Die Musiker des Osnabrücker Symphonieorchesters hängen einem längst wiederlegten Irrglauben an, wenn sie meinen, mit Kultur ließen sich Menschen zusammen bringen. Statt sich dem Kopftuchzwang des iranisches Regimes zu beugen, hätten die Musiker(innen) lieber aus Protest gegen die jüngsten Hinrichtungen im Lande die Todesfuge von Paul Celan „in der Vertonung des DDR-Komponisten Tilo Medek“ barhäuptig spielen sollen. Aber alles, was das Orchester im Kopf hatte, sei „spielen, spielen, spielen“ gewesen. Solch eine besessene Einfältigkeit sei noch schlimmer als das Verhalten der Sportler, die an der Olympiade 1936 teilgenommen haben und auch nur „laufen, laufen, laufen“ wollten. Schließlich hätten die Nazis damals ja erst noch „trainiert“, während längst klar sei, wozu die „Mullahs .. in der Lage sind“.
Unter solchen Umständen Brahms und Beethoven in Teheran zu spielen, bedeutet nach der Melodie des Regimes zu tanzen. Und so wie die Nazis 1936 von den Olympischen Spielen profitiert haben, indem sie der Welt ein fröhliches und friedliches Deutschland vorgaukelten, profitiert vom Gastspiel der Osnabrücker Symphoniker nur das iranische Regime, dem jede Gelegenheit recht ist, die Welt zu täuschen.
Schreibt Henryk M. Broder bei Spiegel Online. Wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist, dem Abendland mehr Rückgrat vor der heraufziehenden „islamischen Gefahr“ einzufordern oder den US Krieg im Irak zu verteidigen, schreibt Broder gern über „die Mullahs“. Macht nichts, dass er den Iran nur aus dem Fernstudium kennt. Detailkenntnisse stehen dem geschmeidigen Durchrühren von Vorurteilen nur im Wege.
Auch wenn Broder über den Iran nicht viel weiß, ist er sich doch sicher, dass jeder Versuch, die kulturelle Abschirmung, mit der das Regime in Teheran seine Bevölkerung vor verderblicher „westlicher Dekadenz“ zu schützen versucht, naiv und irregeleitet ist. Fixiert auf Ahmadinejad und dessen Tiraden gegen Israel mag unserem Autoren entgangen sein, dass im Iran das Internet nicht allein zensiert wird, um aufrührerische politische Ideen zu blockieren, und das Abspielen westlicher Musik im staatlich kontrollierten TV wie Radio verboten ist.
Sicher kann die politische Agenda, der Broder anhängt, im Wege stehen, wenn es um die Kenntnisnahme der etwas feiner gesponnenen Realität jenseits der gern gehegten Klischees geht. Der Iran ist eine ebenso fraktionierte wie dynamische Gesellschaft, in der in den wenigen Freiräumen, die zur Verfügung stehen, sehr lebhafte Auseinandersetzungen stattfinden. Das geschieht weniger in polemisierenden Weblogs oder in den zensierten Zeitungen, sondern mehr durch praktisches Handeln. Westliche Musik ist verpönt, aber es existiert ein Teheraner Symphonieorchester, das durchaus auch westliche Klassik spielt. Aufnahmen von Bach, Haydn, Beethoven oder Brahms sind in Plattenläden erhältlich und es existiert ein Publikum, das diese Alternative zur staatlich verordneten „islamischen Kultur“ schätzt. Gelegentlich, dies nur am Rande, findet man Kenner westlicher Kultur im Iran an den überraschensten Stellen.
Für dieses Publikum war das Gastspiel des Osnabrücker Symphonieorchesters gedacht. Den Menschen, die mühsam und zäh für die kleinsten Freiräume kämpfen, sollte der Rücken gestärkt, Kontakte sollten geknüpft und vertieft werden. Es wurde – so haben die vergangenen Tage gezeigt – dankbar angenommen.
