Selektiv

25. September 2007 - 13:08

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Soll man?

Eigentlich hat Präsident Ahmadinejad gestern bei seinem Auftritt in der Columbia Universität in New York schon reichlich Prügel von Rektor Lee Bollinger einstecken müssen, aber irgendwie ist die Versuchung zu groß.

Zu den Hinrichtungen Schwuler sagte er ohne eine Miene zu verziehen: “In Iran haben wir keine Homosexuellen wie in Ihrem Land.” Hohngelächter und Buhrufe hallten durch die Aula. (SpOn)

Es gibt wenige Politiker, die mit der Lebensrealität des Landes, das sie „in eine bessere Zukunft führen“ wollen, vertraut sind, aber Ahmadinejad ist auch hier wieder eine hervorstechende Ausnahme.

Dass es den Holocaust eventuell nicht gegeben haben soll, war schon eine kecke Behauptung, von der man nicht glauben mochte, dass Ahmadinejad es nicht besser weiß.

Dann wollte er uns erzählen, dass die Lebensmittelpreise gar nicht gestiegen sind, obwohl wir fast von Woche zu Woche mehr für Tomaten, Salat und Gurken ausgeben müssen.

Nun dies.

Wenn er schon nicht vor die Tür kommt, hätte Google ihn vor schallendem Gelächter bewahren können.

Hier beispielsweise oder auch hier mit Video.

Verwunderlich erscheint es, dass es – so der Präsident – keine Homosexuelle im Iran gibt, Schwule gleichwohl vom Militärdienst freigestellt werden. Und der Strafkatalog für homosexuelle Handlungen ist wohl eher eine vorbeugende Maßnahme für das Fall dass …

Ich muss mich mal erkundigen, was „selektive Wahrnehmung“ eigentlich auf Farsi heißt.

Broder schon wieder

16. September 2007 - 10:37

Henryk M. Broder hat eine wenig von Tiefsinn getrübte Polemik zum Gastspiel des Osnabrücker Symphonieorchesters in Teheran vom Stapel gelassen und die Attackierten weigern sich, sich öffentlich zu rechtfertigen.

Na so was! Einen Börne Preisträger ignoriert man nicht einfach! Verständlich, dass Broders Ego verletzt ist.

Nun hat er noch einmal nachgelegt und verlangt Stellungnahmen. Kommt raus, ihr Feiglinge! Ich will mich prügeln!

Einige Zeit ist vergangen, seitdem die Helden von Teheran ins heimische Osnabrück zurückgekehrt sind und es wird Zeit für eine Nachbetrachtung. Man sollte meinen, nachdem die Hektik und Euphorie der Reise abgeklungen sind und die Gemüter sich etwas beruhigt haben, würde sich die Möglichkeit eines selbstkritischen Blickes auf das eigene Tun eröffnen. Dem ist offenbar nicht so.

Und weil ihm kampfeslustig der Kamm schwillt, streut Broder noch ein paar Anekdoten als Köder aus. Die Angegriffenen, vom Bürgermeister über den Intendanten bis zu Michael Dreyer, dem Leiter des Morgenland Festivals in Osnabrück, werden selber wissen, wie sie mit der zweiten Runde von Anwürfen umzugehen gedenken. In ein paar Punkten kann ich mir allerdings einige Anmerkungen nicht verkneifen. Schließlich habe auch ich ein Ego, wenn es auch unvergleichlich kleiner als Broders ist.

Auch um den Schreck aller Mullahs, Michael Dreyer, der die Konzertreise gegen den massiven Widerstand der geistlichen Würdenträger durchgesetzt haben will und der eine Bundestagsdelegation ausgeladen hatte um den unpolitischen Charakter der Reise zu unterstreichen ist es ruhig geworden. Jedenfalls war bis jetzt von ihm noch kein lautstarker Protest gegen die drohende Entlassung des Chefdirigenten des Teheran Symphony Orchestra, Nader Mashayekhi, zu vernehmen, die offensichtlich in direktem Zusammenhang mit der Zensur einer Komposition Mashayekhis für das Konzert des Osnabrücker Orchesters in Teheran, steht. Gegen die Zensur ist ebenfalls nicht protestiert worden, wobei man davon ausgehen darf, dass Herr Bäumer lieber Elgar als Mashayekhi dirigiert. Sehr wohl hatte man sich im Vorfeld der Reise um eine hochrangige Bundestagsdelegation bemüht, die dann aber nicht hochrangig genug ausgefallen ist, um der Wichtigkeit des Geschehens gerecht zu werden, sodaß man doch auf deren Mitreise verzichtet hat.

