Sahar Journalists Assistance Fund

15. June 2007 - 17:28

Nach dem Tod der irakischen Kollegin Sahar al-Haideri will das Institute for War and Peace Reporting (IWPR) einen Fond einrichten, mit dem bedrohten Journalisten und ihren Familien im Irak geholfen werden soll.

Susanne Fischer, die das IWPR Journalistentraining im Irak leitet, schrieb mir heute eine Email:

Der Fond funktioniert, man kann über unsere Webseite spenden,

hier ist der Link

http://www.iwpr.net/index.php?p=-&apc_state=henh&s=o&o=top_donate.html

Der Fond heißt nun “Sahar Journalists Assistance Fund”. Bei dem Pull-Down Menu kann man wählen, ob man gezielt für den Fond oder für IWPR allgemein spenden will.

IWPR arbeitet aber noch daran, das Spenden ein wenig einfacher zu gestalten.

Susanne wiess noch auf eine andere Organisation hin, die sich um Journalisten im Irak, die bedroht werden, sowie um die Einschränkung der Pressefreiheit kümmert. Sie nennt sich Journalistic Freedoms Observatory (JFO), existiert seit 2004, ist von allen staatlichen, religiösen, etc. Einrichtungen unabhängig und finanziert sich selbst.

JFO über sich selbst:

The organization deals with revealing the violations practiced against the journalists and media men. It takes legal measures to defend the arrested journalists and those journalists who receive threats. It always issues statements of denouncement against targeting the media men declaring the true danger the journalists encounter in Iraq.

JFO hat auch eine Webseite (leider überwiegend Arabisch) und hat sicher ebenfalls Unterstützung verdient.

Nachtrag: IWPR hat  das Spenden inzwischen ein wenig einfacher gemacht. Mehr Informationen gibt es hier.

Darabi bedauert

- 16:26

Die Nachricht, dass der Drahtzieher der Ermordung von vier iranischen Exilpolitikern im September 1992 im Berliner Restaurant Mykonos, Kazem Darabi, Anfang nächsten Jahres auf freigelassen und abgeschoben werden soll, hat den grünen Abgeordneten Wolfgang Wieland veranlasst in einer kleinen Anfrage die Bundesregierung denn von dieser Entscheidung der Bundesanwaltschaft halte.

Wie beurteilt die Bundesregierung die Absicht der Generalbundesanwältin, Monika Harms, den wegen vierfachen Mordes verurteilten Haupttäter aus dem Berliner Mykonos-Verfahren bereits nach zwei Dritteln der vom Gericht festgesetzten Mindestverbüßungszeit aus der Haft zu entlassen, obwohl nicht bekannt ist, dass er auch nur eines der im Zusammenhang mit Christian Klar erörterten Kriterien erfüllt, zum Beispiel die Tat zu gestehen oder Reue zu zeigen oder die Witwe zu entschädigen oder zu erklären, dass sein Auftraggeber, der iranische Staat, das Morden nunmehr eingestellt hat?

Der Parlamentarische Staatssekretär Alfred Hartenbach antwortete für die Bundesregierung:

Er hat – wie beispielsweise bei der Anhörung zur gerichtlichen Festsetzung der Mindestverübungsdauer seiner lebenslangen Freiheitsstrafe deutlich wurde – sich mit der Tat und ihren Folgen eingehend auseinandergesetzt und bedauert sie aufrichtig.

Na, da bin ich ja gespannt, wie Darabi bei seiner Ankunft in Teheran empfangen werden wird.

Paparazzi

- 08:17

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Geburtstag der Queen und natürlich muss das gefeiert werden.

Überall auf der Welt und deshalb auch in Teheran gaben gestern die britischen Botschaften Empfänge, um Gäste mit Cracker und Tee an dem fröhlichen Ereignis teilzunehmen zu lassen.

Leider sind die Briten derzeit im Iran nicht so populär. Ich muss mich korrigieren: Briten sind im Iran eigentlich nie besonders populär gewesen und derzeit bei bestimmten Gruppen ganz besonders unpopulär.

Das hängt zum einen mit der Kolonialgeschichte zusammen. Die Briten haben sich nicht sonderlich gut aufgeführt, sondern sich im wesentlichen darauf konzentriert, sich das iranische Öl unter den Nagel zu reißen. Zum zweiten sind nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit den USA die Briten der greifbare Feind Nummer 1 geworden. Wann immer man gegen die Politik der „arroganten Mächte“ protestieren will, zieht man vor die britische Botschaft und benutzt sie gelegentlich auch als Zielscheibe.

