Schlaf

27. May 2007 - 21:22

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Es war einmal ein Nachbarhaus, das gleich neben einen schmalen, verwahrlosten Grundstück nördlich an unser Grundstück angrenzte. Es war zweistöckig und besaß wie alle Häuser in Teheran ein Flachdach mit einer kleinen Brüstung. Zur Strasse hin stand ein Baum, in dessen Schatten öfter ein älterer Mercedes geparkt war.

Von den Bewohnern des Nachbarhauses habe ich nicht viel gesehen, weil wir kein Fenster zu dieser Seite haben. Man muss sich ein Stück aus dem Fenster meines Arbeitszimmers lehnen, um einen Blick auf ein Stück Balkon und manchmal auch auf eine offene Tür zu werfen, durch die ein Stück Teppich und die Rückseite eines Sessels zu sehen sind. Nicht der Mühe wert.

Der Baum steht noch, wenn er auch ein wenig ramponiert ist. Das Haus dagegen liegt in Trümmern.

Vor einer Woche rückte ein Abrisskommando an und zerlegte Stück um Stück das Gebäude in seine Einzelteile, nachdem die Bewohner von uns unbemerkt ausgezogen waren. Die Brüstung wurde abgetragen, dann wurde das Dach in Einzelteile zerlegt, die Fenster heraus genommen und die Stahlkonstruktion, die dem Haus von innen Halt gibt, demontiert.

Offensichtlich macht das zweistöckige Gebäude Platz für ein mehrgeschossiges Wohnhaus. Mehr Wohnraum, mehr Geld für den Bauherrn resp. den Vermieter.

Alles nicht so schlimm, wenn der Schutt nicht abtransportiert werden müsste. Ab Mitternacht setzt sich deshalb der Bagger in Bewegung und belädt die LKWs, die die Steine und das Geröll wegfahren. Es ist ein Heidenlärm. Der Motorenlärm des Baggers, der Motorenlärm der LKWs, das Poltern der Steine auf der Ladefläche.

Abgeschirmt wird dieses Inferno nur durch die dünne Außenmauer unseres Hauses. Direkt dahinter steht mein Bett, Kopfende zur Mauer hin.

Die Leute sind in ihrer Arbeit auch nicht zu stoppen. Um das Verkehrschaos in der Stadt ein wenig zu zügeln, ist eine Verordnung erlassen worden, dass LKWs nur zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens im inneren Bezirk fahren dürfen. Folglich kann der Schutt erst ab Mitternacht abtransportiert werden.

Vielleicht könnte man ich mich mit dieser Ausnahmesituation noch irgendwie arrangieren, in dem ich einfach am Morgen schlafe, obwohl es mit Sonnenaufgang unangenehm warm zu werden beginnt. Das Problem: der Presslufthammer. Während des Tages muss das Haus zerlegt und der Schutt produziert werden, der dann nachts auf die LKWs geladen wird.

Ich schätze mal, dass es noch eine gute Woche dauern wird, bis der Abriss beendet wird. Dann muss die Baugrube ausgehoben werden, wobei wiederum Erde anfällt, die abgefahren werden muss. Danach muss die Stahlkonstruktion, die Gebäude erbebensicherer machen soll, in den Boden gerammt und verankert werden.

Zwei Monate wird das sicher noch dauern.

Keine Angst vor den Amerikanern

26. May 2007 - 16:54

Mustafa besitzt zu fast jeder Frage eine fest gefügte Meinung. Das Problem besteht darin, dass er gleich mehrere Meinung zur selben Frage besitzt, die nicht immer miteinander harmonieren.

Technik beispielsweise. „Ich bin dafür, dass all die Technik abgeschafft wird. Die meisten Probleme auf dieser Welt werden durch Technik verursacht“, erzählt er mir unaufgefordert, während wir entlang der Vali-ye-Asr nach einem Cafe suchen, wo wir uns ungestört unterhalten können.

„Wie, Technik? Computer? Autos? Alles?“

„Ja. Ohne Technik waren die Menschen glücklicher. Das Leben war überschaubarer. Es gab keine Hetze, keinen Druck. Sie lebten beschaulicher, zufriedener.“

„Und sie starben an Krankheiten, die heute leicht zu heilen sind, mussten für ihre Ernährung viel härter arbeiten und froren im Winter und schwitzten im Sommer.“

„Das muss man in Kauf nehmen“, lautet Mustafas Antwort. „In der Summe waren sie aber glücklicher.“

Auch mit meinem Einwand, dass das Reisen viel beschwerlicher war, und der Horizont der Menschen wesentlich beschränkter war, kann ich nicht landen, denn Mustafa wechselt behände den Standpunkt. Er habe mehrere Jahre in England und in Schottland verbracht, was ihm großartig gefallen habe. In der Zeit hat er sein Englisch gelernt, was ihm jetzt als Englischlehrer zu gute kommt.

