Ende mit dem Tod

20. August 2007 - 13:51

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Ayatollah Ruhollah Khomeini, der Führer der islamischen Revolution im Iran und Gründungsvater der islamischen Republik, war gar nicht so. Jedenfalls nicht, wenn es um die USA ging.

In seiner Band um Band derzeit erscheinenden Tagebuch enthüllt Ex-Parlamentssprecher, Ex-Präsident, Nicht-Ex-Vorsitzenden des nicht ganz einflusslosen Vermittlungsrates und Khomeini-Weggefährte Akbar Hashemi Rafsanjani unter dem Datum 5. Juli 1984, dass der Ayatollah den Slogan Makbar Amrika! abschaffen wollte.

Makbar wird zum einen mit „Tod“ aber auch mit „Nieder“ übersetzt. Die Parole ist bis heute ständiger akustischer Begleiter offizieller Veranstaltungen und Demonstrationen im Iran. In der Regel wird allerdings Amerika dabei mit der selben Inbrunst der Tod (oder der Niedergang) gewünscht wie beim bayrischen „Grüß Gott!“ tatsächlich erwartet wird, der Angesprochene werde Gott einen Gruß ausrichten.

Herr Imam Moussavi, ein Parlamentsabgeordneter aus Shoushtar, besuchte mich und schlug vor, die Parolen „Tod Amerika!“ und „Tod der Sowjetunion!“ zu verbieten. Ich sagte ihm, im Grundsatz sei eine Entscheidung schon getroffen worden und der Imam (Khomeini) unterstütze sie. Wir müssten nur den richtigen Zeitpunkt abwarten.

Dieser Zeitpunkt ist offenbar nie gekommen und bis heute bis mit dem Zorn der Hüter der Revolution rechnen, wer im Iran auch nur in Frage zu stellen wagt, der verstorbene Revolutionsführer habe selbst Zweifel daran gehegt, ob es wirklich Sinn macht, dem „Großen Satan“ bis auf ewig den Tod zu wünschen.

Hossein Shariatmadari, Chefredakteur von Kayhan,  veröffentlichte vorgestern einen Kommentar in seiner Zeitung mit der Überschrift „Entschuldigen Sie, Herr Rafsanjani“, in dem er Rafsanjani aufforderte, diese falschen Aussagen zu korrigieren.

Ohne Feindbilder kann eine Revolution, auch wenn sie schon reichlich in die Jahre gekommen ist, halt nicht leben.

Paradepolizist

15. August 2007 - 12:49

(c) Zohreh Soleimani

Neues Schild

10. August 2007 - 19:56

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Ein neues Schild, das in diesen Tagen ganz bei mir um die Ecke Schariati Ave aufgestellt wurde.

Ganz so schlimm kann es um die Sanktionen noch nicht bestellt sein.

Öffentliche Hinrichtung in Teheran

2. August 2007 - 15:14

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Um kurz nach Acht heute morgen versammelten sich die erste Schaulustigen, um dem grausamen Spektakel zuzuschauen. Die Nachricht hatte die Runde gemacht, dass erstmals nach fünf Jahren wieder eine öffentliche Hinrichtung in Teheran stattfinden sollte.

Gehängt werden sollten zwei Männer, ein Onkel und sein Neffe, denen neben einer Reihe weiterer Straftaten die Erschießung eines Richters vorgeworfen wurde. Genau zwei Jahre nach der Tat sollten am Schauplatz des Geschehens die Todesurteile verstreckt werden.

Der Verkehr auf der vielbefahrenen Strasse im Zentrum der Stadt war abgesperrt worden. Die Büros und Geschäfte in der Nachbarschaft sowie die Anwohner waren schon am Vortag gewarnt worden, dass sie sich auf eine „vorübergehende Störung ihres Alltags“ einzustellen hätten. Gerechtigkeit müsse geübt werden und Gerechtigkeit geht vor.

Zwei Kleinlastwagen mit aufmontierten hydraulischen Kränen parkten direkt vor Ershad, dem Ort, an dem Richter Hassan Moghaddas vor zwei Jahren erschossen wurde. Das Gerichtsgebäude ist in der gesamten Stadt berüchtigt. Hier landen diejenigen, die bei einer Razzia von der Polizei wegen illegalen Alkoholkonsums oder wegen verbotenen Tanzens mit einem Partner des anderen Geschlechts aufgegriffen wurde. Ein Schnellgericht steht zur Verfügung, um die Unglücklichen abzuurteilen. Oft geht die Sache relativ glimpflich aus. Eltern können ihre Sprösslinge ganz ungesetzlich gegen Zahlung einer frei zu verhandelnden Geldbusse freikaufen. Wer Pech hat, wird aber mit einer Strafe von bis zu 70 Peitschenhieben belegt. Das Urteil wird dann gleich im Keller des Gebäudes vollstreckt.

Gegen 9 Uhr fuhr ein Gefängniswagen mit den beiden Delinquenten vor und parkte in der Einfahrt neben dem Gerichtsgebäude. Polizisten drängten die Menge, die inzwischen auf einige Hundert angewachsen war und einen Blick auf die Männer in dem Wagen werfen wollte, zurück. Zwei Hocker wurden aufgestellt. Ein Polizist einer Spezialeinheit, in schwarzer Uniform gekleidet, mit schwarzen Lederhandschuhen und einer schwarzen Skimaske auf dem Kopf, kletterte auf den ersten Hocker hinauf und befestigte ein blaues Plastikseil an dem Haken des ersten Krans. Am anderen Ende des Seils war schon die Schlinge geknüpft. Während der Polizist den Vorgang an dem zweiten Haken wiederholte, geriet Bewegung in die Menge.