Schließlich existieren derzeit eine besondere Animositäten gegen die Briten, ohne dass sich mir ganz erschließen würde, was für einen aktuellen Anlass es dafür geben würde. Revanche für irgendein „Fehlverhalten“, von dem ich nichts weiß? Viel Feind viel Ehr? Ablenkung von innenpolitischen Problemen auf einen äußeren Feind?

Gestern fand erneut eine Demonstration vor der britischen Botschaft statt. Anlass war der Anschlag auf den Schrein im irakischen Samarra, für den nach Ansicht der iranischen Hardliner weniger die Attentäter sondern vor allem die Besatzungsmächte im Irak verantwortlich sind. Aber eigentlich ging es um etwas anderes.

Die Demonstration war – anders als sonst üblich – schon vorab im TV angekündigt worden. Die eingeladenen Gäste waren also vorgewarnt, dass sie mit fliegenden Steinen rechnen mussten. Von den mehr als 1.200 Eingeladenen sind dann auch nicht mehr als 200 bis 300 gekommen.

Am Eingang wurden sie von einer Gruppe von weniger als 100 Demonstranten mit Sprechchören „Verräter!“ in Empfang genommen. Auf dem Foto oben sind ein paar dieser Basiji zu sehen. Die Aufschrift auf dem Plakat, das die Frau rechts trägt, ist zu lesen: „Gast der Briten: schäm Dich! schäm Dich!

Als die Gäste am Abend die Party wieder verlassen wollten, erwartete sie eine Überraschung. Vor dem Eingang lauerte ein Fotograph, der jedermann, der durch den Ausgang kam, fotografierte.

Nun gibt es im Iran keine Klatschpresse, die über die gesellschaftlichen Ereignisse berichtet. Dafür gibt es aber eine in den letzten Wochen stark gestiegene Angst, in Schwierigkeiten zu geraten, wenn man mit Ausländern (und dann auch noch die Briten!!) zu tun hat. Ausländer und vor allem die westlichen Botschaften gelten als Agenten des Umsturzes. Fünf Iraner, die zugleich die amerikanische Staatsangehörigkeit besitzen und ihren Wohnsitz in den USA haben, sitzen derzeit im Gefängnis. Ihnen wird vorgeworfen, an der Vorbereitung einer „samtenen Revolution“ mitgearbeitet zu haben. NGOs, die Geld aus dem Ausland erhalten, werden geschlossen. In Verhören wird von den Sicherheitskräften immer wieder nach Kontakten zu Ausländern und vor allem zu Botschaften gefragt.

Der Fotograph, so stellte sich erst später heraus, arbeitet für die konservative Nachrichtenagentur Fras News, die den Sicherheitskräften nahe steht.

Einige der Fotos sind auf der Webseite von Fars News zu sehen. Für mich haben sie keinen erkennbaren Nachrichtenwert.

Interessierte Betrachter werden sie sicher dennoch finden.

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Sahar al-Haideri

14. June 2007 - 22:17

070614_sahar.jpgDie Tage werden immer zahlreicher, an denen ich meine anschwellende Schwermut nur dadurch im Griff behalten kann, indem ich grässlich wütend werde.

Wir fangen an, tote Kollegen und vor allem tote Kolleginnen zu zählen wie tote Fliegen. Nach den beiden afghanischen Journalistinnen Shakiba Saanga Amaj und Zakia Zaki wurde vor einer Woche die irakische Journalistin Sahar Hussein al-Haideri vor ihrer Haustür erschossen.

Sahar arbeitete für eine Zeitung in Mosul, für die Voices of Iraq Nachrichtenagentur sowie für das Institute for War and Peace Reporting (IWPR), wo sie auch ihre journalistische Ausbildung erhalten hat.

Aus Sicherheitsgründen hatte sie angefangen, unter einem Pseudonym zu schreiben. Ihre Familie, darunter ihre vier Kinder, war bereits vor sechs Monaten nach Damaskus geflohen. Als sie jetzt allein zurück kam, wurde ihr vor ihrem Haus aufgelauert und sie wurde erschossen.

Zur Tat bekannt hat sich Ansar al-Sunna, eine sunnitische Terrorgruppe, in einem Schreiben an eine kurdische Zeitung.

Nach subtiler Beobachtung sind wir zu dem Schluß gekommen, dass durch Zusammenarbeit mit der irakischen Polizei, die von den Beatzungsmächten unterstützt wird, Sahar falsche, die Wahrheit verzerrende Berichte über die Mudschaheddin schrieb. Am 7. Juni lauerte ihr eine Gruppe von Ansar-Kämpfern auf und durchlöcherte ihren Körper mit Kugeln.