Er habe eine neue Unterrichtsmethode entwickelt, erzählt er, als wir endlich das passende Cafe gefunden haben. „Ich zeige amerikanische Filme in der Originalsprache. Das motiviert.“

Mustafa liebt amerikanische Filme. Nicht nur Filme. Beispielsweise auch Computer, die aber nicht notgedrungen amerikanisch sein müssen. Sein Handy klingelt und ich warte, bis er sein Gespräch beendet hat. Lassen wir das mit der Technik und der Glückseligkeit der Menschen.

Wir finden einen Tisch im Obergeschoss des Cafes, das offensichtlich in erster Linie von Studenten frequentiert wird. Junge Paare sitzen an den kleinen Tischen und tuscheln miteinander. Die Frauen sind meist modisch gekleidet, was Mustafa mit Wohlgefallen zur Kenntnis nimmt.

Gelegentlich schreibe er auch für Zeitungen, konservative Blätter natürlich. Sein letzter Artikel habe davon gehandelt, dass viele Probleme der iranischen Gesellschaft kuriert werden könnten, wenn die Frauen nicht berufstätig sein, sondern sich um die Kinder kümmern würden. Kinder brauchten Zuneigung und Aufsicht. Natürlich hätten Männer und Frauen gleiche Rechte, aber es gebe auch eine Aufgabenverteilung.

Ich lasse mich dazu hinreißen, über den Unterschied zwischen Aufsicht und Erziehung zur Selbstständigkeit ausschweifend zu referieren. Ich bin Vater. Ich weiß, wovon ich rede.

Apropos Vater (Mustafa bestellt für mich ein Eis): sein Vater sei ein hohes Tier an der Universität. Er habe seiner Familie erzählt, dass er sich mit einem ausländischen Journalisten treffe und seine Familie habe ihn gewarnt. Ausländische Journalisten würden vom Geheimdienst überwacht und er könne in Schwierigkeiten geraten.

Das ist eine erfreuliche Wendung. Eigentlich hatte ich gedacht, dass mich mein Kontakt mit Mustafa in Schwierigkeiten bringen könnte. Seine politischen Freunde sind dafür bekannt, bei Demonstrationen der Reformer als Schlägertrupps aufzutauchen und erbarmungslos dazwischen zu schlagen. Auf Journalisten haben sie ein besonderes Augenmerk.

Als der Kellner jedem von uns drei große Kugeln Eis bringt ist eigentlich die Gelegenheit gekommen, über unser eigentliches Thema zu reden. Die Unterschriften bei der letzten Demonstration seien von Freiwilligen gesammelt worden, die bereit seien, für die Sache ihr Leben zu Opfern. Die Aktion sei von seinem Onkel initiiert worden. Rund 2.000 Unterschriften seien schon gesammelt worden. Man habe die Wahl: man könne sich für den Einsatz gegen die US Besatzer im Irak oder für den Einsatz für die Sache der Palästinenser oder man könne sich melden, um die Fatwa, das von Ayatollah Khomeini ausgesprochene Todesurteil, gegen Salman Rushdie zu vollstrecken.

Nein, Ausbildungslager gebe es noch nicht. Das ganze sei auch mehr eine politische Demonstration. Die Regierung werde es nicht zulassen, dass die Selbstmordkommandos tatsächlich aktiv werden. Sie habe zu viel Angst, Schwierigkeiten mit den Amerikanern zu bekommen.

Ob er mich denn mit seinem Onkel oder irgendwelchen anderen Organisatoren bekannt machen könne? Aber gern. Er müsse sie halt nur fragen, ob sie auch dazu bereit sind.

„Ich bin auch bereit, für die Sache mein Leben zu Opfern“, platzt es schließlich aus ihm heraus, weil er wohl nicht mehr warten kann, bis ich ihn frage, ob auch er dabei ist. „Ich weiß nicht, ob ich in der letzten Minute wirklich dazu in der Lage wäre“, schränkt Mustafa ein, „aber melden würde ich mich schon“.

Das Eis hat plötzlich einen eigentümlichen Geschmack. Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll.

„Ich bin aber kein Terrorist“, unterbricht Mustafa die eingetretene Still, die auch ihm unbehaglich ist.

