Asia Cup

30. July 2007 - 10:55

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Jetzt kann ich es ja ruhig sagen: all der Jubel und der Freudentaumel während der Fußballweltmeisterschaften im letzten Sommer in Deutschland hat mich recht kalt gelassen. Ich habe ein Problem mit Massen die Nationalfähnchen schwenken – egal welcher Couleur, und wenn ich eine Alternative wüsste, könnte die Weltmeisterschaft auch gut ohne Nationalmannschaften auskommen.

Ich bin halt geistig ein wenig in der Zeit stecken geblieben, als Nationalismus noch als die Ursache vieler keimender Übel galt.

In der vergangenen Nacht hat in der 71. Minute des Finale des Asia Cups Younes Mahmoud einen Fehler des saudischen Torwarts bei einer Ecke genutzt und den Ball zum einzigen Treffer der Begegnung eingeköpft. Irak wurde erstmals in seiner Geschichte Asienmeister!

Ich habe es der Mannschaft von Herzen gegönnt. Sie spielt mit ihrer defensiv ausgerichteten Taktik nicht gerade einen beigeisternden Fußball, aber unter den gegeben Umständen war das, was sie abgeliefert haben, schon ganz beachtlich. Sie können im eigenen Land weder trainieren noch Spielpraxis in der Liga sammeln. Wenn sich einer der bekannteren Spieler nur auf die Strasse traut, muss er fürchten, gekidnappt zu werden. Der Gewinn des Asien Cups ist deshalb weit mehr, als man von der Elf erwarten durfte.

Vor allem habe ich den Sieg aber den Irakern gegönnt. Die Mannschaft ist ein Gemisch aus Kurden, Turkmenen und Arabern, Sunniten wie Schiiten – ein bunte Truppe, wie sich viele Iraker ihr Land gewünscht hätten, bevor der Einmarsch der Amerikaner eine Spirale der Gewalt in Bewegung gesetzt hatte.

Von diesem Ideal ist nicht mehr viel übrig geblieben. Die Nationalmannschaft erinnert daran, was einmal hätte sein sollen. Es ist ein Traum, der in immer größere Ferne rückt.

PS: Von Al Jazeera nach dem Spiel gefragt, was er sich für den Irak wünschen würde, antwortete Younes: „Den Abzug der Amerikaner.“

Diebe

25. July 2007 - 18:58

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Ein Blick der englischsprachigen Zeitung Iran Daily darauf, wie sich seit der Einführung der Benzinrationierung das Leben im Iran geändert hat.

Wenn Sie zufällig ein wenig Zeit haben … IV

19. July 2007 - 12:24

Eine Update zu Sina in der Berliner Zeitung.

Wohnung

18. July 2007 - 15:51

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So ganz unvorbereitet kam der Anruf nicht. Ich wusste, dass der Mietvertrag für meine Wohnung in Teheran „demnächst“ auslaufen würde. Wohnungen werden im Iran in der Regel über ein oder anderthalb Jahre vermietet. Danach kann dann – nach einer kleinen Anhebung der Miete – verlängert werden.

„Demnächst“ war exakt Freitag letzter Woche, der „Sonntag“ im Iran und der Tag, an dem mich der unbekannte Mann anrief. Ob ich bleiben oder ausziehen möchte? Eine gewisse Resolutheit war in seiner Stimme nicht zu überhören. Um mir die Entscheidung ein wenig zu vereinfachen, fügte er noch hinzu: „Ich bin der Immobilienmakler. Ich habe die Wohnung gestern schon einmal für 15 Millionen und 800 in die Zeitung gesetzt.“

Hoppla! 15 Millionen und 800?

Gemeint sind 15 Millionen Toman (rund 11.800 Euro) Deponat und 800.000 Toman (630 Euro) Miete.

Damit Sie das richtige Bild bekommen: Z und ich wohnen seit zweieinhalb Jahren in dieser Wohnung. Sie befindet sich im Norden der Stadt, wo alle Teheraner mit höherem Einkommen wohnen. Nicht ganz oben im Norden bei den Reichen, sondern eher in einer Gegend für den gehobenen Mittelstand. Als Ausländer kann man sich das sogar leisten, wenn man nur über das Einkommen eines Journalisten verfügt. Ruhige Seitenstrasse, drei Zimmer plus ineinander übergehender Wohn-Ess-Raum, Küche und Bad, 130 Quadratmeter, 5. Stock mit einem wunderbaren Blick auf die Berge und den Osten der Stadt auf der einen, auf den Westen auf der anderen Seite.

