmand von den Taliban gekidnappt worden. Sayed Agha war wenige Tage später geköpft worden, um die Forderung nach der Auslieferung von einigen prominenteren Taliban, die sich in der Haft der afghanischen Regierung befanden, zu unterstreichen.

Die italienische Regierung drängte die Regierung Karzai, einem solchen Handel zuzustimmen. Mastrogiacomo kam am 20. März frei, nachdem fünf gefangene Taliban auf freien Fuß gesetzt worden waren.

Naqshbandi war aber nicht Teil dieses Austausches. Weder die italienische Regierung noch die afghanische Regierung hielten es für notwendig sicher zu stellen, dass auch er die Freiheit wieder erlangte.

Es gab heftige Kritik an diesem Gefangenenaustausch, weil es zur Nachahmung anregt, wenn eine Regierung solchen Erpressungen nachgibt.

Karzai verteidigte sich damit, es sei eine ganz außerordentliche Situation gewesen. Schließlich seien die Italiener enge Freunde Afghanistans, würden Strassen und Brücken bauen, die Regierung in Rom sei aus innenpolitischen Gründen gefährdet gewesen, und er kündigte an, es werde unter keinen Umständen mehr einen Austausch geben.

Die Taliban forderten aber für Naqshbandi weitere Gefangene. Anders als bei Mastrogiacomo blieb die Regierung in Kabul hart.

Naqshbandis Tod ist empörend und beschämend zugleich.