Schön, dass sich Broder an die Seite von Nader Mashayekhi stellt. Bedauerlich nur, dass der inneriranische Kleinkrieg um Nader seine Anfänge weit vor dem Gastspiel des Osnabrücker Orchester liegen. Deshalb wird auch anders herum ein Schuh daraus: weil einige Funktionäre im Ministerium für Kultur in Teheran (sowie einige Neider) Mashayekhi aus seinem Amt als Leiter des Teheraner Symphonieorchesters verdrängen wollen, haben sie alles daran gesetzt, dass seine Komposition vom Osnabrücker Orchester nicht uraufgeführt werden kann. Dreyer hat bis zuletzt Mashayekhi, mit dem ihn eine längere Freundschaft verbindet und der die Osnabrücker eingeladen hatte, fest gehalten.

Kein Protest??? Ich habe Broder nicht bei den Verhandlungen im 7. Stock von Talar-e Vahdat gesehen, als sehr lautstark darüber gestritten wurde, dass wir selber bestimmen wollen, was das Orchester spielt. Wer es nicht glauben mag: der Kulturbeauftragte der deutschen Botschaft in Teheran war dabei und wird sicher die sehr undiplomatische und sehr lautstarke Art, in der ich unseren Standpunkt vorgetragen habe, noch in Erinnerung haben.

Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob Mashayekhi, dem zu große Verwestlichung vorgehalten wird, mit Protesten aus Osnabrück sehr geholfen wäre. Praktische Zusammenarbeit ist da hilfreicher – aber die ist Broder ja ein Dorn im Auge.

Bundestagsdelegation. Mal abgesehen davon, dass mir nicht ganz klar war, was sechs Bundestagsabgeordnete als touristische Begleiter zu dem Gelingen des Unternehmens hätten beitragen können, ging es nicht um hoch- oder weniger hochrangig, sondern um etwas ganz Schlichtes. Wir wollten jeden Anlass von vorne herein vermeiden, der der iranischen Seite als Handhabe für eine Propagandashow für das Regime hätte dienen können. Bringen wir Bundestagsabgeordnete weiß man nicht, was für eine Parade von Politikern der Iran dann aufgefahren hätte. Lassen wir es lieber.

Man kann den Musikern aus Osnabrück zugute halten, dass sie mit besten Absichten in den Iran geflogen sind, muß aber auch große Naivität bei Planung und Durchführung der Reise feststellen, die nur noch von Herrn Döring von der Neuen Osnabrücker Zeitung übertroffen wird. Er schreibt in einem Artikel vom 3.9.2007, der online leider nicht mehr verfügbar ist: „Wäre Ahmadinedschad zum Konzert in der Vahdat-Hall erschienen, wäre das Orchester nicht aufgetreten.“ Das glauben nicht einmal die Osnabrücker Sinfoniker.

Nun. Dreyer hat es während der Verhandlungen mit der iranischen Seite gesagt. Ich habe es ebenfalls gesagt. Kronzeuge auch hier der Kulturreferent der deutschen Botschaft.

Aber zugegeben: es war ein Bluff. Wir waren uns sicher, dass Ahmadinejad zu keinem der beiden Konzerte kommen würde. Zum einen gilt er nicht unbedingt als Liebhaber westlicher Klassiker. Zum anderen würde er solch einer Veranstaltung durch seine Anwesenheit nicht seinen persönlichen Segen geben. Für ihn sind Beethoven, Elgar und Brahms Vertreter einer dekadenten und subversiven Kultur.

Genau das war ja der Grund, warum wir das Orchester in den Iran gebracht haben.

Die andere Revolution

14. September 2007 - 18:10

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H und ich müssen anderthalb Stunden warten. Wir verbringen die Zeit unter strahlend blauem Himmel in einem Biergarten in Berlin Mitte.

H ist 24 und das erste Mal in Berlin. Sie schaut sich die Stadt an, wobei ihr besonderes Interesse den Diskotheken und Nachtclubs gilt. Den Tag über versucht sie aber sehr diszipliniert, Kontakte zu knüpfen, die ihr vielleicht beruflich weiterhelfen können. Im Hinterkopf trägt sie sich sogar mit dem Gedanken, von Teheran nach Berlin zu ziehen, um hier zu studieren.

Wir bestellen beide ein Bier und ich empfehle H, die gern alles kennen lernen möchte, was „typisch Deutsch“ ist, eine Bulette mit Kartoffelsalat zu essen.

Wir sprechen über gemeinsame Bekannte in Teheran. Als ich A erwähne, fährt sie auf. Er sei, pardon, ein „Arschloch“. Sie sei 19 gewesen als sie ihn kennen gelernt habe, noch unerfahren. A war damals 23 oder 24 und die Beziehung nach kurzer Zeit wieder abgebrochen. Bis heute zeige er aber Fotos von ihr herum, die äußerst privat seien und die man erst recht nicht im Iran herumzeigen würde.

