Nach Kurdistan

30. October 2007 - 22:30

071030_berge.jpg

Um 5 Uhr morgens schlafe ich gewöhnlich noch und auch heute morgen gab es eigentlich keinen Grund, nicht weiter zu schlafen, nachdem ich es mir auf dem Rücksitz des Taxis ein wenig bequem gemacht hatte.

Erst gegen 10 Uhr wurde ich neben einer lärmenden Autowerkstatt in Hamadan mit steifem Hals und verrenkten Gliedern wieder wach. Der Fahrer musste pinkeln gehen, Z, Arash und ich nutzen die Gelegenheit zu einem schnellen kleinen Frühstück und einem Tee.

Die Strecke von Teheran in das irakische Kurdistan ist bis Hamadan – das weiß ich von früheren Fahrten – nicht sonderlich spannend. Eine zweispurige Landstrasse, die sich Highway nennt, gesäumt von Ödland und kleineren Ortschaften mit Obstständen, kitschigen, bunt bemalten Auslagen von Keramikgeschäften und alle paar Kilometer eine Tankstelle.

Aber hinter Hamedan zweigt sich die Strasse. Rechts geht es nach Sarandaj, iranisches Kurdistan. Dies ist eine Region, in die man als ausländischer Journalist nur fahren darf, wenn man einen guten Grund hat und dieser Grund auch den Aufsehern in Teheran gefällt.

Aus der Ebene ging es sehr schnell die Berge hinauf. Die Strasse biegte und schmiegte sich in unzähligen Windungen und führt dann auf der anderen Seite des Gebirgszuges in einen breites Tal, in dem Sarandaj in der Sonne funkelt. Zwei Frau in weit fallenden, gerade geschnittenen, knöchellangen Kleidern mit leuchtenden Farben standen schwatzend am Straßenrand. Männer in den weit fallenden kurdischen Hosen saßen vor ihren Läden und schauten dem Treiben zu.

Sarandaj gilt als eines der Zentren der kurdischen Autonomiebewegung in Iran. Die Kurden organisierten hier den Aufstand gegen die Truppen des Schahs und nach der Revolution gegen das neue Regime in Teheran. Weiterlesen →

Noch nie in Teheran gewesen?

20. October 2007 - 08:57

071020_never.jpg

Macht nichts. Es geht den meisten so.

Dennoch macht man sich ein Bild von einer solchen Stadt, und wenn es um Klischees geht, die dabei aufeinander gestapelt werden, dürfte Teheran ohne viel Mühe in der Top 10 landen. Tschador, Mullahs, Khomein-i Portraits, Moscheen …

Wir setzen uns aus den Bruchstücken, die wir aus dem Fernsehen und von Fotos kennen, ein Bild zusammen und Füllen die Lücken mit unseren eigenen Erwartungen, was wir denken, wie es in Teheran aussehen sollte.

Eine Gruppe von Künstlern aus Kanada, Italien, Irland, Schweden, Neuseeland, Deutschland, Frankreich, Schweden, Japan, Dänemark, Pakistan und den USA haben sich auf die Suche gemacht, was in ihrer Umgebung ihrer Meinung nach irgendwie wie Teheran aussieht. Ihre Fotos wurden in der vergangenen Nacht auf eine gemeinsame Webseite aufgeladen und als Slide-Show in Galerien von Istanbul bis San Francisco präsentiert.

Ja, es gab auch eine Show in Teheran. Zum Realitätsabgleich.

Docu Festival

19. October 2007 - 20:27

071019_festival.jpg

Eine der eigenartigen Ungleichzeitigkeiten im Iran. Während das Regime seit nun mehr als einem Jahr versucht, durch Verhaftungen, Verbote und Einschüchterung abweichende Meinungen zu kontrollieren oder zum Schweigen zu bringen, findet zum ersten Mal im Iran ein „Internationales Dokumentarfilmfestival“ statt. Und ein recht gutes Festival noch dazu.

Ausgerichtet wird die Veranstaltung vom Documentary and Experimental Film Center, einer staatlich geförderten Einrichtungen, die sowohl Filme aus diesen beiden Sparten produziert wie auch national und international vertreibt.