Es folgt ein längerer Exkurs über die Schändung der Heiligtümer der Schiiten in Najaf und Kerbala, die kein Rechtgläubiger hinnehmen könne, und eine längere Triade gegen die Zionisten, die sich an irgendeinem Punkt mit den Amerikanern zu einem argumentativen Knäuel verwirren. Die Amerikaner agieren im Irak im Auftrag der Zionisten oder die Zionisten unterjochen die Palästinenser im Auftrag der Amerikaner. Oder umgekehrt.

Hitziger als ich es sollte, wende ich ein, dass ich schon einen großen Unterschied zwischen einer Befreiungsbewegung und Terroristen sehe. Widerstand gegen die Amerikaner zu leisten sei eine Sache, mit einer Bombe in ein Cafe in Tel Aviv zu marschieren oder das World Trade Center in die Luft zu jagen eine andere.

Weil ich mich schon mal in Rage geredet habe und weil Mustafa wenig verbalen Widerstand leistet, füg ich auch gleich noch hinzu, dass mir die Kritik an den USA und Israel wesentlich glaubwürdiger erscheinen würde, wenn gelegentlich auch mal die Verhältnisse im Iran kritisiert würden, die sicher alles andere als rosig seien.

Auch dazu besitzt Mustafa eine Meinung. Er geißelt Schlendrian, Korruption, Inkompetenz, zeigt sich angewidert von den „Mullahs“, die sich in großen Limousinen zum Freitagsgebet chauffieren lassen, und es stellt sich heraus, dass er die Absetzung des Filmes „Mamurak“, der milde Kritik an der verknöcherten Klerikerkaste übt, „absolut bescheuert“ findet.

Bevor sich aber allzu große Einmütigkeit einzustellen droht, spricht Mustafa einen Gedanken laut aus, dem er gerade nachzujagen versucht: „Sunniten sind alle Feiglinge!“ Er schaut in mein erstauntes Gesicht und schiebt mir den Aschenbecher herüber. „Sie lassen sich von jedermann herumkommandieren. Erst von Saddam, jetzt von den Amerikanern.“

Und die Schiiten sind anders?

„Schiiten sind Kämpfer. Jeder richtige Schiit kämpft für die Unterdrückten, die Schwachen. Das ist das, was uns von den Sunniten unterscheidet. Ayatollah Khomeini hat für die Befreiung von den Kolonialherren gekämpft. Er war ein wahrer Schiit. Scheich Hassan Nasrallah (der Führer der libanesischen Hizbollah) ist ein Schiit.“

Und dann ist da noch etwas.

„Ich würde auch mit einem Gewehr in der Hand gegen einen amerikanischen Panzer kämpfen. Auf offener Strasse. Es ist nicht so wichtig, ob ich dabei ums Leben komme. Es kommt darauf an, den Amerikanern zu zeigen, dass wir keine Angst vor ihnen haben.

Alle kriechen vor ihnen. Die Supermacht! Sogar Europa kneift vor ihnen den Schwanz ein. Ich habe keine Angst.“

Ich kann mir nicht helfen, aber Mustafa ist mir trotz seiner Posen, seines Maulheldentums, seiner Gewaltbereitschaft und seines Antisemitismus sympathisch. Es springt einem ins Gesicht, wie sehr er darum bemüht ist zu gefallen und anerkannt zu werden.

Natürlich hat er mein Eis trotz all meiner Proteste mitbezahlt („Das ist iranische Gastfreundlichkeit!“) und als ich nur vor dem Schaufenster eines Computer-Software-Geschäftes stehen blieb, beeilte er sich, für mich in dem Laden das zu finden, wonach ich suchte. Ich hatte zuvor erwähnt, dass ich ein bestimmtes Buch in einer Buchhandlung in der Nähe kaufen wollte, aber nicht weiß, wo die Buchhandlung genau ist. Mustafa begann aus eigener Initiative, sich bei Passanten zu erkundigen, und war sichtlich betrübt, als wir den Laden nicht finden konnten.

„Ich möchte dir zeigen, was ein wirklicher Schiit ist“, verteidigte er seinen Eifer, wenn ich ihn von so viel ungebetener Hilfe abhalten wollte. In Wirklichkeit wollte er natürlich zeigen, was für ein freundlicher Mensch er ist.

Aber seine hilfloses Bemühen um Anerkennung ist es nicht allein, was mich für ihn einnimmt. Hinzu kommen sein romantischer Glauben an eine bessere Welt, die sich für ihn in ein einfaches Schwarz und Weiß einteilt, sein festes Vertrauen darin, mit dem guten Willen Berge versetzen zu können und seine völlige Ignoranz gegenüber der Realität.