Als wir einzogen betrug die Miete 500.000 Toman (damals 450 Euro). Der Besitzer verlangte zusätzlich ein Deponat von einer Millionen Toman, das nach Ende der Mietzeit unverzinst zurück gezahlt wird. Deponate sind im Iran allerdings nicht die Rückversicherung für möglichen Mietausfall oder Schäden an der Wohnung, sondern eher ein zinsfreier Kredit, dem man dem Eigentümer gewährt. Er nutzt das Geld für anderweitige Geschäfte – den Bau oder Kauf einer weiteren Wohnung, Kreditgeschäfte oder Währungsspekulationen. Für ihn ist dies der einfachste Weg, an eine größere Summe Geld zu gelangen, denn Bankkredite sind wegen der vielen bürokratischen Hürden so gut wie nicht zu bekommen. Kaum jemand qualifiziert dafür, mit Hilfe der Bank eine Wohnung, ein Auto oder sonst eine Anschaffung finanzieren zu können. Wie die Banken dann Gewinne machen können? Fragen Sie mich nicht!

Es gibt eine einfache Formel, nach der das Verhältnis zwischen Deponat und monatlicher Miete bestimmt wird. Eine Millionen hinterlegte Toman entsprechen 30.000 Monatsmiete. Hätte ich beim Einzug 16 Millionen Toman gezahlt, dann hätte ich für die Vertragsdauer von anderthalb Jahren mietfrei wohnen können und hätte das Geld am Ende zurück bekommen. Wie das geregelt wird, ist Verhandlungssache zwischen beiden Parteien. Weiterlesen →

Gesteinigt III

11. July 2007 - 17:28

Die Steinigung von Jafar Kiani am Donnerstag letzter Woche in einem kleinen Ort in der Nähe der Stadt Takistan hat offensichtlich doch noch ein Nachspiel.

Die Nachrichtenagentur ISNA meldete heute, dass das Disziplinargericht für Richter eine Untersuchung eingeleitet hätte, weil die Hinrichtung entgegen einer ausdrücklichen Anordnung des Chefs des iranischen Justizapparates, Ayatollah Mahmud Shahroudi, stattgefunden habe.

Gestern hatte der Sprecher der iranischen Justiz, Alireza Jamshidi, noch erklärt, der Richter Eshabi, der sowohl das Urteil vor 11 Jahren gefällt wie auch die Steinigung durchgeführt hatte, sei „unabhängig“. Das Urteil sei zudem „endgültig“ gewesen. Sprich: alles ging mit rechten Dingen zu.

Aber das ist wohl das, was ein Justizsprecher so sagt, wenn er im Mittelpunkt der Kritik steht.

Die UN Menschenrechtsbeauftragte Louise Arbor hatte die Steinigung verurteilt, die norwegische Regierung bestellte den iranischen Botschafter ein, um gegen die „Barbarische“ Strafe zu protestieren. Die EU Staaten freilich beließen bei der üblichen routinemäßigen diplomatischen Note.

Kritik an der Steinigung wie an der vorbehaltlosen Rechtfertigung durch Jamshidi gab und gibt es aber auch in den eigenen Reihen der iranischen Justiz. „Wir machen einen Schritt vor und zwei Schritte zurück“, beklagte sich heute Morgen M, ein Strafrichter, den ich mal während einer Geschichte über die Reform des iranischen Justizsystems kennen gelernt hatte. „Natürlich war die Steinigung unrechtmäßig. Shahroudi [der Chef des Justizapparates; ME] hat eindeutige Anweisungen gegeben, dass diese Strafe nicht vollstreckt werden kann. Aber dann kommt so ein Provinzrichter daher und tut was er will und Jamshidi entschuldigt das auch noch.“

M hat an verschiedenen Seminaren und Tagungen zur Modernisierung des iranischen Justizsystems teilgenommen. „Es hapert an allen Ecken. Wir haben keine vernünftige Beweisaufnahme, keine geordnete Zeugenvernehmung, keine funktionierende Strafprozessordnung. Das schlimmste aber ist, dass absolute Willkür herrscht. Willkür ist das Gegenteil von Gerechtigkeit.“

Die Tagungen und Seminare seien seid dem Amtsantritt von Ahmadinejad seltener geworden. Justizreform stehe nicht mehr auf der Tagesordnung, sondern geredet werde auf den Gängen der Gerichte über „islamische Werte“ und die „Zurückdrängung westlicher Einflüsse“.

Wie es ihm denn in einem solchen Klima ergehe, frage ich. „Ich? Ich habe angefangen, die Monate bis zu meiner Pensionierung zu zählen.“