Eingeladen wurde beispielsweise Michael Moore, der aus naheliegenden Gründen im Iran in besonderer Gunst steht. Moore sagt zwar wegen anderweitiger Verpflichtungen ab, aber sein letzter Film Siko war im Festival zu sehen. Gezeigt wurde ebenfalls Abbas Kirostamis ABC Africa, ein Film über HIV Erkrankte.

Ich habe heute drei Filme gesehen:

Zum einen eine Homage (Dark Room von Reza Nezamdoost) an Alexander Bulak, einen bekannten iranischen Fotographen, der in all seiner Hinfälligkeit in den letzten Tagen seines Lebens mehr oder weniger vorgeführt wurde.

Um Leben und Tod ging es auch in Parivash Nazariehs Closer Than Death, ein kleiner Film über zwei Frauen, die im Leichenschauhaus täglich die Leichen waschen. Der Film hat Längen und bietet eigentlich nichts Überraschendes – außer dass es der Autorin überhaupt gelungen ist, diesen Film in diesem Waschraum mit einem solch delikaten Thema zu drehen.

Bester Film des Tages war für mich Immigration Letter von Mahnaz Mohammadi (Disclaimer: Mahnaz ist eine gute Bekannte von mir). Gedreht wurde in einem Zug von Teheran nach Istanbul. Gezeigt werden eine Gruppe Jugendliche und eine Familie, die den Iran verlassen, weil sie dort keine Zukunft mehr für sich sehen. Keine grandiose Kameraarbeit, keine pfiffige Montage, aber ein großartiges Thema. Unbefangen reden die angehenden Immigranten von der wirtschaftlichen Misere im Iran und von ihren Wünschen für die Zukunft, und es fallen Sätze wie „90 Prozent aller Iraner würden am liebsten auswandern“, was vom Publikum mit Applaus und zustimmendem Gejohle aufgenommen wurde.

Der Film ist sicher nicht das, wie das Regime gern die Islamische Republik dargestellt sieht, und wurde zudem von einer Frau realisiert, die im Frühjahr noch wegen der Teilnahme an einer Demonstration im Gefängnis saß.

Immer dann, wenn sich schon wegen der trübseligen Situation im Land dicke graue Nebelschwaden aufs Gehirn legen, dann gibt es wieder solche Filme und solche Veranstaltungen, die wieder die Hoffnung wecken.

Das Tal des Schatten des Todes

18. October 2007 - 13:52

Robert Fenton

Errol Morris, ein vor mir sehr geschätzter Dokumentarfilmer (Vernon, Florida, The Thin Blue Line, Mr. Death, Fog of War),  schreibt für die NYT ein Blog über Fotographie.

Sein Thema ist unsere Art, Abbilder der Wirklichkeit zu betrachten und zu interpretieren. Was stellen diese Abbilder wirklich dar? Wie versuchen wir sie zu lesen? Welche Prädispositionen bringen wir mit?

In den beiden letzten Einträgen seines Blogs geht es um das berühmte Foto von Roger Fenton „Tal des Schatten des Todes“, das er 1855 im Kriegkrieg aufnahm. Das Bild gilt als eines der ersten und bedeutendsten Beispiele der Kriegsfotographie.

Genauer müsste ich schreiben, es sind eigentlich zwei Aufnahmen, die sich in einem wesentlichen Detail unterscheiden. Zu sehen ist das Tal gleichen Namens, in dem sich während des Krieges die Kanonenkugeln russischer Artillerie gesammelt hatten. In dem einen Foto liegen die Kugeln im Graben, auf dem anderen liegen Kugeln in der Mitte der Strasse, die durch das Tal führt.

Susan Sontag hat in ihrem Regarding the Pain of Others (Deutsch: Das Leiden anderer betrachten) die beiden Aufnahmen als Beispiel dafür zitiert, dass schon sehr früh in der Kriegsfotographie um des Effekts willen manipuliert wurde.