Als ich 14 Jahre alt war, teilte sich auch meine Welt in das „Establishment“ (sprich: die Bösen) und die Guten, eine irgendwie diffuse Gruppe, die in der Regel an der Länge der Haare, der Art der Kleidung und am Musikgeschmack zu erkennen waren. An der Wand meines Zimmers hing neben Che Guevara ein Poster mit der Parole „Macht kaputt was euch kaputt macht!“. Ich hatte Freunde, die das Emblem der Baader-Meinhof-Gruppe auf dem Parka aufgenäht hatten, und gemeinsam schwärmten wir zur Musik von Hendrix vom „bewaffneten Kampf“. Gleichzeit war ich damals schon fest entschlossen, den Kriegsdienst zu verweigern, weil ich Gewalt eigentlich grundsätzlich ablehnte. Natürlich war ich gegen den Vietnam Krieg, empörte mich darüber, wenn Demonstranten verprügelt wurden und bewunderte im Stillen die vermummten Gestalten, die Steine gegen Polizisten warfen.

Anders als Mustafa, der die Idole seiner Gesellschaft an Radikalität noch zu übertreffen versucht, rebellierte ich freilich gegen alles, was irgendwie als Autorität galt, und spätestens mit dem Mord an Schleyer hatte die Schwärmerei für Gewalt für mich ein Ende. Und ich war damals 14. Er ist heute 24.

Zum Abschied schenkte mir Mustafa ein Plakat, das er wiederum geschenkt bekommen hatte. Es zeigt einen jungen Mann mit muskulösem nacktem Oberkörper. Auf dem Kopf eine Militärkappe, auf der Schulter eine Panzerabwehrrakete. Daneben steht in Englisch, Arabisch und Farsi: „Wir leisten Widerstand.“

Als er mich danach fragt, wohin mich das Taxi bringen soll, nenne ich eine Adresse, die ein Stück weit von meiner Wohnung entfernt liegt. Es wäre mir nicht so recht, wenn Mustafa unerwartet vor meiner Tür stehen würde.

Satrapi

21. May 2007 - 19:42

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Die iranische Regierung hat offensichtlich ein Problem mit einem ausländischen Film. Das kommt nicht selten vor.

Diesmal geht es um Persepolis, die Verfilmung des gleichnamigen Serie von Comic-Büchern von Marjane Satrapi.

Der Film soll seine Premiere am Mittwoch in zwei Tagen bei dem Filmfestspielen in Cannes haben, aber obwohl ihn iranische Offizielle damit eigentlich noch gar nicht gesehen haben können, protestierten sie bereits.

Die iranische Botschaft in Paris schrieb einen Brief an die Festivalleitung, in dem sie sich beschwerte, „in diesem Jahr hat sich das Cannes Filmfestival in einem ungewöhnlichen und angemessenen Schritt dazu entschlossen, einen Film auszuwählen, der in Teilen ein unrealistisches Bild der Errungenschaften und Ergebnisse der ruhmreichen islamischen Revolution zeichnet.“ (AP)

Welche Teile gemeint sind, lässt der Brief offen.

Ich habe den Film auch noch nicht gesehen und kann deshalb nur vermuten, was gemeint sein kann.

Nicht gefallen dürfte dem iranischen Regime mit großer Sicherheit die Darstellung der Periode unmittelbar nach der Revolution, während der die religiösen Gruppen die mehr liberal oder marxistisch orientierten Rivalen ausschalteten. Es gab Massenverhaftungen, Folterungen, Misshandlungen und Massenexekutionen.

Bis heute ist dies im Iran ein Tabu. Weder wird eingestanden, dass es diese blutige Periode gab, noch kommen die Hinterbliebenen der Opfer zu Wort.

Revolutionen gefallen sich in dem Selbstbild, die Gerechtigkeit, das „Gute“ habe einen hehren Triumph erzielt. Die Erinnerung an die Opfer dieses Triumphs wird ausgeblendet.

Ich bin weiterhin immer wieder darüber verblüfft, wie die Propagandisten der Revolution glauben können, sie könnten mit diesem Diskussions- und Denkverbot davon kommen. Die Zeugen dieser zeit leben noch. Sie erzählen ihre Geschichten nicht öffentlich, aber dennoch werden sie an die Kinder, Freunde und Vertraute weitergegeben. Jeder, der es wissen will, kann erfahren, wie es wirklich war.

Die Revolution, die für Gerechtigkeit und Freiheit angetreten ist, transformiert sich kurze Zeit nach ihrem Erfolg selbst in eine Lüge.