Ich frage nicht, um welche Art von „privaten“ Fotos es sich handelt. Ich verstehe.

Auch A.s Nachfolger sei ein „Arschloch“ gewesen. Überhaupt würden iranische Männer Frauen grundsätzlich nur ausnutzen.

Solche eine Klage höre ich nicht das erste Mal, aber sie kommt doch ein wenig überraschend von einer jungen Frau, die keinen Hehl daraus macht, dass sie ihr blendendes Aussehen und ihr fließendes, charmantes Englisch dazu nutzt, sich Vorteile zu verschaffen.

Es folgen Fallbeispiele weiterer „Arschlöcher“, die irgendwann in H.s Leben aufgetaucht und dann sehr bald wieder verschwunden sind.

„Wir sind die erste Generation im Iran“, zieht H schließlich Bilanz, „die so etwas wie eine sexuelle Revolution erlebt. Wir haben Freiheiten wie niemand zuvor, aber niemand weiß, wie er damit umgehen soll.“

Hmmm, da könnte etwas dran sein.

Broder

2. September 2007 - 16:53

Die Musiker des Osnabrücker Symphonieorchesters hängen einem längst wiederlegten Irrglauben an, wenn sie meinen, mit Kultur ließen sich Menschen zusammen bringen. Statt sich dem Kopftuchzwang des iranisches Regimes zu beugen, hätten die Musiker(innen) lieber aus Protest gegen die jüngsten Hinrichtungen im Lande die Todesfuge von Paul Celan „in der Vertonung des DDR-Komponisten Tilo Medek“ barhäuptig spielen sollen. Aber alles, was das Orchester im Kopf hatte, sei „spielen, spielen, spielen“ gewesen. Solch eine besessene Einfältigkeit sei noch schlimmer als das Verhalten der Sportler, die an der Olympiade 1936 teilgenommen haben und auch nur „laufen, laufen, laufen“ wollten. Schließlich hätten die Nazis damals ja erst noch „trainiert“, während längst klar sei, wozu die „Mullahs .. in der Lage sind“.

Unter solchen Umständen Brahms und Beethoven in Teheran zu spielen, bedeutet nach der Melodie des Regimes zu tanzen. Und so wie die Nazis 1936 von den Olympischen Spielen profitiert haben, indem sie der Welt ein fröhliches und friedliches Deutschland vorgaukelten, profitiert vom Gastspiel der Osnabrücker Symphoniker nur das iranische Regime, dem jede Gelegenheit recht ist, die Welt zu täuschen.

Schreibt Henryk M. Broder bei Spiegel Online. Wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist, dem Abendland mehr Rückgrat vor der heraufziehenden „islamischen Gefahr“ einzufordern oder den US Krieg im Irak zu verteidigen, schreibt Broder gern über „die Mullahs“. Macht nichts, dass er den Iran nur aus dem Fernstudium kennt. Detailkenntnisse stehen dem geschmeidigen Durchrühren von Vorurteilen nur im Wege.

Auch wenn Broder über den Iran nicht viel weiß, ist er sich doch sicher, dass jeder Versuch, die kulturelle Abschirmung, mit der das Regime in Teheran seine Bevölkerung vor verderblicher „westlicher Dekadenz“ zu schützen versucht, naiv und irregeleitet ist. Fixiert auf Ahmadinejad und dessen Tiraden gegen Israel mag unserem Autoren entgangen sein, dass im Iran das Internet nicht allein zensiert wird, um aufrührerische politische Ideen zu blockieren, und das Abspielen westlicher Musik im staatlich kontrollierten TV wie Radio verboten ist.

Sicher kann die politische Agenda, der Broder anhängt, im Wege stehen, wenn es um die Kenntnisnahme der etwas feiner gesponnenen Realität jenseits der gern gehegten Klischees geht. Der Iran ist eine ebenso fraktionierte wie dynamische Gesellschaft, in der in den wenigen Freiräumen, die zur Verfügung stehen, sehr lebhafte Auseinandersetzungen stattfinden. Das geschieht weniger in polemisierenden Weblogs oder in den zensierten Zeitungen, sondern mehr durch praktisches Handeln. Westliche Musik ist verpönt, aber es existiert ein Teheraner Symphonieorchester, das durchaus auch westliche Klassik spielt. Aufnahmen von Bach, Haydn, Beethoven oder Brahms sind in Plattenläden erhältlich und es existiert ein Publikum, das diese Alternative zur staatlich verordneten „islamischen Kultur“ schätzt. Gelegentlich, dies nur am Rande, findet man Kenner westlicher Kultur im Iran an den überraschensten Stellen.