Sahar hatte wie jede anständige Journalistin natürlich auch bei der Polizei recherchiert und von dort Informationen erfragt. Sie war in ihrer Berichterstattung aber alles andere als „polizeifreundlich“.

Susanne Fischer, die die Journalistenausbildung von IWPR in Suleimani im Irak leitet, hat in ihrem Weblog bei stern.de einen sehr persönlichen Nachruf auf Sahar geschrieben.

Du warst zerrissen - zwischen der Sorge um Deine Sicherheit und dem Wunsch, nicht zu kapitulieren vor denen, die Dich zum Schweigen bringen wollten. Dem Wunsch, öffentlich zu machen, wie Extremisten Schritt für Schritt dabei sind, Deine Heimatstadt Mosul unter ein archaisch-absurdes islamistisches Schreckensregime zu bringen.

Ich wünschte, die Sorge hätte obsiegt. Und Du wärst ein weiterer der 1.4 Millionen irakischen Flüchtlinge in Syrien geworden. Aber Du wolltest kein Flüchtling sein. Du wolltest Reporterin bleiben. Und die Frage stellt sich auch: Was wird aus einem Land, wenn alle Sahars gehen?

In einem zweiten Nachruf für die Webseite von IWPR schreibt Susanne

Iraqi journalists need more support of a worldly nature, too.

IWPR richtet deshalb einen „Journalist Assistant Fund“ ein, der Journalisten helfen soll, bei allzu großer Bedrohung unterzutauchen, die Stadt zu wechseln oder auch ins Ausland zu gehen. Mit diesem Geld sollen ebenfalls die Familien unterstützt werden.

Wenn der Fund, der nach Sahar benannt werden soll, eingerichtet ist, mehr.

Rorty

13. June 2007 - 12:46

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Die WELT druckt heute aus Anlass des Todes von Richard Rorty am letzten Freitag ein Interview nach, das Danny Postel (Original hier) mit dem amerikanischen Philosophen führte.

Es geht darin u.a. auch um Rortys Besuch in Teheran vor zwei Jahren, wo es mit großem Interesse aufgenommen wurde. Überrascht stellte er fest, dass einige seiner Bücher auch im Iran bekannt waren und dort diskutiert wurden.

Ein Auszug aus dem Interview:

Als man mir dann erzählte, dass man in Teheran auch viel über Habermas diskutiere, schloss ich, dass die beste Erklärung für das Interesse an meinem Werk die Vision eines sozialdemokratischen Utopias sei, die ich mit Habermas teile. In diesem Utopia würden viele der Aufgaben, die derzeit die Mitgliedschaft in einer religiösen Gemeinschaft erfüllt, durch etwas ersetzt, das Habermas “Verfassungspatriotismus” nennt.

Eine gewisse Form von Patriotismus - ein solidarisches Verhältnis zu den Mitbürgern, gemeinsame Hoffnungen für die Zukunft des Landes - ist nötig, soll man die Politik ernst nehmen. In einem theokratischen Land muss eine linksgerichtete politische Opposition darauf vorbereitet sein, die Behauptung des Klerus’ zu kontern, die nationale Identität sei über die religiöse Tradition definiert. Also braucht die Linke eine spezifisch säkulare Form moralischer Leidenschaft, die sich auf den gegenseitigen Respekt der Bürger untereinander ausrichtet statt auf das Verhältnis der Nation zu Gott. …

Der Westen hat sich im Laufe der letzten zweihundert Jahre eine spezifisch säkularistische Moraltradition zusammengeschustert - eine, die statt des Willen Gottes den freien Konsens der Bürger einer demokratischen Gesellschaft für die Quelle moralischer Imperative hält. Diese veränderte Anschauung ist, so meine ich, der wichtigste Fortschritt, den der Westen bislang gemacht hat.

Ich möchte gerne glauben, dass die Studenten, mit denen ich in Teheran sprach, von Habermas’ Schriften geprägt und von mutigen Denkern wie Ganji und Ramin Jahanbegloo inspiriert, eines Tages der Nukleus einer islamischen Aufklärung sein werden.

Der Besuch von Rorty in Teheran war damals von Ramin Jahanbegloo organisiert worden. Jahanbegloo, der im letzten Jahr mehrere Monate im Evin Gefängnis festgehalten wurde, hat inzwischen den Iran verlassen.