Die Schwarzmarkthändler im Iran werden sich über den Protest freuen. Meine Wette: in spätestens vier Wochen werden Raubkopien des Films überall im Lande zu haben sein und ein Bombengeschäft werden.

Irak 2.0

18. May 2007 - 17:20

Man kann im Zeitalter von web 2.0 mit seiner Videokamera mehr anstellen, als nur seinen letzten Rekord im Bockwurstverschlingen zu dokumentieren oder sich als Paparazzo betätigen.

Seit März betreibt Chat the Planet in New York ein Projekt, bei dem mit Videoclips der Alltag von jungen Erwachsenen in Bagdad dargestellt wird. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Reality Show und Soap Opera.

Eine kleine Gruppe von Akteuren wurde ausgewählt, die ihre Beobachtungen und Bekenntnisse präsentieren. Saif möchte Zahnarzt werden und das Land verlassen. Ausama sucht im Chaos der Stadt einen zukünftigen Ehemann.

Natürlich ist dies nicht der Alltag der Stadt. Weder der Händler auf dem Bazar kommt zu Wort, noch der politische Aktivist aus Sadr City oder ein junger Polizeirekrut. Es sind die Geschichten von Vertretern des gebildeten Mittelstandes, aber bei all der Gewalt und der Zerstörung ist es erstaunlich, dass Bagdad nicht nur der Ort von Bombenexplosionen und Schiessereien sondern die Heimat von ganz normalen Menschen ist.

Alan Johnston

17. May 2007 - 15:55

Die BBC hatte zu einer Geburtstagsfeier eingeladen.

Alan Johnston, BBC Korrespondent in Gaza, hat heute seinen 45 Geburtstag, aber es gab wenig Grund zu feiern.

Johnston ist seit nun 66 Tage verschwunden. Er wurde auf dem Weg nach Hause von Unbekannten gekidnapped. Seither fehlt jede Spur. Nach fünf Wochen meldete sich eine bislang unbekannte Gruppe namens Tawhid und Jahid Brigaden mit der Behauptung, Johnston sei tot. Vertreter der palästinensischen Regierung dagegen versichern, er sei am Leben.

Es gab zahlreiche Appelle und Aufrufe an die Entführer, den Kollegen wieder freizulassen – von UN Generalsekretär Ban Ki-moon bis Tony Blair. Demonstrationen und Kundgebungen fanden statt – von London bis Peking.

Johnston wird immer noch gefangen gehalten.

Die Korrespondenten der ausländischen Medien waren heute gekommen, um durch Präsenz Solidarität zu zeigen. Die iranischen Kollegen waren auch eingeladen worden, aber niemand von den offiziellen und konservativen iranischen Medien war gekommen.

Es gab Kaffee und einen Kuchen mit einem großen Foto von Alan, aber die Stimmung war nicht unbedingt fröhlich. Frances, die BBC Kollegin hier in Teheran, schnitt den Kuchen an: „Bei uns ist es üblich, dass man sich etwas wünscht, wenn man einen Geburtstagskuchen anschneidet. Sie alle werden wissen, was ich mir wünsche.“

Gestern hatte ich eine längere Diskussion mit B darüber, ob Journalisten Waffen tragen sollen. B hat in der Vergangenheit öfter im Irak gearbeitet. Seiner Meinung ist es leichtsinnig, ohne eine eigene Waffe herumzulaufen. Niemand nimmt mehr darauf Rücksicht, dass Pressevertreter keine Partei in einem Konflikt sind und als neutral gelten sollten. Im Gegenteil. Journalisten sind begehrte Objekte für Kidnapper geworden. Mit einer eigenen Waffe habe man zumindest eine minimale Chance, aus einer brenzligen Situation heraus zu kommen.

Ich halte es für falsch, mit einer Pistole im Hosenbund seinen eigenen Kleinkrieg gegen mögliche Entführer führen zu wollen. Das würde auch noch den letzten Rest unserer Glaubwürdigkeit untergraben. Schließlich bin ich kein Söldner, sondern Journalist.

Aber B hat recht: nicht nur im Irak sondern beispielsweise auch in Afghanistan ist die Jagdsaison auf Journalisten eröffnet worden. Es ist inzwischen nicht nur naiv sondern ausgesprochen töricht zu glauben, der Presseausweis biete irgendeinen Schutz.

Ich merke, dass ich mit meinem Standpunkt ins Schwanken gerate.

Aber, mein Gott, ich glaube kaum, dass ich tatsächlich auch in der Lage wäre, den Abzug zu ziehen.