Für dieses Publikum war das Gastspiel des Osnabrücker Symphonieorchesters gedacht. Den Menschen, die mühsam und zäh für die kleinsten Freiräume kämpfen, sollte der Rücken gestärkt, Kontakte sollten geknüpft und vertieft werden. Es wurde – so haben die vergangenen Tage gezeigt – dankbar angenommen.

Eingeladen hatte im übrigen nicht das Regime, sondern das Teheraner Symphonieorchester. Das iranische Ministerium für Kultur und islamische Führung war von der Idee alles andere als begeistert. Es bedurfte rund zehnmonatiger dickköpfigster Beharrlichkeit, um doch noch die Lücken zu finden, die die Reise möglich machten, und als wir schließlich grünes Licht hatten wurde fast bis zum letzten Tag versucht, das Orchester zu bevormunden und zu kontrollieren.

Natürlich haben wir dabei Kompromisse gemacht. Es ist „naiv“ und „irregeleitet“ zu glauben, dass dies anders sein könnte. Wenn das Gastspiel in Rom oder in Washington stattgefunden hätte, wären Zugeständnisse nicht notwendig gewesen, aber es handelt sich hier um die Islamische Republik. Ich mache auch keinen Hehl daraus, dass ich im Nachhinein darüber grolle, dass wir an einigen Stellen während der Verhandlungen nicht eisern genug geblieben sind. Vielleicht hätte sich doch durchsetzen lassen, dass die vom Orchester ausgewählte Komposition von Nader Mashayekhi gespielt wurde. Wir hätten stärker auf das geplante dritte Gastspiel in Isfahan drängen sollen. Die Liste ist noch länger.

Und, natürlich, die Kopftücher. Selbstverständlich muss jede Frau das Recht haben, selbst zu bestimmen, was sie auf dem Kopf trägt. Ich habe mich inzwischen aber ein wenig an das gequälte Lächeln gewöhnt, mit dem Iranerinnen die Besessenheit vieler Westler quittieren, für die freie Kopftuchwahl zu fechten. Viele Iranerinnen halten diese Fixiertheit mehr für ein Ausdruck von westlicher Ignoranz, dass ein Stück Tuch so in den Mittelpunkt der Kontroverse gestellt wird. Als ob die iranische Frauen nicht auch noch andere Probleme und vor allem einige weit schwerwiegendere Probleme hätten.

Ist das Kopftuch auf der Bühne eine Kapitulation vor dem Regime? Ja, denn für einige Musikerinnen war es inakzeptabel und sie sind deshalb zu Hause geblieben, und einige von denen, die mitgefahren sind, hätten gern darauf verzichtet. War die Geste der Unterwerfung unter islamische Sittsamkeitsregeln es wert? Ja! Was wäre die Alternative? Das Orchester wäre in Osnabrück geblieben und hätte das iranische Publikum um die Möglichkeit gebracht, zu hören und zu sehen, was ihnen nach dem Wunsch des Regimes vorenthalten werden soll, weil die Musikerinnen nicht bereit waren, sich für ein paar Tage einem Gebot zu unterwerfen, mit dem Iranerinnen täglich leben müssen. Mir ist ein westliches Orchester in Teheran auch mit Kopftüchern lieber als gar kein Orchester. Ich habe von niemandem hier im Iran gehört, der das anders sah.

Im übrigen wollte das Orchester nicht nur „spielen, spielen, spielen“. Es bestand auf Workshops mit iranischen Musikstudenten, was die Gegenseite nach langem Zaudern schließlich zuließ. Es wollte die Kontakte zum Teheraner Symphonieorchester vertiefen, was nicht so wie geplant gelang. Und: es wollte ein Land besser verstehen lernen, dass von einer Gruppe von Autokraten beherrscht wird, die ihre eigenen Söhne und Töchter zur Ausbildung in die USA und nach Europa schicken; in dem Frauen vor Gericht nur die Hälfte gelten, aber es gleichzeitig mehr Frauen als Männer mit Hochschulabschluss gibt; wo die Moscheen immer leerer werden, während die Regierung mit einer „islamischen Wirtschaftspolitik“ die Öleinnahmen verschwendet.

Verstehen lernen und zu differenzieren ist Broders Sache nicht. Warum auch? Zum einen weiß er schon alles und zum anderen lässt sich mit Grobgeschnitztem besser polemisieren. Ahmadinejad und der Student in Teheran, der mit seiner Leidenschaft für Rock,  Pop und Klassik fast ausschließlich auf das zensierte Internet angewiesen ist – who cares?

Henryk M. Broder sicher nicht.