Persepolis in Teheran

14. February 2008 - 17:35

Poster Persepolis

Warum hat mir niemand etwas gesagt?

Gestern war in Teheran Marjane Satrapis Oscar nominierter Film Persepolis zu sehen. Nicht in einem regulären Kino, sondern in einem der kleineren Kulturzentren, und auch nicht in der Originalfassung, sondern einige als zu „anzüglich“ (??) angesehenen Szenen wurden herausgeschnitten.

Wer hätte das gedacht?

Noch bevor der Film beim Filmfestival in Cannes das erste Mal zu sehen war, hatte die iranische Botschaft in Paris schon gegen die Aufführung protestiert und ich meine mich daran erinnern zu könne, dass Präsident Ahmadinejad höchstpersönlich den Film als „anti-iranisch“ gescholten hat.

Mit der gestrigen Vorführung habe man den Interessierten die Möglichkeit geben wollen, sich selbst ein Urteil über den Film zu bilden, sagte ein Sprecher des Kulturzentrums. Eine listige Begründung.

Diejenigen, die Persepolis sehen wollen, werden dies wahrscheinlich schon getan haben, denn eine Kopie auf DVD ist für knapp 2 Euro ohne viel Schwierigkeiten im Iran zu kaufen. Illegal natürlich.

Aber bemerkenswert ist es schon, dass ein Kulturzentrum, das aus städtischen Mitteln finanziert wird, den offiziellen Bann gegen den Film durchbricht.

Trotz allem gibt es doch immer wieder einige, die nicht aufgeben.

Wenn Sie zufällig ein wenig Zeit haben … VI

- 09:29

Eine kleine Geschichte über Claus Peymanns Erlebnisse in Teheran auf der Seite 3 der Berliner Zeitung.

Parlamentswahlen: Mehdi Karroubi

13. February 2008 - 10:31

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Die Financial Times veröffentlicht heute ein sehr langes und äußerst lesenswertes Interview mit Mehdi Karroubi, dem Sprecher des ehemaligen Reformer-Parlamentes und Gründer der Etemade-e Melli (Nationales Vertrauen) Partei.

Karroubi ist ein nicht ganz einfach auszurechnender Mann. Er bezeichnet sich selbst als ein Kind des Systems und als Anhänger von Ayatollah Khomeini wie Ayatollah Beheshti. Es werden ihm recht gute Beziehungen zu Revolutionsführer Khamene-i nachgesagt.

Er selbst bezeichnet sich als Reformer, gehört aber nicht zum Bündnis der unterschiedlichen Reformgruppierungen. Bei diesen Wahlen kandidiert Etemade-e Melli mit einer eigenen Liste, was aber nicht verhindert hat, dass zahlreiche ihrer Kandidaten disqualifiziert wurden.

Karroubi wirft den Reformern „politische Unreife“ sowie „Naivität“ vor, während die Reformer ihm vorwerfen, er drehe seinen Mantel jeweils in die Richtung, aus der gerade der Wind weht. Dennoch kooperieren sie miteinander.

In diesem Interview spricht Karroubi mit seltener Offenheit über seine Pläne, sein Verhältnis zu den Reformern und seine Partei. Er lässte erkennen, welche Kämpfe hinter den Kulissen ausgetragen werden, und versucht zu erklären, warum er trotz Disqualifikation seiner Kandidaten die Wahlen nicht boykottiert.

FT – Interview mit Mehdi Karroubi

Vertrauen

5. February 2008 - 21:34

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Es kommt immer wieder mal vor, dass mich Kollegen (und natürlich auch Kolleginnen) um Hilfe bitten. Sie wollen in den Iran kommen, eine Geschichte realisieren und haben Schwierigkeiten mit dem Visum, der Drehgenehmigung und kennen sich mit den Irrungen und Wirrungen der iranischen Bürokratie nicht aus oder sie suchen schlicht nach einem zuverlässigen Dolmetscher.