Eingeladen hatte im übrigen nicht das Regime, sondern das Teheraner Symphonieorchester. Das iranische Ministerium für Kultur und islamische Führung war von der Idee alles andere als begeistert. Es bedurfte rund zehnmonatiger dickköpfigster Beharrlichkeit, um doch noch die Lücken zu finden, die die Reise möglich machten, und als wir schließlich grünes Licht hatten wurde fast bis zum letzten Tag versucht, das Orchester zu bevormunden und zu kontrollieren.
Natürlich haben wir dabei Kompromisse gemacht. Es ist „naiv“ und „irregeleitet“ zu glauben, dass dies anders sein könnte. Wenn das Gastspiel in Rom oder in Washington stattgefunden hätte, wären Zugeständnisse nicht notwendig gewesen, aber es handelt sich hier um die Islamische Republik. Ich mache auch keinen Hehl daraus, dass ich im Nachhinein darüber grolle, dass wir an einigen Stellen während der Verhandlungen nicht eisern genug geblieben sind. Vielleicht hätte sich doch durchsetzen lassen, dass die vom Orchester ausgewählte Komposition von Nader Mashayekhi gespielt wurde. Wir hätten stärker auf das geplante dritte Gastspiel in Isfahan drängen sollen. Die Liste ist noch länger.
Und, natürlich, die Kopftücher. Selbstverständlich muss jede Frau das Recht haben, selbst zu bestimmen, was sie auf dem Kopf trägt. Ich habe mich inzwischen aber ein wenig an das gequälte Lächeln gewöhnt, mit dem Iranerinnen die Besessenheit vieler Westler quittieren, für die freie Kopftuchwahl zu fechten. Viele Iranerinnen halten diese Fixiertheit mehr für ein Ausdruck von westlicher Ignoranz, dass ein Stück Tuch so in den Mittelpunkt der Kontroverse gestellt wird. Als ob die iranische Frauen nicht auch noch andere Probleme und vor allem einige weit schwerwiegendere Probleme hätten.
Ist das Kopftuch auf der Bühne eine Kapitulation vor dem Regime? Ja, denn für einige Musikerinnen war es inakzeptabel und sie sind deshalb zu Hause geblieben, und einige von denen, die mitgefahren sind, hätten gern darauf verzichtet. War die Geste der Unterwerfung unter islamische Sittsamkeitsregeln es wert? Ja! Was wäre die Alternative? Das Orchester wäre in Osnabrück geblieben und hätte das iranische Publikum um die Möglichkeit gebracht, zu hören und zu sehen, was ihnen nach dem Wunsch des Regimes vorenthalten werden soll, weil die Musikerinnen nicht bereit waren, sich für ein paar Tage einem Gebot zu unterwerfen, mit dem Iranerinnen täglich leben müssen. Mir ist ein westliches Orchester in Teheran auch mit Kopftüchern lieber als gar kein Orchester. Ich habe von niemandem hier im Iran gehört, der das anders sah.
Im übrigen wollte das Orchester nicht nur „spielen, spielen, spielen“. Es bestand auf Workshops mit iranischen Musikstudenten, was die Gegenseite nach langem Zaudern schließlich zuließ. Es wollte die Kontakte zum Teheraner Symphonieorchester vertiefen, was nicht so wie geplant gelang. Und: es wollte ein Land besser verstehen lernen, dass von einer Gruppe von Autokraten beherrscht wird, die ihre eigenen Söhne und Töchter zur Ausbildung in die USA und nach Europa schicken; in dem Frauen vor Gericht nur die Hälfte gelten, aber es gleichzeitig mehr Frauen als Männer mit Hochschulabschluss gibt; wo die Moscheen immer leerer werden, während die Regierung mit einer „islamischen Wirtschaftspolitik“ die Öleinnahmen verschwendet.
Verstehen lernen und zu differenzieren ist Broders Sache nicht. Warum auch? Zum einen weiß er schon alles und zum anderen lässt sich mit Grobgeschnitztem besser polemisieren. Ahmadinejad und der Student in Teheran, der mit seiner Leidenschaft für Rock, Pop und Klassik fast ausschließlich auf das zensierte Internet angewiesen ist – who cares?
Henryk M. Broder sicher nicht.