Offizielle tauchten auf, die sich vor dem Gerichtsgebäude aufstellten. Die beiden Verurteilten wurden aus dem Wagen geholt. Mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt wurden sie jeweils zwischen zwei Polizisten gestellt. Die Menge, jetzt vielleicht eintausend Menschen, drängte nach vorne, um einen besseren Blick zu erhaschen. Von vorne war das Wehklagen einer älteren Frau zu hören, das immer schriller und verzweifelter wurde. „Gebt mir meinen Jungen zurück!“ wiederholte sie immer wieder, bis die Stimme in Schluchzen unterging.

Hussein Kavousifar war der jüngere der beiden Verurteilten, allenfalls Anfang 20 Jahre alt. Auf seinem Gesicht wechselten sich Schrecken mit ängstlicher Verwunderung, in das Zentrum eines makabren Spektakels geraten zu sein. Sein Onkel Majid Kavousifar schien dagegen die Aufmerksamkeit zu genießen. Er wirkte wie ein charmanter Draufgänger, ein Frauentyp, der die Aufmerksamkeit genoss, als sei es der große Tag, auf den er schon lange gewartet habe. Er lächelte als man ihn zu dem improvisierten Galgen führte, er lächelte als er auf den Hocker gehoben wurde und er lächelte als man ihm die blaue Schlinge um den Hals legte.

In Presseberichten war zu lesen, dass der Ermordete Richter Moghaddas im Jahr 2000 sieben der Rückkehrer von einer Konferenz der Heinrich Böll Stiftung in Berlin von einer Konferenz zu Reformen im Iran zu Gefängnisstrafen verurteilt hatte. Aber sein Tod hatte offensichtlich keine politischen Motive. Teherans Chefankläger Said Mortazawi trat an ein Rednerpult und lass das Urteil vor.

Mortazawi ist in Teheran ein angsteinflössender Name. Er leitet die Anklagen gegen politische Dissidenten und auf sein Konto geht die Schließung von mehr als Hundert Zeitungen. Grundsätzlich fordert er die härtesten Strafen, die nach dem iranischen Gesetz möglich sind. Er gilt als unnachsichtiger Hardliner, der rastlos jedermann verfolgt, der im Verdacht steht, oppositionelle Gedanken zu hegen. Man sagt ihm nach, dass er den persönlichen Schutz von Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamene-i genieße und deshalb unantastbar sei. Selbst auf den Gängen der Teheraner Gerichtsgebäude erwähnt man seinen Namen nur flüsternd.

Die beiden Verurteilten hätten sich zahlreiche Straftaten zu Schulde kommen lassen, ertönte Mortazawis Stimme über die Menge. Sie hätten zahlreiche Autodiebstähle und Banküberfälle durchgeführt, einen Bankbeamten sowie einen Kunden erschossen und eine Wache vor der Botschaft Kirgistans ausgeraubt. Sie seien Schädlinge der Gesellschaft, „Terroristen“, die den Tod verdienten.

Während Hussein Kavousifar, der jüngere der beiden, auf den Boden schaute, als würde ihm plötzlich bewusst, was er für eine Schuld auf sich geladen hat, lächelte sein Onkel weiter sein Filmstar-Lächeln, suchte Blickkontakt zu Bekannten in der Menge, die gekommen waren, um seinen Tod zu sehen, und winkte ihnen zu mit den gefesselten Händen hinter seinem Rücken zu.

Dann ging alles sehr schnell. Ein junger Mann mit Sonnenbrille und einem Bart, wie ihn die Anhänger des Regimes tragen, trat neben Majid Kavousifar, der immer noch lächelte, und gab ein Zeichen. Ein Fußtritt eines Polizisten ließ den Hocker, auf dem der Verurteilte stand, umkippen. Majid stürzte einen halben Meter in die Tiefe. Das Seil straffte sich und im gleichen Moment zog der Kran den baumelnden Körper nach oben.

Aus der Gruppe, die Chefankläger Mortazawi umringte, war ein mehrstimmiges Allahu Akbar, Gott ist groß, zu hören. Die Frauenstimme vorn ganz nah am Geschehen schwoll zu einem Crescendo an und kippte dann in ein durchdingendes Schluchzen um. Aus der Menge reckten sich Kameras nach oben. Ein paar junge Burschen lachten. Ein Vater passte auf, dass seine kleine Tochter in ihrem leuchtend rosa Trainingsanzug nicht umgestoßen wurde.

Die beiden Kräne zogen die beiden Verurteilten an den blauen Seilen in den wolkenlosen, blass-blauen Himmel. Für einige Minuten hingen die Körper leblos in der Höhe und wurden dann langsam, als hätte ja jetzt jeder genug gesehen, wieder herabgelesen.

Das obszöne Schauspiel war vorbei. Den Leichen wurden die Schlingen abgenommen. Sie wurden in Tücher gehüllt und eilig davon geschafft. Die Menge verlief sich. Einige der Schaulustigen trugen die Fotos des Geschehens in ihrer Tasche, um sie Freunden oder vielleicht auch ihren Frauen zu Hause zu zeigen. In den Büros der Umgebung wurden wieder Telefonanrufe beantwortet, die Geschäfte wurden wieder aufgesperrt und die Straßensperren zur Seite geräumt.

PS: All diese Hängungen, bevorstehende Hinrichtungen und Steinigungen beginnen, mich im Schlaf zu verfolgen. Ich bin gereizt, übellaunig.

Ich mag nicht mehr über Exekutionen, staatlich sanktionierte Quälereien, blutrünstige Richter und Menschen schreiben, die Opfer eines archaischen Rechtssystems geworden sind.

Allerdings befürchte ich, dass es sich auch in Zukunft nicht vermeiden lassen wird.