In der Regel helfe ich. Zum einen will ich natürlich nicht als unkollegial gelten, und zum anderen bin ich selbst oft auf die Hilfe anderer angewiesen.

Ab heute werde ich das nicht mehr tun.

Heute Vormittag rief mich eine iranische Freundin an, um mich zu fragen, ob ich Maik Grossekathöfer kenne.

„Sollte ich?“

„Er ist ein deutscher Kollege von dir.“

Grossekathöfer ist Redakteur des SPIEGELs. Mitte Januar hat er eine Geschichte über zwei weibliche Rennfahrerinnen im Iran geschrieben (die beiden Texte gibt es kostenlos online nur auf Englisch. Die deutsche Fassung ist nur für 50 Cent zu haben). Nichts ungewöhnliches. Z hat vor rund drei Jahren Laleh Seddigh bei ihrem ersten Rennen fotografiert. Die Bilder machten die Runde in einigen iranischen Zeitungen, dann hat AFP eine Geschichte über Laleh gemacht und seither wurde unzählige Male über sie geschrieben.

Grossekathöfer schreibt aber mehr, als seine Vorgänger gewöhnlich so geschrieben haben.

She goes to a party that evening, wearing brown, skin-tight trousers, black leather boots and a black top. Of the 40 or so guests, more than half are women. None of them is wearing a headscarf.

There is dancing and necking. A text message makes the rounds: “Why does Ahmadinejad wear his hair parted on the side? So that he can separate the male lice from the female lice.”

Vatankhah chain-smokes Winstons and eats potato salad with pine nuts. She drinks shots of vodka from bottles smuggled into the country. There are five bottles of Smirnoff — at $30 a bottle on the black market. Isn’t she worried about the police?

“That’s not a problem. If they show up we’ll buy our way out of it. Each of us pays $80 to make the problem go away.”

She takes a taxi home at 2 a.m. She’s tipsy.

Zohreh Vatankhah ist die zweite professionelle Rennfahrerin im Iran. Sie hat hart, sehr hart dafür gearbeitet, eine Lizenz zu erhalten und an Rennen teilnehmen zu können. Mit den Rennen ist es jetzt vorbei.

Nach Erscheinen der Artikel wurde sie von einer einschlägigen Behörde einbestellt. Sie kann froh sein, dass sie mit einer Ermahnung davon gekommen ist. Ihre Rennlizenz wurde ihr sofort entzogen. Sie wird für sehr lange Zeit keine Rennen mehr im Iran fahren können. Bleibt zu hoffen, dass nicht noch Schlimmeres kommt.

Jeder Journalist, der in den Iran kommt, sollte um die Tabus und Verbote in diesem Land wissen. Alkohol trinken ist verboten. Außerhalb der eigenen vier Wände in der Anwesenheit von Männern ohne Kopftuch aufzutreten ist verboten. Hautenge Hosen dito. Schwarzes Top dito. Tanzen mit Männern, mit denen man nicht verwandt ist, ist erst recht verboten. Wer dabei erwischt wird, muss mit Strafe rechnen.

Den vollen Namen einer iranischen Frau zu schreiben, die auf einer Party mit enger Hose, schwarzem Top und ohne Kopftuch mit Männern tanzt und Alkohol trinkt ist entweder bösartig oder strafbar fahrlässig – wobei in diesem Fall nicht der Schreiber sondern die Beschriebene die Strafe erhält.

Ich kenne Maik Grossekathöfer nicht persönlich und war auch in keiner Weise an dieser Geschichte beteiligt. Ich weiß nicht, was für ein Mensch er ist, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er eine gute Erklärung dafür besitzt, warum er diese Passage über Zohreh veröffentlicht hat.