Not surprisingly many of the canonical images of early war photography turn out to have been staged, or to have had their subjects tampered with. After reaching the much shelled valley approaching Sebastopol in his horse-drawn darkroom, Fenton made two exposures from the same tripod position: in the first version of the celebrated photo he was to call “The Valley of the Shadow of Death” …, the cannonballs are thick on the ground to the left of the road, but before taking the second picture – the one that is always reproduced – he oversaw the scattering of the cannonballs on the road itself.

Diese beiden Sätze haben bei Morris zu der Frage geführt: woher weiß Susan Sontag das? Aus den beiden Fotos ist nicht zu erkennen, welches der beiden Fotos zu erst aufgenommen wurden. Vielleicht war die Abfolge der Aufnahmen auch so, dass die Kugeln erst auf der Strasse lagen, sie von vorbei kommenden Soldaten auf die Seite geräumt wurden und Felton eine zweite Aufnahme gemacht hat.

Morris beginnt zu recherchieren und es ist ein Vergnügen, Morris dabei über die Schulter zu sehen, wie hartnäckig er versucht, die Umstände der beiden Fotos aufzuklären.

Es geht aber noch um mehr. Morris demonstriert, dass der vielzitierte Spruch, „In einem Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer“ nicht viel mehr als die Ausrede von bequemen Kollegen ist, die die Mühe scheuen, auch unter schwierigeren Voraussetzungen der Wahrheit auf den Grund zu gehen.

Baghi

14. October 2007 - 20:44

071014_baghi.jpg

Emadeddin Baghi, einer der letzten prominenten Menschenrechtsaktivisten im Iran ist heute verhaftet worden und befindet sich wahrscheinlich jetzt im Ewin Gefängnis.

In letzter Zeit war Baghi vor allem durch seine Kampagne gegen die Todesstrafe im Iran in Erscheinung getreten. Er lehnt grundsätzlich diese Art der Strafe ab und erst recht die makabren Spektakel öffentlicher Hinrichtungen, die in den letzten Monaten im Iran eine Renaissance erfahren haben.

Letzten Monat schrieb er einen offenen Brief an zahlreiche führende Reformpolitiker, in dem er sie aufforderte, ihr Schweigen zu dieser Barbarei aufzugeben.

Daneben leitet Baghi das von ihm gegründete Komitee zur Verteidigung der Rechte von Gefangenen.

Früher selbst ein glühender Anhänger der Revolution wurde er in den 80er Jahren mit mehr als 20 Büchern ein sehr lautstarker Kritiker des Regimes. Im Jahr 2000 wurde er wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit und einer Reihe anderer Vorwürfe zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er zweieinhalb absitzen musste.

Inzwischen wurde er zu einem weiteren Jahr Gefängnis wegen ähnlicher Vorwürfe verurteilt, die Vollstreckung des Urteils aber ausgesetzt. Dies ist eine beliebte Methode, um Kritiker zu waren, dass ihnen bei der nächsten Verfehlung Gefängnis droht.

Baghi war heute von der Justiz vorgeladen worden, um wegen neuer Ermittlungen gegen ihn Stellung zu nehmen. Sein Anwalt, Saleh Nikbakht, durfte bei dem Verhör nicht dabei sein. Nach Angaben von Nikbakht wurde Baghi nun die Verbreitung von Propaganda gegen das Regime und die Veröffentlichung von Regierungsgeheimnissen vorgeworfen. Er soll geheime Informationen, die er von Gefangenen in der Abteilung für politische Gefangene des Ewin Gefängnis erhalten hat, weiter gegeben haben.

Ursprünglich sollte Baghi gegen eine Kaution von 500 Millionen Rial (etwa 38.000 Euro) wieder auf freien Fuss gesetzt werden, aber dann hat die Justiz sich eines anderen besonnen und ihn gleich da behalten, um die einjährige Gefängnisstrafe abzusitzen.

Die Webseite der Gesellschaft zur Verteidigung der Rechte von Gefangenen befindet sich hier. Die englische Version von Baghis persönlicher Webseite ist hier.

Nachtrag 15.10: Farideh Farhi hat bei Informed Comment heute ein längeres Portrait von Emadeddin Baghi veröffentlicht.