Ich kenne aber Olivia. Vor zwei Tagen stieß ich durch Zufall auf eine Webseite einer britischen Zeitung. Es war ein Portrait von Olivia, das mit ihren jüngsten Bildern aus dem Iran illustriert wurde (aus verständlichen Gründen kein Link und keine vollen Namen). Die Bilder zeigten H. in ihrem Zimmer – ohne Kopftuch. Auch das ist verboten. In der Bildunterschrift wurde Hs Name genannt.

Eine Bekannte, die ebenfalls Olivia kennt, erzählte, dass gerade in diesen Tagen ein Buch mit den Arbeiten junger Fotografinnen an die Redaktionen großer Magazine weltweit verschickt wird, in dem auf einem Foto von Olivia H gemeinsam mit ihrem Freund auf einem Hotelbett liegt. Dieses Foto wird den Magazinen zum Abdruck angeboten.

Olivia ist eine junge Fotografin mit einer steilen Karriere. Sie kam letzten Herbst nach Teheran, um eine Geschichte über das Privatleben von Iranerinnen zu fotografieren. Eine schöne Idee, an der allerdings schon viele gescheitert sind, weil das Privatleben eben außerhalb der Öffentlichkeit stattfindet und dort Dinge geschehen, die öffentlich verboten sind. Die Sittenwächter im Iran achten streng darauf, dass diese Grenzen eingehalten werden. Ohne Kopftuch zuhause ist okay, solange kein fremder Mann da ist. Ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit niemals. Ohne Kopftuch auf einem Foto, das sich fremde Männer anschauen können. Ebenfalls niemals (wenn man nicht wie Shirin Ebadi einen Nobelpreis besitzt)

Es gab lange Gespräche mit Olivia, was man trotzdem machen kann und auf was sie zu achten hat. Nach Möglichkeit keine Gesichter. Auf keinen Fall Namen. Die Dargestellten dürfen nicht von den Sittenwächtern identifiziert werden können.

Olivia suchte nach jungen Frauen, die sie gern in ihrem Privatleben aufnehmen wollte. Z half ihr und machte sie mit H bekannt. H ist eine Freundin einer Cousine von Z. Erst war H ein wenig unsicher, aber vertraute dann Zs Versicherung, dass sie sich keine Sorgen machen müsse.

Noch etwas: als professionelle Fotografin hätte Olivia ein offizielles Journalistenvisum für die Einreise in den Iran beantragen müssen. Weil dies nicht so einfach ist, kam sie auf einem Touristenvisum. Sie wohnte bei einer befreundeten Fotografin. Der Name dieser Freundin wird von ihr in diesem Artikel ebenfalls erwähnt. Es ist zwar nur der Vorname, aber es gibt in Teheran keine professionelle iranische Fotografin mit dem selben Vornamen.

Olivia wird sich nicht damit heraus reden können, sie habe es nicht besser gewusst. Sie kannte die Regeln. Um ihre Bilder veröffentlichen zu können, hat sie es einfach ignoriert, dass sie Menschen, die ihr geholfen haben, in Schwierigkeiten bringen könnte.

Diese beiden Fälle sind nicht die einzigen dieser Art. Es gab andere in der Vergangenheit und es mag Zufall sein, dass dies nun zweimal in so kurzer Zeit geschehen ist.

Mir macht es aber klar, dass es mehr „Kollegen“ gibt, als ich zu glauben bereit war, die allein ihre eigenen Interessen im Auge haben und es in Kauf nehmen, wenn andere dadurch in Schwierigkeiten geraten.

Und da man es ihnen nicht an der Nasenspitze ansehen kann: bitte keine Anfragen um „kollegiale Hilfe“ mehr. Die Antwort lautet – wenn es nicht Freunde sind – grundsätzlich Nein.

Kein Vertrauen.

Spacy

4. February 2008 - 20:52

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Diese Foto von Ahmadinjead wurde heute von der konservativen Nachrichtenagentur FarsNews veröffentlicht.

Es zeigt den Präsidenten bei der Einweihung des neuen iranischen Weltraumzentrums.